Kulturbeutel Dezember 2012

Axel Vornam: »Die Defizite haben es notwendig gemacht, das Haus neu zu profilieren«

Axel Vornam bleibt bis 2018 Intendant des Heilbronner Theaters. Seit er das Ruder vor gut fünf Jahren übernahm, ist das Heilbronner Theater eine Erfolgsstory. Wir sprachen mit dem »Therapeuten für dahinsiechende Bühnen« über sein Erfolgsgeheimnis, schimmelnde Theater-Requisite und die seine seine Kommunikationsprobleme mit einem eingeborenen Handwerker.

HANIX: Herr Vornam, Sie scheinen ein Händchen dafür zu haben, totgesagte Theaterbühnen wieder zum Leben zu erwecken. Das war beispielsweise in Rudolstadt so und ist hier in Heilbronn auch der Fall. Was ist ihr Geheimnis? 

Axel Vornam: Da sind sie natürlich nicht der Erste, der das fragt. Ich kann aber nur sagen, dass es hier kein Geheimnis gibt. Das Ganze hat einfach mit guter Theaterarbeit zu tun. Ich muss wissen, in welche Stadt und in welches Theater ich gehe und dann muss ich meine Zielgruppe kennen. Wenn man sich vorab um diese Dinge kümmert und sich mit den Gegebenheiten beschäftigt, ist man dem Erfolg schon ein ganzes Stück näher gerückt. Die andere Seite ist, dass ich glaube, dass die Theater heute eine ganz andere Funktion haben als vor zehn oder 15 Jahren. Theater sind nicht mehr repräsentative Prachtbauten, in dem abends der Vorhang hochgeht und man sich berieseln lässt. Theater müssen sich heute vielmehr vernetzen. So kooperieren wir beispielsweise mit dem Württembergischen Kammerorchester und mit 19 Schulen, aber auch mit der Stadtbibliothek. Mir ist in Heilbronn sehr früh aufgefallen, dass es sehr viele junge Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund gibt. Diese Thematik kam im Theater überhaupt nicht vor, obwohl dies die Entwicklung der Stadt sehr stark prägen wird. Mit diesem Thema beschäftigen wir uns. Als ich nach Heilbronn kam, gab es keine Theaterpädagogik, was eigentlich mittlerweile ein Muss sein sollte. Wir haben dann relativ bescheiden mit einer Theaterpädagogin angefangen, und mittlerweile sind es drei Theaterpädagoginnen, die sich um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kümmern. Dazu gehören Workshops, fünf Theaterclubs, Einführungen, Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer etc. Hier geht es nicht um Nettigkeiten á la »Gute Zeiten schlechte Zeiten« sondern um wirkliches spannendes Theater, das die heute relevanten Themen aufgreift wie Interkultur oder Suchtprävention. Unsere Aufgabe ist es, in die Stadt reinzugehen und mit den Menschen und Jugendlichen zu sprechen. Wir sind natürlich nicht die Heilsbringer und können nicht alle Probleme lösen, aber möglicherweise stellen wir die richtigen Fragen und legen den Finger in die Wunde. Theater muss ein gesellschaftlicher Seismograph sein, die Verwerfungen aufspüren, die weh tun. Das gilt natürlich für die Kunst überhaupt.

HANIX: War das Brachliegen gewisser von ihnen eben angesprochener Felder am Heilbronner Theater ein Segen für sie und ihr Wirken hier?

Axel Vornam: Die Defizite haben es geradezu notwendig gemacht, das Haus und seine drei Spielstätten neu zu profilieren. Es galt auch, verloren gegangenes Vertrauen bei den Zuschauern zurück zu gewinnen. Aber die Heilbronner waren auch sehr interessiert und neugierig auf das Neue, das entstehen sollte.

HANIX: Können sie in wenigen Worten Heilbronn als Theaterstadt charakterisieren?

Axel Vornam: Es ist hier in Heilbronn schon etwas verrückt, denn die Stadt ist manchmal so bescheiden, dass sie gar nicht merkt wie bescheiden sie ist. Wenn man von außen kommt, findet man natürlich nicht, sagen wir mal »Die Rose von Franken« vor. Die Stadt

hatte nun mal mit dem Bombardement 1944 ein traumatisches Erlebnis. Der Wiederaufbau in den 50er und 60er Jahren musste schnell gehen und hat sicherlich wenig Rücksicht auf hohe ästhetische Ansprüche genommen. Aber was die Stadt hat, ist ein sehr neugieriges Publikum, ein hohes kulturelles Potential und ein selbstbewusstes Bürgertum, das ein kulturelles Leben als lebensnotwendig ansieht. Für uns als Theater ist natürlich die Neugier des Publikums eine der wichtigsten Eigenschaften der Heilbronner. Ich kann auch sehr gut mit Kritik des Publikums leben. Wir gehen bewusst mit einigen Inszenierungen, wie zum Beispiel im letzten Jahr mit »Verbrennungen«, ein hohes Risiko ein, da eben nicht alle Inszenierungen massentauglich sind. Wichtig ist nicht Theater zu machen mit dem Wissen, dass jede Inszenierung die Massen anzieht. Wichtig ist eher die richtige Balance zu finden, so wie wir es mit unserem Spielplan und den ganz unterschiedlichen Stücken in den drei Spielstätten versuchen. Es gibt eine jährliche Studie der Bertelsmann-Stiftung in der unter anderem die Themen Bildung und Kultur in Städten untersucht werden. Und ob man es glaubt oder nicht, die Studie aus dem Frühjahr 2012 zeigt, dass Heilbronn, verglichen mit den anderen mittleren und kleinen Großstädten zwischen 100 000 und 500 000 Einwohnern die Stadt mit der höchsten Anzahl an Theaterbesuchen pro Kopf ist.

HANIX: Haben sie so einen Wert nach dem ersten Eindruck den sie von der Stadt hatten erwartet?

Axel Vornam: Im Gegenteil, ich war total überrascht, ich habe aber relativ schnell mitbekommen, dass die Leute sehr gern ins Theater gehen und die Stadt unglaublich stark an der Erhaltung des Theaters interessiert ist.

HANIX: Wieso sind Sie 2008 eigentlich nach Heilbronn gekommen? Sie haben zuvor das »Wunder von Rudolstadt« bewerkstelligt, dort die Besucherzahlen um ein Drittel gesteigert. Das Rudolstädter Schauspielhaus wurde sogar als »Theater des Jahres« für die beste künstlerische Gesamtleistung nominiert. Man könnte meinen, dass Sie ein zufriedener Rudolstädter Theaterintendant waren.

Axel Vornam: Sagen wir es mal so: In Rudolstadt habe ich fünf tolle Jahre, in denen viel erreicht und aufgebaut wurde, verbracht. Wir haben, mit sehr wenig Mitteln ein Programm auf die Beine gestellt, das zu den Besten in Thüringen gehörte. Irgendwann ist so ein Projekt dann aber auch ausgereizt und bevor man es sich dann gemütlich macht, sage ich lieber »Jetzt muss ich weiter und neue Dinge angehen beziehungsweise mir neue Ziele setzen«.

HANIX: Die Fachpresse hat sie euphorisch als Therapeuten dahinsiechender Bühnen bezeichnet. Wieso sind Sie eigentlich nicht an einer renommierteren Bühne am Werk? Angebote müsste es doch genug geben.

Axel Vornam: Was heißt „renommiert“? Ich will ästhetisch anspruchsvolles Theater machen. Da muss einiges zusammenpassen: die Stadt, das Theater, das Ensemble. Die notwendigen Gestaltungsspielräume sind nicht überall gegeben.

HANIX: Nun haben Sie ihren Vertrag bis 2018 in Heilbronn als Intendant des Stadttheaters verlängert. Es scheint ihnen hier zu gefallen.

Axel Vornam: Wenn ich das Gefühl hätte, dass hier alles erledigt oder das Ende der Fahnenstange erreicht ist, wäre ich wahrscheinlich zögerlicher gewesen. Aber auch nach fast fünf Jahren gibt es noch viele Dinge die ich am Theater und in der Stadt bewegen möchte und solange ich das noch sagen kann, finde ich es nach wie vor sehr spannend hier zu arbeiten.

HANIX: Wohin soll der Weg des Heilbronner Theaters in den kommenden fünf Jahren führen?

Axel Vornam: Ich möchte zuerst einmal den gesamten Bereich Kinder- und Jugendtheater viel stärker forcieren. Dann gibt es die schon erwähnten Themen für und mit Menschen mit Migrationshintergrund, wo es, trotz des Erreichten, noch viel zu tun gibt. Des weiteren sind wir dabei ein neues Stück beziehungsweise ein Projekt zu entwickeln, welches vom Land gefördert wird. Hier haben wir an einer Ausschreibung mit 270 Bewerbern teilgenommen und wurden, neben weiteren 14 Bewerbern, ausgewählt. Das Projekt ist türkisch betitelt und heißt übersetzt »Das ist mein Leben«. Hier wollen wir, gemeinsam mit einem türkischen Autor, ein Theaterstück mit bilingualen Schauspielern entwickeln. Das Stück beschäftigt sich mit deutscher Wirklichkeit aus der Sicht türkischer Migrantenfamilien. Wir kümmern uns aber auch weiterhin um die so wichtige Kooperation mit Schulen. Hier möchte ich exemplarisch das Stück »Tito, mein Vater und ich« nennen. Mit diesem Stück gehen wir direkt in die Klassenzimmer. Es handelt sich hierbei um einen Jungen aus Ex-Jugoslawien, der die Wurzeln seiner Familie sucht und dabei sehr harte und seelisch schmerzhafte Dinge erfährt und zu verstehen beginnt, warum seine Familie so ist wie sie ist. Verrückt ist, wie die Schüler teilweise auf die Geschichte reagieren und selbst neugierig werden und mehr über ihre eigene Familie wissen möchten. Meiner Meinung nach ist so ein Beispiel genau das was Theater heute sein muss. Das Theater soll nicht den Zeigefinger heben, sondern die Zuschauer für gesellschaftliche Situationen sensibilisieren, zum Nachdenken und vielleicht auch Handeln anregen.

HANIX: Sind junge Menschen mit Migrationshintergrund offen für Theater?

Axel Vornam: Dies kann ich mit einem klaren »Ja« beantworten und es macht auch keinen Unterschied welcher Nationalität man angehört. Die jungen Leute reagieren nur viel direkter und spontaner. Bei dem Klassenzimmerstück hatten wir mal den Fall, dass drei Schüler, die nicht ahnten, dass heute in ihrem Unterricht ein Theaterstück gezeigt wird, den Schauspieler aus dem Zimmer drängen wollten, weil sie ihn nicht kannten und fürchteten, es könnte vielleicht ein Amokläufer sein. Das konnte aber schnell geklärt werden. Es ist wirklich fantastisch und beeindruckend zu beobachten, wie die Stimmung sich im Laufe der Vorstellung im Klassenzimmer ändert. Erst wird, was normal ist, in den Klassen geredet und gekichert. Irgendwann identifizieren sich die Schüler aber mit dem Stück und der Geschichte und verfolgen gebannt das Geschehen. Davon sind selbst Lehrer immer wieder überrascht.

HANIX: Haben sie mit solchen Reaktionen aus den Klassenzimmern gerechnet?

Axel Vornam: Wir haben uns so etwas sehr erhofft und gewünscht, aber gerechnet hätten wir damit nie.

HANIX: Wie ist das Feedback der Schulen auf ihre Arbeit? Gibt es seit ihrem Wirken zum Beispiel mehr Theater-AG´s?

Axel Vornam: Wir haben festgestellt dass es durchaus mehr Theater-AG´s gibt und die Schüler kommen auch öfter als vorher. Wir haben mittlerweile fünf eigene Jugendclubs im Theater und eine wachsende Zahl von Theaterscouts. Eine Geschichte möchte hier erwähnen, die mich wirklich sehr tatsächlich sehr berührt hat.

Im zweiten Jahr haben wir mit Schülern einer Böckinger Förderschule ein Tanztheater-Projekt mit dem Namen »Man müsste eigentlich schweben« veranstaltet. Bevor die Vorführung losging, wollte der Direktor noch ein paar Dankesworte loswerden, was immer etwas schwierig ist, da sich die Leute schnell langweilen wenn vor der Vorstellung noch Reden gehalten werden. Der Direktor stellt dann seine Schule vor und erwähnte kurz dass seine Schüler leider oft »die Doofen« genannt werden, die nichts

wissen und nichts lernen. Dann wurde das Stück in einer unglaublichen Qualität aufgeführt und ein Lehrer sagte mir, dass ein Mädchen dabei war, die überhaupt das erste Mal gesprochen hat. Ich dachte dann, dass es ein schöner erfolgreicher Abend war, der aber nun vorbei ist. Ein Jahr später waren wir, da wir auf der Suche nach neuen Kooperationsschulen waren, in besagter Böckinger Schule und erfreulicherweise hing immer noch unsere Fotowand der Aufführung, die wir der Schule überlassen hatten, im Foyer. Die neue Schulleiterin erzählte mir, dass immer wieder Schüler, die bei der Aufführung mitgemacht hatten, davor stehen und den Kleineren erklären, was da so abgelaufen ist und wie toll das alles war. Das Tolle an der Geschichte ist, dass die Direktorin letztendlich sagte, dass sich seitdem das Klima an der Schule zwischen den Schülern verändert hat. Die Kinder gehen rücksichtsvoller und sensibler miteinander um und gehen anders auf einander ein. Man kann also sagen, dass sich durch unser Projekt etwas Großes in der Schule getan hat. Dass so was dann aber tatsächlich mal passiert, ist etwas sehr Berührendes und Außergewöhnliches.

HANIX: Böse Zungen bezeichnen das Heilbronner Theaterpublikum als provinziell. Aber auch die Provinz hat ihre schönen Seiten und muss nicht zwingend ein negativ besetzter Begriff sein.

Axel Vornam: Nein, das Publikum hier nehme ich nicht als provinziell wahr. Und auch Gastregisseure anderer Theater beneiden uns manchmal um unsere Zuschauer, die die Inszenierungen sehr konzentriert und klug verfolgen. Wir haben zudem eine Menge Abonnenten die, neben uns, zusätzlich noch ein Abonnement an der Münchener Staatsoper oder ähnlichen Häusern haben. Es ist in den letzten Jahren auch neues Publikum dazu gekommen. Das Ganze ist immer eine Art Wechselwirkung. Hätten wir zum Beispiel das Stück »Dantons Tod« vor vier Jahren aufgeführt, wären die Reaktionen sicherlich nicht so positiv gewesen. Wir haben aber festgestellt, dass die Leute die ästhetische Entwicklung, die wir im Theater gemacht haben, mitgegangen sind. Das liegt natürlich auch daran, dass wir den Zuschauern neue Dinge angeboten haben, wir diese aber auch durch viele Aktivitäten vermitteln und erklären.

HANIX: Sprechen wir ein bisschen über Zahlen. Wie viele Abonnenten hat das Heilbronner Theater? Wie groß ist die Auslastung und über welches Budget können Sie verfügen?

Axel Vornam: Wir haben circa 6 600 Abonnenten, was für eine Stadt dieser Größenordnung prächtig ist, da viele Theater das Problem haben, dass sie Abonnenten verlieren. Wir bieten verschiedenste Abo-Formen an, so kann man bei uns klassisch bestimmte Tage buchen aber es gibt auch sogenannte Wahlabos. Glücklicherweise sind wir mit unseren Abo-Zahlen stabil und wir sind seit letztem Jahr in der Situation, dass wir im Freiverkauf mehr Karten verkaufen als über das Abonnement. Des weiteren gehören selbstverständlich die neuen Medien wie Facebook oder Twitter zur Gewinnung neuer Besucher dazu. Außerdem gibt es ja auch unseren Theaterblog, mit dem wir sehr intensiv arbeiten. Ein Theater wie wir muss immer auch das junge Publikum ansprechen und sich somit auch auf die Bedürfnisse der Jugendlichen und Junggebliebenen einstellen. Der andere Effekt der neuen Medien ist der, dass wir durchaus auch Besucher aus Frankfurt, Mannheim oder Heidelberg haben, die eben nicht mal am Theater vorbeikommen um sich zu informieren, aber auf unseren Plattformen Infos abrufen und sich darüber auch die Theaterkarten bestellen. Es gibt leider noch viel zu viele Häuser, die sich den neuen Formen der Zuschauer-Gewinnung noch nicht geöffnet haben. Man kann durchaus sagen, dass das Theater Heilbronn hier eine Vorreiter-Rolle hat und sich durchaus mit den großen Häusern messen kann. In der von ihnen angesprochenen Auslastung liegen wir bei sensationellen 80% über alle Spielstätten gesehen und das als Schauspielhaus mit relativ wenig Musiktheater. Die reinen Schauspielhäuser liegen im Schnitt zwischen 60 und 70 Prozent. Unser Budget liegt bei knapp unter zwölf Millionen Euro und beinhaltet die Zuschüsse der Stadt, die Zuschüsse des Landes und unsere Eigeneinnahmen. Natürlich kann es ruhig mehr Geld sein, aber ich möchte schon betonen, dass unser Budget auskömmlich ist und wir, im Gegensatz zu früher, schwarze Zahlen schreiben und die künstlerische Qualität ständig hinzugewinnt.

HANIX: Ist es schwer internationale renommierte Theatertruppen nach Heilbronn zu holen?

Axel Vornam: Mittlerweile ist es glücklicherweise so, dass wir einen so guten Ruf haben, dass auch internationale Ensembles gerne nach Heilbronn kommen, auch wegen des interessierten Publikums.

Das einzige Problem, das wir manchmal mit diesen Kompanien haben, ist die technische Kompatibilität der Bühnen. In seltenen Fällen scheitert es auch an der verlangten Gage. Bis jetzt hatten wir auch oft das Glück, Ensembles engagiert zu haben, die kurze Zeit später mit Preisen ausgezeichnet wurden. Damit steigt natürlich auch der Marktwert.

HANIX: Sie haben einen kaufmännischen Beruf erlernt, bevor Sie die Bretter die die Welt bedeuten für sich entdeckten. Kommt ihnen die kaufmännische Ausbildung in ihrem Wirken als Intendant zu gute?

Axel Vornam: Es ist definitiv ein Vorteil. Ich habe erst mal eine Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann abgeschlossen und dann mein Abitur auf der Abendschule gemacht. Nach der Lehre habe ich allerdings nie in diesem Beruf gearbeitet, sondern bin sofort an ein Studententheater gegangen und habe später Schauspielregie in Berlin studiert. Als ich Intendant wurde, habe ich ganz schnell gemerkt, dass es wirklich gut ist, wenn man selbst eine Bilanz lesen und zwischen Aktiva und Passiva unterscheiden kann.

HANIX: Sie sind in Ostdeutschland aufgewachsen und haben lange Zeit auch im Norden der Republik gewirkt. Wie ist es hier im Süden? War es eine lange, zähe Eingewöhnungsphase oder kamen Sie schnell mit der neuen Mentalität zurecht?

Axel Vornam: Ehrlich gesagt versuche ich immer noch raus zu finden was denn diese spezielle schwäbische Mentalität ist. Da ich schon so ziemlich überall in Deutschland war, habe ich auch alle Mentalitäten kennengelernt, vom kühlen Norddeutschen, über die Berliner Kodderschnauze bis hin zum gemütlichen Sachsen. Ich kann mich also generell auf verschiedenen Gegebenheiten und Mentalitäten einstellen. Was mir hier ab und zu mal fehlt, ist so eine gewisse Begeisterungsfähigkeit. Wie der Schwabe ja gerne sagt »Nicht gemeckert ist schon genug gelobt«. Gerade im Theater, wo man von Applaus lebt, wäre es ab und zu schon mal schön, dass die Begeisterung etwas mehr gezeigt wird und nicht erst hinterher im Foyer.

HANIX: Und wie verhält es sich mit dem schwäbischen Dialekt? Verstehen Sie alles?

Axel Vornam: Nein, nicht alles, denn es kommt ja auch noch darauf an, woher die Menschen kommen. Ich hatte vor vier oder fünf Jahren mit einem Handwerker zu tun und hoffte nach jedem Gespräch, dass wir jetzt hoffentlich das Richtige vereinbart haben.
HANIX: Erzählen sie uns von den Highlights der laufenden Spielzeit?

 

Axel Vornam: In der jetzigen Spielzeit gab es ja schon zwei Highlights, einmal »Wie im Himmel«, was noch läuft und jedes Mal voll ist. Des weiteren kann ich »Dantons Tod« sehr empfehlen und was sehr spannend wird, ist die Uraufführung der Oper »Minsk« von Ian Wilson und Lawinia Greenlaw in Kooperation mit dem Kammerorchester, was wir seit vier Jahren regelmäßig machen. Worauf ich mich persönlich sehr freue ist die Neuaufführung von »Madame Bovary«, die Geschichte einer Frau, die ihre Lebenslust und Lebensgier unheimlich auslebt. Zu nennen ist hier aber auch noch das Tanzfestival im Mai, wo Leute mittlerweile schon ihren Urlaub drum herum bauen, um das Ganze nicht zu verpassen. Letztendlich könnte ich die Aufzählung noch weiterführen, da alle Aufführungen etwas Besonderes sind und ein Highlight das nächste jagt. Mich haben anfangs alle für verrückt erklärt, als ich gesagt habe, dass wir circa 25 Premieren im Jahr veranstalten werden. Mittlerweile ist dies Normalität und man merkt wie gern die Mitarbeiter dabei sind, worum es ja auch geht. Ich habe solche Freude bei Mitarbeitern selten erlebt wie hier im Haus. Es ist schön zu sehen wie sehr sich die Mitarbeiter, vom Schreiner oder Maler bis hin zu den Schauspielern mit der Arbeit unseres Theaters identifizieren.

HANIX: Wenn Sie sich etwas für das Heilbronner Theater wünschen dürften, wie würde ihr Wunsch lauten?

Axel Vornam: Der größte Wunsch momentan sind neue Probebühnen und ein neues Magazin. Das Theater wurde ja als Bespieltheater ohne eigenes Ensemble geplant und gebaut. Von daher gab es keinerlei Werkstätten und keine Proberäume. Wir haben heute provisorische Probebühnen in ehemaligen Werkstatträumen ohne Schall- und Wärmedämmung, in denen es im Winter viel zu kalt, im Sommer viel zu heiß ist und die auch technisch nicht im geringsten den Anforderungen an Probebühnen genügen. In den Lagern und Magazinen in der Alten Kelter stehen unheimliche Werte an Kostümen. Dort müssen Tag und Nacht die Luftentfeuchter laufen, weil uns die Kostüme sonst verschimmeln würden. Jedes zu entnehmende Kostüm muss dekontaminiert werden und Mitarbeiter dürfen sich maximal zwei Stunden in dem Raum aufhalten. Ich hoffe sehr, dass hier zeitnah Lösungen gefunden werden und der Gemeinderat hierfür die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellt und die Kosten für die BUGA nicht alle anderen Probleme in den Hintergrund drängen.

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