Brief an die Heimat August 2012

EIN BRIEF AUS Johannesburg / Südafrika

Liebe Heimat,

schon bald ist es ein Jahr her, dass ich Dir das letzte mal geschrieben habe – Du weißt ja wie das ist, die Zeit vergeht und man merkt es nicht. Ich habe auch nicht gemerkt, wie viele Dinge sich so angehäuft haben in den letzten zwei Jahren in Südafrika. Ich habe gerade meine Packaktivitäten fürs erste abgebrochen da mir die Kisten ausgegangen sind. Ja, ich packe und wie ich Dir schon angekündigt habe, schicke ich meinen angehäuften Haufen Hab und Gut zurück in Deine Gefilde. Das Ende meiner Aufgabe hier in Südafrika kommt näher und ich habe mich entschlossen, schon jetzt so viel Zeit wie möglich mit Dir zu verbringen. Das bedeutet für ein paar Monate ein Leben zwischen Billensbach in den Löwensteiner Bergen und Hotazel in der Kalahari. Beides ist im jeweiligen Kontext etwas ab vom Schuss aber ansonsten sind die Gemeinsamkeiten dieser Orte sicherlich in der Unterzahl. Mein Projekt in Mitten dieser unendlichen Weite aus Büschen und rotem Sand wächst und gedeiht und irgendwie werde ich diese nicht unbedingt menschenfreundliche Gegend doch vermissen. Die unbeschreiblichen Wolkenspiele am Tage und die Milchstraße in der Nacht. Natürlich auch wegen der unzähligen, skurrilen Erlebnisse und der persönlichen Befriedigung einen kleinen Unterschied machen zu dürfen in einer Welt, in der sich zu oft für die falschen Dinge entschieden wird. Wir hatten zum Glück die Möglichkeit in der Nähe der Baustelle einen Kindergarten zu bauen und vieles dort erlebte werde ich wohl nicht vergessen. Die meiste Zeit verbringe ich aber immer noch in Johannesburg. Hier gibt es viel zu unternehmen und die Stadt entwickelt sich ständig weiter. Im Zentrum mausert sich in eine Straße nach der anderen von »besser nicht« zu »super hip« und am Stadtrand entstehen Mage-Komplexe, in denen es alles gibt und die man eigentlich nicht mehr verlassen muss. Unterm Strich ist und bleit das Leben seltsam hier und richtig heimisch fühlten wir uns nie; das Verlassen unsres Hochsicherheitstraktes fällt denkbar leicht. Das schönste an Afrika ist immer noch das Reisen in die Natur. Mit reisen war die letzten Monate leider nicht viel, da meine Frau Eliza schon mal die Vorhut repräsentiert und sich mit Dir, liebe Heimat, anfreundet. Ich bin also alleine und arbeite im Moment viel um auch schnell bei euch zu sein. Zum Abschied hatten wir aber einen wundervollen Road Trip über Lesotho nach Kapstadt und den legendären Ausflug zu den Victoria Fällen.

Da wurde natürlich auch das ein oder andere Souvenirschnäppchen gemacht das mir jetzt die Kisten füllt. Da wären wir wieder beim Packen und meine Gedanken sind schon am Ziel all der noch leeren Kisten. Ein neuer Abschnitt scheint zu beginnen, vielleicht sogar ein Traum an den ich manchmal nicht mehr geglaubt habe. Als ich Dich vor vielen Jahren verlassen habe, hatte ich keine Vorstellung, wohin mein Weg mich führt. Immer mehr Distanz habe ich zwischen uns gebracht und die letzten sieben Jahre kaum den Kontinent mit Dir geteilt. Mehr und mehr wächst der Wunsch nach einem zu Hause und viele Orte haben sich angeboten, waren aber nie wirklich eine Option. Wahrscheinlich war es genau diese lange Reise die mich zu Dir zurückführt. Zu viel hast Du zu bieten; Du beheimatest meine Frau und natürlich Familie, viele Freunde, millionen Erinnerungen und Du warst und bist einfach immer meine Heimat.

Die Rückkehr wird sicherlich eine der größten Herausforderungen von all den Ortswechseln in meinem Leben aber es ist der erste von dem ich nicht schon vorher weiß, dass er ein Ende haben wird. Liebe Heimat, das sollte mein letzter Brief sein. In wenigen Wochen darf ich Dich schon mal Teilzeit genießen und dann gibt’s nur noch Postkarten.

Bis ganz bald, Dein Michael

STECKBRIEF

Name: Michael Müller

Alter: 33 Jahre

in Johannesburg seit: 2010

Früherer Wohnort: Billensbach

Derzeitiger Wohnort: Johannesburg/Südafrika

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