Kunstregion Oktober 2011

Sabine Kuehnle: Female Metamorphosis

Die prinzipielle Verwandlung, insbesondere die sich wandelnde Weiblichkeit unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen wird in Female Metamorphosis durch Sabine Kuehnle intensiv befragt. Angeregt durch einen längeren Aufenthalt in Finnland im Herbst 2010 setzte sich die Künstlerin mit den für die Finnen identitätsstiftenden Momenten der Mythologie und Naturnähe auseinander. Dabei weckten insbesondere die Gesänge um die wunderschöne Aino im finnischen Epos Kalevala die Aufmerksamkeit Kuehnles: Nach einem verlorenen Gesangswettkampf zwingt Joukahainen seine junge Schwester Aino, den greisenhaften Väinämöinen zu ehelichen. Sie entzieht sich dem brüderlichen Zwang durch den Gang ins Wasser und die Verwandlung in einen Fisch mit Hilfe der Meeresgöttin Vellamo. Da Aino in ihrer alten Welt nicht bleiben darf, die neue aber nicht erträgt, wählt sie selbstbestimmt einen Ausweg: die Umwandlung in eine andere, nicht anziehende Gestalt. Auch in der griechisch-römischen Mythologie bietet der fliehenden Nymphe Daphne die Metamorphose in einen Lorbeerbaum die letzte Ausflucht vor dem liebestollen Gott Apollon. Die mächtige Natur gewährt beiden Fliehenden die erwünschte Zuflucht.

 

In der Installation Female Metamorphosis greift die Künstlerin Motive aus den oben genannten Mythen und aus dem Alltag auf, um den Relationen zwischen gesellschaftlichem Druck, Weiblichkeit, Grenzerfahrung und Selbstbestimmung nachzuspüren. Nahezu alle Bestandteile der Arbeit erfuhren eine Metamorphose. Während die mit glänzender schwarzer Farbe gestrichenen Rigipswände unter äußerlicher Gewaltanwendung zerbrochen sind, welken die Blätter der von ihren überlebenswichtigen Wurzeln abgeschnittenen Lorbeerbäume vor sich hin. Beide Gestaltsveränderungen vermögen im übertragenen Sinne die zerstörerischen Kräfte der von außen einwirkenden kulturellen Normen zu verdeutlichen. Dass dessen ungeachtet Widerstand lauert, unauffällig, aber nicht völlig wehrlos, bezeugen die Sisu-Schachteln. Der schwer übersetzbare, finnische Begriff „Sisu“ lässt sich als „Beharrlichkeit“ oder „Kampfgeist in hoffnungsloser Lage“ auslegen. Der Glanz der Fotografie und der schwarzen Wand vermittelt die Selbstreflexion der Weiblichkeit, die durch das blonde Haar, das Material Ton als Sinnbild der Mutter Erde und das Sujet der Hochglanzfotografie verkörpert wird. Das Motiv der Fotografie gibt die Tapete eines finnischen Mädchenzimmers (Kinderzimmer von Pipsan Saarinen im Wohnhaus Hvitträsk bei Kirkkonummi, 1901–1903) wider, der ebenfalls eine Metamorphose widerfahren ist. Den kraftvollen Tönen wurde die Farbkraft entzogen, sie schimmern nun hautfarben und scheinen sich fast in Nichts aufzulösen. Erinnert das Kolorit an Körperhaut und damit auch an Körpergrenzen, so ermöglicht die zunehmende Farbauflösung, das beginnende Weiß, die Vorbereitung für etwas völlig Neues. Das Element Wasser als „etwas in sich geschlossenes Heiles“ und als Symbol des Lebens sowie der Erneuerung stellt einen idealen Ort für Zuflucht und Veränderung dar. Es findet in Female Metamorphosis seine künstlerische Umsetzung in den Vasen, die vom finnischen Designer Tapio Wirkkala (1915–1985) geschaffen wurden und formal an Wasserläufe erinnern, sowie in den Geräuschen, die aus den beiden Lautsprechern in den Vasen erklingen. Dieses Rauschen stammt von den Bewegungen des Wassers unmittelbar unter der Oberfläche eines ruhigen Gewässers. Die gesamte Installation Female Metamorphosis baut sich auf einer mehrwegfähigen Europalette auf. In der Realität wie auch im Kunstwerk gilt sie als Transportmittel. Während des metaphorischen Prozesses stirbt ein Teil des sich Wandelnden. In unserer heutigen Zeit mag dieses Moment zunächst wie ein Tod, wie ein Endpunkt erscheinen. Doch kann die Verwandlung auch als Wendepunkt, als Ursprung für etwas völlig Neues verstanden werden.

 

Astrid Becker

 

 

 

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