Brief an die Heimat November 2012

EIN BRIEF AUS LONGO MAI / COSTA RICA

Liebe Heimat,

nach knapp einem Monat kann ich endlich sagen: Ich bin angekommen! Und zwar, in Longo Mai, einem kleinen Dorf in Costa Rica, welches auf keiner einzigen Karte zu finden ist. Hier sagen sich Pferdespinne und Schlange gute Nacht. Die Menschen leben fernab jeglicher Zivilisation. Es scheint, als sei die Welt hier noch in Ordnung. Die Leute leben bescheiden und einfach. Ich bin nun für die nächsten Monate ein Teil von ihnen und spüre wie ich jeden Tag ein Stück weit mehr zur Gemeinschaft gehöre.

Oft kommt es mir so vor, als hätte man mich in eine Zeitmaschine gesetzt und etwa 100 Jahre vorher wieder rausgeschmissen. Anfangs schien mir alles komplett surreal. Ich bin aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Kurzum: Hier ist einfach alles anders, als zu Hause. Das Dorf ist nur über eine holprige Schotterstraße zu erreichen und von einer immergrünen Vegetation umringt. Sie gleicht dem Dschungelbuch. Die bescheidene Lebensweise stört nicht. Im Gegenteil, ich habe mich recht schnell an meine neue Umgebung gewöhnt. „Einfach leben“, heißt hier kein warmes Wasser zum Duschen zu haben, sondern nur kaltes. In Longo Mai leben überwiegend Bauern, die von und mit der Natur leben. Meine Gastfamilie versorgt sich größtenteils selbstständig. Das bedeutet, dass sie ein Pferd, einige Hühner und ein großes Feld zum Bewirtschaften haben. Auf dem bauen sie alles Mögliche an. Doch am meisten Kaffee und Mais. Ab und zu gehe ich mit aufs Feld und helfe der Familie bei der Arbeit. Ich habe hier einiges gelernt: Richtig mit der Schaufel umzugehen, Biodünger herzustellen und mit der Machete einen Bambus zu fällen.

Ich bewundere die Dorfbewohner, die jeden Tag aufs Neue, mindestens acht Stunden auf dem Feld verbringen. Die Arbeit ist wirklich hart und zerrt an den Kräften. Ich bin freiwillig nach Longo Mai gekommen. Aber nicht über eine Organisation, wie es üblich ist, sondern selbstorganisiert. Der Freiwilligendienst hier ist anders. Es gibt niemanden, der mir vorschreibt, was ich wann, wo und wie zu machen habe. Genau aus diesem Grund funktionieren die Projekte im Dorf auch so gut. Es ist die eigene Motivation, die enormen Antrieb gibt und das spüren auch die Menschen im Dorf. Da kann man sich anfangs auch mal verloren fühlen. Ich wusste auch nicht, wo mein Platz im Dorf ist und wo ich all meine Energie einbringen sollte. Aber das war nicht schlimm. Ich habe gelernt, dass jeder seinen Platz findet. Und so war es auch bei mir.

Einige Bewohner haben erfahren, dass ich in Deutschland Ballett tanze und haben mich dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, den Kindern im Dorf ein paar Stunden zu geben. Ich war gleich Feuer und Flamme und überlegte mir sofort, wie ich das am besten umsetzen könnte. Über die Hälfte der Dorfbewohner haben nämlich, außer Bachata, Merengue oder Salsa, noch nie einen anderen Tanzstil in ihrem Leben kennengelernt. Aus diesem Grund organisierte ich einen Ballettabend, an dem ich mein Können präsentierte. Der Auftritt war ein voller Erfolg und meine Ballettklasse stand. Im Grunde genommen hört sich das nicht außergewöhnlich an. Aber ich bin dennoch wirklich stolz darauf, dass ich mein eigenes Projekt ins Leben gerufen habe. In der nächstgelegenen Stadt, San Isidro, gibt es einen Jugendzirkus, der von dem Ballettunterricht Wind bekommen hat. Sie wollten ihr tänzerisches Know-how erweitern. Ich habe sofort zugesagt, obwohl ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Und mich erwartete eine Gruppe von etwa 15 Jugendlichen, überwiegend Jungs im Alter zwischen 13 und 16 Jahren. Während meines ganzen Aufenthaltes in Costa Rica, war das bisher meine schönste Erfahrung. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass man Jungs in diesem Alter so für Ballett begeistern könnte. Die Begeisterung, die positive Energie und die ganze Atmosphäre werde ich nicht so schnell vergessen. Mein Leben hier besteht aber nicht nur aus Tanzen, auch wenn es so scheint. Ich mache das, woran ich Freude habe. Und es tut gut, wenn ich andere damit begeistern und anstecken kann. Zudem leite ich zwei anderen Volunteers die Kindertheatergruppe. Am Ende soll eine Art „Natur-Theater-Musicalstück“ dabei herauskommen. Mit den Kindern zu arbeiten und sich Dinge auszudenken macht mir riesigen Spaß.

Was mir ebenfalls wichtig ist, sind die regelmäßigen Treffen mit dem „Medizinmann“ im Dorf. Er scheint als sei dieser Mensch mit unbegrenztem Wissen gesegnet zu sein. Er erzählt mir viel über unseren Körper, Krankheiten und Heilpflanzen. Und darüber wie man für sämtliche Krankheiten die passende Medizin herstellt. Außerdem erzählt er mir von seiner Erfahrung und seiner Zeit in El Salvador während des Bürgerkriegs. Von diesem Mann kann man so viel lernen. Nach jeder Lektion bin ich immer etwas schlauer. Er ist wirklich bewundernswert und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: „Er ist eine echte Bereicherung für Longo Mai und für mich.“

Natürlich habe ich nach dir Sehnsucht, liebe Heimat. Doch jeder Tag hier ist etwas ganz Besonderes. Aber es gibt auch Dinge, die mich stören und wütend machen. Am meisten stört mich die sehr stark ausgeprägte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Die Frau putzt, kocht, kümmert sich um die Kinder und bedient den Mann, zu jeder Zeit. Es fällt mir nicht leicht, das tagtäglich mit anzusehen. Jedoch steht es mir nicht zu, meine Stimme dagegen zu erheben. Ich weiß, dass ich hier mit meinem Freiwilligendienst in Longo Mai bestimmt nicht viel verändern werde, auch wenn ich es mir wünsche. Aber ich weiß, dass es ganz sicher, mich verändern wird.

In diesem Sinne „Pura Vida“, wie ich es von allen Seiten zugerufen bekomme.

Deine Katharina

STECKBRIEF

Name: Katharina Brenner

Alter: 19 Jahre

in Costa Rica seit: September 2012

Früherer Wohnort: Untereisesheim

Derzeitiger Wohnort: Longo Mai, Costa Rica

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