Musikkoffer März 2013

YEN: Das Ehrliche macht sie besonders

Handgemachte Musik, eigene Texte und jede Menge Liebesmüh‘. Das scheint eine typische Konstellation vieler Bands zu sein. Bei YEN geht es um mehr. Die vier Musiker aus Heidelberg, Dallau und Heilbronn verschenken Glück und laden alle dazu ein.

»Zettel und Stift«, ruft Schlagzeuger Benny rüber und macht große Augen. »Ihr müsst euch das aufschreiben«, sagt er kritisch und fuchtelt mit seinen Sticks in der Luft herum. Yen kontert: »Nee, ich muss mich nur konzentrieren.« Er grinst, stützt das Kinn auf seine Hand ab und wartet. Der Fuß auf dem Pedal seiner Bass Drum ist schon startklar. »Wichtig ist, dass du gleich dabei bist, sonst klingt es zu dünn«, sagt Benny. »Stimmt«, erwidert Yen und ahmt noch ein paar lang gezogene Uhs und Ahs nach. Die Stimmung ist vertraut und trotz gegenseitiger Kritik, harmonisch. »Kritikfähig ist Yen auf jeden Fall«, sagt Benny. »Wenn sie positiv ist«, ergänzt Yen den Satz und fängt laut an zu lachen.

Chris Fueterra (Gitarre), Yen-Hwei Bella Anetzberger (Gesang), Benjamin Heckmann (Schlagzeug) und Steffen Fütterer (Bass) heißen die drei Jungs und das hübsche Mädel mit ganzem Namen. Sie sind ordentlich am Proben für den großen Tag: Die Veröffentlichung ihres dritten Albums »Into the Sun«. Dafür müssen alle Songs perfekt sitzen. »Klingt noch nicht präsent genug«, wirft Bassist Steffen in die Runde, während Bandchef Chris den Sound der einzelnen Instrumente immer wieder neu einstellt. Jedes Lied wird aufgenommen und auf Herz und Nieren geprüft. »Hören wir es uns doch mal an«, sagt er und klickt mit der Maus auf den Play-Button seines Apple-Rechners. Kopfhörer wieder auf. Jetzt ist es ruhig im Proberaum. Kein Geräusch, keine Worte, keine Witze. Nur geneigte Köpfe und nachdenkliche Gesichtsausdrücke.

Unfassbares Talent

Alle sieben Jahre verändert sich der Mensch. Schenkt man der Theorie der Siebenjahresperiode Glauben, dann ist auch für YEN die Zeit gekommen. Sieben Jahre sind seit ihrer Gründung 2006 vergangen. Eine lange Zeit, in der die meisten Künstler das Handtuch werfen und aufgeben. YEN nicht, sie sind zäh. Die Bandmitglieder haben viel zusammen erlebt, Hochs und Tiefs inklusive. Dafür kann sich der Erfolg sehen lassen: Sie haben auf vielen großen Festivals gespielt, teilten sich mit Musikgrößen wie Die Happy oder Ray Wilson von Genesis die Bühne und kassierten auch von Stefan Raab ein ordentliches Lob. »Unfassbares Talent«, sagte Entertainer Raab einmal über die schöne Halbchinesin, als Yen in seiner Sendung vor Millionen Zuschauern auftrat.

Die Rockmusiker geben Gas. Aber auch sie können mal ins Stolpern geraten: »Ups, jetzt bin ich draußen«, sagt Yen verlegen. Sie hat den Vers mit dem Refrain verwechselt. Aber das kann schon mal passieren, bei über vierzig selbstgeschriebenen Songs im Kopf. Mit beiden Händen umfasst sie den Mikrofonständer. Ihr Pullover ist lang und verdeckt fast die Finger. Zu kalt ist es im Proberaum, obwohl die Heizung schon auf volle Pulle läuft. Ihre Augen sind geschlossen.

Yen zu sehen und zu hören ist ein Genuss. Ihre Stimme verursacht Kopfschütteln, so sehr fasziniert ihre Präsenz. Gefühlvoll haucht Yen ins Mikro, ihre Stirn angespannt und ihre Augen wieder geöffnet. Schaut man in sie hinein, ist es, als ob man in ihre Seele blicken würde. Viel geben sie preis. Viele ihrer Gefühle, die sie in den Texten einfließen lassen. Die verrückteste Situation, in der sie einen Song geschrieben hat: Yen war mit dem Auto unterwegs und hatte einige Einfälle für ein Lied. Doch Papier war rar: »Ich habe alles auf kleine Post-its geschrieben«, erinnert sich die Sängerin, »mein ganzes Lenkrad war voller Zettel.« Für ihre Songs lassen sich Yen und Chris vom Leben inspirieren, vom Beobachten und den eigenen Erfahrungen.

Neues Bewusstsein

In ihren Geschichten erzählen die Künstler von Situationen, die jeder von uns schon mindestens einmal durchgemacht hat: Verliebt sein, abgelehnt werden oder an das Gute zu glauben, auch wenn alles verloren scheint. »Fear« ist so ein Song, der genau das beschreibt. »Dem Leben trotzen und jede Angst überwinden«, so Sängerin Yen. Darum geht es in dem Lied: sich nicht vor Morgen zu grämen, sondern das große Unbekannte als etwas Gutes anzunehmen. Befreiung, Revolution, Erlösung und die Suche, nach einem neuen Bewusstsein für eine bessere Welt. Das sind die Themen mit denen sich die Musiker auf ihrer neuen Platte auseinandersetzen. Und die hat gute Chancen für einen Durchbruch: »Die Lieder gehen einem nahe«, sagt Detlef Rupp (43) aus Untereisesheim, »und vor allem, nicht mehr aus dem Ohr.« Er ist mit Freunden nach Mosbach zur Release-Party gekommen, um mitzufeiern. Und die Message des Albums? Klar und einfach: Immer der Sonne entgegen. »Lass dich nicht aufhalten und freue dich, auf das was kommt«, beschreibt Gitarrist Chris das neue Glücksgefühl, das durch die Gitarrensaiten rauscht.

Da ist er, der große Abend und die Bude brennt vor Energie. Gut gelaunt tanzen und lachen die Gäste zu den rockigen Nummern der Band. Rock’n’Roll lässt grüßen und bei ein, zwei oder auch drei Gläschen Wein brodelt die Menge. Blitzartig streicht Chris über die Saiten seiner E-Gitarre und ein quietschend frecher Sound donnert aus den Lautsprecherboxen. »Uh«, setzt Steffen mit den Adlips ein, Chris folgt und Benny drescht in einem Affenzahn auf sein Schlagzeug ein. Wie die Kirsche obendrauf, tritt Yen als musikalischer Sahnehupferl mit ihrer Seelenstimme hervor und verzaubert das Publikum.

Sie sind so echt

Kann man sich von guter, selbstgemachter Musik satthören? »Nicht, wenn sie aus dem Herzen kommt«, sagt Yvonne Volz. Die Auensteinerin hat schon viele Bands gehört. Sie weiß auch, dass der Musikmarkt mehr als überlaufen ist und es gute Musiker schwer haben. Von YEN ist sie begeistert: »Sie sind so echt.« Wenn man sie zum ersten Mal live erlebt, ist es, als hätte man einen Schatz gefunden. »Sie stehen auf der Bühne und strahlen«, erzählt die 33-Jährige. Mittlerweile besucht sie das sechste Konzert der Band.

Freunde, Verwandte, das Management und zahlreiche Fans aus anderen Großstädten sind zur Release-Party gekommen. Auch Birgit Lehmann ist regelmäßig dabei. Sie erinnert sich noch gut daran, als sie die Band zum ersten Mal gesehen hat. Das war auf dem Maschseefest in Hannover vor vier Jahren. Die Rockmusiker saßen auf ihrem berühmt-berüchtigten Sofa am Ufer und spielten an diesem Abend ein paar leichte Akustik-Songs. Berühmt-berüchtigt deswegen, weil das Sofa nicht nur Maskottchen der Band ist, sondern derartigen Kultstatus erreicht hat, dass sie ihm sogar ein ganzes Album widmeten. »Sofa – so good« heißt die Platte von 2009. Durch ganz Deutschland tourten sie mit dem guten Stück. Zu den Hütern des Ordnungsamts pflegen sie daher eine besondere Beziehung. Wenn sie mal wieder ein spontanes Open-Air-Konzert vor ihrem eigentlichen Auftritt gaben und für jegliche Anmeldung bei der Stadt die Zeit fehlte. Mit ihren Fans fühlen sich YEN verbunden und sind dankbar für die Treue. »Wir wollen einfach unser Glück teilen«, begründet Bassist Steffen das Engagement, »und dazu sind alle eingeladen.«

Der YEN-Sound an jenem Abend auf dem Maschseefest drang wie eine Sirene direkt in Birgit Lehmanns Ohr. »Ihre Musik hat mich richtig angezogen«, sagt die Hannoveranerin. Eigentlich waren sie im Begriff zu gehen, bis sie YEN hörten. Die 52-Jährige mobilisierte ihre Freunde mitzukommen und drängte sich durch die vielen Menschenmassen. »Ich war verzaubert«, sagt Fan Birgit. Zu etlichen Konzerten ist sie YEN gefolgt. Was es genau ist, versucht sie in Worte zu fassen: »Ihre Authentizität und das Ehrliche machen sie besonders.« 

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