Musikkoffer Mai 2012

Sandra Besara: „Musik ist einfach mein bester Freund“

 

Sandra Besara ist Songwriterin. Zuletzt hat sie an einem Singer/Songwriter-Slam teilgenommen. Momentan sitzt sie mit DJ und Produzent Walter Kaiser an ihrem ersten Album. Wir sprachen mit der 21jährigen Armenierin über die therapeutische Wirkung des Schreibens. Außerdem über die Fallgruben des Musikbusiness und verdutzte Stuttgarter Passanten, deren Geld Sandra nicht wollte.

HANIX — Sandra Besara, wer bist du eigentlich? Erzähl uns ein wenig von dir.

Sandra Besara — Ich komme aus Heilbronn und mache Musik, schreibe Texte und spiele mit meiner Gitarre. Ich lasse quasi Text, Gitarrenklang und Gesang zur Leidenschaft werden. Damit schaffe ich es, das zu tun, was ich liebe. Und es hilft mir enorm gedankliche Freiheit zu erlangen.

HANIX — Kannst du uns etwas über deine Musik erzählen?

Sandra Besara — Nun ja, es ist bei mir schon so, dass die Musik mich findet, weniger ich die Musik. Ich werde, wie viele andere Künstler auch, durch das Leben inspiriert, durch die Natur und die Geschichten anderer Menschen. Meine Musik ist sehr ruhig und melancholisch, weniger extrovertiert. Zwischen den Zeilen findet man mitunter auch etwas Wut, sei es in den Texten oder auch in den Melodien. Musikmachen bedeutet für mich ganz klar, sich den Dingen zu stellen, die einen beschäftigen und schlaflose Nächte bereiten. Ich verarbeite sie dann auf meine musikalische Art. Jeder Mensch hat doch sein Päckchen zu tragen. Ich wirke meinem Päckchen mit musikalischer Selbsttherapie entgegen. Musik zu machen, macht meinen Kopf frei. Die Musik ist einfach mein bester Freund. Sie schlägt mir nicht die Türe vor der Nase zu, und ist immer für mich da.

HANIX — Das hört sich nach einer innigen Beziehung an, die du zur Musik hast. Wie hat die Bindung zwischen dir und deiner Musik angefangen?

Sandra Besara — Während meine Schwestern früher Mamas Schminke plünderten, bin ich eigentlich schon immer diejenige gewesen, die mit dem Tennisschläger Gitarre gespielt hat. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mit fünf Jahren unbedingt eine Gitarre haben wollte. Die habe ich dann auch bekommen. Mein Vater spielte früher ein orientalisches Saiteninstrument. Deshalb hatte ich vielleicht diesen Wunsch nach einer eigenen Gitarre. Die Zeit verging und ich verbrachte unzählige Stunden in meinem Kinderzimmer damit unerträgliche Töne aus meiner Gitarre zu schnalzen. Mit neun Jahren fing ich dann mit richtigem Gitarrenunterricht an. Mit dem Schreiben begann ich ungefähr ein Jahr davor. Sicher nicht extrem ambitioniert, aber doch nachhaltig. Diese alten Texte sind wie Tagebuch. Das Schreiben an sich hilft mir enorm. Ich wäre mit Sicherheit nicht der Mensch, der ich jetzt bin, wenn ich nicht damit angefangen hätte.

HANIX — Was außer dem Leben, der Natur und den Geschichten anderer Menschen inspiriert dich noch?

Sandra Besara: Definitiv Konzerte. Der Sound, das Ambiente und die Stimmung unter den Menschen inspiriert mich total. Dabei gibt es immer wieder Momente bei denen mir bewusst wird, dass ich etwas mitnehmen konnte. Die Schallwellen, die meinen Körper erreichen und Emotionen auslösen, ziehen mich dann kurzum doch zur eigenen Musik. Also um auf die Frage zurückzukommen: Live Musik und Konzerte inspirieren mich sehr. Ich bin aber auch ein Mensch, der eine ordentliche CD-Sammlung sein Eigen nennt. Ich kaufe mir immer wieder mal ein Album eines Künstlers und setze mich sehr bewusst damit auseinander. Zuhause, ganz versunken in einer anderen Welt Musik zu hören hat auch seinen Reiz. Aber es ist nicht mit dem Gefühl der Livemusik zu vergleichen.

HANIX — Du scheinst viele Konzerte besucht zu haben. Kannst du eines, das für dich alles gesprengt hat, hervorheben?

Sandra Besara — Das kann ich sagen. Angus & Julia Stone in Luxemburg. Das war ein Überraschungstrip und ich hatte keine Ahnung was da jetzt kommt. Als ich realisierte wer sie sind, war es eigentlich schon um mich geschehen. Ich stand im Publikum und habe mich einfach verzaubern lassen. Oder Andy McKee, mein Lieblingsgitarrist. Ein Mann, ganz alleine auf der Bühne, der es nur mit seiner Gitarre in der Hand schafft mich zu Tränen zu rühren. Ich meine der singt ja noch nicht einmal. Welche emotionale Wucht. Sagenhaft!

HANIX — Du selbst stehst auch nur mit dir alleine auf der Bühne.

Sandra Besara — Nun, das ganze hat ja für mich als Soloprojekt begonnen. Ich fing an zu schreiben, ganz für mich alleine. Dann kam irgendwann die Gitarre dazu und ich konnte mich wieder ein kleines Stückchen selbst finden und meinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Es kam nie wirklich der Punkt an dem ich feststellte: »Shit, mir fehlt ganz klar eine Band.« Wobei ich dem ganz und gar nicht verschlossen bin. Wenn mehrere Menschen zusammen Musik machen, ist das sehr schön. Als Solokünstlerin, gerade wenn dann die Bühnen irgendwann ein kleines Stückchen größer werden, fühlt man sich mitunter schon ein wenig alleine. Da wären so ein paar andere Menschen an meiner Seite schon was feines. Ich halte es nur für sehr schwierig Musiker zu finden, die Musik genau wie ich verstehen und fühlen und somit auch ohne Kompromisse meine Musik mittragen können. Mich dieser Suche zu widmen steht bei mir derzeit nicht an oberster Stelle, denn ich habe aktuell keine Probleme mich selbst zu verwirklichen. Früher war es ja auch so, dass ich die ersten Texte in denen ich meinen eigenen Schmerz zum Thema gemacht habe, nicht unbedingt mit anderen Menschen teilen wollte. Da sind ja auch Themen darunter, die für keine anderen Ohren bestimmt waren und teilweise noch sind.

HANIX — Das bedeutet um öffentlich spielen zu können, musstest du covern?

Sandra Besara — Genau. Durch eine spontane Aktion fing ich an in Stuttgarts Fußgängerzone Straßenmusik zu betreiben. Ich nahm dafür kein Geld, hatte keinen Sammelhut oder ähnliches aufgestellt. Ich wollte einfach Musik machen und coverte Lieder, hinter denen ich stehen konnte. Manche wollten gar nicht akzeptieren, dass ich es nicht auf Geld abgesehen hatte. Ihr könnt mir glauben: Mit Straßenmusik kann man auch sehr gutes Geld nebenbei verdienen. Nein, es ging mir dabei um den direkten Kontakt zu den Menschen. In der City hat niemand Zeit, alles wuselt umher. Wenn sich dann jemand aus diesem Alltagsstress von mir heraus reißen lässt und mir fünf Minuten seiner Zeit schenkt und einfach nur zuhört, habe ich schon etwas erreicht.

HANIX — Du hattest ja kürzlich an einem Singer/Songwriter-Slam in Hamburg teilgenommen. Welche Eindrücke konntest du mitnehmen?

Sandra Besara — Zuerst einmal muss ich sagen, dass es in Hamburg bitter kalt sein kann. Mir kam am Heilbronner Bahnhof ein Mann im T-Shirt entgegen als ich in den Zug nach Hamburg gestiegen bin. Stunden später stieg ich in der Hansestadt aus dem Zug und erstarrte vor Kälte. Ich zog eigentlich während der ganzen Zeit alle meine mitgeführten Klamotten übereinander an und fror dennoch. Aber Hamburg ist so schön. Das war den Kälteschmerz wert. Ich bin ja eher nicht der klassische Großstadt Fan, habe es lieber beschaulich mit direktem Zugang zur Natur. Aber Hamburg! Das hat was. Ich habe mich dort richtig wohl gefühlt. An dem Slam war interessant, dass die teilnehmenden Künstler fast alle, genau wie ich, aus anderen Städten angereist waren, gar nicht in Hamburg wohnten. Man lernte sich kennen und so eine Zeit unter gleichgesinnten ist natürlich etwas wunderbares. Solche Geschichten, wie diesen Slam, gibt es dort regelmäßig und man merkt sofort, dass das Publikum da richtig Bock drauf hat. Etwas in dieser Form vermisse ich hier in Heilbronn schon. Daran erkennt man dann schon die Unterschiede im Vergleich zwischen Heilbronn und einer Großstadt. Die alternative Szene hier ist mir persönlich noch lange nicht groß genug.

HANIX — Du arbeitest im Moment an einer EP. Was hat es damit auf sich?

Sandra Besara — Ich habe mich mit einem Demo bei Walter Kaiser beworben und er gibt mir jetzt die Möglichkeit so etwas auf die Beine zu stellen. Eine sehr angenehme Atmosphäre dort bei Walter im Studio. Ursprünglich hätte ich natürlich gerne gleich ein ganzes Album gemacht, doch der gemeinsame Entschluss die Songs einsprachig zu halten, hat die Auswahl der in Frage kommenden Stücke etwas dezimiert. Jetzt machen wir eine EP, bestehend aus fünf bis sieben deutschsprachigen Liedern. Es ist eine Art Collage aus älteren Stücken und frisch für die EP geschriebenen Texte, die aber allesamt Gedanken, die mich im Alltag beschäftigen, reflektieren. Wir arbeiten mit Hochdruck daran und ich hoffe das es im Mai oder Juni fertig sein wird. Aber genau sagen kann ich es leider nicht.

HANIX — Das Musik-Business steht auch für Kommerz und zwielichtige Typen, die sich an anderen bereichern möchten. Wie stehst du als alternative junge Frau diesem Geschäft gegenüber?

Sandra Besara — Ich fange an Probleme damit zu bekommen, wenn auf die Kunst geschissen wird. Da ich ehrliche Musik zu machen als sehr reinen und nahezu heiligen Prozess verstehe, kommt es für mich überhaupt nicht in Frage mir selbst aufgrund besserer Karrierechancen untreu zu werden. Es passiert in diesem »Künstler-will-Erfolg-haben-um-jeden-Preis«-Spiel soviel ungerechtes – den Künstlern wie auch den Konsumenten gegenüber. Nein, so will ich das nicht betreiben. Ich kümmere mich ja selbst um meine Angelegenheiten und selbst auf dem Level, auf dem ich das im Moment betreibe, ist man vor abzocke nicht gefeit. Ich mache mein Ding und würde natürlich sehr gerne meine Berufung zum Beruf wandeln, jedoch immer bewusst und nicht um jeden Preis. Ich empfange Menschen die mich auf ehrliche Art und Weise unterstützen wollen mit offenen Armen, denn genau das sind die Menschen, die ich in meinem Leben haben möchte. Die Ehrlichen und Aufrichtigen. Sollte das sich so nicht für mich ergeben, dann halt nicht. Für mich ist Erfolg erzwingen keine Option. Was mit keiner Silbe bedeutet, dass ich nicht ambitioniert bin.

HANIX — Das heißt, dass wir dir jetzt einen ehrlichen und aufrichtigen Manager suchen.

Sandra Besara — Das wäre schon toll, jemanden zu haben, der mir einen ordentlichen Schwung Arbeit einfach mal abnimmt. Jemand der es schafft, diese Träume, an denen ich arbeite, umzusetzen. Jemand, der mich bei der Hand nimmt und sagt: »Hier Sandra, das ist etwas für dich. Das gefällt dir.« Aber ein ehrlicher und aufrichtiger Manager? Das klingt irgendwie widersprüchlich.

HANIX — Du bist 21 Jahre alt und hast dein Leben noch vor dir. Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Sandra Besara — Eigentlich dachte ich einmal nach der Schule studieren zu wollen, Musik auf Lehramt zum Beispiel. Doch mittlerweile habe ich aufgehört mir einen Lebensplan zu recht zu flicken. Dem Einzigen, dem ich Nacheifere, ist, dass diese Flamme in mir nicht erlischt und weiterhin genug Sauerstoff bekommt, um mich Glücklich fühlen zu lassen. Dafür spielt ja auch die Musik eine zentrale Rolle. Das sich diese Situation, Ambitionen geltend zu machen und nach außen zu tragen so wie jetzt eingestellt hat, lässt mich umso mehr jeden einzelnen Tag genießen. Ich habe eigentlich überhaupt kein Bedürfnis zu wissen wo ich in zehn Jahren stehe. Ganz ehrlich.

HANIX — Du wirkst mitunter etwas Gesellschaftskritisch. Wie nimmst du diese wahr?

Sandra Besara — Als sehr materialistisch. Menschen werden nicht mehr für die Geschichten und Erfahrungen, Persönlichkeiten oder deren Einstellung sondern aufgrund Ihres Bankkontos bewertet. Geld kommt und geht, es sollte diese Wertschätzung bei weitem nicht in diesem Maße genießen. Wir werden doch von Anfang an zum Funktionieren getrimmt. Dieser Druck der dabei ausgeübt wird geht mir gewaltig auf die Nerven. Wieso muss der berufliche Weg von Anfang an feststehen.? Wer gibt einem die Zeit Lebenserfahrung zu sammeln und somit selbst heraus zu finden, was man machen möchte? Eine Auszeit nehmen, versuchen das Leben zu verstehen und zu sich selbst zu finden. Das ist in unserem System gar nicht so einfach umzusetzen bei dieser Schnellebigkeit. Alles auf Nummer sicher, die Zukunft muss abgesichert sein ohne zu wissen ob man diese Zukunft überhaupt erreicht. Das Miteinander findet doch nur in engsten Zirkeln statt, dabei vereint uns Menschen doch alle das selbe Schicksal.

HANIX — Deine Message an die HANIX Leser lautet:

Sandra Besara—Hört auf eure Herzen und folgt ihnen!

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