Kulturbeutel August 2014

»Etwas Freiem einen Raum geben – Kreativzentrum Heilbronn«

Auf den ersten Blick scheint es paradox zu sein, etwas Freiem einen begrenzten Raum zu geben, damit es ausgerechnet in dieser Enge wachsen kann. Doch genau diesen Raum braucht Kreativität manchmal. Und sowieso ist es nicht die Enge des Raumes, sondern die des Kopfes, die selbige einschränken könnte. Einer, der auf über 600 m² Fläche in großen, aber auch in sehr kleinen Räumen denken muss und kann, ist Philipp Kionka.

Als eine Art »Herbergsvater« betreibt er federführend das Kreativzentrum in der Salzstraße Heilbronns, das er als sein »Hobby« bezeichnet. Auf der Fläche eines ehemaligen islamischen Kulturvereins, der wegen Verfassungswidrigkeiten verboten wurde, beherbergt das Kreativzentrum seit seinem Aufbau im Jahr 2009 mittlerweile 14 Räume, die von Kreativschaffenden aller Künste gegen günstige Mieten vielfältig genutzt werden. »Das ganze Projekt ist nicht auf Gewinnerzielung ausgelegt, ich habe selbst viel Geld hier reingesteckt, wenn es sich am Ende eines jeden Monats nullt, bin ich zufrieden damit. Andere fahren als Hobby Harley, ich betreibe das Kreativzentrum – und das macht mich auch definitiv glücklicher als Harley fahren«, erklärt mir Philipp seine Motivation, die hinter dem Projekt steckt.

2009 war die Fläche völlig runtergewirtschaftet. Neben alten vergammelten Sofas, war nicht viel übrig, außer jeder Menge Bausubstanz, die vorerst für ein eigens angedachtes Tonstudio als Grundlage diente. Die Entscheidung fiel schnell. Die Tragweite und der damit verbundene Arbeitsaufwand wurden – wie das bei Projekten dieser Art häufig der Fall ist – gnadenlos unterschätzt. Da die Fläche für ihn alleine zu groß war, fanden sich mit der Dubwars-Crew sowie Peter Rock, Philipp Seitz und den Jungs vom Treuton-Kollektiv gleich eine ganze Riege an Interessenten, die sich auch gerne tatkräftig an den baulichen Maßnahmen beteiligten. Die Miete wurde musketiermäßig nach Fläche auf alle Beteiligten umgelegt. Eins für alle – alle für eins.

Die Nachfrage war schon zu Beginn riesig, da der Stadt zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg das passende Angebot fehlte. Die Zigarre war vorher mit die einzige Anlaufstelle für Kreative, doch die Räumlichkeiten waren entsprechend begrenzt und somit die Aufnahmekriterien klar vordefiniert. Beim Erstbezug gab es viel zu tun. Wände ziehen, Strom und Wasser verlegen, Böden aufbereiten, die Liste schien beinahe endlos zu sein. Ideen kosten neben der vielen Zeit auch Geld, sobald sie aus dem Kopf in die Hand kommen. Über die Jahre sind so zwischen 30 000 – 40 000 € Euro in das Projekt geflossen, die zu großen Teilen aus den Einnahmen von Philipps Filmfirma FormatFilm flossen oder aus den Mieteinnahmen direkt wieder reinvestiert wurden. »Es gibt immer irgendwas, das kaputt ist oder verbessert werden kann, auch wenn es nur Fußmatten, Türklinken oder Klobrillen sind«, erzählt er, ohne dass es einen beschwerenden Unterton hat. Als immer mehr Anfragen bezüglich freier Räumlichkeiten eintrafen, wuchs schnell die Idee, den Anbau ebenfalls anzumieten und umzubauen, womit die Bauarbeiten wieder von vorne anfingen. Eine befreundete Architektin half bei den grundsätzlichen baulichen Themen, vieles wurde selbst bewerkstelligt. Lediglich für fachhandwerkliche Installationen wurden Handwerker beschäftigt. Im Kreativzentrum finden dadurch Tätowierer, Musiker, Grafiker, Webgestalter, Video-Artists, Fotografen und kunstschaffende aller Art Ihren Platz, wenn Räume zur Verfügung stehen. Im Schnitt wird ca. alle vier bis sechs Monate einer der 14 zur Verfügung stehenden Räume zur Neubelegung frei. Bei der Auswahl wird darauf geachtet, dass jemand menschlich zum bestehenden Kollektiv passt, denn das Zentrum soll gleichzeitig einen Ort des Austauschs bilden. Kunstform- und genreübergreifend. Neben den zahlreichen Strapazen und Anstrengungen schwingt in Philipps Art und jeder Episode seiner Erzählungen eindeutig auch Stolz mit. Der Stolz, diese Einrichtung so erschaffen und geformt zu haben, wie sie heute ist und der, den Mut gehabt zu haben, sich selbst als Pionier in diesem Projekt in großen Teilen selbst zu verwirklichen. Auf satte fünf Jahre hat es das Kreativzentrum mittlerweile gebracht, was sicherlich keine Selbstverständlichkeit ist. Vor knapp zwei Jahren stand das Kreativzentrum nämlich kurz vor dem aus. »Ich saß wippend und nichtsahnend auf meinem Medizinball im Büro, als es plötzlich an der Türe klopfte und gefühlt jedes Amt, das es gibt, davor stand«, schildert mir Philipp. Ordnungsamt, Feuerwehr, Gesundheitsamt und Baurechtsamt wollten das Zentrum aufgrund sich ändernder Brandschutzbestimmungen kurzerhand dichtmachen. Man setzte sich zusammen, traf Übereinkünfte und verständige sich darauf, dass nachgebessert wird. »Da gehen natürlich erst einmal die Kinnladen runter, wenn allen bewusst wird, dass so was dann in Summe locker 15 000 € kostet«, erklärt er die Brisanz der damaligen Situation. Dennoch machte man sich ans Werk und versuchte peu à peu die ellenlangen Listen und Vorgaben abzuarbeiten.

Schlösser, Türen und Klinken wurden getauscht, Fenster wurden so umgebaut, dass sie im Ernstfall geöffnet werden können, Rauchmelder und Signalhupen wurden installiert. Da Tonstudios und Proberäume vor Ort sind, mussten sogar visuelle Warnleuchten her, da man die Signalhupen im Ernstfall überhören könnte. Jeder der Mieter half mit und wurde mit mindestens 100 € zur Kasse gebeten. Diejenigen, die finanziell nicht so viel geben konnten wie andere, rückten dieses Missverhältnis durch mehr Arbeitseinsätze wieder gerade. »Wir haben gespart, wo wir konnten. Ich bin für fünf gebrauchte Brandschutztüren mit einem Sprinter nach Köln gefahren, weil die einfach mal circa die Hälfte gekostet haben«, erklärt Philipp und ergänzt, dass »die Firma Felix Sicherheitstechnik uns einen hervorragenden Preis für die Materialien und die Brandmeldeanlage gemacht hat, dass zur Freude aller die Umbaumaßnahmen überhaupt realisiert werden konnten.«

Nach wie vor ist er mit großem Engagement auf der Suche nach Unternehmen und Sponsoren, die das Projekt unterstützen. Sei es finanzieller Natur oder durch Materialien oder Dienstleistungen, die nach wie vor benötigt werden. Sein Ziel ist es, dass er selbst irgendwann nicht mehr stetig Geld in das Projekt einzahlen muss, sondern sein Anteil von rund 20 % durch Sponsorengelder getragen wird. Die restlichen 80 % stammen aus den Mieteinnahmen der Tonstudios, Proberäume, des Tattoostudios sowie der Räume der weiteren Kreativschaffenden.«Gerade bei den Umbaumaßnahmen war es mir auch wichtig, die eigenen Mieter mit in die Pflicht zu nehmen. Nur so können wir auch Unternehmen zeigen, dass wir ernsthaftes Interesse daran haben, dass das Kreativzentrum weiterlebt und nicht nur hier sitzen und auf Rettung von außen warten«, sagt er. Die schönste Spende wäre die Finanzierung einer Zentralheizung für das gesamte Zentrum, da es unbeheizt und somit im Winter kalt ist. Ein paar Mal hat man das Ganze schon durchgeplant, aber die Summe ist für das kleine Kollektiv einfach nicht stemmbar. Ein weiteres Projekt ist die Neugestaltung der Außenfassade, bei der man für Gerüst- und Farbspenden sehr dankbar wäre.

Hilfreich war auch der Kontakt zur Stadt Heilbronn, die sich im Rahmen der Wirtschaftsförderung bei den Brandschutzumbaumaßnahmen mit einer kleineren Summe unterstützend zeigte. Finanzielle Unterstützung ist aber nicht das, was Philipp von der Stadt primär erwartet: »Uns, und damit meine ich die Kreativachse vom Kaffeehaus Hagen, über das Kreativzentrum, das Complex23, den Mobilat Club bis hin zum Apparat 34 in der Austraße, wäre viel mehr geholfen, wenn uns die Stadt Aufmerksamkeit schenkt. Zum Beispiel wäre ein Beschilderungssystem der gesamten Kreativwirtschaft innerhalb der Stadt eine gute Sache.«

Facebook Posts

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: Server configuration issue