Brief an die Heimat Hanix No.43

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Ein Brief mit Fotografien von MICHAEL DIKTA aus Minsk

Liebe Heimat, ich sitze gerade in meinem Zimmer und schreibe dir, während draußen ein Schneesturm wütet. Wo es Ende März noch schneit? Na in Weißrussland, genauer gesagt in Minsk. Hier hat es
noch angenehme -5 Grad und Glatteis. Na gut, ich muss zugeben, dass es hier auch schönes
Wetter hat, aber jetzt gerade ist mal wieder Schneesturm angesagt.

Weißrussland war für mich vor diesem Aufenthalt ein schwarzer Fleck auf der Landkarte, deshalb habe ich die Möglichkeit, über die Universität nach Belarus zu reisen, dankend angenommen. Es ist nämlich gar nicht so einfach in das Land, was auch liebevoll »die letzte Diktatur Europas« genannt wird, einzureisen. Nachdem der ganze Papierkram erledigt und die 24-stündige Busfahrt ohne Thrombose überstanden war, konnte ich mir zum ersten Mal ein eigenes Bild von Minsk machen.
Anfangs wirken die breiten Straßen und die riesigen brutalistischen Bauten sehr einschüchternd und kühl auf mich. Dadurch dass die Stadt im 2. Weltkrieg (im weißrussischen auch »Großer Vaterländischer Krieg«) zum Großteil zerstört wurde, gab es beim Wiederaufbau ein klares Konzept: Viel Wohnraum schaffen und die ganze Stadt autofreundlicher machen. Das hat dazu geführt, dass Minsk sehr konstruiert und aufgeräumt wirkt. Dies entsprach, ich gebe es zu, nicht ganz dem Bild, das ich im Vorfeld von Weißrussland hatte. Die Ordnung kommt wohl auch daher, dass an jeder Ecke und überall auf der Straße Menschen in Militäruniform zu sehen waren und man sich ständig observiert fühlt. Dies führt dazu, dass man sich zweimal überlegt, ob man seinen Zigarettenstummel einfach auf die Straße schnippt, oder doch lieber bis zum nächsten Mülleimer trägt. Was absurde Gesetze angeht, ist in Weißrussland alles möglich. So ist das Kritisieren des Präsidenten mit einer zweijährigen Haftstrafe verbunden, genauso ist es verboten, in einer Gruppe in der Öffentlichkeit zu klatschen. Der neueste Gesetzesstreich
des Präsidenten: die Arbeitslosenstrafe. Dieses Gesetz schreibt vor, dass man umgerechnet 200 € Strafe zahlen muss, wenn man im Jahr weni- ger als 183 Tage offiziell in Belarus arbeitet. Bei einem Ar- beitslosensatz von umgerechnet 11€ monatlich klingt das wie ein schlechter Scherz.


Nachdem ich mich recht schnell eingelebt hatte und Minsk zwar riesig ist, aber sich doch ein bisschen wie ein Dorf anfühlt, sind wir zu fünft mit dem Zug nach Polazk gefahren, der ältesten Stadt in Belarus. Diese hat auch noch die für Weißrussland typischen bunten Holzhäuser und mit bunt meine
ich einen Farbkreis, der von Babyblau über Mintgrün bis hin zu Schweinchenrosa reicht. Wir hatten ziemliches Glück, da uns die Stadt von zwei Freundinnen und gebürtigen Polazkerinnen gezeigt wurde. Was sie uns auch gezeigt haben, liegt gleich neben Polazk und heißt Nawapolazk, auf deutsch Neu-Polazk. Diese Stadt ist vor ziemlich genau 50 Jahren komplett am Reißbrett entstanden und ein Paradebeispiel für eine sowjetische Planstadt. Kilometerlange Straßen führen nur gerade aus und auf beiden Seiten reihen sich Plattenbauten aneinander, die sich nur in der Farbe unterscheiden. Einerseits ist es architektonisch unglaublich interessant und städteplanerisch eine Meisterleistung, aber auf der anderen Seite auch ziemlich deprimierend, wenn man sein Haus nur an der Farbe von den anderen unterscheiden
kann. Als wir mit unseren beiden Stadtführerinnen noch etwas Essen waren um uns für die lange
Fahrt mit dem Nachtzug zu stärken, haben wir die Zeit etwas aus den Augen verloren und
natürlich unseren Nachtzug nach Minsk verpasst. Kurzerhand hat uns eine der beiden zu sich nach Hause eingeladen, um nicht die Nacht am Bahnhof verbringen zu müssen. Man muss sich das so vorstellen: Nachts um ein Uhr fallen fünf junge Leute in eine Zweizimmer- Wohnung in irgendeinem Plattenbau ein und überraschen damit die Mutter der Freundin. Die Mutter wirft sich souverän ihre Schürze um, und befiehlt, den Esstisch auszuziehen und einen Stuhl zu suchen. Während wir alle um den Tisch saßen und uns noch nicht ganz sicher waren, was jetzt passieren wird, füllte sich der Tisch mit den verschiedensten Speisen und Snacks und zu guter Letzt wurde eine große Flasche Hochprozentiger aufgetischt und
uns wurde natürlich direkt reichlich eingeschenkt. Der Erste wurde auf die Hausherrin und die tolle Gastfreundschaft getrunken, der Zweite auf die Freundschaft, der Dritte auf die Frauen, der Vierte auf die Männer und der Fünfte darauf, dass wir nicht noch den nächsten Zug verpassen. So ging das bis fünf Uhr morgens und natürlich haben wir wieder den Zug verpasst und am Ende einfach den Bus genommen. In dieser Nacht habe ich erleben dürfen, was weißrussische Gastfreundschaft bedeutet, und wie mein Russisch sich mit der Anzahl an Kurzen exponentiell verbesserte. Das wars von mir soweit, natürlich könnte ich dir jetzt noch so einige Geschichten erzählen, aber das machen wir, wenn ich wieder zu Hause bin.
Doswidanja, dein Michael

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