Brief an die Heimat HANIX No.37

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LIEBE Heimat,

Klischees werden geliebt, gelebt und weitergetragen, sie können aber auch verurteilt oder verrufen werden. Türkische Mitmenschen heiraten und verloben sich kitschig, sie sind Dauer-Schwarztee-Trinker und packen ihre Koffer immer zu voll, sodass sie mit zusätzlichen Schnüren die Koffer vor einer Explosion schützen müssen. Ich sage: »Ja diese Klischees stimmen und ich liebe sie!« Ich habe mich in einem Land voller Klischees wiedergefunden, mitten in der Türkei, in einer Stadt namens Kayseri. Ja … Kayseri. Noch nie gehört? So ging es mir auch! Kayseri liegt in Anatolien am Fuße eines erloschenen Vulkans, dem Erciyes. Heute leben etwa 689 000 Menschen da. Doch wie kam ich von unserer schönen Heimat denn da hin? Die Antwort lautet: durch eine Verlobungsfeier. Und zwar die Verlobungsfeier von der Schwester meiner Freundin Meryem.

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Aber nun nochmals zurück zum Anfang der Hochzeitsreise, denn noch war ich ja nicht in Kayseri angekommen. Wir starteten zu viert von Stuttgart aus. Nach einem Zwischenstopp in Ismir kamen wir in Kayseri an. Dort angekommen begrüßten uns 30 Menschen mit Küsschen links und rechts. Von Kontaktscheue war nichts zu spüren. Dazu sage ich: »Find ich gut, so herzlich!« Als ich Meryem fragte, wer die Menschen denn alle wären, grinste sie und sagte: »Keine Ahnung … Familie der Familie!« Auf der Fahrt vom Flughafen fielen mir sofort die verschiedenen Hochhäuser auf. Sie wurden und werden auch heute noch in allen möglichen geometrischen Formen und Höhen gebaut … über rechteckig bis rund. Dabei ging mir ständig eine Frage durch den Kopf: Wie werden Möbel in runde Häuser gestellt? Nun ja. Und so ging es weiter. Untergebracht waren wir bei Meryems Tante, natürlich in einem Hochhaus. Dort erwarteten uns weitere Menschen, welche mich auch wieder herzlich begrüßten, so als würden wir uns schon Jahre lang kennen. Bei einer Verlobungsfeier kommen immer viele Menschen zusammen, nicht nur die Familie der zukünftigen Braut und des Bräutigams, sondern auch die Familie der Familie und deren Freunde. Mit einem Schwarztee und Baklava in der Hand sowie vielen neuen türkischen Wörtern im Ohr ging der Abend zu Ende. Geschlafen wurde im Wohnzimmer. Beeindruckend war für mich, dass anscheinend jede türkische Wohnung perfekt auf Besuch eingestellt ist.

Liebe Leute in der Heimat, ihr habt noch nie soviel bunte Bettwäsche auf einmal gesehen. Aus allen Sofas wurden Schlaflager. Die erste Nacht verbrachten wir zu viert im Wohnzimmer. Die Zahl der Wohnzimmerschläfer war in den kommenden Tagen stark ansteigend, natürlich blieben die Frauen strikt unter sich. Der zweite Tag startete mit einem Blick aus dem Fenster. Es erwartete mich ein unglaublicher Ausblick direkt auf den Erciyes. Danach folgte ein ausgiebiges Frühstück mit Schwarztee und Honig. Der Honig ist eine Spezialität der Region. In dem Honig sind die Bienenwaben noch enthalten, welche sich dann beim Essen in die hinteren Backenzähne kleben. Total lecker! Das Honigfrühstück löste bei mir das selbe Gefühl wie Verzehr von Gummibärenschlümpfen aus. Einfach herrlich. Schön zu sehen war, dass die ganze Familie hilft und zusammenhält. Auch die Uroma von Meryem lebt noch in der Wohnung und wird mitversorgt. Dadurch lag die Altersspanne der Bewohner zwischen zweieinhalb und 94 Jahren. Sowas nenne ich einen Mehrgenerationenhaushalt par excellence.

Nach dem Frühstück starteten wir in die Stadt, denn die erste Aufgabe des Tages bestand darin, für die zukünftige Braut ein Kleid für den bevorstehenden Hennaabend zu finden. In der Stadt angekommen ging es auf den Bazar. Kleider ohne Ende. Ein Traum aus tausendundeiner Nacht. Ein Kleid war schnell gefunden. Pompös, rosa mit Glitzer und Tüll. Für die Zeremonie suchte sich die Braut ein besonderes Kleid aus, ein sogenanntes »Bindalli«, welches einzig und alleine bei der Zeremonie selbst getragen wird. Im Anschluss daran gingen wir in eine Passage, die nur aus Gold bestand. Hier durfte sich die Braut vom Bräutigam Goldschmuck aussuchen. So schön kitschig war das alles!

Bevor es am Abend zur Verlobungsfeier ging, wurden wir zu einem türkischen Friseursalon gebracht, wo uns die Haare schön gemacht werden sollten. Was mir übermäßig auffiel, war, dass die Friseure hier scheinbar eine extreme Affinität zu Haarspray haben. Die Frisuren hielten nach dem Friseurbesuch, als wären sie aus Zement. Die Braut trug bei ihrer Verlobungsfeier ein Kopftuch, welches traditionell vernäht wurde. Im Anschluss ging es direkt weiter ins Fotostudio. Der Hintergrund konnte nach eigenem Geschmack gewählt werden. Zur Wahl stand eine Natursteinmauer oder ein Paradiesgarten. Die Wahl fiel auf das Paradies. Ein Familienbild gab es natürlich auch. Bei der Verlobungsfeier angekommen warteten bereits 300 Gäste auf das Brautpaar. Die Braut und der Bräutigam wurden von Fackelläufern und romantischer Musik über einen roten Teppich hinweg in den Saal mit seiner großen Tanzfläche begleitet. Während des Eröffnungstanzes fand sich das Brautpaar in einem Regen aus Sprühfeuerwerk wieder. Anschließend wurde getanzt und das Brautpaar empfing in einem Zelt die Glückwünsche zur bevorstehenden Hochzeit. Der Tag ging mit viel Kitsch und Schwarztee zu Ende.

Am dritten Tag ging es auf den erloschenen Vulkan in den Schnee, um zu boarden. Eine Moschee im Schnee direkt auf dem Vulkangipfel mit einer angrenzenden, perfekt präparierten Abfahrt – sowas sieht man wirklich nicht alle Tage! Doch bevor es am nächsten Tag nach Hause gehen konnte, ging es ans Kofferpacken. Viele Menschen auf einem Koffer können Erstaunliches erreichen. Ich hatte Angst vor einer Explosion, deswegen musste der Koffer in dieser Nacht auf dem Flur schlafen. Die letzte Nacht verbrachten wir zu acht im Wohnzimmer. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Heimweg.

So liebe Heimat und was ist das Resümee meiner Reise? Ich habe mich in diese Kultur verliebt; das liebevolle familiäre Miteinander, den türkischen Honig in meinen Zähnen, den Schwarztee am Morgen, zwischendurch und auch mal nachts und die vorurteilsfreie offene Art der Menschen dort. Und ich kann jedem nur raten: Lasst neue, euch fremde Kultur zu und lasst sie in euer Herz, denn sie ist wunderbar! Wenn ihr die Chance habt, ein Teil davon zu sein, dann genießt es in vollen Zügen!

Alles Liebe, deine Börnie

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