Musikkoffer Dezember 2012

Pierre Gattinger: »Die ersten Schritte verschlugen uns nach Griechenland«

Pierre Gattinger ist einer der Mobilat-Macher. Der Mobilat-Club ist seit über zehn Jahren die alternative Konstante in der Regionalen Clublandschaft. Sascha Wartha sprach mit dem gelernten Fotografen über erste Schritte in Richtung Selbständigkeit, um die Aufgabenteilung der beiden Clubbesitzer und über die Veranstaltungen von DJ Tollschock.

HANIX: War es von Beginn an das Ziel euer berufliches Glück in der Gastronomie zu suchen?

PIERRE: Nein, das war alles andere als in Stein gemeißelt. Jochen hatte ja durch seinen Beruf als Koch schon einen immensen Bezug zur Gastronomie, ich wiederum als gelernter Fotograf sah ursprünglich meine berufliche Zukunft eher in diesem Sektor. Jochen und ich kennen uns ja bereits seit der gemeinsamen Schulzeit. Ich nahm dann in jungen Jahren einen Job in Frankfurt an und Jochen beschloss ebenfalls seine sieben Sachen zu packen und fortan in der Rhein-Main Metropole zu kochen. Er hatte ja bereits in guten Häusern gearbeitet und kam sehr schnell im Frankfurter Hof unter. So waren wir nun beide in Hessen gelandet und gingen unseren erlernten Berufen nach.

HANIX: Wie ging es dann weiter?

PIERRE: Mir persönlich wurde die extreme Spezialisierung innerhalb des Berufes Fotograf mehr als deutlich vor Augen geführt. Eigentlich ein sehr schöner kreativer Beruf, wenn du jedoch eine Schraube nach der anderen knipsen musst bleibt die künstlerische Erfüllung zwangsläufig auf der Strecke. Somit war klar das ich mir die Leidenschaft zu fotografieren dadurch erhalten kann, nur noch Dinge zu schießen die ich möchte ohne den Druck diese verkaufen zu müssen. Das sichert natürlich nicht die eigene Existenz. Dann kam der Gedanke an eine eigene Bar. Die ersten ernsthaften Schritte Richtung Existenzgründung und Selbstständigkeit verschlugen uns dann tatsächlich nach Griechenland mit dem festen Ziel uns dort nach einer geeigneten Lokalität in Strandnähe umzusehen. Wir konnten viele der erforderlichen Auflagen erfüllen, jedoch gestaltete sich die Suche nach dem passenden Objekt so schwierig, das es sich im Nachhinein eher als ein ausgedehnter Urlaub als ein gelungener Start in die Gastronomie herausstellte.

HANIX: Und dann verschlug es euch wieder nach Heilbronn.

PIERRE: Genau. 1988 verfestigten sich die Pläne etwas in Heilbronn aufzumachen. Zu dieser Zeit gab es als einzige alternative die Gartenlaube. Ein Jahr später eröffneten wir dann das Pro Vanille.

HANIX: Wie verlief euer Einstieg in die selbstständige Gastronomie?

PIERRE: Wir mussten natürlich einiges an Lehrgeld bezahlen. Die einzig zur Verfügung stehende Lokalität, eine urige Eckkneipe wandelten wir mit viel Liebe zum Detail und auch für uns erheblichen finanziellem Einsatz in eine alternative Bar um. Die Einbindung von Kunst in Form von Ausstellungen oder Lesungen in den Barbetrieb war Teil unseres Konzeptes und wurde von Beginn an forciert. Unter anderem wurden zu dieser Zeit drei Ausstellungen mit dem jetzt international angesehenen Künstler Anselm Reyle realisiert. Zudem gab es damals schon einen ordentlichen Fundus an Künstlern in Heilbronn, auf den wir dann beherzt zurückgreifen konnten.

HANIX: Gab es eine Zeit in der Ihr euch höchstpersönlich um die Musik in eurem Laden gekümmert habt?

PIERRE: Ja natürlich. Wir hatten DJ Namen und legten regelmäßig auf. Mein Augenmerk lag eher auf der elektronischen Schiene. Hauptsächlich spielte ich Drum & Bass und alle Stilrichtungen die dieser Sound mit sich brachte. Inspiriert durch Jim Jarmuschs Ghost Dog – Der Weg des Samurai öffnete ich mich dann dem instrumentalen Hip Hop. Jochen wiederum galt als klassischer Allrounder und bediente sich vieler verschiedenen Musikrichtungen.

HANIX: Gibt es in eurer Funktion als Doppelspitze eine klare Aufgabenverteilung?

PIERRE: Am Anfang haben wir tatsächlich alles gemeinsam gemacht und darauf geachtet das beide für alle anstehenden Bereiche Verantwortung zeigen. Doch im laufe der Zeit lernt man selbstverständlich dazu und erkennt, das die Stärken des einen eventuell die Schwächen des anderen ausgleichen. Wir sind völlig unterschiedliche Charaktere und ergänzen uns dadurch nahezu perfekt. Jochen ist ein Mann der Tat. Er kümmert sich eher um die handfesten Dinge. Hat er eine Idee im Kopf wird auch direkt versucht diese Umzusetzen . Ich hingegen bin eher der Mann für die Gestaltung, habe in mir einen ästhetischen Anspruch der mich dazu bringt solange am Detail zu feilen bis ich mit dem Endergebnis zufrieden bin.

HANIX: Nun ist es euch ja über viele Jahre hinweg gelungen mit dem Mobilat den alternativen Vorzeigeclub im Unterland zu installieren. Hat sich dieser über diese lange Zeit stark verändert?

PIERRE: Natürlich. Da gibt es eine immense Entwicklung. Das kann man schon einmal daran festmachen das zu den Anfängen Schach gespielt und Bücher gelesen wurden. Die Kleinkunst stand etwas mehr im Vordergrund und auch Live Musik war eines der tragenden Elemente des Clubs. Auch das Trinkverhalten der Gäste hat sich stark verändert. Was wir damals an Milch in der Woche verkauften würde uns heute ein halbes Jahr ausreichen. Leute die sich den ganzen Abend über an die Bar gesetzt haben um zu zeichnen. Das gibt es heute nicht mehr. Der Club wandelte sich vom Multi Kulti Künstlertreff zur Party Location. Dieser Entwicklung zollten wir auch Tribut indem wir uns etwas aus dem Nachtleben zurücknahmen und Leute installierten, die sich um das Programm und den Fortlauf dieser Entwicklung kümmerten.

HANIX: In wie weit würdet Ihr den Erfolg eures Clubs mit eurem aufgestellten Team in Verbindung bringen?

PIERRE: Das ist natürlich unbestritten ein sehr großen Anteil. Es macht sehr viel Freude mit diesem Team zu arbeiten. Man kann zweifelsohne behaupten, das nicht jeder für die Gastronomie geeignet ist. Wenn es aber auf der menschlichen Ebene funktioniert ist das in der Regel gar kein Hindernis in dieselbe Richtung zu gehen. Ein ganz großes Lob gebührt dabei selbstverständlich dem Micha, seines Zeichens die Person im Mobilat die alle Fäden in der Hand hält und dabei einen herausragenden Job abliefert. Dieser Mann ist für uns eigentlich nicht zu ersetzen. Ebenso Sandra mit der Kaffebucht. Sie hat nun Ihren eigenen Laden um den es sich zu kümmern gilt und wird sich da wahrscheinlich in Zukunft etwas mehr zurückziehen. Dabei wünschen wir Ihr natürlich von ganzem Herzen alles Gute und ordentlich Erfolg. Das sind schon ganz tolle Leute mit denen wir zusammenarbeiten dürfen.

HANIX: Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Wie seht Ihr das anhand der Tatsache, dass euer Mobilat ein Monopol für alternativ eingestellte Menschen der Region darstellt?

PIERRE: Grundsätzlich empfinde ich Wettbewerber am Markt nicht als Konkurrenz, da wir eher gemeinsam dafür sorgen Heilbronn und die Region für die Menschen interessant zu gestalten. Je mehr Möglichkeiten geschaffen werden die Menschen in die Stadt zu locken und zum ausgehen zu animieren desto mehr wird hier los sein. Dann können alle davon profitieren. Weitere hochwertige Betriebe sorgen natürlich auch für eine Steigerung des gesamten Niveaus der hiesigen Gastronomie. Das Mobilat steht im Moment mit dem Konzept und ganz nach dem Motto: gute Musik ist nichtstilgebunden für sich alleine, da viele Einrichtungen sich eben doch auf ein Bestimmtes Genre fixieren.

HANIX: Wenn ein Unternehmer wie in eurem Fall mehrere Gastronomische Betriebe zu bewirten hat neigt man doch automatisch zum Workaholic zu mutieren. Schafft Ihr euch bewusst einen Ausgleich zum Tagesgeschäft?

PIERRE: Ja natürlich, das muss auch sein. Bei uns lastet der Druck eben nicht auf nur einer Schulter sondern wir können das mittlerweile ganz gut aufteilen und uns gegenseitig die nötigen Freiräume schaffen. Freizeit ist in unserem Beruf ein hohes Gut, das auch mit dem ein oder anderen Euro mehr in der Kasse nicht zu ersetzen ist. Mir persönlich gibt die Natur die Möglichkeit abzuschalten und die Akkus wieder aufzuladen. Ich habe zwei Hunde die mich dabei begleiten und das auch einfordern. Ich wohne sehr idyllisch, muss mich dementsprechend nicht weit von Zuhause entfernen um dem Alltag entfliehen zu können. Ich versuche auch noch mehr oder weniger regelmäßig Sport zu betreiben wobei sich mit zunehmendem Alter der Trend weg vom Extremen hin zu etwas konservativen Aktivitäten bestätigt.

HANIX: Wie lässt es sich als Gastronom in Heilbronn im Bezug auf erforderlichen Rückhalt der ansässigen Ämter arbeiten?

PIERRE: Wir fühlen uns auf jeden Fall geachtet und finden nicht das man Steine in den Weg geschmissen bekommt. Im Gegenteil, wir haben mit allen Amtsleitern und deren Mitarbeiter einen freundlichen und respektvollen Umgang. Es ist doch immer auch die Frage wie man auf die Entsprechenden Leute zugeht. Wir gehen nicht radikal vor, tätigen zum Beispiel keine Umbaumaßnamen ohne die erforderlichen Genehmigungen. Wir klopfen alles schon im Vorfeld ab und sehen uns dadurch auf der sicheren Seite. Das haben die Entscheidungsträger auch erkannt und so konnte ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis entstehen. Uns wird jedoch nichts geschenkt wie man an der Umsetzung der Kaffebucht deutlich sehen kann. Da spielen so viele Ämter eine Rolle bis hin zu diversen Richtlinien der EU. Eine hundertprozentige Einhaltung der Auflagen ist in so einem Fall einfach zwingend erforderlich. Ich denke man kennt und schätzt mittlerweile unseren Stil und unsere Verlässlichkeit.

HANIX: Wie ist euer persönlicher Bezug zur Käthchenstadt und Ihrer Region?

PIERRE: Die Entwicklung der Stadt ist schon toll. In den Achtzigern war es auf kultureller Ebene doch etwas einfältig und trüb. Für mich gab es nur die Möglichkeiten etwas eigenes zu machen und somit einen Beitrag zur Veränderung zu leisten oder Heilbronn zu verlassen. Wie anfänglich erwähnt verließ ich die Stadt ja dann auch bis auf weiteres. Heute sehe ich, das auch die andere Möglichkeit hier vor Ort etwas beizusteuern funktioniert hat. Es ist wesentlich bunter und abwechslungsreicher geworden. Die Stadt hat sich stark verändert und ist noch dabei. Alles in allem eine tolle Entwicklung.

HANIX: Angesichts der Tatsache das diese Spezies einen großen Teil eurer Zielgruppe ausmacht :

Lassen 2500 neue Studenten in Heilbronn euren Unternehmer Puls höher schlagen?

PIERRE: Also unabhängig von uns tut jegliche Verjüngung einer Stadt gut. Man kann jedoch nicht Student mit Student gleichzusetzen. Es ist schon etwas völlig anderes ob dort eine Kunstuniversität steht und junge Leute Musik studieren, oder wie hier der Bachelor gemacht wird. Dieses Klientel ist doch sehr fokussiert auf die Studiengänge und hat besseres zu tun als jedes Wochenende kräftig auf die Pauke zu hauen. Es wird sich zeigen ob und wie sich das auf unseren Berufszweig auswirkt. Kapazitäten im Bereich der Gastronomie bietet Heilbronn in jedem Fall. Unser Puls bleibt dabei eher unverändert ruhig.

HANIX: Wie steht es um eure Zukunftsplanung? Habt Ihr vor weiter zu expandieren oder seht Ihr euch mit dem Mobilat und der Kaffebucht gut aufgestellt?

PIERRE: Primär möchten wir die Sachen die wir uns erschaffen haben pflegen und am laufen halten. Auch das Catering auf dem Theaterschiff erfordert Hingabe und ergibt durch den krassen Gegensatz des Klientels und Konzepts im Vergleich zum Mobilat ebenso ein spannendes Betätigungsfeld. Diese Unterschiede unserer verschiedenen Projekte ergibt für uns ja auch das Salz in der Suppe. An Ideen für die Zukunft mangelt es in keinster Form, doch gehen diese aktuell nicht über den Status der Spekulation hinaus. Wir werden sicher zu gegebener Zeit wieder

etwas Neues versuchen. Doch eher aus Lust etwas umzusetzen und nicht durch Druck etwas machen zu müssen. Pläne sind auf jeden Fall vorhanden.

HANIX: Gibt es Bestrebungen an den bestehenden Konzepten etwas zu ändern? Wie wird zum Beispiel das Mobilat strategisch im Hinblick auf 2013 ausgerichtet?

PIERRE: Also auf das Programm bezogen werden wir tatsächlich versuchen dem Geist und Spirit der Anfänge wieder eine Bühne zu bieten. Es werden wieder verstärkt Konzerte mit Bands

und Live Musik berücksichtigt. Die ersten Bands sind dabei schon für 2013 gebucht. Durch diesen Schritt möchten wir auch selbst dem Mobi wieder unseren Stempel aufdrücken und etwas mehr Einfluss auf die kulturelle Entwicklung nehmen. Wir werden ja tagtäglich mit Informationen und Bewerbungen von Bands bombardiert. Ich bin bestrebt das im Hinblick auf das kommende Jahr besser zu Filtern und dann auch diese Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen und einzusetzen. Wir möchten eher die kleineren Sachen fördern die es im Schatten der großen Events etwas schwer haben.

HANIX: Eure Message an die HANIX Leser lautet?

PIERRE: Zum einen ein ganz großes Anliegen. Jungs und Mädels geht zu Heikos ( DJ TOLLSCHOCK ) Veranstaltungen. Der Mann hat freie Hand und gestaltet jeden Abend anders. Diese durchweg hochwertige Geschichte verdient absoluten Respekt und muss den Status „ Perlen vor die Säue „ schnellstmöglich ablegen. Das ist uns ein großes Bedürfnis. Der Heiko ist eine Maschine, hat pervers umfangreiches musikalisches Fachwissen und selbstverständlich auch das nötige Material dazu. Zum anderen kann ich nur empfehlen das Hanix weiter zu lesen und zu empfehlen. Ich selbst bin regelmäßiger Leser und finde es eine wunderbare Sache wie die Leute vom Team das Magazin betreiben. Weiter so.

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