Brief an die Heimat Mai 2012

EIN BRIEF AUS NEW HAVEN/USA

 Liebe Heimat,

klar, kalt, hell. Ich bin eben durch die fremde Stadt auf dem Bike geradelt, das mir meine Landlady ausgeliehen hat. Seit zehn Tagen bin ich hier in New Haven an der Yale University, und zum ersten Mal fühle ich mich wohl. Ich bin hier her gekommen, um zu vergessen. Um meine Erinnerungen zu verlieren, um alles hinter mir zu lassen. Ich betone, ich bin nicht hier her nach Connecticut gekommen, um mir ein neues Leben aufzubauen. Ich will einfach nur vergessen. Leer werden. Platz schaffen. Alle Poster von den Wänden reißen, die Staubfänger in den Müll schmeißen, die Kleider in die Tonne kloppen, und frei werden von all dem, was ich mit ihnen verbinde.

Daheim hab ich das auch versucht. Alkohol, Sex, exzessiver Sport, Yoga. Rennen, wegrennen, betäuben, überspielen, verdrängen. Vergessen, leer werden. Ich sein. Meine Wohnung sah aus, als würde niemand darin wohnen. Es ist mir nicht gelungen. Seine Süchte wird man nicht los. Auch nicht seine Ängste. Sie verlagern sich. Erst denkt man, man hätte sie überwältigt, dann tauchen sie an anderen Stellen mit anderen Masken wieder auf. Es wäre faul, sie den Teufel zu nennen, aber sie wirken so. Und so radle ich die Straße entlang, und erfreue mich an dem Neuen. Die unmarkierte Leere. Gebäude, die mir nichts sagen. Straßen, die nicht vollgesogen sind mit Erinnerungen, wie es das Pflaster meiner Heimatstadt war. Immer wenn ich lief, schienen die Erinnerungen aus den Steinen zu quellen, als liefe ich über nasses Moos. Und ich hab sie gehasst. Ich wollte trockenen Fußes gehen, auf festem Grund und wenn es sein muss in der Wüste. Ohne alles.

Und jetzt, nach dem Radeln, steh ich hier. Im Kreuzgang einer weltweit anerkannten Institution. Neogotisch. Sandsteinmauer und eine vergessene Ecke. Auf dem Mülleimer stapeln sich Papierkaffeebecher. Durch angestaubte, bleiverglaste Fenster schaue ich Studenten beim Vorübereilen zu. Mich sieht niemand. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn zufällig jemand in das Fenster schaut, hinter dem ich stehe und beobachte. Niemand würde damit rechnen, dass ich hier stehe und Augen mache. Wer mich sähe, würde zunächst erschrecken. Noch mehr, wenn ich meine Augen bedeutungsvoll aufreißen würde. Und dann noch mit dem Finger auf die Person zeigen! Mit dem Fingernagel klicke ich an die Scheibe. Testweise. Niemand hört das.

Mein Blick fällt auf das Fensterbrett aus Sandstein. Steinmetzarbeit. Wer weiß, wie alt? Ein Kaffeefleck darauf setzt sich deutlich ab. In meiner Tasche habe ich zwei Stifte. Einen Füller, einen Lackstift. Ich krakele mit dem Lackstift meinen Namen in den Kaffeefleck, als ob der auf mich, seit wer weiß wie lange, gewartet hätte. Vorstellung von der Schönheit des Schriftzugs und Ergebnis der Realisierung weichen deutlich voneinander ab. Es sieht hässlich, nicht stylisch aus. Das ehrwürdige Gebäude. Seit so langer Zeit kommen hier Leute vorbei und reißen sich zusammen, die Räume unmarkiert zu lassen. Sie der Allgemeinheit zu lassen, ihnen keinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Und dann komm ich daher gelaufen. Ausgerechnet ich!

Ob es hier Videokameras gibt? Sicher. Bestimmt wurde ich beim Krakeln aufgezeichnet. Man wird das Standbild mit mir in „Wanted“-Plakate montieren, und diese auf dem Campus aufhängen. Ich sollte mich stellen. Ich verlasse den Kreuzgang durch eine Seitentür. Draußen will ich mich einreihen in die Menge der vorbeieilenden Studenten. Es gelingt mir nicht. Ich bin anders als sie geworden. Ich habe ihr Eigentum beschädigt, und sollte mich schämen. Warum hab ich das nur gemacht? Wenn ich mich freiwillig stelle, wird vielleicht alles gar nicht so schlimm! Ich kann es ja erklären! Wahrscheinlich wird meine Ehrlichkeit mit Freiheit belohnt! Kann doch jedem mal passieren! Schwamm drüber! Machen Sie’s weg und gut ist. Wahrscheinlich aber eher nicht.

Und jetzt, nach meinem Vergehen, stehe ich draußen. Sehe die Gebäude an, und es scheint mir, sie hätten ihre Wertigkeit durch mein Tun verändert. Einerseits noch eindrucksvoller. Andererseits hat sich aber meine Rolle in ihnen vom Naivling zum (sich seiner Schuld) Bewussten gewandelt. Es ist die alte Geschichte von Adam und Eva. Schuld durch Individualität und Selbstbewusstsein durch Schuld. Hier stehe ich. Verhaftet mich doch, wenn ihr wollt! Ich werde mich nicht freiwillig stellen. Ich werde den Leuten hier offen und ehrlich gegenüber treten. Es muss so sein, dass auch sie Schuld auf sich geladen haben – irgendwann, irgendwo einmal. Der oder die. Und ich. Jetzt gehöre auch ich zu ihnen. Ich bin nun auch kein Naivling mehr. Ich halte die anderen nicht mehr für unschuldig. Wir gehören jetzt zusammen, wir sitzen in einem Boot. Unsere Aufgabe ist es, dass wir uns gegenseitig helfen. Im Spannungsfeld von Anspruch und Realität.

Liebe Heimat, wenn ich zurückkomme, sehen wir uns. Und ich kann Dir berichten von den Menschen hier in New Haven, Connecticut.

Grüße. Joerg

STECKBRIEF

Name: Joerg Martin Hartmann

Alter: 32

in New Haven seit: Februar 2012

Früherer Wohnort: Karlsruhe

Derzeitiger Wohnort: New Haven / USA

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