Kulturbeutel Mai 2012

Nektarios Vlachopoulos:“Ich habe den größten Poetry Slam der Welt gewonnen“

Poetry Slam erfreut sich in unserer Neckarstadt an großer Beliebtheit. Seit 2009 wird in Heilbronn kräftig geslamt. Wir trafen drei Slamer und sprachen mit ihnen über humoristische Texte, den Sexappeal des Schreibens und über den Sieg von Nektarios Vlachopoulos beim größten Poetry Slam der Welt.

HANIX — Darf ein Slamer seinen Text vom iPad ablesen oder verstößt das gegen Slamerehre? 

Nektarios Vlachopoulos— So lange der Text nicht nur ums iPad geht und das Pad nicht Bestandteil des Werkes ist, ist es okay.

Philipp Herold — Es ist einfach ein bisschen uncool. Wenn jeder seinen Text vom Zettel abliest, fallen die Zettel gar nicht auf. Wenn aber auf einmal ein Slamer mit nem iPad da steht, kann es auch störend sein. Es verstößt aber definitiv nicht gegen die Regel.

HANIX — Nektarios beschrieb das Gerät in einem seiner Texte als Fenster in eine neue Dimension von Scheiße. Wäre das iPad eine Person des öffentlichen Lebens, wäre es Wolfgang Schäuble und als Staat wäre es Lettland hat er gesagt. Wie viel Zeit hast Du, um dir so etwas auszudenken? Ode passiert das nebenbei?

Nektarios Vlachopoulos— Wie war das nochmal mit dem iPad? Ach ja, ich hatte ein paar Texte vorzutragen, war aber noch mit keinem Text fertig. Einer meiner Texte fing mit dem iPad an und ich habe ihn dann einfach mit einem anderen Text zusammen getackert.

HANIX — Gibt es eine »Poetry Slam«-App?

Nektarios Vlachopoulos— Ich wüsste nicht, dass es eine Poetry Slam App gibt.

HANIX — Erzählt uns von euren Anfangstagen. Wie seid ihr zum Slamen gekommen?

Philipp Herold— Ich habe 2004 angefangen zu rappen bis mir das Ganze ein bisschen zu sehr zu einer »Ellenbogengesellschaft« verkommen ist. Dabei ist dann einfach die Poesie verloren gegangen. Dann habe ich 2008 an meiner Schule in Heidelberg ein Plakat für einen »Poetry Slam«-Workshop gesehen und daran teilgenommen. Mein Kursleiter hatte ein T-Shirt mit dem Spruch »Ein guter Rapper überlegt erst mal« an. Da dachte ich >okay, da bleib ich jetzt dran<. Dann war es ein toller Workshop und meinen zweiten Slam hab ich gewonnen. Von dem Moment an war klar dass ich Slammer bin.

Nicolas Groschke— Bei mir war es eigentlich ähnlich. Auch ich habe zunächst mit dem Rappen angefangen. Meine alte Crew hatte sich irgendwann mehr oder weniger aufgelöst. Während meines Zivildienstes habe ich dann ein Mädchen kennengelernt, die in Stuttgart ab und zu auf Slams mitgemacht hat. Sie hat mich dann einfach mal gefragt, ob ich nicht mal mitmachen will. Das war dann 2007 mein Einstieg.

Nektarios Vlachopoulos — Bei mir war das ganz klassisch. Ich habe mir einen Poetry Slam angeschaut, weil ein Bekannter teilgenommen hat. Ich war zuerst aber ziemlich eingeschüchtert, da es sich hier um ein Festival handelte, bei dem grandiose Poeten teilgenommen haben. Dann habe ich es aber doch versucht und bin dabei geblieben.

HANIX —Der Ursprung liegt in den USA, allerdings nicht in New York. Wisst ihr aus welcher Stadt heraus Poetry Slam die Welt erobert hat?

Alle — Die Ursprungsstadt des Poetry Slam sollte man natürlich kennen. Der erste Slam fand in Chicago statt.

HANIX — Wikipedia schreibt, dass auf deutschsprachigen Slambühnen eine Dominanz an satirischen und humoristischen Beiträgen herrsche und diese meist auch gewinnen. Seht ihr das ähnlich?

Nektarios Vlachopoulos — Ich würde diese Wiki-Aussage schon unterschreiben. Lustige Texte kommen in Deutschland sehr gut an, was aber nicht heißt, dass man mit ernsten Texten nicht gewinnen kann. Diese müssen eben besonders gut sein.

Philipp Herold— Vielleicht kann man sagen dass ein mittelmäßiger ernster Text immer verliert und ein mittelmäßiger lustiger Text gute Chancen hat.

Nicolas Groschke— Insgesamt ist die deutsche Szene mit viel Wortwitz und Heiterkeit versehen.

HANIX — Gibt es internationales Feedback für die humorvolle deutsche Slamer-Szene?

Nektarios Vlachopoulos— Marc Kelly Smith, der »Poetry Slam«-Erfinder selbst, war ja schon oft zu Gast und er hat die letzten Meisterschaften in Hamburg als Höhepunkt der Slam-Geschichte bezeichnet.

Philipp Herold — Ich war eine Zeit lang in New York zu einem Praktikum und habe dort zweimal einen Slam besucht. Man kann schon sagen, dass das typisch amerikanisch war. Es herrschte eine sehr persönliche Atmosphäre und jeder hat da einfach sein Ding durchgezogen. Die Texte sind auch nicht überwiegend witzig, es ist also ganz anders als in Deutschland.

Nektarios Vlachopoulos — Ich weiß nicht warum dies in Deutschland so ist. Was auffällt ist, dass lachen sehr ansteckend ist und sich schnell im Raum verbreitet. Fängt jemand also an zu lachen, lassen sich die meistens einfach davon anstecken. Bei lustigen Texten kann man als Zuhörer auch kurz mal aussteigen und der Wiedereinstieg ist relativ einfach. Bei ernsthaften Texten ist dies unmöglich und man muss fünf Minuten konzentriert dran bleiben.

HANIX — Wie bekommt man auf einem Slam das Publikum auf seine Seite?

Nektarios Vlachopoulos— Nur etwa 50 Prozent macht der Text selbst aus und zu 50 Prozent kommt es auf das Vortragen an. Wichtig ist, dass man authentisch und ehrlich ist.

Philipp Herold— Ganz wichtig ist auch der Einstieg. Wenn du auf die Bühne kommst, dich gut präsentierst und vielleicht gleich ein lustiger Witz in deiner Einleitung fällt, hast du schon viel gewonnen.

HANIX — Mit der Zeit seid ihr bestimmt sicherer bei euren Auftritten geworden.

Philipp Herold— Klar, gerade bei Nektarius war es krass zu beobachten. Wie er vor seinen ersten Auftritten gezittert hat, dass hat auch noch der Zuschauer in der letzten Reihe gesehen. Mittlerweile ist es sehr beeindruckend wie souverän er auf der Bühne wirkt.

HANIX —Interagiert ihr mit eurem Publikum oder lest ihr euren Text einfach runter?

Nektarios Vlachopoulos — Ich glaube manchmal wartet man schon auf eine Reaktion des Publikums. Grundsätzlich gehört es zum Slam dazu, das Publikum einzubeziehen, in welcher Art auch immer. Daher kommt ja auch der Name. Künstler und Publikum sollen miteinander agieren.

HANIX —Ist es ein großer Schritt vom Sofareimer zuhause auf eine Slambühne? Wie war das bei euch?

Philipp Herold— Ich glaube es ist gar nicht so der Auftritt vorm Spiegel. Ich denke eher, dass man unglaublich mit den Auftritten reift. Man merkt mit der Zeit einfach worauf es ankommt, wann man seine Eckpunkte setzen muss. Ich habe mich am Anfang sehr auf der Bühne ausprobiert, habe Prosa und Lyrik angefasst, war mal ernst und mal lustig. Wichtig ist aber, wie vorhin schon erwähnt, dass man authentisch bleibt um dann eben auch sicher zu werden.

HANIX —Habt ihr euch auf der Bühne schon selbst gefunden? Und wie persönlich sind eure Texte überhaupt?

Nicolas Groschke — Definitiv war und ist das so. Dies ist ein laufender Prozess, der immer noch nicht aufgehört hat. Irgendwann pendelt sich dann natürlich eine Richtung ein auf die man sich einlässt, aber das Lernen hört nie auf.

Nektarios Vlachopoulos — Ich zum Beispiel schreibe nicht, weil ich mir irgendwas von der Seele reden will sondern einfach weil ich was schönes produzieren möchte. Es lässt sich aber nicht verhindern, dass auch persönliche Dinge in die Texte hinein fließen. Man kann also sagen, dass ich nicht bewusst mein Herz öffne aber meine ganze Erfahrungswelt einfließen lasse.

Philipp Herold— Wenn ich so richtig überlege sind eigentlich alle meine Texte direkt mit meinen Erfahrungen verknüpft. Schreibe ich etwas lyrisches geht es eher um meine Gefühlswelt und in den Prosatexten spielt sich viel über Alltagsdinge die ich erlebt habe ab.

HANIX —Übung macht bekanntlich den Meister. Wie trainiert ihr? Und was trainiert ihr?

Nektarios Vlachopoulos— Das beste Schreibtraining ist Schreiben. Dadurch werden nicht alle Texte kontinuierlich besser aber die Frequenz an guten Texten steigert sich enorm. Die »Übertexte« kommen aber deshalb nicht zwangsläufig. Manchmal merkt man einfach, dass der produzierte Text einfach der Wahnsinn geworden ist.

HANIX — Übt ihr das Vortragen eurer Texte vor dem Spiegel?

Nektarios Vlachopoulos— Wenn ich einen Text geschrieben habe, lese ich diesen mit Sicherheit 30 mal laut vor. Der Text ist dann zwar fließend aber mit Sicherheit nicht das, was er nach fünf Auftritten sein wird, da sich die Reaktion des Publikums nochmal stark auf den Text auswirkt.

HANIX — Manche Sätze empfindet ihr mit Sicherheit als besonders gelungen. Verratet doch den besten Satz, den ihr je geschrieben habt. 

Nicolas Groschke— Ich feiere gerade von dem heutigen Text, den ich gestern erst fertig geschrieben habe, einen Satz, der jetzt aber aus dem Zusammenhang gerissen ist: »Kompensiere den Missstand zwischen Fremdscham und Blickfang mit unbeholfenen Gesten im Schein von zu hellen Lichtern.«

Philipp Herold— Mir fällt jetzt spontan ein recht sauberer Reim von mir ein: »Liebe aber heißt Bewegung… Gewaber, Schweiß, Erregung.«

Nektarios Vlachopoulos— Einen Satz, den ich ganz gut finde, geht so: »Wie im Copyshop bring ich Gedanken zum Ausdruck.«

HANIX — Beeindruckt ihr mit eurem Geschreibe auch Mädels?

Nektarios Vlachopoulos— Definitiv ist Schreiben sexy. Wenn man sich nur mal den Reisepoeten vorstellt, ist das schon ein mächtiges Instrument.

Philipp Herold— Es kommen schon einige Leute nach dem Slam auf einen zu. Wenn Jungs sagen »Hey der Text war toll« sage ich einfach »Danke«. Wenn das schicke Mädels sagen, bleibe ich natürlich dran.

Nektarios Vlachopoulos— Man muss sich aber schon bewusst sein, dass es nicht die Person sondern der Moment ist, der eine bestimmte Atmosphäre schafft.

HANIX —Also ist schreiben sexy. Unser Titelthema ist diesmal »Sex«. Deshalb auch noch die Frage nach dem verficktesten Satz aus eurer Feder.

Nektarios Vlachopoulos— Oh, der fällt mir sofort ein: »Selbst mein bis dato tadelloses Liebesleben litt unter der Eintönigkeit. Der Sex verkam zu einem fantasielosen mechanischen Prozess, das Problem lag auf der Hand.«

Nicolas Groschke— Mir fällt ein Satz aus einer Fussballmetapher ein: »Jeden noch so schönen, feinen Pass, hab ich nur bei dir so schön mitgenommen und reingemacht.«

HANIX —Seit wann wird eigentlich in Heilbronn geslamt?

Nektarios Vlachopoulos— Seit April 2009 sind wir hier im Café Wilhelm. Am Anfang noch mit einigen leeren Tischen, doch momentan haben wir einen Lauf und sind regelmäßig ausverkauft. Inzwischen gibt es hier alle zwei Monate einen Slam.

HANIX —Kann man das Café Wilhelm inzwischen als Slaminstitution in Baden-Württemberg bezeichen? Oder ist es noch nicht ganz so weit?

Philipp Herold— Vom Cafe Wilhelm als eine Slammer-Institution kann man noch nicht sprechen, dazu gibt es einfach zu viele Veranstaltungen, die um einiges länger existieren und regelmäßig große Häuser füllen.

Nicolas Groschke— Das Interesse an Slams in Heilbronn ist aber immens groß. Wir denken, dass wir auch größere Häuser füllen könnten, sind aber an das Cafe Wilhelm gebunden, was nicht das Schlechteste ist.

HANIX —Verwundert euch das Interesse der Heilbronner?

Nicolas Groschke— Nein, eigentlich nicht. Man muss ja ehrlich sagen, dass dies die einzige Veranstaltung dieser Art in Heilbronn ist. Außerdem ist das kulturelle Angebot nicht riesengroß und man merkt, dass die Leute einfach ein bisschen ausgehungert sind, was das Thema Kultur im Allgemeinen angeht.

HANIX — Im Sommer finden zwei Open-Air-Slams in Heilbronn statt. Könnt ihr dazu auch schon etwas erzählen?

Nektarios Vlachopoulos— Im Mai wird ein großer, runder Geburtstag des Stadt- und Kreisjugendrings gefeiert. Hierzu findet dann im Rahmenprogramm auch ein Poetry Slam mit dem Thema Jugend statt. Das heißt, dass sich alle Vortragenden in ihren Texten an das vorgegebene Thema halten müssen.

HANIX — Habt ihr vor euren Auftritten eigentlich noch Lampenfieber?

Nektarios Vlachopoulos— Das kommt ganz stark auf den Auftritt an. Aber so ganz weg ist das Lampenfieber nie, was auch gut so ist.

HANIX —Erzählt uns von euren bis dato größten Auftritten.

Philipp Herold— Im letzten Jahr beim U20-Finale im Schauspielhaus Hamburg bin ich vor 1 200 Zuschauern aufgetreten. Es war auch gleichzeitig einer meiner schönsten Auftritte. Zum Einen, weil ich Vizemeister geworden bin und zum Anderen ist eine Art Vorbild von mir aufgetreten, den ich vor Jahren schon auf einem Video gesehen habe und auf einmal stehe ich auf der gleichen Bühne.

Nicolas Groschke— Der coolste Auftritt den ich bisher hatte war auch gleichzeitig der Erste. Das ganze war im DAI (Deutsch-Amerikanisches-Institut) in Heidelberg.

Ich bin zwar in der Vorrunde ausgeschieden, aber die Veranstaltung war toll.

Nektarios Vlachopoulos—Na ja, ich habe den größten Poetry Slam der Welt gewonnen. Der Slam war in der O2-World in Hamburg und es waren 4 500 Zuschauer da. Das war bei den deutschsprachigen Meisterschaften letztes Jahr. Eigentlich war die Halle aber schon zu groß, da es nicht nur in die Breite sondern auch in die Höhe ging und somit unheimlich viel vom Raum verschluckt wird.

HANIX — Mit welchem Text hast Du gewonnen?

Nektarios Vlachopoulos— Es waren zwei Texte. In der Vorrunde ging es um eine Twighlight-Parodie und im Finale gegen den Vorjahressieger habe ich mich selbst beweihräuchert und beschrieben, wie ich mich in mich selbst verliebe und mich auf eine Beziehung mit mir selbst einlasse.

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