Brief an die Heimat Juni 2012

EIN BRIEF AUS MARRAKESCH / MAROKKO

Liebe Heimat,

die Semesterferien waren gekommen und eine Woche in Marrakesch, Marokko längst gebucht. Durch mein Semitistik-Studium fiel die Wahl auf ein arabisches Land auch mit dem Hintergedanken, das sich dort, also Marokko, Ausschreitungen nach dem arabischen Frühling im Moment sehr bedeckt hielten. Es war für mich und meine Freundin das erste bewusste Eintauchen in die arabische Welt. Bereits Mitte Februar fiel Weltenbummler Paddy und mir auf, dass es nicht unrealistisch war, seine Weltreise mit unserem kleinen Urlaub kreuzen zu können. Er war zu diesem Zeitpunkt noch in der Thodra Schlucht und wo sein Weg genau hinführt, weiß man bei ihm bekanntlich nie so genau. Mit den Worten: »Du bist herzlich zum Whiskey Marrocain eingeladen« beließen wir unsere Unterhaltung erst mal. Es war schließlich noch ein ganzer Monat bis dahin. Ende Februar schrieb ich Paddy unsere Adresse des Hostels, Ankunft- und Abflugszeiten am Flughafen. Warum genau weiß ich nicht, denn Paddy ist nicht gerade der Freund von festen Uhrzeiten und Plänen. Bis zu unserer Ankunft waren einige Tage Funkstille und ich hatte kaum damit gerechnet Paddy wirklich zu treffen und da saß er dann direkt vor dem Flughafen und hat auf uns gewartet. Welch schöne Überraschung. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ich hatte ihn sehr vermisst.

Es waren leider nur zwei Tage, die wir mit ihm verbracht hatten, doch es waren unvergessliche Stunden. Nach der Ankunft in unserem Hostel und dem totalen Kulturschock aßen wir auf unserer Terrasse frisches Brot mit Oliven und tranken diesen unvergesslichen marokkanischen Tee zum ersten Mal. Sonne, arabische Musik und die verschiedensten Gerüche lagen in der Luft. Unsere Hostels lagen nur wenige Minuten Fußweg voneinander weg, also beschlossen wir etwas Zeit auf der Terrasse zu verbringen, wo Paddy nächtigte. Er schlief in einem Berber Zelt, wo wir es uns nach Stunden bei 30 Grad in der Sonne gemütlich machten. Er erzählte von seinen vergangenen 5 Monaten, den großartigen Menschen, die er kennengelernt hatte und seinem derzeitigen Lebensgefühl. Am Abend gingen wir bei uns in der Nähe auf einen Platz mit vielen verschiedenen Essensständen. Rashid, ein Bekannter von Paddy machte uns frische Omelettes mit Tomaten und dazu Tee. Ein weiterer Reisender, den er kennengelernt hatte, begleitete uns und wir verbrachten einen tollen Abend. Am nächsten Tag zeigte uns Paddy den Djemma el Fna. Es war wie überall in Marrakesch sehr laut und hektisch. Ein riesiger Basar mit unzähligen Ständen, Schlangenbeschwörern und Dachterrassen. Paddy hatte uns gezeigt Wie viel man für diverse Dinge bezahlt und wann es die Einheimischen nicht mehr so gut mit einem meinen. Er war gerade zu Beginn eine große Hilfe für uns. Denn auch das Problem mit der Belästigung von Seiten der Männer ließ nicht lange auf sich warten. Für mich erschreckend mit wie wenig Respekt man von den meisten behandelt wird, obwohl ich trotz der heißen Temperaturen lange Kleidung trug und sogar meine Haare bedeckte. Aber das ist eine andere Geschichte. Anschließend liefen wir durch die Souks, tranken frisch gepressten Orangensaft und aßen allerlei Süßes. Paddy musste nun aber seine Reise fortsetzen um sein Visa für Mauretanien abzuholen, also beschlossen wir kurzer Hand ihn zu den Ouzoud Wasserfällen zu begleiten. Mehrere Stunden Busfahrt, einige Meter Laufweg und ein paar Kilometer trampen lagen hinter uns bis wir es endlich geschafft hatten. Was für ein Anblick. Unbeschreiblich. Nachdem wir auch die restlichen Araber abgeschüttelt hatten, die uns für wenig Geld einen Schlafplatz angeboten, fanden wir ein schönes Plätzchen im Wald. Wir machten Feuer, aßen Gemüse und Brot, welches wir auf dem Weg zu den Wasserfällen für einige Cents von einem Mann abkauften, der sein Haus mitten im Nirgendwo hatte. Wie dankbar und ehrfürchtig die Menschen, gerade auf dem Land sind. Er hatte sogar meine Hand geküsst. Das ist die andere Seite der Menschen in Marokko.

Am Morgen machte uns ein Mann darauf aufmerksam, dass wir auf seinem Grundstück genächtigt hatten und lud uns für wenig Geld zum Frühstück ein. Natürlich nicht ohne uns seinen selbstgemachten Schmuck zu zeigen, in der Hoffnung wir würden ihm etwas abkaufen. Wir ließen uns darauf ein und saßen mehrere Stunden mit seinen Kindern, seiner Frau und den Tieren im Innenhof seinen Hauses. Viel Brot, frisches Olivenöl und der berühmte Tee versüßten uns den Morgen.

Nach einigen weiteren Stunden hieß es dann »Auf Wiedersehen, Paddy«. Ich war ihm für seine ständige Hilfsbereitschaft so dankbar. Ganz zu schweigen von dem Erlebnis bei den Wasserfällen. Für mich ein unersetzbarer Freund, dem ich für seine Weiterreise nur das Beste wünsche. Um Paddy braucht man sich keine Sorgen machen. Ich hatte ihm am Ende noch ein funktionierendes Feuerzeug von mir gegeben und im Zuge dessen hatte er noch eine Schnur entdeckt, welche er auf dem Boden fand und die nun zur Verwendung als Wäscheleine dienen sollte. Diese Utensilien komplettierten seine Ausrüstung. Mit den Worten: »Nun habe ich alles was ich brauche«, schenkte er mir ein Lächeln. Bewunderung drückt wohl das Gefühl aus, das ich für ihn empfinde. Vielleicht auf ein weiteres Wiedersehen im Sommer auf den Kap Verden.

Tschüss, deine Vanessa

STECKBRIEF

Name: Vanessa Macco

Alter: 21

in Marrakesch für: Zwei Tage

Früherer Wohnort:Heilbronn

Derzeitiger Wohnort: Berlin

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