Brief an die Heimat September 2012

EIN BRIEF AUS Reykjavik / Island

 

Liebe Heimat,

Du fragst dich sicher, was mich gerade hierher nach Island ins Praxissemster für mein Schmuck- und Objektdesign-Studium gebracht hat? Ganz ehrlich, es waren die 200 Vulkane und Bjoerks Stimme. Beides Dinge, die Du nicht zu bieten hast. Die außergewöhnlich junge Erde hier wirkt surreal. Es fühlt sich an als ob man auf dem Mars wäre. Endlos schwarzer Sand, zig graue Lavaskulpturen, Wiesen voller dampfender, kochender Quellen die nach Schwefel riechen und auch ganz normale Dinge, die ich von dir kenne: Berge und Wasserfälle zum Beispiel. Nur sind sie hier ein bisschen größer und viel häufiger zu sehen. Besonders Wasser gibt es hier en masse. In den heißen Quellen hier, die mindestens 38 Grad warm sind, hocken die stämmigen, germanischen Nachfahren und scheinen dabei nicht zu schwitzen. Dabei unterhalten sich die Isländer wild gestikulierend in einer seltsam klingenden Sprache mit komischen Lauten die geschrieben ebenso seltsam aussehen (Þ, Æ, Ð). Gibt es hier mal ein Problem mit der Wasserleitung kommt schon mal 50 Grad heißes Wasser aus dem Hahn anstatt Eiskaltes wie ich es von dir kenne. Island ist ein Land mit circa 70 % erneuerbaren Energien. Kein anderes Land der Welt kann da mithalten. Es gibt saftige isländische Tomaten aus Gewächshäusern, die mit Erdwärme beheizt werden. Nicht selten fließt heißes Wasser den Bach herunter. Für mich ist das ein wirkliches Geschenk der Natur an die Isländer. Für die Isländer eine Selbstverständlichkeit. Du, liebe Heimat, würdest die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn Du das sehen würdest. Es ist hier Gang und Gebe, die heisse Dusche laufen zu lassen und mal kurz oder auch mal länger weg zu gehen oder man lässt die Badewanne voll bis zum Rand laufen, um das Wasser nach zwei Minuten wieder abzulassen. Natürlich ist die Heizung fast immer an und die Fenster dabei sperrangelweit offen und das Auto, meist ein Jeep, wird mit laufendem Motor während des Einkaufens warm gehalten. Gut das Du all dies nicht tagtäglich sehen musst. Da blutet das Herz des sparsamen Schwaben. Ja, das Bewusstsein für Ressourcen lässt hier zu wünschen übrig, obwohl sich hier anscheinend diesbezüglich nach dem Finanz-Crash 2008 viel getan haben soll. Man entdeckt immer mehr Einheimische auf dem Fahrrad und sieht sie am Strand entlang laufen anstatt mit dem Auto zu fahren. Auch gehen immer mehr Isländer anstatt ins Fastfood-Restaurant in die neuen, gesunden Restaurants mit vegetarischem Angebot. Die isländische Finanzkrise war auf jeden Fall dazu gut, die Inselbewohner hier zum Nachdenken anzuregen. Zudem war geplant, die innerstädtischen Altbauten für große Shoppingcenter abzureißen, wozu dann glücklicherweise das Geld fehlte. Dafür sind dort jetzt kleine, süße Designerläden zu finden. Ein Umstand, den ich nicht schlecht finden kann. In Sachen Mode sind die isländischen Hauptstädter sehr weltoffen. Dabei ist Reykjavik eher eine Kleinstadt als eine Metropole. 300 000 Menschen leben in der größten Stadt der Insel. Jedenfalls trägt hier jeder wozu er Lust hat. Mal sind es High-Heels und am nächsten Tag gemütliche Badeschlappen. Mal sind die Isländer kunterbunt unterwegs dann wieder komplett schwarz gekleidet. Ich muss sagen, die trauen sich echt was, im Vergleich zu deinen Bewohnern, liebe Heimat. Für mich ist das alles sehr inspirierend. Sogar die Männer achten hier sehr auf ihr Äußeres, egal ob sie die langen Haare zu einem Dutt binden oder im Anzug im Club stehen. Den Isländern geht es um Stil und den haben sie hier wirklich. Obwohl Reykjavik eine Kleinstadt ist, ist hier ziemlich viel los. Alles ballt sich hier und besonders die Musik- und Designszene hat großes Potential. Fast jeder Isländer hat zwei oder drei Jobs. So braucht man sich nicht wundern, wenn ein Barkeeper auch Bassist in einer bekannten Band ist und nebenher noch als Journalist für verschiedene Magazine schreibt. Nochmal zurück zur isländischen Badekultur. Offene Umkleideplätze und Duschen mit ständig nackten Menschen sind im Schwimmbad ein normaler Anblick. Nacktsein ist hier selbstverständlich. Ich glaube, so ähnlich müssen sich Haremsdamen fühlen. Das Wetter hier ist für Schwaben, trotz der heißen Quellen, sehr gewöhnungsbedürftig. Richtig warm wird es hier nie. Immer wieder sehne ich mich nach deinen lauen Sommernächten und nach deinem guten Bier, liebe Heimat. Wenn die Temperatur hier mal über 15 Grad steigt, heißt das für die Einheimischen: Sommerzeit. Dann packen die Isländer ihre Sandalen, Shorts und Röcke aus. Da fröstelt es mich schon beim hinsehen. Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Man sieht hier sehr viele Kinder. Es ist normal in Island mit 21 Jahren ein Kind zu bekommen. Ich weiß nicht, wie viele gutaussehende junge Männer ich hier alleine mit Kinderwagen entdeckt habe. Einheimische zerbrechen sich hierrüber nicht den Kopf. Hier geht alles, ob mit oder ohne Kind. Kinder scheinen das Leben der Isländer nicht einzuschränken. Die Heilbronner gehen das Thema »Kinder« viel kopflastiger an. Diesbezüglich würde die isländische Gelassenheit den Heilbronnern gut tun. Das gilt auch für andere Bereiche des Lebens. Der typische Isländer würde sagen: Diskutier nicht soviel rum sondern mach einfach!

Bis bald, deine Ela

STECKBRIEF

Name: Manuela Homm

Alter: 27 Jahre

in Reykjavik seit: April 2012

Früherer Wohnort: Bretzfeld

Derzeitiger Wohnort: Reykjavik/Island

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