Der Brief an die Heimat im Hanix-Magazin No.39

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Von Helen Hofmann & Sebastian Staudenmayer

Liebe Heimat,

weit weg bist du gerade. So ungefähr sieben Tagesmärsche, vier Tage in schrottreifen Bussen und einen Flugtag weit entfernt. Wir sind hier in Mugu, ungefähr eine Stunde von der chinesischen Grenze entfernt in einer entlegenen Ecke Nepals. Gleichzeitig bist du uns sehr nahe, da wir uns nach den strapaziösen Wanderungen der letzten Wochen wieder sehr auf dich freuen: auf Freunde, Familie, die Vielfalt des Essens, ein Bett, ein Livekonzert und vieles mehr. Dennoch ist es wunderschön hier zu stehen, in diesem tibetischen Dörfchen auf knapp 4000 Meter Höhe des östlichen Himalayagebirges. Die letzten Ausländer seien hier vor über fünf Jahren durchgekommen haben uns die Militärs am Checkpoint erzählt.

Eigentlich hat uns das Erdbeben in Kathmandu hier hingespült. Nur durch einen Zufall waren wir nicht mittendrin im Epizentrum, sondern 500 Kilometer weit entfernt im Bardia Nationalpark. Wir saßen im Paradies und hatten nur via Internet über das Beben erfahren. Natürlich wollten wir sofort helfen, doch die Nepalesen rieten uns ab. Unsere Familien daheim wollten uns nach dem Schock so bald wie möglich in die Arme schließen. Wir waren unsicher, ob wir diese Reise überhaupt noch fortführen dürfen. Letztendlich überzeugten uns unsere nepalesischen Freunde mit dem Argument, dass Nepal mehr geholfen sei, wenn wir als Touristen blieben: damit wir unserer Heimat später erzählen können, welch ein tolles Reiseziel ein Großteil Nepals auch nach dem Beben noch ist.

So sind wir nordwärts gefahren in eine sehr unerschlossene Region, deren wichtigste Handelsroute so aussieht wie in Deutschland ein vernachlässigter Waldweg. Wir verbrachten für 260 Kilometer Straße zwei volle Tage in altersschwachen Bussen auf dem Karnali Highway, der offensichtlich gefährlichsten Straße Nepals. In eine Bergflanke gefräst schlängelt sich die »Autobahn« über ungesicherte Steilhänge, an deren Fuß man zig Lastwagenwracks sieht, die leider weniger Glück hatten. Im Bus erzählte uns ein junger Nepalese, dass ein richtiges Leben erst wirklich erfüllt sei, wenn man einmal am Rara See gewesen sei. Also los zum Rara See, dem größten und am höchsten gelegenen See Nepals.

Von Jumla, der letzten Stadt mit einer richtigen Straße, sind allerdings noch drei Tagesmärsche über hohe Bergpässe zu wandern. Der Weg führt uns durch bezaubernde Flusstäler, in denen das dörfliche Leben sehr bäuerlich geprägt ist. Hier werden die Felder durch Ochsenkraft gepflügt, Männer hacken Holz, Frauen kochen und Kinder tragen ihre Geschwister durch die Gegend. Die Leute sind sehr gastfreundlich, dabei angenehm unaufdringlich. So ungefähr stelle ich mir das ländliche Leben um Heilbronn vor gar nicht allzu langer Zeit auch vor, wenngleich die Heilbronner wahrscheinlich um ein Vielfaches wohlhabender waren und sind.

Dann endlich: der See! Atemberaubend schön ist er, umgeben von schneebedeckten Bergen und unberührten Wäldern, in denen man sich herrlich herumtreiben kann. Die Natur hat ein urtümliches Riesenformat, man sieht meterdicke Birken, blühende Rhododendronwälder und immer wieder das kristallklare Wasser des Sees. Wir sind gleich eine ganze Woche dortgeblieben und haben uns sogar ein kleines bisschen heimisch gefühlt. Es gibt eine einzige Übernachtungsmöglichkeit am See, nämlich das Naturschutzhaus des Nationalparks. Man schläft auf Holzpritschen und isst mit den Rangern des Parks.

Apropos Essen: der berühmte nepalesische Dal Bath besteht aus Unmengen Reis mit Linsen, vergleichbar zu Spätzle mit Soss’. Zum Frühstück Dal Bath, zum Mittagessen ebenfalls und – kein Witz: zum Abendessen auch. Wir können gar nicht in Worte fassen, liebe Heimat, welch phantastische Hirngespinste wir während vier Wochen Dal Bath zu heimischem Essen hatten … Gemüse! Käse! MAULTASCHEN!

Inspiriert verließen wir Rara und folgten frisch ausgeruht einem Hochgebirgstal, das in die entlegenen Regionen Dolpo und Mugu führt sowie die einzige Handelsroute nach China darstellt – bis heute mit Eselskaravanen und zu Fuss. An die zehn Stunden Wanderung pro Tag machten uns etwas zu schaffen, aber dafür schmeckt dann auch Dal Bath wieder gut und die einfachen Unterkünfte erschienen uns wie 5-Sterne-Lodges.

Auf ungefähr halber Strecke änderten sich Menschen, Dörfer und Essenszubereitung, da wir vom hinduistischen Süden in den buddhistischen Norden vordrangen. Im Grunde genommen könnte man die Region mit seinen typischen Tempeln, Anbaumethoden, Kleidungsstil et cetera als Exil-Tibet bezeichnen. Auch hier wurden wir gastfreundlich eingeladen, am täglichen Leben teilzuhaben und unsere Geschichten, soweit es die Sprachkenntnisse zuließen, auszutauschen. Immerhin konnten wir auf nepalesisch um Essen und Schlafplatz verhandeln und sogar ein paar Witze erzählen. Wenn keine Konversation mehr möglich war, haben wir einfach auf Schwäbisch weitererzählt, dann kam die Message auch irgendwie an. Und Musik, ja Musik verbindet alle Menschen dieser Welt!

Mugu Village selbst ist ein kleines Nest, das aufgrund der harten Witterung nur zwei Monate im Jahr bewohnt ist. Die felsigen Häuser ducken sich eng an die Steilhänge des Tales. Die Menschen hier haben ein sehr ungewöhnliches Auskommen: Jeden Sommer pilgern an die 8000 Glücksritter in die umliegenden Berge, um Yarsagumba zu suchen. Das sind Pilze, die sich unterirdisch durch eine Insektenlarve fressen und sehr schwer zu sammeln sind. Sie werden getrocknet und als Aphrodisiakum nach China verkauft. Es herrscht eine richtige Goldgräberstimmung, wenn einem die langen Menschenkaravanen aus dem Tal entgegenkommen.

Wie von jeder Reise in eine fremde Kultur bringen wir viele Eindrücke und Erlebnisse mit und kehren mit einem veränderten Blick zurück. Es ist ein Geschenk, Reisen zu dürfen und ein Glück, wieder in ein Zuhause zurückzukommen. Wir sind sehr dankbar, dass wir die Möglichkeit und den Mut dazu hatten. Es schärft den Blick auf dich, liebe Heimat, und man sieht wieder klarer, was man an dir schätzt und was einem nicht gefällt.

Wir haben dich trotzdem lieb,

Deine Helen und Sebastian

PS: Liebe Heimat, wir haben dir auch noch ein Geschenk mitgebracht. Wir hatten unsere Instrumente und ein Aufnahmegerät dabei und haben einen audiovisuellen Blog von unseren Abenteuern erstellt: www.o-toene.com

Nach sieben Monaten Reisen durch Indien und Nepal sind Helen und Sebastian jetzt offiziell Neu-Fleiner. Für Helen ging es in ihrer Selbständigkeit als Saxophonistin gleich weiter mit Konzerten und sommerlichen Hochzeitsgigs. Sebastian startet ab Oktober seinen neuen Job als Geschäftsführer der Energieagentur Ludwigsburg. Beide sind Musiker (Gitarre & Saxophon) und immer offen für musikalische Begegnungen, vor allem hier in der neuen Heimat. Einen kleinen Einblick in ihr Schaffen bieten das Musikprojekt CamArtJam auf www.camartjam.com und Helenes Internetseite www.saxophonfrau.de.

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