Kulturbeutel April 2013

Olaf Metzel: »Der Papst interessiert mich nicht«

Der in München lebende und in Berlin geborene Künstler Olaf Metzel stellt aktuell in den Räumlichkeiten der Kunsthalle Vogelmann und des Kunstvereins Heilbronn aus. Bei einigen Zigaretten sprachen wir einen Tag vor der Vernissage mit dem Bildhauer unter anderem über den italienischen Fußballnationalspieler Mario Balotelli, Unterhaltungen mit BILD-Chefredakteur Kai Diekmann und Kaffee, Zeitung und Zigaretten am Morgen.

HANIX — Guten Tag Herr Metzel, wie kommt es, dass sie in Heilbronn ausstellen?

OLAF METZEL — Ich hatte Frau Dr. Löbke vom Heilbronner Kunstverein vor ein paar Jahren bei einer Veranstaltung kennengelernt. Wir kamen so allgemein ins Gespräch und trafen uns wieder. Irgendwann fragte sie mich, ob ich eventuell an einer Ausstellung in Heilbronn Interesse hätte und natürlich sagte ich: Ja, warum nicht? Damals war die Kunsthalle allerdings noch im Bau, weswegen sich das Ganze noch ein wenig verzögert hat. Als der Bau fertig war, habe ich mir die Räume angesehen und wir entwickelten ein Konzept. Parallel zur Ausstellung wollten wir einen Katalog mit neuen, noch nicht publizierten Arbeiten herausbringen und entschieden uns dabei für einen Themenschwerpunkt: die Arbeiten, die sich mit Zeitungen befassen. Zwei der Texte des Katalogs wurden außerdem von Journalisten verfasst – so ist das Buch etwas Eigenständiges neben der Ausstellung und trägt deshalb auch einen anderen Titel: »Kaffee, Zeitung und Zigaretten«.

HANIX — Wenn Sie selbst die Werbetrommel für ihre Ausstellung in Heilbronn rühren müssten, wie würde ihr Slogan lauten und wieso sollen die Menschen ihre Ausstellung »Aus der Kurve« besuchen? Was erwartet die Besucher hier?

OLAF METZEL — Es gibt unterschiedliche und spannende Installationen und Skulpturen zu sehen. Außerdem denke ich, dass schon allein der Titel »Aus der Kurve« die Menschen animiert, zu kommen. Man kann ja bekannterweise aus der Kurve fliegen oder getragen werden. Es können aber auch Gegenstände wie Feuerzeuge oder Münzen aus der Kurve im Fanblock fliegen. Der Titel ist darüber hinaus ein Anknüpfungspunkt zu früheren Arbeiten und Themen, die ich schon in der Vergangenheit angesprochen habe. Ein Werk aus den 90er Jahren heißt zum Beispiel: »Erst rechts, dann links und dann immer geradeaus«, eine Umschreibung für den Kreisverkehr, was damals fast niemand verstanden hat. Insofern kann man den jetzigen Ausstellungstitel auch als eine Art Verlängerung oder Variante davon sehen, es gibt allerdings auch eine Arbeit mit diesem Titel in der aktuellen Schau. Hier in Heilbronn zeige ich jedenfalls auch ältere Arbeiten, die selbst ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Von daher freue ich mich sehr, diese Werke zeigen zu dürfen. Ich habe die älteren Arbeiten in einem Parcours mit neuen, zum ersten Mal zu sehenden Werken, kombiniert. Das in allen Arbeiten durchgängige Thema sind die Medien und ihr Einfluss auf unsere gesellschaftliche Situation. Das heißt nicht, dass es hier explizit politische Arbeiten zu sehen gibt, sondern einfach nur gute Kunst.

HANIX — Sie haben einmal gesagt, dass einem, wenn man weiß, was Kunst nicht ist, die Welt offen steht. Also: Was ist Kunst nicht?

OLAF METZEL — Da muss ich korrigieren. Dieses Zitat stammt nicht von mir, sondern von dem wunderbaren Künstler Bill Copley. Ihm ging es, wenn ich das so interpretieren darf, um die Frische, die Neugier und das Risiko und nicht um irgendwelche abgelegten Hüte.

HANIX — Sie selbst sagen, dass Sie mit ihrer Kunst nichts ausdrücken oder aussagen, sondern einfach gute Kunst machen wollen. Wie definieren Sie gute Kunst?

OLAF METZEL — Ich habe einmal gesagt, dass jeder Künstler einen anderen Beruf hat und insofern entscheidet auch jeder für sich selbst, was gute Kunst ist. Natürlich gibt es Momente, in denen man im Atelier sitzt und sich fragt, ob dieser oder jener Versuch funktioniert. Man muss nicht nur die eigene Situation, sondern auch die gesellschaftliche ständig hinterfragen.

HANIX — In Heilbronn sind neben den zerknüllten Zeitungsseiten auch Werke von ihnen zu sehen, die Sie in den letzten 25 Jahren geschaffen haben. Uns interessiert, nach welchen Kriterien Sie die Zeitungsausschnitte ausgewählt haben, die dann letztendlich auf die riesigen Aluminiumplatten gedruckt wurden?

OLAF METZEL — Ich habe natürlich ein sehr großes Archiv, lese noch dazu gerne Zeitungen, aus denen ich manche Artikel rausschneide. Der Tag fängt bei mir – wie der Katalogtitel sagt – mit Kaffee, Zeitung und einer Zigarette an. Das kann man leider in Deutschland nicht mehr machen, aber in österreichischen Cafés ist es noch erlaubt. Dabei kommen einem die Motive geradezu entgegen, egal aus welcher Rubrik. Ein gutes Beispiel ist das Werk mit Mario Balotelli. Als ich das Foto sah, wie er da stand in seiner Pose, war klar, dass dies eines der Fotos des Jahres 2012 werden wird und ich damit etwas machen muss. Natürlich auch wegen des Ereignisses: Schließlich hat er die Deutschen abgeschossen! Auf der Rückseite der Balotelli-Arbeit ist übrigens das 4:4 der Deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden abgebildet.

HANIX — Welche Zeitungen lesen sie?

OLAF METZEL — Ich lese eigentlich querbeet. Wenn man in einem Café sitzt, liest man das, was da ist. Oft lese ich den Spiegel oder die Zeit. Aber auch die Süddeutsche Zeitung, die TAZ und die FAZ. Für meine Arbeit über Amy Winehouse habe ich auch gezielt Illustrierte wie die Bunte oder Gala gelesen.

HANIX — Und wie geht es dann weiter?

OLAF METZEL — Hat man dann einmal die Überlegung über das Motiv abgeschlossen, kommt der nächste Schritt: Das Bedrucken der Platten, die circa 250 cm auf 220 cm groß sind. Erst dann fängt die eigentliche Arbeit an, das Zerknautschen des Aluminiums. Aluminium hat die Eigenschaft, nach dem dritten Biegen ziemlich biegesteif zu werden. Trotzdem machen wir das alles von Hand. Ich sage »wir«, da ich natürlich im Atelier von Mitarbeitern unterstützt werde.

HANIX — Warum ist eigentlich Amy Winehouse mit dabei?

OLAF METZEL — Bei Amy Winehouse ist es einfach so, dass ich ihre Musik klasse finde. Leider war beinahe absehbar, wie es mit ihr enden würde und trotzdem waren dann alle geschockt. So ging es auch mir und daraufhin habe ich beschlossen, eine Art Portrait von ihr zu erschaffen.

HANIX — Wir vermissen unter den Exponaten die Seite eins der Bildzeitung vom 20. April 2005. Wissen Sie, mit welcher Schlagzeile die Bild damals aufgemacht hat? Es war die Schlagzeile »Wir sind Papst«!

OLAF METZEL — Ach herrje, nein, hierüber habe ich tatsächlich nichts gemacht, weil es mich ehrlich gesagt nicht interessiert. Aber ich hatte in der Vergangenheit Gespräche mit Herrn Diekmann von der Bild und seiner Redaktion, habe bereits eine Arbeit gemacht, für die ich die originalen Matrizen der Bildzeitung erhielt, was sehr spannend war. Die Arbeit heißt »Aus!«. Das war die Schlagzeile, als Ex-Bundespräsident Christian Wulff damals zurücktrat.

HANIX — Sie haben lange experimentieren müssen, um die Faltungen der Aluminiumplatten derart hinzubekommen, dass Sie tatsächlich aussehen, wie zerknülltes Zeitungspapier. Worin lag die größte Schwierigkeit?

OLAF METZEL — Es ging nicht nur um die Faltung, sondern auch um die Technik. Als Allererstes galt es einen Weg zu finden, beide Seiten bedrucken zu können, ohne dabei die Platten zu beschädigen. Da mussten wir lange mit der Druckerei experimentieren. Die Arbeiten hätten einen ganz anderen Effekt, mit der silbrigen Farbe des Aluminiums auf der Rückseite.

HANIX — Ihre Zeitungsknäuel aus Aluminium sind nach eigener Aussage Bildhauerei in anderer Form. Erklären sie das bitte mal für Kunstlaien?

OLAF METZEL — Ich arbeite ja nicht nur mit Aluminium, sondern auch mit Stoffen wie Bronze, Beton, Holz oder Wachs, um nur ein paar Beispiele zu nennen, und versuche diese Materialien adäquat einzusetzen. So benutze ich immer diejenigen Materialien, die zu meiner Absicht passen. Ich modelliere außerdem unterlebensgroß nach Modell, da ich nichts Staatsbejahendes oder Majestätisches erschaffen möchte. Ein Beispiel, das auch in Heilbronn zu sehen ist, ist »Turkish Delight«, eine klassische Frauenfigur, die abwesend und in sich versunken wirkt. Zu diesem Eindruck passt Bronze aus meiner Sicht am besten. Bei den Zeitungsarbeiten geht es unter anderem darum, dass das Medium Zeitung endlich ist – es wird irgendwann ausgedient haben. Vor diesem Hintergrund hat zum Beispiel meine Arbeit »Il Balletto della crisi« von 1988 heute einen gewissen Archiv-Charakter, denn sie besteht aus ausgedienten Zeitungsmatrizen, die nicht mehr verwendet werden. Das heißt aber nicht, dass ich archivarisch arbeite, sondern immer mit den Mitteln der Bildhauerei.

HANIX — Sprechen wir über die große Skulptur, vor der wir sie fotografiert haben. Wie lange müssen hierfür vier Leute biegen, bis das gewünschte Ergebnis zustande kommt?

OLAF METZEL — Sehr lange. Dies ist harte körperliche Arbeit, bei der man sich auf ständige Änderungen einlässt, die sich durch den Widerstand des Materials ergeben. Genau das ist es, was ich meine, wenn ich von Bildhauerei spreche. Es hat nicht nur mit inhaltlichen Fragen, sondern auch mit formalen Qualitäten zu tun. Diese stecken auch im Material selbst. So fand ich beispielsweise die Drehbücher von Fassbinder sehr spannend, als ich diese einmal in die Hand bekam. Die Bücher waren alle noch mit Schreibmaschine geschrieben und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, ein ganz anderes Erscheinungsbild von Schrift und ein eigener Umgang mit Texten. Ich fand immer, dass Fassbinder ein ganz großartiger Künstler war, und es war mir ein großes Anliegen, etwas im Zusammenhang mit ihm zu machen – auch wenn ich nur Fragmente seines großen Schaffens darstellen kann.

HANIX — Und was sind ihre Zeitungsknäuel nun? Sind es Malereien, Reliefs, Collagen oder etwas anderes?

OLAF METZEL — Die Frage »Was ist es eigentlich?« sollte man immer den Kunsthistorikern stellen. Letztendlich haben einige meiner skulpturalen Arbeiten auch malerische Qualitäten, beispielsweise »Utopia«, ein Werk zur Occupy-Bewegung, das Steine schmeißende Demonstranten zeigt, und in seinem Aufbau und der Farbigkeit einem Gemälde ähnelt. Andererseits können auch collageartige Arbeiten entstehen, zusammengesetzt aus den Schnipsels verschiedener Zeitungen. Diese unglaubliche Vielfalt des Mediums Zeitung mit seinen unendlichen Möglichkeiten ist das, was mich fasziniert, und womit ich gern arbeite.

HANIX — Fritz Pleitgen hat gesagt, sie setzen sich mit den Problemen der Gesellschaft auf sehr herausfordernde, gar provozierende Art auseinander. Wie könnte er das aus ihrer Sicht gemeint haben?

OLAF METZEL — Da müssen sie ihn am besten selbst fragen, das war sein persönlicher Eindruck meiner Arbeiten. Mir geht es einerseits immer um die gesellschaftliche Situation, darum, mit und aus der Zeit heraus, ein Bild zu entwickeln, andererseits habe ich die Zeit natürlich nicht erfunden. Sie ist mein Material, mit dem ich mich nun seit über 30 Jahren beschäftige und hierzu gehört natürlich auch die Gewalt, vor allem die Ästhetik der Gewalt. Nehmen sie zum Beispiel den Film »Uhrwerk Orange« von Stanley Kubrick. Als ich diesen Film gesehen habe, war ich fasziniert davon, wie man solch ein Thema rüberbringen kann, ohne dabei auszurutschen.

HANIX — Wie sollen sich Menschen in ihren Ausstellungen bewegen?

OLAF METZEL — Ich hoffe in allererster Linie, dass die Besucher Spaß haben. Ich habe versucht, meine Werke in einer Art Parcours zu inszenieren. Von außen sieht man zum Beispiel »Amy Winehouse« und »Milieufragen«, dann öffnet sich der Raum, die neuen Arbeiten werden gezeigt, anschließend wird er mit »Basisarbeit« wieder verdichtet. Dann folgen Arbeiten, die viel Raum benötigen, hier möchte ich Luft zum Atmen geben, die Farben und die Materialität wirken lassen.

HANIX — Taugen die Räume der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann und des Kunstvereins Heilbronn für ihren eben formulierten Anspruch? Oder war es eine größere Herausforderung als in anderen Kunsthallen?

OLAF METZEL — Das kann ich ganz klar mit Ja beantworten, denn ansonsten hätte ich hier nicht ausgestellt. Die fünf großen Säle und der kleine Saal dazu sind allerdings schon eine Herausforderung, man muss aufpassen, alles so zu installieren und formulieren, dass nicht der Eindruck »dicht an dicht« beziehungsweise einer russischen Hängung entsteht.

HANIX — Wie gefällt Ihnen die Architektur?

OLAF METZEL — Da schweigt des Sängers Höflichkeit … Wissen Sie, ich habe ja nicht umsonst zwei Motive von Architekten installiert. Eines von Oscar Niemeyer und ein Zweites von Carlo Mollino …

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