Brief an die Heimat Oktober 2012

EIN BRIEF vom Jakobsweg / Spanien

Liebe Heimat,

dich vermisse ich gerade gar nicht. Viel zu schön ist es hier im Norden Spaniens. Ich laufe den Jakobsweg. Dieser berühmt-berüchtigte klassische Camino de Santiago von 770 Kilometern. Ja, genau den. Und wie es so ist? Der Weg ist lang und hart, und wunderschön zugleich. Man kommt an seine Grenzen, wenn man sie nicht schon vorher kannte. Die Etappen verlaufen durch vier von 17 Regionen oder autonome Gemeinschaften, wie sie auch genannt werden. Das sind Navarra, La Rioja, Kastilien-León und Galizien. Als ich den Jakobsweg auf der französischen Seite in Saint-Jean-Pied-de-Port angefangen habe, lagen erst mal die Pyrenäen vor mir. Hui, war das aufregend. »Ob ich das schaffe», habe ich mich oft gefragt. Häufig wurde einem das Pilgern durch Schutt und Geröllsteine auf den Waldpfaden erschwert. Oder der Weg war einfach unglaublich steil. Wie würde man wahrscheinlich auf schwäbisch sagen: »1400 Meter ‘nuff uff de Buckel zum komme, isch goar ned so oifach, gell.» Ja, und so fühlte es sich auch an. Mein Rucksack wurde mit der Zeit immer schwerer. So, als ob ich einen Zentner Backsteine mit mir herumschleppe würde. Dafür belohnte mich der Weg mit einer wirklich atemberaubenden Naturschönheit. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und auch nicht aus dem Fotografieren. Über 1400 Fotos habe ich gemacht. Echt verrückt. Von der ausgedorrten Meseta, der spanischen Wüste, bis hin zu saftig grünen Wiesen, hab ich alles gesehen. Für mich eine Wahnsinnserfahrung. Seit Wochen bin ich unterwegs, wurde vom Hahn des heiligen Santo Domingo de Calzada gesegnet und habe viele besondere Menschen kennengelernt. Endlich hatte ich auch mal wieder Zeit für mich. Erst hier ist mir richtig bewusst geworden, wie schwierig das Deutschland ist. Alles ist hektisch. Da ist es nicht so leicht in dem routinierten Leistungsalltag bei sich anzukommen. Oder was sage ich, sich die Zeit zu nehmen und bei sich anzuklopfen, wäre ja schon mal schön. Nach den ersten dreihundert Kilometern habe ich damit zwar nicht mehr gerechnet. Aber ich glaube, dass ich von Erkenntnissen sprechen kann, wenn sich meine Sicht für manche Dinge verändert hat. Ich sehe vieles gelassener und denke mir: Alles hat seine Zeit.

Und das spanische Gebäck wäre mir fast zum Verhängnis geworden. Pappsüß ist es und superlecker. Ich muss doch alles probieren, um dann zu Hause kompetente Antworten geben zu können. Ja, die Plundertasche mit Aprikosenfüllung ist optisch ausbaufähig, aber schmeckt hundertmal besser, als bei uns. Ganz aufregend fand ich ja die spanischen Brötchen. »Quisiera tomar este bocadillo, por favor.» Ich hätte gerne dieses Brötchen, sagte ich zu dem Ober. Na ja, wie soll ich sagen. Ich hatte meine Brille nicht auf und dachte, es sei ein Käsebrötchen, weil es eben so hell aussah. Als ich später in mein Brötchen gebissen habe, wunderte ich mich nur, was eigentlich das Kartoffelgratin darin zu suchen hatte. Aber gut, sei mal nicht so unflexibel, dachte ich mir und habe es aufgegessen. Das Kartoffelgratin ist die spanische Spezialität namens Tortilla und wird als kleiner Snack in den Bars verkauft. Bei Tagesmärschen von etwa 30 bis 40 Kilometern habe ich anfangs an Gewicht verloren. Doch bei all dem süßen Zeugs, was ich ja unbedingt probieren musste, war es fix wieder drauf. Aber darum ging es mir bei dem Jakobsweg ja auch nicht.

Da fällt mir gerade ein Sprichwort ein: »Halte deinen Körper gesund, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.» Aus gesundheitlichem Aspekt ist das absolut richtig. Doch es gibt weitaus Wichtigeres im Leben, als nur die Hülle, die Optik, wie ich finde. Wichtiger ist doch, dass das Haus stabil ist, in dem die Seele wohnt, oder? Klar, das Auge ist mit, aber schöne Rollläden oder ein toller Putz können nicht alles sein. In unserer Gesellschaft spielt der schicke Putz immer eine wichtige Rolle. Irgendwie schade. Manchmal sieht man nämlich wegen des vielen Drumherums gar nicht das Wesentliche, den eigentlichen Kern. Daran musste ich denken, als ich verschiedene Pilger kennenlernte. Manche haben sich hinter ihrem auffällig breiten Grinsen zu verstecken gesucht. Die perfekte Fassade, so wirkte es nach außen. Doch im Inneren bröckelte der Putz von den Wänden und dicke Risse waren zu sehen. Ich erinnere mich genau an den Anblick eines Pilgers: Der starre Blick in eine Richtung und die gekräuselte Stirn kamen zum Vorschein, als er sich von anderen Pilgern abwandte und unbeobachtet fühlte. Manche tragen eine schwere Last mit sich. Da kommen ihnen die acht oder zehn Kilogramm des eigenen Rucksacks wahrscheinlich federleicht vor. Und ich frage mich auch, warum ist das so, dass wir Menschen diesen Schein brauchen? Diese Fassade. Gibt sie uns wirklich Sicherheit, in einer Welt, die einfach nicht sicher ist? Hm, vielleicht scheint uns dieser Schein wirklich Sicherheit zu geben. Aber ist es nicht schöner echt zu sein?

Die Reise ist für mich wie ein Tapetenwechsel und tut gut. Mal etwas anderes sehen und auf andere Gedanken kommen. Und deswegen laufe ich jeden Tag nur für mich. Das dachte ich am Anfang. Ich habe mich quasi selbst veräppelt. Jeden Tag bete ich für einen ganz besonderen Menschen. Eine Person, die mir sehr wichtig ist und dazu leider noch schwer krank. Alles ist so ungewiss. Mit dieser Wahrheit umzugehen, ist verdammt hart. Ein Großteil meines Weges bin ich schließlich für diesen Menschen gelaufen und dessen Gesundheit. Um am Ende zu erkennen, dass es für nichts eine Garantie gibt, aber auch nichts verloren ist. An das Gute zu glauben, ist wie die Spucke, die alles zusammenhält.

So sehr ich mich nach dir sehne, liebe Heimat, genieße ich noch die Zeit hier. Fülle meine Akkus und nehme gedanklich viel Holz mit, um anderen eine Stütze sein zu können. Hier auf dem Jakobsweg ist es, als ob die Zeit stehen bleibt. Raum und Zeit verschwinden und nur das Hier und Jetzt ist bleibt. Das ist Leben. Ich freue mich auf dich. Und du weißt ja: »Dahoim ischs oifach om schenschte.»

Bis bald, deine Maria

STECKBRIEF

Name: Maria Sanders

Alter: 28 Jahre

auf dem Jakobsweg seit: August 2012

Früherer Wohnort: Öhringen

Derzeitiger Wohnort: Santiago de Compostela

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