Kulturbeutel Juni 2012

Nicolai Köppel:»Auf einmal ist alles anders«

Vom pickeligen Querdenker zum eloquenten Buchautor und Filmemacher. Nicolai Köppel erzählt von seiner aufregendsten Zeit, warum es manchmal gut ist, sich als Loser zu fühlen und worauf er sich im Juli am meisten freut.

»Hallo«, sagt Nicolai Köppel und streckt die Hand zur Begrüßung entgegen. »Schön, dass Sie da sind.« Einen Schritt über die Türschwelle gewagt, geht es vom royalblau gestrichenen Flur weiter in Richtung senfgelber Küche. An der Wand hängen beigefarbene Strippen mit duzenden Fotos und Postkarten. »Kaffee?«, fragt er und legt auch schon los. Er füllt den silbernen Kaffeekocher mit Wasser und Kaffee, und stellt ihn auf die Herdplatte. »Ich trinke gerne Kaffee«, sagt der 39-Jährige, während er die warme Milch mit einem Stabmixer aufschäumt. »Selber gemacht, schmeckt er einfach am besten.« Plötzlich schlängelt sich ein kleines schwarzes Ungetüm um Nicolais Beine. Hunderüde Benito streunert höchstpersönlich um Herrchens Füße. Dann bleibt Benito sitzen und schaut mit herzzerreißendem Blick zu ihm hinauf, als ob er seit einer halben Ewigkeit nichts mehr zu fressen bekommen hat. »Na gut, noch einer«, gibt Herrchen Nicolai nach, »aber dann ist Schluss.« Und so kramt er einen weiteren Hunde-Leckerli aus der raschelnden Verpackung. Artig sitzt Benito da, und nimmt sein Leckerli ehrwürdig entgegen.

Nicolai Köppel ist in Berlin geboren. Als er ein Jahr alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Nürnberg. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Sachsenheim bei Ludwigsburg. »Ich wollte nichts von dem glauben, was mir andere sagten«, erzählt Köppel. Und anstatt Hausaufgaben zu machen, schrieb er lieber Kurzgeschichten. Er zitiert zwei Zeilen aus einer Zeugnisbeurteilung der ersten Klasse: »Nicolai schreibt Geschichten und trägt sie der Klasse unaufgefordert vor.« Die Lehrer hatten es schwer mit ihm. Oder anders gesagt, schwer hatte es dann Schüler Nicolai. »In der zehnten Klasse bin ich sitzen geblieben«, erinnert er sich an den damals schüchternen Jungen mit starker Akne im Gesicht.

»Danke Akne, dass ich dich hatte«

Heute ist Nicolai Köppel Buchautor und Filmproduzent und sagt: »Danke Akne, dass ich dich hatte.« Bei den Mädchen konnte er zwar nicht immer auf Anhieb landen, aber fürs Schreiben war es gut. »Ich weiß, wie es ist, wenn man sich als Loser fühlt«, sagt er und grinst verschmitzt. Das Abitur hat er dann mit 21 Jahren trotzdem noch geschafft. Sein Wunsch: »Ich wollte etwas ganz anderes machen«, erzählt er. Weder eine Ausbildung, noch ein Studienplatz kam dem damaligen Jüngling in den Sinn. Stattdessen jobbte er als Schlafwagenschaffner. Für ihn war es bis jetzt die schönste Zeit in seinem Leben. Ein Jahr lang fuhr er kreuz und quer durch ganz Deutschland. Davon war er 148 Mal auf Sylt. »Das war so eine Zeit, von der ich hoffe, dass sie nochmal wiederkommt«, sagt Köppel etwas wehmütig und schaut zur Seite. »Aber sie kommt natürlich nicht mehr.«

Dann kam der Wandel. Köppel macht eine Ausbildung zum Buchhändler und beginnt gleich nach seinem Abschluss ein Studium für Deutsch und Englisch in Stuttgart. Doch das Studium erweist sich nicht als vollkommen richtige Wahl. Nicolai Köppel ist ein Künstler, der lieber etwas Eigenes auf die Beine stellt. Deswegen fühlt er sich in der Literatur auch so wohl. »Künstler dürfen subjektiv sein, zumindest habe ich noch kein objektives Gedicht gelesen«, scherzt er. Einen besonderen Ort braucht er nicht, um seine Geschichten zu schreiben. Das eigene Zuhause ist ideal. Je nach dem welchen Raum man betritt, ist es so, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Im Wohnzimmer geht es auf Reisen. Die Wände sind in dunkelblauer Wischtechnik gestrichen und von rechts grüßt eine zwei Meter hohe Gallionsfigur. Endlos viele Bilder von Verwandten und Bekannten aus den 1920iger Jahren zieren die Wände und jedes Möbelstück stammt aus einem anderen Jahrzehnt. Mit viel Liebe hat Nicolais Frau Kirstin die Zimmer gestaltet. Sie ist Bühnenmalerin am Heilbronner Stadttheater. »Nicolai liebt seine Arbeit«, sagt die 39-Jährige. »Und er ist ein Perfektionist.« Für Nicolai Köppel ist das Literatur-Stipendium die erste Anerkennung gewesen, die er fürs Schreiben bekommen hat. »Das hat mir Mut gemacht.« Nach sechs Semestern bricht Köppel sein Studium ab und beginnt ein Studium zum Drehbuchautor an der Filmakademie in Ludwigsburg.

»Nicolai ist ein begnadeter Geschichtenerzähler«

Von wem er seine kreative Ader geerbt hat, weiß er nicht genau. »Ich schätze von meiner Tante.« Sie hat viele Gedichte geschrieben. 2010 veröffentlicht Nicolai Köppel dann sein erstes Buch »Dänische Western« mit 13 Erzählungen und Kurzgeschichten. Die Geschichten sind eine Mischung aus Fiktion und Selbsterlebtem. Das heißt, in jeder Geschichte steckt immer ein ganz kleiner Keim, den Schriftsteller Nicolai selber erlebt hat. »Alles andere habe ich erfunden«, erzählt er und zieht einen weißen Teller mit Rhabarberkuchen zu sich ran. »Nicolai ist ein begnadeter Geschichtenerzähler«, sagt Verleger Ingo Klopfer vom Maringo Verlag. Und das merkt man: Nicolai Köppel redet schnell, lustig und in einem ganz bestimmten Rhythmus. Da lässt die Pointe nicht lange auf sich warten.

Nachdem Ehefrau Kirstin einmal davon geträumt hat, verfilmte der diplomierte Drehbuchautor die Geschichte »Heimspiel« aus seinem Buch. Der Streifen ist erstmals am 20. Juli 2012 auf dem Internationalen Kurzfilmfestival im Mobilat in Heilbronn zu sehen. Und was ist das für ein Gefühl, Herr Köppel? Er rückt seine schwarze markante Brille zurecht und fängt über beide Ohren an zu strahlen: »Großartig, damit hätte ich wirklich nie gerechnet.« Der Filmemacher freut sich sehr auf das Festival. Es sei etwas Besonderes, so etwas zu schaffen. Davon abgesehen sei Erfolg sowie etwas Relatives und nicht nur in Zahlen zu messen. Vor neun Monaten ist Nicolai Köppel glücklicher Familienvater geworden. »Auf einmal ist alles anders«, sagt er über die Geburt seiner Tochter Meta. »Was vorher so wichtig war, verliert jetzt an Bedeutung.«

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