Kulturbeutel September 2012

Meister Lampe: »Da kann ja jeder kommen«

Angelehnt an eine alte Heilbronner Tradition, lädt ein einflussloses Stadtmagazin unwichtige Menschen zu dieser nichtigen Veranstaltung.

Auf der Piazza des Insel-Hotels wird »Falscher Hase« für die 30 – 50 belanglosesten Menschen der Stadt serviert. Anschließend wird auf der Halbinsel vor der Galerie Rieker 
der unbedeutendste Heilbronner des Jahres gekürt. Selbstredend wird der bedeutungsloseste von allen Heilbronnern auch eine nicht erwähnenswerte Rede halten. Wer der unerheblichste Bürger der Stadt wird, was er zu sagen hat und wie sein Preis aussehen wird, ist äußerst geheim. Nicolai Köppel sprach mit Meister Lampe über die Veranstaltung.

HANIX — Ich frag gleich was zum Falschen Hasenmahl. Aber was ist denn erstmal das »Hasenmahl«?

Meister Lampe — Das Hasenmahl ist eine lange Heilbronner Tradition. Der normale hasenfüßige Bürger kommt da gar nicht rein, weiß auch gar nicht, was da passiert. Das gibt’s seit 1493, war am Anfang bißchen geheimnisumwoben, bisschen mysteriös, man wußte nicht, wer trifft sich da oder nicht – und seitdem gibt’s das, mit immer mal wieder ein paar Pausen von paar Jahren, weil Kriege dazwischenkamen oder was auch immer, Pest und Cholera, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es wieder eingeführt vom damaligen ehemaligen Oberbürgermeister Paul Meyle, einem Hobbyjäger, dem passte das gut in den Kram, und seitdem treffen sich im Ratskeller im Januar die wichtigsten Heilbronner in Anzug und Krawatte … und essen Hasen. So etwa sechzig Hasen werden am Abend benötigt, hört man.

HANIX — Klingt doch reichlich. Was fehlt am Hasenmahl, was jetzt das Falsche Hasenmahl bringt?

Meister Lampe — Es dürfen nur der OB und der Gemeinderat zu diesem Mahl einladen, knapp hundertfünfzig wichtige Leute. Was ist mit dem nichtigen Bürger, der kommt zu uns, denn zu uns kann ja jeder kommen. Wir sind transparent, jeder kann uns sehen, uns zuhören, über was für unwichtige Themen und Sachen wir reden. Unsere Zielgruppe ist viel größer.

HANIX — Unwichtige Menschen reden über ihr unwichtiges Leben und andere unwichtige Menschen hören zu?

Meister Lampe — Genau. Die ganze Veranstaltung ist unwichtig. Das Wichtgste daran ist, glaube ich, darauf hinzuweisen: Kommt nicht hin! Es lohnt sich nicht, weil ja wie beim echten Hasenmahl auch, eigentlich nichts Spannendes passiert. Vermuten wir. Es wird nichts Wichtiges verkündet, es werden keine wichtigen Reden gehalten.

HANIX — Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen, das Falsche Hasenmahl zur Heilbronner Kulturnacht am 22. September ins Leben zu rufen?

Meister Lampe — Das ging ganz schnell. Wir wollten eigentlich was mit dem vor sich hingammelnden Holzpenis machen, der am Schlachthof hinter dem Hauptbahnhof gelagert wird, das wollte aber das Museum nicht, und da dachten wir: machen wir doch stattdessen das Falsche Hasenmahl. Eine Zehntelsekunde, länger hat das nicht gedauert, sich das auszudenken. Die Veranstaltung ist also zweite Wahl. Unwichtiger geht’s kaum.

HANIX — Was passiert denn nun beim Falschen Hasenmahl?

Meister Lampe — Es wird Falscher Hase (FH) gereicht, vielleicht auch die vegane Variante GFH (Ganz Falscher Hase), es wird völlig unwichtigen Menschen unwichtiger Falscher Hase serviert, der wird verspeist, danach hört man sich noch zwei, drei unwichtige Reden an, an unwichtigen Plätzen, der Inselterrasse und der Inselspitze – da kommt ja kein Mensch vorbei – und das war’s dann, danach werden die Lichter ausgemacht, es wird nach Hause gegangen.

HANIX — Wer ist eingeladen zum Falschen Hasenmahl?

Meister Lampe — Gar niemand. Wir laden keinen ein, denn nur wichtige Menschen werden irgendwohin eingeladen, und gerade die wollen wir bei uns nicht haben, weil ihnen die Veranstaltung auch nicht gerecht werden kann. Wichtigen Menschen kann man keinen Hackbraten vorsetzen, für die muss es frisch geschossener Hase sein. Wir haben keinen Hasen gefunden, der unwichtig genug war, um sich von uns zubereiten zu lassen. Eins muss aber gesagt sein: diejenigen, die beim echten Hasenmahl eingeladen sind, die laden wir hiermit aus. Die sollen nicht kommen. Also ohne groß Wirbel zu machen oder so. Nur hier im Hanix steht das.

HANIX — Warum nicht persönlich, brieflich, in aller Form ausladen?

Meister Lampe — Ach, so wichtig ist es uns auch wieder nicht. Man soll ja was für Minderheiten tun, aber das ginge doch zu weit.

HANIX — Beim echten Hasenmahl werden doch sicher in vertraulichen Gesprächen Pläne geschmiedet, Deals vorbereitet – was für Konsequenzen sind denn vom Falschen Hasenmahl zu erwarten?

Meister Lampe — Beim echten Hasenmahl ist das sicher ein bisschen wie beim Golfspielen, aber wir wollen nichts anleiern. Wir wollen auch keine neuen Kontakte knüpfen – denn was soll es denn bitte bringen, mit diesen unwichtigen Menschen in Kontakt zu treten …

HANIX — … die ihr ja schließlich auch gar nicht eingeladen habt

Meister Lampe — Genau. Aber ein Programm gibt’s trotzdem, weil wir finden, dass es in der heutigen Zeit nichts gibt, was unwichtiger ist als ein Begleitprogramm. Essen und Reden, eingebettet in eine Art Ablauf – soviel kann ich schon mal versprechen. So eine Mischung aus Rock am Ring und einer Party mit zwei Freunden, wo man nur miteinander redet.

HANIX — Wer redet denn beim echten, ursprünglichen Hasenmahl?

Meister Lampe — Da gbt’s immer einen bis zum Schluss geheimen Redner, und inoffiziell ist dieser Redner, diese Rednerin schon zumindest für die Dauer der Rede zumindest an diesem Abend oder so der oder die wichtigste Bürgerin, der wichtigste Bürger Heilbronns. Des Jahres.

HANIX — Wirklich?

Meister Lampe — So sehen wir das, wenn’s anders ist, uns auch egal, es ist unwichtig. Wir hingegen küren den unwichtigsten Heilbronner und zeichnen ihn aus. Es gibt hier so viele Menschen, die umtriebig sind, die unheimlich viel machen, aber was die tun, hat keine Relevanz. Und diese Belanglosigkeit, die schätzen wir, die wollen wir für einen Moment herausheben, um zu zeigen: hier sind sie und sie haben im mindestens doppelten Sinne nichts zu sagen. Dafür gibt’s nen Orden.

HANIX — Und wer hat Chancen auf die Auszeichnung als unwichtigster Heilbronner?

Meister Lampe — Alle. Oder vielmehr jeder und jede. Ich will jetzt keine Berufsgruppe besonders herausheben, aber das ist eine Ehre, die einen ganz überraschend treffen kann.

HANIX — Das Falsche Hasenmahl findet 2012 zum ersten Mal statt? Ein bisschen spät nach 519 Jahren.

Meister Lampe — Vielleicht gab’s ja 1494 schon die erste Gegenveranstaltung, und es wurden dann alle gewaltsam niedergemetzelt, weiß man ja nicht. Wir sind jedenfalls die erste Veranstaltung dieser Art in der Moderne, in der Neuzeit. Obwohl, ganz sicher kann man sich nicht sein. Könnte auch sein, es gibt das jedes Jahr und es fällt nur nicht auf, weil es immer so gut gemacht ist. Weil es so unwichtig ist. Wir erwarten jedenfalls, dass es unwichtig bleibt, nicht wahrgenommen wird … wenn am nächsten Tag keiner mehr weiß, was los war, dann waren wir erfolgreich.

HANIX — Wie wichtig ist es, dass viele Menschen kommen?

Meister Lampe — Vielleicht für die, die die Reden halten, wär’s nett, uns ist es egal. Aber für die Menschen, die kommen, ist es sicher angenehm, zu sehen, dass auch noch andere kommen. Da sieht man sich und denkt: Ach Gott, der ist auch unwichtig. So wie ich. Das kann wohl ganz schön werden.

HANIX — Man wird ja auch nicht wichtiger, weil man beim Falschen Hasenmahl erscheint.

Meister Lampe — Um Gottes willen. Das muss belanglos bleiben, wir wollen ja keine Welle machen. Wenn es Kult wird, das wäre echt schlimm für uns. Revolution machen, Dinge verändern, Macht ausüben, das ist alles viel zu wichtig. Machen wir nicht mit. Wenn einer kommt, der sich wichtig machen will, würd ich jetzt sagen, den bekäme man im Normalfall eingenordet, aber bei uns hoffe ich, dass die Veranstaltung schon rein atmosphärisch solche Leute nicht anzieht.

HANIX — Apropos. Wie soll denn das Wetter werden am 22. September?

Meister Lampe — Es soll regnen. Wenn all diese unwichtigen Menschen nass werden wollen, was können wir dagegen tun? Nichts. Die wollen das doch vielleicht so, da freuen wir uns doch, dass auch unwichtige Menschen einen Weg gefunden haben, ihre Wünsche wahr werden zu lassen. Das macht Mut.

HANIX — Mut wozu?

Das wollen sie doch nicht wirklich wissen.

HANIX — Stimmt.

Meister Lampe — Mir doch egal.

HANIX — Das macht Ihnen Spaß, stimmt’s?

Meister Lampe — Unwichtige Dinge dürfen Spaß machen. Auch am 22. September dürfen straflos dreckige, flache Witze erzählt werden. Auch beim Hasenmahl sind die Reden ja angeblich humorvoll gemeint und so klingen sie auch. Da wollen wir mindestens gleichziehen, damit es hinterher nicht heißt, die wichtigen Leute hätten den ganzen Spaß in der Stadt. Außerdem kommt alles, was ernst ist, irgendwie so unangehm wichtig rüber. Man kann also sagen, Ernsthaftigkeit ist sowas wie unser Erbfeind.

HANIX — Soviel zum Spirit. Was ist die Message der Veranstaltung?

Meister Lampe — Wir wollen den hundert Gästen des echten Hasenmahls zeigen: schaut her, ihr seid wirklich was ganz Besonderes, die hundert Wichtigsten. Respekt. Wir sind bloß die hundertzweiundzwanzigtausendachthundert anderen Heilbronner. Aber auch wir können was bewegen.

HANIX — Jetzt wird’s spannend. Was können sie denn bewegen?

Meister Lampe — Nein, das … war nur’n Witz. Am Ende steht die Ebertbrücke voll, und die Treppe zum Theaterschiff auch, und alle kauen genüsslich und wippen im Takt, halten sich gegenseitig Regenschirme über den Kopf und haben ne super Zeit.

HANIX — Das will ja keiner.

Meister Lampe — Eben. Es ist ja auch noch Kulturnacht. Das ist doch schon mal was.

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