Musikkoffer April 2012

Ö(ZKAN): „Ich als in Deutschland geborener Türke weiß von was ich spreche“

HANIX — Hallo Özkan, wie kam es bei dir dazu selbst Musik zu machen?

Ö— Als ich zwölf Jahre alt war kam mein Vater aus der Türkei und brachte eines seiner Lieblingsinstrumente mit. Es war ein Saz, das ist die orientalische Version einer Gitarre. Kurzum drückte er mir damals das Saz in die Hände und sagte : `Lern das!´ Er selbst spielt übrigens bis heute kein Saz. Wir fanden damals einen Saz Lehrer, einen türkischen Musiker der aufgrund einer Schwangerschaft in Deutschland hängengeblieben ist statt seine Tour fortzusetzen. Der kleine Ö machte dann etwa zwei Jahre den Unterricht mit, bis er feststellte dass es abseits der türkischen auch andere Musik gab. Fortan hörte ich Hip Hop, als Junger Türke nicht ungewöhnlich behaupte ich mal. Erst etwas später entstand dann ein Draht zur Rockmusik.

HANIX — Das Saz beiseite gelegt, die Gitarre gegriffen. Fiel dir dieser Wechsel technisch leicht?

Ö— Eigentlich ist es kein riesiger Unterschied. Es sind ja beides Saiteninstrumente, beide haben einen Klangkörper. Für mich war die größte Umstellung der Sprung von den viertel Tönen des Saz hin zu den halb Tönen der Gitarre. Man muss ganz anders greifen. Ein Saz hat drei Saiten, eine Standard Gitarre sechs. Ich begreife das Saz als halbes Soloinstrument. Du spielst damit keine Akkorde.

HANIX — Wie und wann kam es dazu, dass du dich ernsthaft mit dem Thema Musik machen beschäftigst?

ö— Das reifte durch den Kontakt zu einem guten Freund namens Urs Gögler, einem Vollblutmusiker der Gitarre und Trompete spielte und einer Jazzband zugehörig war. Wir begannen irgendwann miteinander zu jammen und da hat es mich gepackt. Etwas später verschlug es mich dann zum ersten mal nach Mannheim wo wir unsere erste Band gründeten. Damals spielten wir so eine Art Britpop. Nach einem Jahr und in einer Phase in der wir uns gerade so richtig gefunden hatten, musste sich die Gruppe aus beruflichen Gründen leider viel zu früh auflösen.

HANIX — Jetzt hast du mit HOME IS WHERE MY BABY SLEEPS ein ganzes Album produziert. Wie entstand dieses Projekt?

Ö— Ein Freund meiner Frau hat ein Studio und nachdem wir uns kennengelernt hatten beschlossen wir mal etwas gemeinsam aufzunehmen. Das lief dann so gut, dass wir uns gesagt haben, `lass uns ein ganzes Album aufnehmen´ und das konsequent durchziehen. Konsequenz war jetzt echt mal angesagt da ich ursprünglich geplant hatte mit fünfundzwanzig mein eigenes Album zu haben. Doch durch einige Wohnsitzwechsel habe ich es nicht geschafft mich in irgendeiner Formation festzuspielen. Jetzt habe ich mir gesagt: Scheiß drauf, dann mach ich es halt alleine. Letztendlich haben wir jetzt ein halbes Jahr an diesem Teil gearbeitet. Ich kann mittlerweile die meisten Instrumente selbst einspielen, bin somit nicht mehr von anderen abhängig.

HANIX — Woher kam die Inspiration?

Ö— In dem Moment als mir meine Frau mitteilte, das Sie schwanger ist, bekam ich einen extremen Schub mir und uns nun endlich den Wunsch nach einem eigenen Album zu erfüllen. Daraus zog ich enorme Kraft. Der Gedanke, meinem Sohn irgendwann einmal zeigen zu können was sein alter Herr so für Musik gemacht hat, war mein Antrieb.

HANIX — An welchen Musikern oder Bands orientierst du dich?

Ö— Wie bei vielen Gitarristen steht da auch erst mal bei mir ein Name: Jimi Hendrix. Einfach extrem abgefahren wie der Mann gespielt hat. Total faszinierend, wie er sich in eine andere Bewusstseinsebene spielte um dann schlagartig wieder ein Teil der Band wurde. Als es mich früher weg vom Hip Hop und hin zur Rockmusik zog war auch Lenny Kravitz präsent. Wobei ich seine Sachen von heute nicht so prickelnd finde. Bei Kings of Leon verhält sich das ganz ähnlich wie bei Lenny. Die ersten zwei Alben sind der Hammer. Doch dann haben sie sich leider dazu entschlossen mehr Geld verdienen zu wollen. Durch meine erste Band bin ich auch eine ganze Zeitlang auf den damals gängigen Britpop fixiert gewesen. Maximo Park, Oasis und Blur. Nur dann fing das alles so extrem mit dem mp3 Herumgeschiebe an. Mein inniger Bezug zu Küstlern oder Bands ließ durch diese Entwicklung drastisch nach.

HANIX — Wie meinst du das?

Ö— Nun, klar hat eine mp3 Vorteile. Sie ist klein und verdammt schnell. Wenn du heute einen mp3-Player mit einem Discman von früher vergleichst, muss man zugeben, dass der Discman ziemlich groß war und sein Batterieverschleiß pervers. Dieser technische Fortschritt ist toll. Aber irgendwann sammeln sich auf dem Rechner Gigabyte von Musikdateien, die dann langsam an Bedeutung verlieren. Es ist heutzutage einfach zu viel um sich komplett um die eigene Musiksammlung kümmern zu können. Die Musik verliert an Wert. Es wird nicht mehr jedes einzelne Stück wahrgenommen. Also sagte ich eines Tages `Schluss damit´. Ich habe meine ganze Festplatte gelöscht und begann wieder CDs zu kaufen. Das war eine gute Erfahrung. plötzlich wieder festzustellen, dass es ja auch ein Booklet gibt mit tollen Fotos oder interessanten Informationen zu Künstlern oder beteiligten Personen. Ein richtiges Artwork. Es ging dann sehr schnell wieder eine Bindung zu der Musik herzustellen.

HANIX — Zurück zum Album. Was passiert nun damit?

Ö— Schritt eins war erst einmal dieses Ding für mich und meine Familie fertig zu bekommen. Nichts desto trotz bin ich sehr stolz auf diese Geschichte und freue mich nun auf den Gang in die Öffentlichkeit. Den Druck, damit nun gesignt werden zu müssen, verspüre ich überhaupt nicht. Es läuft keine Marketingmaschinerie im Hintergrund, ich entscheide selbst welches Label diese Stücke zu hören bekommt. Ich bin dabei sehr entspannt und werde die nächsten Wochen einfach auf mich zukommen lassen. Bei mir gibt es ja noch eine Frau, ein Kind und einen Beruf. Für Vollzeit Marketing fehlt mir definitiv die Zeit. Aber auf der Musikmesse in Frankfurt werde ich die Werbetrommel rühren und hoffe einfach, dass sich abseits davon etwas ergibt. Für alle die sich das ganze Album besorgen und reinziehen möchten: Das Album wird die nächsten Tage im Heilbronner Plem Plem erst mal vorab exklusiv erhältlich sein.

HANIX — Denkst du deine Musik lässt sich einer speziellen Zielgruppe zuordnen?

Ö— Zumindest mache ich diese Musik nicht für eine Zielgruppe. Dieser Sound, das bin ich und das kommt von innen. Das muss raus, da denke ich nicht bewusst an die Menschen, die das irgendwann einmal hören sollen. Ich habe das Bewusstsein, das ich nicht allen gefallen kann, denn Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

HANIX —Du bist türkischer Staatsbürger, lebst aber schon dein ganzes Leben in Deutschland. Wie fühlt sich dein Leben hier für dich an?

Ö— Ich wurde vor fast dreißig Jahren hier, genauer gesagt in Bad Friedrichshall, geboren. Und seitdem wohne ich ununterbrochen in Deutschland. Ich bin hier aufgewachsen und kenne gar nichts anderes. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr verbrachte ich mit meiner Familie viel Zeit in türkischen Gemeinden, alles war sehr traditionell orientiert. In unserer Nachbarschaft waren damals sehr viele türkische Familien untergebracht. Somit lernte ich auch mitten in Deutschland unsere Werte und Traditionen bestens kennen. Erst als wir umzogen hat sich mein Freundeskreis kulturell vermischt. Türken, Deutsche, Italiener oder Russen – irgendwie war plötzlich alles da. Wir sind doch alle gleich. Das wurde mir in dieser Phase richtig bewusst. Heutzutage ist mir das unterteilen in verschiedene Nationalitäten zu wider, ich verkehre mit allen Menschen. Ich bin ja selbst stolzer Vater eines deutsch-türkischen Kindes und ich fühle mich nicht als Ausländer hier. Ich spreche die Sprache, trinke gern Bier, aber ich habe auch die andere Seite der Integration gesehen, insbesondere in Mannheim. Da triffst du türkische Kids die in der dritten oder vierten Klasse sind und so gut wie überhaupt kein deutsch sprechen, da sie Zeit ihres Lebens nur mit gleichsprachigen türkischen Kindern aufwachsen. Das die sich wie Ausländer fühlen, erklärt sich dann von selbst.

HANIX —Wie steht es um deine Familie und dein Elternhaus? Sind deine Eltern konservativ oder eher westlich orientiert?

Ö— Natürlich wahren wir die türkische Tradition, sind aber auch schon aufgrund meines Vaters Selbstständigkeit voll integriert. Es gibt sicher bestimmte Dinge, die für uns nicht in Frage kommen aber das empfinde ich überhaupt nicht als Zwang, den eine eigene Kultur und eine eigene Identität ist etwas schönes. Es ist schon etwas besonderes wenn ich konservative türkische Verwandtschaft besuche. Man taucht plötzlich wieder in eine ganz andere Welt ein. Das genieße ich auch regelrecht. Der Umgang der Menschen untereinander ist von viel Respekt, insbesondere den älteren gegenüber, geprägt. Allerdings sind ein paar Dinge auch unfair. Gerade die Mädels bei uns haben es schwierig. Das liegt meiner Meinung nach daran, das sich Familien die vor 20 oder 30 Jahren hier her gekommen sind, zurückgezogen haben und nur unter sich blieben. Somit konnten sich diese Ansichten nicht zeitgemäß weiterentwickeln. Ich bin selbst immer wieder bei Besuchen in der Türkei überrascht, wie entspannt die Menschen dort unten sind. Da hat sich einiges getan in den letzten Jahren.

HANIX — Wurdest du als Türke, der in Deutschland geboren ist, auch einmal Zielobjekt nationalsozialistischen Frusts?

Ö— Glücklicherweise wurde ich extrem selten mit dem klassischen Nazi konfrontiert. Ich kann sogar eine Geschichte mit schönem Ausgang erzählen. Bei einem Schullandheimausflug fuhren damals zwei Schulen gemeinsam fort. In unserem Bus saßen drei Jungs, die sich der Nazikultur zugehörig fühlten, genauso wie ich mich zu dieser Zeit der Hip-Hop-Bewegung zugehörig fühlte. Auf der Hinfahrt war extrem dicke Luft im Bus, es hat geknistert. Nach einer gemeinsamen Schullandheim Woche lagen wir uns auf der Rückfahrt in den Armen und feierten alle zusammen. Es ging doch überraschend schnell, die vorhandenen Barrieren einzureißen. Gerade bei jungen Menschen sieht man doch sehr deutlich, dass sie einfach nur einer Gruppe zugehörig sein möchten. In ländlichen Gegenden wird man halt schnell zum Nazi, weil es einfach keine ernstzunehmenden Alternativen gibt.

HANIX — Wie kommst du als türkischer Rockmusiker bei konservativen Türken an?

Ö— Ich habe nicht das Bedürfnis konservative Menschen meine Philosophie oder Lebenseinstellung erklären oder gar aufzwingen zu müssen. Ich passe mich an und begegne ihnen mit Respekt. In aller Regel bekommst du dann auch Respekt zurück. Außerdem bin ich jetzt selbst Familienvater. Das wird gerade bei uns sehr honoriert und man begegnet mir jetzt automatisch anders. Ich gelte jetzt nicht mehr als das Kind, auf das man ständig ein Auge haben muss sondern ich bin jetzt ein Mann mit einer eigenen Familie.  

HANIX — Es fällt immer wieder der Begriff Parallelgesellschaft in Deutschland. Du scheinst beide Seiten zu kennen.

Ö— Absolut. Wie gesagt, verbrachte ich meine Kindheit mehr oder weniger selbst in einer Parallelgesellschaft. Erst durch die Veränderungen in meinem Freundeskreis konnte ich mir einen genaueren Einblick in die deutsche Kultur verschaffen. Und mit den Jahren und einer gewissen Lebenserfahrung und Reife verstehe ich die Deutschen viel besser und kann gewisse Vorurteile gegenüber Ausländern auch nachvollziehen.  

HANIX — Wie stehst du zu dem Thema Integration?

Ö— Meiner Meinung nach sind bei diesem Thema viele verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. Ein kleines Beispiel: Ich habe in Mannheim in einem Viertel gewohnt, vergleichbar mit dem Kreuzberg in Berlin vor ungefähr zehn Jahren. Entweder Punk oder Kanacke. Etwas anderes gab es nicht. Da hat mich dann schon interessiert, warum so viele Ausländer auf diesem einen Fleck zusammen wohnen. Zum einen gibt es das Thema Mietpreise. Zum anderen hast du als Ausländer, der nicht fließend der deutschen Sprache mächtig ist, kaum eine Chance auf eine Wohnung in einem besseren Viertel. Da ist meist das Gespräch am Telefon schon beendet ehe es überhaupt richtig angefangen hat. Es gibt auch Familien, die wollen eben neben der Tante oder dem Onkel wohnen. In der Gemeinschaft fühlt man sich auch nicht mehr so sehr alleine. So entsteht dann eine richtige Parallelgesellschaft und die gelungene Integration bleibt auf der Strecke. Wenn man eben nicht diese Gemeinschaft um dich herum hast, musst du dich zwangsläufig für andere Menschen oder Kulturen öffnen. Das war auch irgendwie unser Glück. Ich denke man kann bei dieser Debatte auch nicht die ganze Schuld beim Staat oder dem System suchen. Auch bei den Ausländern gibt es teilweise wenig Antrieb etwas an Ihrer Situation zu ändern. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich im Laufe der Zeit dieses Problem durch immer wiederkehrende Generationswechsel von selber löst. Das extrem Konservative wird nicht von Generation zu Generation vererbt. Die Nachrückenden werden sich immer mehr öffnen, auch wenn es noch eine ganze Ecke dauern wird. Geduld ist hier der Schlüssel den alle suchen.

HANIX — Zurück zur Musik. Siehst du dich eher als Live- oder Studiomusiker?

Ö— Für mich hat definitiv beides seinen Reiz. Im Studio ist diese Entwicklung von einer Idee zu einem fertigen Stück echt geil. Beim Livespielen ist der direkte Kontakt zum Publikum und auch das Volumen des Sounds und die Lautstärke super Intensiv. Leider komme ich momentan nicht wirklich zum Livespielen da mir einfach eine Band fehlt. Beim Album habe ich tatsächlich die meisten Parts auf verschiedenen Instrumenten selbst eingespielt. Aber ich habe definitiv extrem Bock Live zu spielen, keine Frage. Auch wenn ich derzeit etwas viel abseits der Musik um die Ohren habe steht für mich fest, dieses Album unbedingt live spielen zu wollen.

HANIX — Das heißt du castest derzeit eine Band?

Ö— Nein. Aber ich würde natürlich gerne andere Musiker kennenlernen, die mit meinem Sound etwas anfangen können und Lust haben, gemeinsam was zu starten. Keine Frage. Interessierte können sich ja gerne über das HANIX-Magazin bei mir melden.

HANIX — Deine Message an die HANIX-Leser lautet?

Ö— Jimi hat einmal gesagt «Musik wird die Menschheit verändern« und ich finde bei denen, die sich der Musik öffnen, geschieht das Tag täglich. Und direkt an die Leser gerichtet: Bleibt entspannt, liebt euren Nächsten. Respekt und Toleranz sind angebracht. Ich als in Deutschland geborener Türke weiß von was ich spreche.

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