Brief an die Heimat August 2014

Aus Venezuela von Patrick Ortwein

Liebe Heimat,

ich schreibe dir, denn du bist mir abhanden gekommen. Heute morgen stand ich früher auf als sonst. Um 4 Uhr morgens, einer Zeit, zu der selbst eine Stadt wie Caracas noch schläft. Etwa zwei Stunden bevor schwarze Wolken und der Lärm von unzähligen Autos und Motorrädern die Straßen der Stadt mit der ihr zueigenen Unruhe erfüllen stehe ich in der Küche und bereite mir das landestypische Frühstück zu – Arepa. Eine Art Maisbrot das man je nach Belieben füllt. Ich mische es mit einem Stück Heimat das mir meine Schwestern bei ihrem Besuch mitbrachten, und streiche eine dicke Schicht Nutella darauf. Mein Blick schweift noch schlaftrunken durch mein Zimmer. Es ist mir ein Spiegel meiner Reisen, in ethnisch – antiquitarem Stil würde es dir, liebe Heimat, wohl eher fremd erscheinen. Mir auch, von Zeit zu Zeit. Mein Blick schweift von der Küche vorbei an einem Bild des Rio Caura und einem weiteren des Sarisariñama Tepuy wohin mich mein Job in diesem Jahr mit einer Gruppe Expeditionisten geführt hat. Das Bild zeigt mich am Rande der 350 m tiefen Einsturzkaverne. Wenn ich mich konzentriere sehe ich noch genau das Loch vor mir, das mir nach vier Tagen beinahe undurchdringbarem Dschungel die erste Lichtung bot. Ich erinnere mich an die Sonnenstrahlen, die wie feine Nadelstiche in den Augen schmerzten, so dass mich zu meinem Erstaunen ein Schwindelgefühl einstellte. Das Geräusch der »Guacamaya«, der Papageie die große Kreise ziehend aus der Höhle aufstiegen, ließ durch den Widerhall dessen Dimensionen erahnen. Wir standen mit offenen Mündern vor diesem riesigen Schlund, zu dem uns die Indigenen des Yekuana-Stammes mit ihrem unvorstellbaren Orientierungssinn den Weg freischlugen. Es ist jener Ort, der für sie der Sitz ihrer Götter und Herkunft derer Mythen bedeutet. Du liebe Heimat, würdest dir dort wohl etwas fremd vorkommen. Das Bild zeigt den dichten Regenwald, der uns an manchen Tagen nach acht Stunden nicht weiter als 500 m in ihn vordringen ließ, und wurde von mir selbst mit einem Rahmen aus Bambus versehen. Das Bild ziert die Wand hinter der Hängematte die quer von einem Ende des Raumes bis etwa in die Mitte der Wohnung reicht. Ich lebe in einem Raum, der mir jedoch ausreichend Platz bietet. Zudem ergänzt durch eine Terrasse, die schattigen Schutz durch Palmen bietet, den ich um diese Uhrzeit noch nicht benötige. Es ist vielmehr so dass mich die Kälte hier auf über 1000 Metern Höhe, etwas ausserhalb der Innenstadt, an dich erinnert. Obschon ich zugeben muss, dass ich mich nicht genau erinnere, wie deine Luft riecht. Gelegentlich blitzt eine Erinnerung auf wie wir in den frühen Morgenstunden nach Partys im Mobilat durch die Stadt streiften, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen uns auf den Boden der Tatsachen zurückholten. Ich versuche den Geschmack eines Frühlingmorgens am Neckar zurück in mein Gedächtnis zu rufen. Vergebens. Ich verlasse das Haus, steige auf mein Motorrad und fahre auf die Autobahn »del sur« in Richtung Norden wo die Berge noch als ein unerkenntlicher Schatten am anderen Ende der Stadt liegen. Die Autobahn ist gänzlich leer, in wenigen Stunden wird hier alles bewegungslos stehen, mit Ausnahme der Motorräder die kreuz und quer zwischen den Autos ihren Weg suchen. Doch im Moment ist dieses Chaos noch nicht einmal zu erahnen. Ich fahre gemütlich und habe Zeit meinen Blick über die sogenannten Barrios, die Armenviertel, schweifen zu lassen, die wie ein Meer aus orangenen Lichtern auf die verschiedenen Hügel der Stadt verteilt sind. Aus der Ferne hat es den Anschein als vibriere das Kollektiv aus Lichtern aus deren Richtung das monotone Geräusch der Sirenen kommt. Es dämmert bereits als ich um 5 Uhr morgens mein Motorrad abstelle und am Zustieg »Sabas Nieves« meine Route beginne. Vorbei an der »Quebrada Quintera«, dem ersten Wasserfall. Nach weiteren zehn Fuß-Minuten, dann die »Quebrada Pajarito« und schliesslich erreiche ich nach einer Stunde »la Piedra del Indio«, den Stein der Indianer, von woaus ich die Sonne über der Stadt aufgehen sehe und mich entschließe eine größere Runde zu drehen. Ich gehe den steilen Aufstieg von 1200 Höhenmetern auf den Pico Oriental an. Hier oben hielt ich nach dir Ausschau, begann darüber nachzudenken was dein Name bedeutet. Denn Zuhause, das was links von mir liegt, in der Stadt die ich am Fuss der Berge sehe und Heimat, was rechts von mir liegt, am anderen Ende des Meeres welches am Fuß dieser Seite der Bergkette liegt, haben scheinbar nichts gemein. Ein Zuhause, das wurde mir in den vergangenen Jahren bewusst, kann ich überall haben.

Während drei Monaten war mein Zuhause ein VW-Bus mit dem ein Freund und ich von einem Klettergebiet zum nächsten durch Europa zogen. Später bin ich dann alleine weiter gereist, über Marokko, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Conakry bis Mali und wieder über den Senegal auf die kapverdischen Inseln wo ich sieben Monate lebte und von woaus ich in die Karibik segelte und die Inseln Martinique, Barbados, Grenada, Trinidad & Tobago ansteuerte. Der Standard meines Zuhause wechselte in einer Spanne die von einem 5-Sterne Hotel in Caracas bis zu einem Zelt in der Sahara Mauretaniens reichte. Das bedeutet Pinkeln auf einem Luxusklo vs. Wüstenhunde die in der Nacht auf mein Zelt pinkeln. Ich war zuhause auf verschiedenen Segelbooten unter der Flagge verschiedener Länder, denn Zuhause bedeutet auch nicht zwangsläufig kulturelle Zugehörigkeit. Dann war mein Zuhause eine Hängematte in einer Kletterhalle, denn ein Zuhause ist auch formfrei, kann sich nach Belieben bewegen. Eine Heimat ist ein fixer Ort. Jener, um den man sich dreht wenn man sie verlässt und die Welt bereist, dessen Standort der selbe bleibt, auch wenn man seinen eigenen noch so oft ändert. Für mich bist du der Spiegel der Zeit, die ich fern von dir verbringe und in den ich nie schaue. Wenn ich ehrlich bin, bist du mir das Gefühl der Zeit, das mir abhanden kam. Du, liebe Heimat, bist der Ort der uns in unserem Tun und Denken prägt, uns moralische Wertvorstellungen suggeriert und in gewisser Weise Normalität hinsichtlich dem bedeutet, was wir kennen. Versuche ich einen Vergleich zwischen dir und dem Ort anzustellen der mein Zuhause ist, muss ich feststellen, dass jede Heimat ihre eigene Wahrheit birgt. Also liebe Heimat, schreibe ich dir auch um dich zu belehren. Denn was unseren Wertvorstellungen, unserer Moral und unserem Gesamtbild einer funktionierenden Gesellschaft entspricht, wird hier radikal pervertiert. All deine Normen sind hier über den Haufen geworfen und das Resultat ist, auf den ersten Blick, ein komplettes Chaos, in dem der anständige Mensch kaum eine Chance hat zu überleben. Doch das wäre eine reichlich undifferenzierte Betrachtungsweise. In Wirklichkeit herrscht eine Ordnung inmitten dieser Anarchie, die ermöglicht, dass der Bürger inmitten einer Parallelgesellschaft lebt in der ein Zusammenleben geschaffen wird zwischen illegalen Minenarbeitern, korrupter Polizei und Militär, dem Narcotráfico, dem organisierten Drogenhandel, bis über die Indigene Bevölkerung die die abgeschiedenen Gebiete der Gran Sabana und des Amazonas bewohnen und somit inmitten der Umschlagplätze leben. Doch lebt der Bürger nicht ohne Beeinflussung dieser Parallelgesellschaften, muss sich selbst gegen sie schützen und profitiert von Zeit zu Zeit auch von ihrem Netzwerk. Der Mangel an staatlicher Intervention hat dazu geführt dass der Bürger sich seine Regeln selbst schafft. Es scheint jeder an die Situation angepasst. Betrachte ich meine kleine Welt hier, mit meinen Freunden und den Menschen mit denen ich sie teile, stelle ich fest, dass wir eine Freiheit geniessen, die seinen Preis rechtfertigt. Und dennoch, es liegt eine Ambiguität in dieser Fesstellung, vor allem in der Erkenntnis, dass jede Freiheit auch eine gewisse Einsamkeit mit sich bringt. Dass es Dinge gibt, die man mit anderen substituiert, Menschen die an die Stelle anderer treten und an deinem Leben vorbeiziehen. Doch auch, dass es Dinge und Menschen gibt, die man nicht ersetzen kann.

Ich kann keinen Vergleich zu dir anstellen, denn woher ich bin und wo ich bin sind zwei gänzlich verschiedene Welten. Von mal zu mal werde ich in die deinige zurückversetzt, etwa wenn mich ein Lied von dir erreicht, wie das neue Soloprojekt »Pet the Muse« meines Freundes Axel, das ein ebenso schrilles Kontrastprogramm zur hiesigen Musik darstellt, wie der Vergleich der politischen Situation beider Länder, Deutschland und Venezuela. Dann bekomme ich zu spüren, dass Musik ein Verbindungsstück zu dir ist und komme nicht darum an die Data Bar zu denken und die Zeit, die ich glücklich bei dir, meiner Heimat, verbracht habe. Und mir wird klar, dass es Zeit wird, dass du mir ein »Gaildorfer«-Bier kaltstellst und ich auf einen Besuch vorbei komme um Musik, Gedanken und Erinnerungen mit dir auszutauschen, nicht um Vergleiche anzustellen.

Hauste! Un Abrazo,

Patrick

STECKBRIEF

Name: Patrick Ortwein

Alter: 27 JAHRE

Reiseziel: Venezuela

Aufenthalt: SEIT DEZEMBER 2011 UNTERWEGS

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