Musikkoffer Dezember 2012

Nicolai Köppel: Der Backkatalog meiner Popepoche

Alles von 1972 wird heuer 40 Jahre alt. Was bedeutet, dass auch ich ein Alter erreiche, in dem man angeblich unempfindlicher für neue Einflüsse wird. Man kann dabei zugucken oder -hören: der eigene Musikgeschmack friert ein, härtet aus wie Klebstoff, stockt wie eine Tütensuppe in zu wenig heißem Wasser. Vorbei die Tage, in denen man aus lauter Experimentierfreude einen Schuss Sahne in den Früchtetee gab, nur weil es ungewohnt und irgendwie geil war. Bescheuert? Egal. Mittlerweile kommt nix oder wenigstens kaum Neues dazu. Die Welt scheint entdeckt, und alles Aktuelle nur Variation und Abart des Bekannten. Und selbst wenn man Zugeständnisse an die Erneuerer der Popmusik macht (vorausgesetzt, man hört von ihnen), der Speicher ist beängstigend voll, nichts jetzt noch Unbekanntes kann einen je so erregen wie die Musik, die man mit Mitte Zwanzig gehört hat, bis man sie auswendig konnte und immer noch kann. Läuft das unter Lernkontrolle? Das stete Wiederhören des eigenen CD-Regals, und sei es, weil man seine Sammlung sukzessive auf mp3 zieht, um das Regal Richtung Keller leeren zu können, damit mehr Platz für Kinderspielzeug und Steuerunterlagen ist? Von dieser traurigen Spirale ausgenommen sind angeblich die meisten Musiker. Aber ich? Die 24 Dur- und Mollakkorde auf der Gitarre kriege ich gegriffen und abgeschraddelt. Aber eigentlich bin ich doch eher Autor als Musiker – schließlich habe ich mal eine Story über eine vermasselte Bandgründung geschrieben, aber keinen einzigen Song über vermasselte Erzählstränge. Anyway. Meine Musikerkarriere war ohnehin beendet, als in der Bedienungsanleitung meines ersten Vierspurgeräts sinngemäß stand: „Dieses Equipment ist technisch besser als alles, was die Beatles bis 1967 zur Verfügung hatten.“ Da wusste noch jemand, wie man bei unschuldigen Interessierten erstklassigen Leistungsdruck aufbaut.

Fast ein halbes Jahrhundert später ergibt die aktuelle Recherche: von der Top-20 der deutschen Longplayercharts kenne ich genau die Hälfte der Interpreten, nämlich diejenigen Nasen, die schon seit über zehn Jahren im Geschäft sind. Von den Liedern, die in Deutschland 1972 das intensivste Airplay hatten, kenne ich nur drei Interpreten gar nicht, vermute aber, die Melodien der Songs irgendwo abgespeichert zu haben. Viel schwerer wiegt, dass ich einen Gutteil der siebzehn restlichen Songs aktiv im Ohr habe, man muss sie nur antippen, indem man zum Beispiel ‚One way wind‘ sagt – mist, jetzt krieg ich’s für minimal eine Stunde nicht mehr los. In mir ist die GEZ-Gebühr meiner Eltern wirklich gut angelegt. Vorabfazit: Aufatmen über die spontane Belanglosigkeit der aktuellen Neuzugänge paart sich mit Enttäuschung, und die Diagnose steht: wieder ist jemand an der Schwelle zum fortgeschrittenen Alter für musikalische Entdeckungen unempfindlich geworden.

Wirklich wahr? Ganz Gallien?

Was, wenn nicht? Was, wenn alles ganz anders ist? Um das herauszufinden, habe ich mir sieben Alben des Jahres 1972 vorgenommen, die ich bisher verpasst oder ignoriert hatte. Alben, die ich trotz ihrer teilweise unstrittigen Bedeutung nie aufmerksam gehört habe, treffen hier auf eine Leerstelle in meiner Popsozialisation. Der Eindruck könnte also frisch sein – wenn ich wirklich schon vollvernagelt bin, habe ich sicher auch keinen Bock auf den Backkatalog meiner Popepoche. Wer das bezweifelt, soll zehnmal schnell hintereinander “Ich hab Bock auf den Backkatalog meiner Pop-Epoche” sagen.

David Bowie: The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars

Zum dreißigjährigen Jubiläum dieses Albums wurden vor knapp zehn Jahren vier Bowie-Songs mit einem Hochleistungslaser ins All gesendet. Hui. Wie geht das denn technisch? Nicht, dass ich eine fundierte Antwort auch nur im Ansatz verstehen würde. Wie weit hat denn der Laser so etwa genau gesendet? Oder ist die galaktische Sendung immer noch unterwegs? So schnell knallt man ja nicht gegen irgendwas da draußen. Kann es sogar sein, dass auf dem Rücksitz des für die Sternennacht mit der laufenden Nummer 564.629.26 geliehenen elterlichen Raumschiffs tentakelglitschig fummelnde Teenageeraliens plötzlich Bowies „Starman“ aus den Boxen hörten? Haben sie ihn in ihre eigene Komposition „Kuonf grarlnl B.11“ eingebaut und den Erdling Bowie so um Tantiemen in Höhe von fast 90000 Quargxl geprellt? Oder kommt das noch?

Ein Gutes hat die Sache. Nein, zwei: a) wir werden es nie erfahren, und wenn doch, ist Bowie b) der einzige im Kern hochorganisiert Durchgeknallte, dem ich einen vorbildlich entspannten Umgang mit so etwas Abgespactem zutrauen würde. Wenn David Bowie nicht nur einer der reichsten und einflussreichsten, sondern auch bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts war (kann man so sagen, denn er lebt zwar noch, aber das Jahrhundert ist vorbei), dann weil ihm die Künstlichkeit und die Kunst so aus jeder Pore kroch wie vorher nur einem wie Salvador Dali. Und so lautet meine Zentralbemerkung über David Bowies Konzeptalbum nur: interessant. Immer noch. Bleibt auch so. Wird nicht öde. Fließt in der Erinnerung nicht mit irgendwas anderem zusammen. Außer mit anderem Frühmittsiebzigerbowie. Verzeihlich wie die vielen Schlagzeugintros. Aber eben auch interessant. Zutiefst. Ja, dann entschuldigen Sie eben, aber ich kann doch hier keine Alben besprechen, die ich gar nicht mag. Wer die Story des verdammten Messias erzählt bekommen will, kann ja den Wikipedia-Eintrag über Ziggy Stardust lesen. Dort steht auch, dass Fans zu der Telefonzelle gepilgert sind, die auf dem Cover zu sehen ist. Kann ein Musiker, den ich nicht mag, bitte mal ein Kultalbum machen, dessen Coverfoto am Rand eines steilen, regelmäßig von ebenso plötzlichen wie heftigen Sturmböen heimgesuchten Kliffs aufgenommen wird? Ich warte so lange in der Telefonzelle.

Lieblingszeile: „I never thought I’d need so many people.“

Nick Drake: Pink Moon

Pink Moon ist einer von den Spitzenbandnamen, die noch frei sind. Nach so einem Song, so einem Album benennt man sich nämlich nicht. Über die versuchte Entweihung von Nick Drake in der Autowerbung hat Wiglaf Droste vor über zehn Jahren alles Nötige und mehr gesagt. Eine Vereinnahmung ist fehlgeschlagen, und Pink Moon ist wegen des frühen Todes von Nick Drake so eine unfreiwillig-zum-Vermächtnis-geworden-Platte. Mag sein, dass er mal rumlief, Kaffee kochte, Pickings übte, Müll runterbrachte, kicherte oder weinte. Aber das ist lange her. Für mich ist Nick Drake seit Herbst ‘74 in den Wäldern, bei Nebel erst recht, bei Sonnenaufgang oder in der Dämmerung, bei Mondaufgang. Ein ‚rosa Mond‘ ist dem Aberglauben nach ein böses Omen. Er ist unterwegs zu uns, singt Nick Drake, aber es klingt irgendwie hoffnungsvoll und sehr überzeugt. Daraus schließe ich: entweder es ist Zeit, dass wir lernen, dass uns der rosa Mond nichts anhaben kann – oder das Leben der Güter höchstes nicht ist. Der rosa Mond wird euch alle kriegen, singt Nick Drake. Wehrlosigkeit kann einen ganz schön locker machen. Einerseits.

Das ganze Album ist voller Melodien, die nach dem ersten Hören wie schon immer da waren, die nicht präsentiert, sondern verschenkt werden. Auf dem später vom leicht psychedelischen Originalcover vermutlich aus Verkäuflichkeitsgründen wegdesignten Pappschuber meiner Pink-Moon-CD von 1995 lächelt Nick Drake, und mir kam es immer so vor, als lächelte er, weil er diese Melodien endlich los ist. Die Aufnahmen zu diesem Album hat er, so die Legende, einfach bei seiner Plattenfirma an der Pforte abgegeben, heißt es, diese halbe Stunde Musik wurde nicht vertrauensvoll übergeben, sondern eher ausgesetzt. Wir haben sie adoptiert, und sie haben es gut bei uns. Keine Begleitband, kein Orchester, fast die ganze Platte ist der der erste Take, heißt es, alles in nur zwei Nächten eingespielt. Die Latte hängt hoch. Da kann sie auch bleiben. Hohe Latten sind etwas Beruhigendes. Andererseits …

Drei Platten gibt es von Nick Drake, ehe er sich selbst in die Psychiatrie einwies und zwei Jahre später starb. Hätte er noch ein halbes Jahr länger durchgehalten, hätte er der kreuzdummen Journalistenerfindung ‚Club 27‘ beitreten müssen, und mehr Menschen würden ihn dank der Popularität dieser zutiefst bekloppten Liste kennen. Mir ist’s lieber so, wie’s ist. Drei Platten, so wie es drei James-Dean-Filme gibt, nur besser und ohne tragisch sinnlosen Autounfall. Den hat dann die bescheuerte Marketing-Abteilung von VW nachgeholt. Euch kriegt der rosa Mond auch noch. Bis dahin gründen wir einfach mal keine Band, die so heißt.

Lieblingszeile: „Look around you’ll find the ground is not so far from where you are.”

The Rolling Stones: Exile on Main St.

Jetzt wird’s peinlich. Ich kenne von den Stones nur das, was man unweigerlich mitkriegt. So diese Welthits halt. Da man Mick Jagger gut raushört (kommt mir nicht mit Van Morrison, ich bin doch nicht taub), weiß ich auch, dass mir kein Erlebnis Marke „Ach, das kenn ich, das ist von den Stones?“- mehr blüht. Was ich nicht kenne, kenne ich nicht, und das sind bei einem Ausstoß von 22 Studioalben in fünfzig (!) Jahren Bandgeschichte höchstens zwei Prozent. Man muss ja auch zu seinen Lücken stehen? Hier wiegt jetzt allerdings schwer, dass ich gerade von der 1972er „Exile on Main St.“ keinen einzigen Song kenne. Rip this joint? Ventilator Blues? I just want to see her face? Shine a light? Unrhythmisches Schulterzucken meinerseits. Das ist mir dann doch arg und ich spiele mir die knapp 67 Minuten auf den mp3-Player und gehe joggen. Mein alter Freund und Allroundkenner Rüdiger meint, es lohnt sich, obwohl Keith Richards nach Abschluss der Rohaufnahmen wegen Drogen nicht mehr ins Studio nach Frankreich zurückdurfte und die anderen das Album ohne ihn fertig gemacht haben. Öha.

Zurück vom Joggen. Bei der Musik kann man nicht joggen. Also ich nicht. Eingespielt im ehemaligen Gestapo-Hauptquartier an der Cote d’Azur wurde diese Platte? Wahrscheinlich spüre ich das unterschwellig. Bis auf Charlie Watts waren die Rolling Stones 1972 noch alle unter dreißig, haarscharf die erste Nachkriegsgeneration. Aber irgendwas in mir weigert sich. Die ganze Platte kommt wie vor wie eine Sorte Aufschnitt, die es im Supermarkt schon immer gab, und soo groß zu irgendwelchen anderen Wurstsorten ist der Unterschied nicht. Außerdem bin ich derzeit mal wieder Vegetarier, habe den Blues nicht und irgendwas in mir sagt außerdem, dass ich die mir in Interviews aus diversen Jahrzehnten als okay sympathische Schwadronierwesen bekannten Herren Jagger und Richards als Musiker nicht kapiere. Vermutlich hätte ich in den 60ern und 70ern mit ihnen abhängen können, bei der Gelegenheit einen englischen Akzent lernen, für den es im mündlichen Englisch-Abi Punktabzug gegeben hätte – aber wenn Mick und Keith die Instrumente rausgeholt hätten, wäre ich kurz vorher immer ganz zufällig eben aus dem Raum gegangen gewesen.

Hatte ich nicht Horizonterweiterung im Sinn gehabt? Der ebenfalls herrlich englische Stephen Fry schrieb selbstironisch, dass er mit 20 wie ein 40jähriger wirken wollte, mit über 40 dann aber wieder wie allerhöchstens 30. Vielleicht geht es mir mit den Stones eines Tages ähnlich. Wie das dann allerdings aussieht, weiß ich auch nicht. Horizonterweiternd, vermute ich. Muss Rüdiger nochmal fragen. Wenn alles Horizont ist, steht man doch wohl auf einer Insel. Und nur mit diesem Album? Das muss ich noch nicht mal dankend ablehnen. Zuviel Saxophon, zuviel Gospel, zuviel simple Geht-gut-ab-Mucke. Mick Jaggers Stimme ist stark in den Hintergrund gemischt. Und ich denke, ich weiß, warum.

Lieblingszeile: „Everybody’s trying to step on their Creator / Everybody gonna need some kind of ventilator.”

Ton Steine Scherben: Keine Macht für niemand

Musikalisch: gegen die Rolling Stones klingen TSS 1972 im Direktvergleich wie der Raumpatrouille-Soundtrack gegen Pink Floyd. Die Texte sind direkt, schlau und unverhirnt und daher ganz schön anstrengend. Volles Verständnis für den Nichtakademiker, der sein scherbenhörendes Kind erstmal auf unguten Abwegen vermutet hat. Beeindruckend der Optimismus, der selbst von einem simpel gemusterten, schier brechtmäßigen Song wie „Menschenjäger“ ausgeht. Die deutsche Depressivtoleranz hielt wohl erst mit dem Behutsamkeitszwang der Friedensbewegung Einzug. Rio Reiser kommt noch aus dem bewaffneten Widerstand, Hausbesetzerszene, da gehörte Kloppen immerhin rhetorisch noch zum Handwerk. Und das Gefühl, etwas bewegen zu können, macht bekanntlich frohgemut. Derlei Pathos findet heute nur noch im subventionierten Hauptstadttheater statt, und Campino macht die Jobs, die Rio zum Glück nicht mehr annehmen kann. Beim ungnädigen Überleben trifft es selten die Falschen. Immerhin kriegen wir so ganz sicher kein „König von Deutschland“-Musical. Aber es fehlt eben auch ein über Jahrzehnte geachteter Musiker, der aufstehen und sagen könnte „Das hab ich vor vierzig Jahren gesagt und die kapieren’s immer noch nicht!“, einer, der sich nach einem meiner Lieblingsbücher „Anton Reiser“ von 1785 nicht mehr Ralph Christian Möbius nennen wollte, sondern Rio Reiser, einer, der sich als damals öffentliche linke Identifikationsfigur schon 1970 als schwul outete. Ein Mensch der Marke geradeaus, der den Kapitalisten doch irgendwie recht höflich „Aus dem Weg“ von hinten ins Ohr schreit, anstatt sie umzurennen. „Die letzte Schlacht gewinnen wir!“ Welche war das noch gleich? Ach so, kommt noch.

Lieblingszeile: „Weißt du jetzt, dass du frei bist?“

Genesis: Foxtrot

Peter Gabriel hat seit den späten 70ern ein paar Songs veröffentlicht, die mir ans Herz gehen wie nichts sonst, und ich meine nicht eine leider mittlerweile ins Werk passende Streichquartettversion von „Sledgehammer“, sondern eher und nur zum Beispiel das epochale „Here comes the flood“. Warum aber kenne ich die frühen Platten aus seiner Genesis-Zeit mit Ausnahme von „The Lamb lies down on Broadway“ nicht auch auswendig? Eine mögliche Antwort fängt mit P an und hört mit hilcollins auf. Trotzdem steht die 1972er „Foxtrot“ als einzige Genesis-Platte neben dem Broadwaylamm im heimischen Plattenregal. Also unter die Nadel damit.

Das mit 6 Songeinheiten in 50 Minuten (wobei „Supper’s ready“ 22 Minuten ausmacht) recht kurze Album drängt mir den Begriff „sperrig“ auf, weil es eigenwillig, symphonisch und vordergründig kompliziert daherkommt. Orgelwabern eröffnet das Werk und wird nach knapp 90 Sekunden grob ausgefadet, bevor das Schlagzeug mit frickeligen Beats in jazziger Taktung daherkommt. Wenn man hört, wie gut der kleine Phil mal getrommelt hat, hasst man seine Soloweichspülcreme noch mehr. Vor 40 Jahren hat Peter Gabriel Haare und Songs noch lang und getragen wachsen lassen, die Textbilder sind mystisch, spirituell, heroisch und sozialbewegt, die Sprache ist nicht nur englisch, sondern british.

Genesis war einst ein Gesamtkunstwerk im wagnerschen Sinn, bevor das Projekt in diverse Weltkarrieren aufbröckelte und der verbliebene Kern der Band wie ein erhitztes Maiskorn zerpoppte. Kein Song von „Foxtrot“ läuft heute im Radio. Man kann diese Songs nicht auswendig im Kopf haben, wenn gefälliges Gedudel zwischen Staumeldungen längst die Synapsen konditioniert hat. Aber inwendig, das geht. Das ist ein Klassiker, den es sich zu kennen lohnt.

Lieblingszeile: “Why can we never be sure till we die / Or have killed for an answer?”

Scorpions: Lonesome Crow

Nein, jetzt kommt nicht das Fremdschämsegment. Wer’s nicht weiß (so wie ich bis vor einer guten Stunde): Die Scorpions aus dem 1972 vom hornbebrillten Sozialdemokraten Alfred Kubel regierten Niedersachsen kriegten es vor vierzig Jahren hin, ansatzweise wie eine Band auf dem Sprung zum Weltniveau zu klingen mit ihrem leicht angekifft swingenden Hardrock im Geiste von Led Zeppelin und Black Sabbath. Im Ernst. Und es gibt eine halbe Minute in „It all depends“, bei der ich niemanden hassen würde, der annehmen würde, das könnte jetzt auch Cream sein. Am allerwenigsten natürlich mich selbst. Es gibt kaum Schlimmeres für eine Musiksozialisation, als wenn man die Kopien früher kennenlernt als die Originale. Vorausgesetzt, die Kopie ist relativ platt. „Lonesome Crow“ klingt auch nicht schlimmer als viele Klassiker, die im Radio gespielt werden.

Unerwartetes Fazit: das ganze Album fällt als Stilmix seiner Zeit angenehm auf, noch angenehmer ganz sicher, wenn man nicht weiß, dass es sich hier um die späteren Mauerfallbepfeifer handelt, die versucht haben, mich gegen meinen willen wie ein Hurrikan zu rocken. Unter gewissen Voraussetzungen haut einen „Lonesome Crow“ direkt um. Stimmt natürlich immer, wenn die Voraussetzungen passen. Oft sind sie schwer herzustellen (Meine pubertäre Chris-de-Burgh-Phase halte ich heute für ein Meisterstück der unbewussten Selbstmanipulation mit allerdings gänzlich unbekanntem Zweck und Ziel, strategisch an Vertracktheit leicht der Atomspaltung vergleichbar). Hier ging es ohne große Überwindung ab.

Nur das mit dem Scorpion’schen Weltniveau hat der Welterfolg der Jahre nach 1972 relativ rasch und überraschend, ich finde sogar übertrieben gründlich und sehr penibel erledigt. Wer weiß, was sonst draus geworden wäre. Niedersachsens größte Rockband wären sie wahrscheinlich geblieben. Hoffentlich. Obwohl. Jetzt sind sie die erfolgreichste Hardrockband Kontinentaleuropas. Ever. Bizarr, das.

Lieblingszeile: “The smile and installations are my pain” bzw. „Yeeeeah, action time“

Neu!: Neu!

Irgendwann wird meine Tochter fragen: wie war das denn eigentlich früher? Und wenn sie damit nicht gerade die Zeit von etwa 1979 bis 2012 herum meint, muss ich vielleicht sagen: was weiß denn ich? Früher war ich auch erst fünf oder noch schlimmer und wusste nicht, wie das ist, was ist, und konnte es mir auch nicht merken deshalb. Wenn ich gewusst hätte, dass es mir später was ausmacht, nicht zu wissen, wie es war, hätte ich vielleicht damals besser aufgepasst. Oder auch nur mehr auf andere Dinge geachtet als sonst, mit dem (-> Heisenberg) Resultat, dass mich heute ganz andere Leute dasselbe fragen würden wie die Leute, die ich schon kenne. Ich beschwere mich nicht. Ich mag die Leute, die ich kenne. Alles andere ist Starkult.

Apropos: Neu! haben ihre erste Platte im Dezember 1971 aufgenommen, und da das Geschlechtsleben meiner Eltern so übersichtlich gewesen zu sein scheint, dass meine Mutter mit einem konkreten Datum aufwarten kann, was meine Zeugung am frühen Nachmittag angeht, kann ich dank der präzisen liner notes von Neu! davon ausgehen, dass ich während der Studioaufnahmen dieser Platte gezeugt worden bin. Raus kam „Neu!“ wie ich dann 1972. Ich find’s toll.

Mein anderer Freund Markus ist nur ganz leicht von Neu! begeistert. Und der muss es wissen, er ist ein richtiger Musiker. Ich schreib hier nur, ich darf ganz argumentarm vollbegeistert sein. Wie es war, damals, lässt sich schwer sagen. Vor allem, weil „es“ immer was anderes ist, je nachdem, wer fragt oder antwortet. Aber wenn man sich einen nicht zu starken Joint baut (damals war das Zeug noch schwächer) und Neu! auflegt – ist ne Vermutung, zugegeben – näher war ich jedenfalls noch nicht dran. Es ist deutsch, es groovt, es wabert, meistens ganz simpel, aber das ist es ja oft, was klebenbleibt. Zwei junge Männer, meistens schweigend, Schlagzeug, Bass, Gitarre. Ein gelassener Wahwahfrosch sitzt am Wegesrand bei Hallogallo, einem zehnminütigen Hypnosetrack, dessen monotone Motorik-Beats mir auf keiner längeren Nachtfahrt fehlen dürfen. Am Ufer von Weissensee wehen Räucherstäbchenschwaden durch die farbigen Stoffe über dem Stuhl. Mein Vater dreht die Platte um und kommt zurück ins Bett. Viel atmosphärischer Klang, ein Hauch Industrial mit Flanger. Kein Text, die Musik ist die Message. Es gibt heute keine Bands ohne Sänger. Da mal dran arbeiten. Etwas Aktuelles wie „Horsepower“ der Formation ‚Justice‘ lässt hoffen, dass das geile Instrumental, dem keiner singen soll, darf oder muss, in großem Stil wiederkommt. Klar weiß ich auch, dass heutzutage kein Stil mehr verschwindet, sondern allenfalls eine Generation lang Urlaub vom Mainstream macht. Irgendwann ist auch wieder ein talking blues in den Charts.

Aus gutem Grund seltener Dank an dieser Stelle an den deutschen Phil Collins Herbert Grönemeyer, der dafür gesorgt hat, dass dieses Album 2001 erstmals auf CD herauskam. Dass ich mich nochmal bei HG bedanke! Aber falscher Stolz oder gar echter Dünkel sind bei jeglicher Rückschau fehl am Platz. Lass ich mir auch nicht verbieten. Nicht bei dem Zeilenhonorar. Und wenn es das letzte ist, was ich in diesem Text tue.

Ich merke soeben, es ist.

 

 

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