Musikkoffer November 2012

Thilo Wecker: »Das Buk lässt das Herz der frühen Techno Szene weiter schlagen«

Mythen und Geschichten begleiten den Ruf dieses Clubs, der zu Heilbronn gehört wie Sterne zum Himmel. Das Bukowski in der berühmt berüchtigten Hafenstraße ist nicht mehr von der Nacht der Käthchenstadt und dessen Leben wegzudenken. Grund genug um uns mit T-WATCH, DJ der ersten elektronischen Stunden alias THILO WECKER, seines Zeichens Geschäftsführer des Bukowski vor Ort zusammenzusetzen um mit Ihm über die Geschichte des Clubs, Stuntman Aktionen der Gäste und auch die ungeliebte GEMA zu sprechen.

HANIX — Du bist Hauptverantwortlicher für das Bukowski. Seit wann verbringst du deine Nächte in leitender Funktion in diesem speziellen Club?

THILO—Ich bin jetzt seit acht Jahren Geschäftsführer in diesem Club, also begann für mich alles im Jahre 2004. Die Location fand ich auch vor meinem Engagement schon immer ganz toll. Für mich war immer klar, wenn man etwas auf die Beine stellen möchte sollte es eher klein und überschaubar sein da die Zeiten der Alten Gießerei und der großen Raves längst vorbei waren und die hiesige Technoszene sich eher dezimiert darstellte. Somit war mir das Konzept des kleinen Ladens der ordentlich aussortiert und gleichgesinnten die Möglichkeit bietet bis in den Sonnenaufgang zusammen zu feiern wesentlich lieber.  

HANIX — Das Bukowski gilt in Heilbronn als Institution und ist vom örtlichen Nightlife nicht mehr wegzudenken. Wie beschreibst du Menschen, die noch nie hier waren den besonderen Flair dieses Clubs?

THILO—Das Buko lässt das Herz der frühen Techno Szene beständig weiter schlagen. Auf diesen Love, Peace & Unity Flavour sind wir auch sehr stolz. Hier geht es bei weitem nicht um die größtmöglichen Bookings. Hier sucht man vergebens nach den teuersten Djs die zur Verfügung stehen. Bei uns findet man jedoch die coolsten, die alle miteinander das Buko sehr zu schätzen wissen. Jeder der ordentlich Party machen möchte ist hier willkommen. Unser Herz schlägt elektronisch und reflektiert in gewisser Weise den Underground der Szene wieder.

HANIX — Das Bukowski hat es also geschafft ein Familiäres Verhältnis zwischen den Künstlern, wie auch der Crowd herzustellen?

THILO—Definitiv. Bei uns spielen Künstler die woanderst 1500 oder gar 2000 Euro Gage kassieren für ein viertel des Preises. Durch die recht kleine Elektronische Szene spricht es sich weit über die Stadtgrenzen hinaus sehr schnell herum was hier bei uns abgeht. Da möchten doch auch einige Künstler ein Teil davon sein. Was die Betreuung der Artists angeht wird hier nicht alles so streng gehalten, sei es beim Thema Gästeliste oder Getränkemarken. Wir lesen dem DJ praktisch jeden Wunsch von den Augen ab und alle fühlen sich hier wohl. Jeder darf sich künstlerisch frei entfalten, es gibt keine Vorgaben bezüglich des Sounds. Mittlerweile ist das Bukowski in Heilbronn wohl den meisten Djs in Deutschland ein Begriff. Das macht die Sache für uns natürlich um einiges entspannter.  

HANIX — Der große Unterschied zu anderen Clubs der Stadt sind sicher die Öffnungszeiten.

THILO—Ja, auf jedenfall. Wir haben freitags und samstags ab 23.00 geöffnet und bei uns geht es dann ab bis mindestens 8.30 in der Früh. Freien Eintritt gibt es von 23.00 bis 1.30 und dazu alle Longdrinks für 2,50 Euro. Dennoch ist das Bukowski kein reiner After Hour Club mehr. Wir stellen fest, das die Leute immer früher auf der Matte stehen und den ganzen Abend gerne bei und mit uns verbringen.  

HANIX — Gibt es eigentlich das typische Bukowski Publikum?

THILO—Unser Publikum lässt sich ganz gut mit wild, feierwütig und auch etwas durchgeknallt beschreiben. Ich denke die Mischung macht auch das Besondere des Ladens aus. In den Anfangszeiten, so die ersten zwei Jahre war das Publikum mitunter etwas fragwürdig. Es galt freier Eintritt die ganze Nacht und mit zunehmender Dauer des Abends trieben sich auch etwas zwielichtige Gestalten hier herum. Doch unsere Türe hat die Vorgaben ordentlich zu selektieren mit vollem Einsatz durchgesetzt. Das ist ja auch ein Teil unserer Erfolgsstory. Egal was du über das Bukowski hörst, du kannst dich hier sicher fühlen, denn wir hegen und pflegen einen friedlichen Vibe. Stress ist bei uns unerwünscht. Sollten Leute schon voll wie ein Eimer bei uns ankommen können sie gerne irgend woanders feiern, jedoch nicht im Bukowski. Es kommt schon mal vor das wir während eines Abends ungefähr 30 Leute den Zugang verweigern. Das ist dann nichts persönliches sondern Erfahrung, die uns einer möglichen Gefährdung der Stimmung innerhalb des Ladens entgegen wirken lässt. Man sieht das mittlerweile deutlich an den größeren Mädelsgruppen, die anmarschieren, weil sie wissen das sie hier ungestört feiern können.

HANIX — Kürzlich machte ein junger Mann auf sich aufmerksam, der nach verwehrtem Einlass kurzum beschloss über das Dach einzusteigen. Ist so eine Aktion Standard?

THILO—Standard auf keinen Fall. Aber mit erhöhtem Alkohol Pegel kann so etwas schon einmal passieren. Wobei ich mir sicher bin das die Jungs, die solche Aktionen fahren am nächsten Morgen im Bett liegen und sich dieses Fehltritts durchaus bewusst sind. Wir sind halt der einzige Laden der nach fünf Uhr noch geöffnet hat. Das bedeutet alles was sich noch bewegen kann und seinen Feierappetit noch nicht gestillt hat kriecht wenn es sein muss auf allen Vieren Richtung Hafenstraße ins Bukowski. Da kommen dann gelegentlich durchaus skurrile Geschichten vor. Alles in allem wissen die Leute jedoch wie sie sich zu verhalten haben und kommen dann auch Problemlos in den Club. Hier muss niemand irgendwelche Stuntman Aktionen abdrücken.

HANIX — Das unterscheidet euch doch sicher von anderen Clubs, das die Menschen hier nicht bei null anfangen sondern anderenorts ordentlich Fahrt aufgenommen haben.

THILO—Ja, das stimmt. Beim Einlass wird schon sehr darauf geachtet, das der Zustand der Gäste noch tragbar ist. Wenn diese dann allerdings nur noch feiern möchten ist es für uns als Club auch relativ leicht nochmal ein Feuer zu legen und gemeinsam abzufeiern. Wir profitieren daher eher von den anderen Clubs. Wenn bei denen der Abend gut läuft und ordentlich Party angesagt ist kann man davon ausgehen das es bei uns auch ganz gut abgeht und flutscht.  

HANIX — Das Bukowski gab es ja schon vor deiner Zeit. Kannst du uns etwas über die Vorgeschichte erzählen?

THILO—Das Bukowski hatte seine beste Zeit als klassischer Rockladen. Jedoch zieht es sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Clubs, dass hier ausschließlich Randgruppen bedient werden. Die Rockszene seiner Zeit war auch nicht wirklich groß. Mainstream sucht man hier von den Anfängen an vergebens. Am besten lief der Laden Ende der Achtziger, als die Amerikaner hier stationiert waren. Klar, 10000 Männer ohne Familie mit dick Geld auf der Tasche. Die wollten halt feiern gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Bukowski fast an jedem Tag geöffnet und war immer proppe Voll. Anfang der Neunziger lief es nach dem Abzug der Truppen auch nicht mehr ganz so toll, keine Bar machte zu aber es waren halt viel weniger Feierwütige in der Stadt und die verteilten sich auf alle vorhandenen Läden. Zu dem Zeitpunkt als ich den Laden als Geschäftsführer übernommen hatte war er dann endgültig am Boden. Der Name stammt selbstredend vom großen Schriftsteller Charles Bukowski. Der hatte hier auch schon einmal eine Lesung gehalten. Es ist fast unvorstellbar wie es hier zu den Hochzeiten abging, das war reines Hafengebiet, die Hafenstraße gesperrt und jeden Abend herrschte vor der Türe ein Jahrmarkt ähnlicher Zustand. Halli Galli wie bei einer Loveparade. Bei den Jüngeren haben wir mittlerweile einen ganz guten Ruf. Wenn aber deren Eltern mitbekommen das die Kids ins Bukowski gehen, kommen schon mal die alten Kamellen auf den Tisch. Das empfinde ich aber gar nicht als schlimm. Wir sind ein Club der Polarisiert. Entweder du liebst uns oder du hast uns.  

HANIX — In wie weit zeigt sich der Geschäftsführer dieses funktionierenden Konzepts bereit von seiner Underground Linie abzuweichen, sollte eines Tages der Umsatz einbrechen?

THILO—Also ich habe zwar eine Familie zu versorgen, es arbeiten ca. 15 Angestellte hier und mein Chef sitzt mir auch irgendwie im Nacken. Aber wir sind ein elektronischer Club, werden das auch bleiben und wenn es sein muss damit untergehen. Für die Elekto Szene schlägt mein Herz seit jeher und das ist auch das Einzige das ich gut kann. Ein wenig flexibel zu sein ist sicher kein Fehler, aber mich zu prostituieren um dem Business etwas besser hinterher zu kommen würde ich auf keinen Fall machen. Wir tun das, was uns gefällt und schauen dabei weder nach rechts oder nach links. Was in Berlin oder in Frankfurt gerade geht ist für mich überhaupt kein Gradmesser. Selbst den ehemals angesagtesten Läden geht es mittlerweile eher schlecht. Es geht darum ein Original zu sein und nicht darum andere erfolgreiche Konzepte zu kopieren.  

HANIX — Hat sich die heutige Elektro Generation im Vergleich zu den Generationen davor verändert?

THILO—Also, ich bin jetzt seit acht Jahren hier im Buko aktiv. Ich leg aber seit guten 20 Jahren auf. Ich kenne diese Szene ja noch von früher, zu den Zeiten der Alten Gießerei. Im Grunde nimmt sich das nichts, die Leute feiern genauso wie früher. Wenn du dich mit Menschen meiner Generation unterhältst kommt zwar immer „ Früher war alles besser“ aber das liegt meiner Meinung nach eher daran, das dich ein Clubbesuch mit 18 Jahren einfach derb draufschicken kann. Vergleich das dann mal mit einem Clubbesuch 10 Jahre später. Da hast du doch im Grunde alles schon einmal gesehen. So gut wie in jungen Jahren wird es einfach nie mehr. Erhalte dir die Leidenschaft für die Musik und das Tanzen. Dann kannst du heute immer noch mit sehr viel Spaß die Abende im Club erleben.  HANIX — Wie ist denn dein grundsätzliches Verhältnis zu Heilbronn? Liebe, Hass. Oder Hassliebe?

THILO—Ich komme aus Heilbronn, bin ein Sohn der Stadt. Und ich liebe diese Stadt. Da ich schon viel herumgekommen bin, auch in anderen Städten Veranstaltungen gemacht habe, kann ich mir erlauben zu sagen: Heilbronn ist super Cool. Ich habe diese Stadt zu schätzen gelernt, als ich längere Zeit in Spanien zu gegen war. Es ist eine Illusion zu glauben das du in anderen Städten weniger Probleme hast. Es ist überall das gleiche. Aus der Sicht eines Veranstalters triffst du allerorts auf eine gewisse Ellenbogenmentalität. Sobald du etwas erfolgreiches machst ruft das dann natürlich auch Neider auf den Plan. Es liegt ganz einfach in der menschlichen Natur konstante Probleme an Ortschaften festzumachen. Aber sorry, so ist das Leben. Das hat überhaupt nichts zu tun mit Heilbronn, Berlin oder Palma de Mallorca. Wir haben hier vielleicht nicht das schönste Stadtbild, aber darum geht es mir überhaupt nicht. Es fühlt sich für mich einfach nach Heimat an und für unsere Stadtgröße können wir uns doch eigentlich über mangelnde Abwechslung im Nachtleben nicht beklagen.

HANIX — Und wie stehst du als Veranstalter dem Thema GEMA gegenüber? Macht einem wie dir eine mögliche Tarifreform für 2013 in irgendeiner Form Angst?

THILO—Ich denke für einige Clubs wird das mit Sicherheit das Aus bedeuten. Jedoch wird es die Djs und Künstler der Elektronischen Musik um einiges härter treffen. Bei Mixed Music Läden, in denen praktisch die Charts hoch und runter laufen macht es vielleicht noch etwas Sinn. In der elektronischen Musik haben die Tracks jedoch eine Haltbarkeitsdauer von zwei bis drei Monaten. Die Stücke werden mal kurz durch den Club gejagt, laufen nicht in Radio Rotationen oder gar im Fernsehen. Wir Clubs setzen doch die Trends und ich bin mir fast sicher, dass wenn du die jeweiligen Djs oder Artist darum bittest den Track spielen zu dürfen dir fast alle Ihr Ok geben. Als quasi Lehrbeauftragter Club für Musik bezahlen zu müssen, die hier überhaupt nicht läuft ist doch Irrsinn. Hier werden vielleicht 15 – 20 Prozent GEMA Tracks gespielt. Wir sind dann aber dazu verdonnert die ganze Breite zu bezahlen. Dadurch, das diese GEMA Gebühr dann so hoch wird, können wir natürlich keine teuren Gagen für interessante Artists mehr bezahlen. Diese wiederum verkaufen doch sowieso nur ein paar mp3 Downloads oder im Schnitt 200 Vinyls. Das bedeutet für diese Künstler nicht mehr Geld durch Ihre Stücke in der Kasse und dazu noch weniger Bookings in den Clubs. Eigentlich müsste die komplette Elektronische Szene aus der GEMA austreten. Man weiß noch nicht so genau wie diese Sache aussehen wird, aber sicherlich bekommt man bei diesen Gedanken etwas Existenzängste.  

HANIX — Themawechsel. Im Laufe der Jahre sind doch hier im Bukowski schon einige verrückte Dinge passiert.  

THILO—Ja, soviel steht fest. Hier sind schon einige skurrile Dinge gelaufen. Ich halte es aber für Sinnvoll nicht aus dem Nähkästchen zu plaudern und dass clubintern zu lassen. Was ich jedoch sehr genieße ist wenn zum Beispiel große Acts, die in anderen Clubs Ihren Auftritt hatten dann nach Feierabend mit sehr guter Laune ins Buko einkehren und zu großer After Hour Form auflaufen, wie zum Beispiel Lexy & K-Paul.  

HANIX — Du bist ja einer, der seine Leidenschaft für das Nachtleben von Berufung zum Beruf gemacht hat. Ist für dich ein Leben mit 8 Stunden Schicht, womöglich in einem Büro vorstellbar?

THILO—Nun, ich habe in meinem leben sicherlich schon gut 40 verschiedene Jobs gemacht, habe so ziemlich alles ausprobiert. Aber mein Herz schlägt nun einmal für das Nachtleben. Man trägt zwar gewisse Risiken, die hat man jedoch in jedem Beruf. Ich habe zum Beispiel zu meiner Zeit als LKW Fahrer mehr Krankenwagen am Straßenrand gesehen als jemals vor den Clubs. Seit ich 15 Jahre alt bin beschäftige ich mich mit Musik und Events. Ich habe schon sehr früh in Jugendhäusern mit Veranstaltungen begonnen. Mit 18 oder 19 wagte ich den Sprung zu öffentlichen Veranstaltungen, zum Beispiel in Turnhallen. Wenn ich etwas gut kann dann Locations zu analysieren und zu verbessern. Die Aufgabe einen Club zu führen ist vielschichtiger als manche vor Augen haben. Licht, Ton, Ambiente. Getränke, Türe und Einrichtung. Sauberkeit, Ordnung und Wartung. Ich laufe immer mit den Augen eines Veranstalters in andere Lokalitäten. So gut wie nie mit den Augen eines Gastes. Nach der Geburt meines Kindes ist das Bukowski für mich das schönste. Ich versuche seit acht Jahren jedes Wochenende wachsam und fit zu sein, bin eigentlich noch nie ausgefallen. Getreu dem Motto „ der Captain muss an Bord sein“. Etwas anderes ist für mich überhaupt nicht denkbar.

HANIX — Deine Message an die Hanix Leser lautet?

THILO—Also ich will auf jeden Fall noch folgendes loswerden. Trotz dem Umstandes, das wir als Bukowski mehr oder weniger auf dem Gelände der irgendwann einmal stattfindenden Bundes Garten Schau liegen, muss sich niemand sorgen machen. Die Pachtverträge laufen hier noch einige Jahre, damit wird es auch das Buko noch lange geben. Ansonsten : keep cool – stay true – und lest weiter fleißig HANIX.

 

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