Der Brief an die Heimat Hanix-Magazin No.42

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Liebe Heimat,

um 3:40 Uhr verlasse ich bei drückender Hitze den Flieger, der mich nach Entebbe (Uganda) gebracht hat. Unser Fahrer bringt uns schnell in unser Guesthouse direkt am Victoriasee, dem drittgrößten See der Welt. Glücklich aber erschöpft falle ich ins Bett mit der Aussicht auf fast vier Wochen Roadtrip durch Uganda und Ruanda. Beide Länder sind seit Längerem politisch stabil, daher ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, Ostafrika zu erkunden. Außerdem habe ich einen großen Wunsch: Berggorillas live zu erleben. Am nächsten Morgen erhalten wir unseren Allrad-Jeep. Ohne ihn würden wir die geplante Tour in der Regenzeit nicht meistern. Gleich am ersten Tag liegt die erste Herausforderung vor mir: mitten durch das Verkehrschaos der staubigen Hauptstadt Kampala. Autos, Mofas und Fußgänger kommen von allen Seiten, aus zwei Spuren werden plötzlich fünf. Ab und zu »kapert« man auch die Gegenfahrbahn, wenn die eigene verstopft ist. »This is how to drive Uganda style«!

Am folgenden Tag erkunden wir Nandere, eine kleine Gemeinde nördlich von Kampala, wo ein befreundeter Reiseblogger ein Wasserprojekt ins Leben gerufen hat: sauberes Trinkwasser für Nandere – wir bauen einen Brunnen! Das unterstütze ich gerne, nicht nur mit Spenden. Liebe Heimat, ihr könnt euch nicht vorstellen, mit wie viel Aufwand Menschen an Trinkwasser gelangen, das alles andere als sauber ist (Schlammloch trifft es eher). Kinder machen den ganzen Tag nichts anderes, als gelbe 20-Liter-Wasserkanister kilometerweit heranzuschaffen. Zeit für die Schule bleibt dabei selten. Trotz Wassermangel und Entbehrungen (fließendes Wasser und Strom gibt es nicht überall) sind die Menschen hier glücklich und zufrieden. Als Muzungu (Weiße) werden wir stets Willkommen geheißen, zum Essen eingeladen und neugierig ausgefragt. Dabei lernen wir ein wenig Luganda-Vokabeln, die Sprache, die außer Englisch von den meisten hier gesprochen wird. Nach Nandere erkunden wir den Murchison Falls-Nationalpark direkt am Nil mit seinen wilden Tieren. Die Natur die wir jeden Tag erblicken ist in der Regenzeit so unglaublich grün, dass wir es kaum in Bildern festhalten können. Je weiter wir uns von Kampala entfernen, umso seltener gibt es Straßenschilder. Ohne gedrucktes Kartenmaterial und Durchfragen wären wir verloren. Google Maps und das eingebaute Navi bringen uns eher in Schwierigkeiten als ans Ziel. Jetzt weiß ich, warum mir vor der Reise gesagt wurde, ich solle viel Geduld mitbringen, das würde sich lohnen. Eine Fahrt kann nämlich statt drei auch mal acht Stunden dauern. Die Zubereitung einer einfachen Mahlzeit dauert bis zu zwei Stunden. Schnell mal was essen in Uganda? Eine schlechte Idee. Mehr Geduld zu haben liebe Heimat, das können wir alle noch lernen. Schon nach wenigen Tagen spielt Zeit kaum noch eine Rolle.

An unserem nächsten Ziel Fort Portal gibt es Teeplantagen, so weit das Auge reicht. Wir beschließen, bei einer Teefabrik vorbeizufahren, und auf Einlass zu hoffen. An der Ersten werden wir abgewiesen. Bei der Zweiten klappt es. Sogar der Chef persönlich nimmt sich Zeit, um uns die Herstellung des Tees zu erklären, seine Fabrik zu zeigen und bei einer abschließenden Verkostung die Qualität zu testen. Er schenkt jedem als Dank für den Besuch eine große Packung Tee! Würde es das in Deutschland geben? Bei der Weiterfahrt in den Queen Elizabeth-Nationalpark überqueren wir den Äquator. Hier leben Schimpansen, Elefanten, Nilpferde, Büffel, Pelikane, Krokodile und zahlreiche Vogelarten. Uganda ist einfach wundervoll, ursprünglich und von den meisten Touristen unentdeckt. Völlig zu unrecht, wie ich finde.

Am nächsten Tag fahren wir weiter, um die seltenen Baumlöwen in Ishasha zu entdecken. Auf dem Weg über die holprigen Pisten passiert es plötzlich: Der Wagen wird ausgehebelt, schanzt in die Luft, unsere Köpfe schlagen gegen das Innendach, um plötzlich mit einem harten Aufschlag aufzukommen. Ein kurzer Blick und die Erleichterung: Uns geht es gut, dem Wagen auch. Erleichtert fahren wir weiter, denn Handyempfang gäbe es im Notfall keinen. Zu Fuß durch die hohe Savanne, wo auch Löwen, Leoparden, Büffel und Elefanten leben? Niemals. Der Schock ist schnell vergessen, als wir in einem Feigenbaum vor uns zwei Löwinnen und ihre Jungen entdecken. Orangene Punkte sind im ganzen Baum verteilt. Warum ausgerechnet hier die Löwen in Feigenbäume klettern, weiß man nicht.

Ganz andere Tiere erwarten uns an der Grenze zur DR Kongo: Im Bwindi Impenetrable Forest sind die vom Aussterben bedrohten Berggorillas zuhause. Ein »once in a lifetime«-Erlebnis, welches mich so unglaublich beeindruckt, dass ich es knapp eine Woche später in Ruanda im durch Diane Fossey bekannt gewordenen Virunga-Nationalpark wiederhole. Der Wald ist düster, wirklich undurchdringlich mit Büschen und Pflanzen zugewachsen. Immer wieder geht es durch tiefen Matsch steil bergauf und bergab. Der Matsch verursacht nicht nur Ausrutscher, sondern macht die Suche nach den Berggorillas zu einer echten Herausforderung. Unser Besuch bei den Gorillas ist auf eine Stunde begrenzt. Irgendwann packe ich die Kamera ein und genieße einfach nur den Anblick dieser beeindruckenden Berggorilla-Gruppe. Erst spät am Abend beim Austausch mit anderen Reisenden in der Lodge begreife ich, dass ich wirklich ganz nah dran war an den Berggorillas.

Am nächsten Tag besuchen wir das lokale Krankenhaus. Die Einheimischen sind sehr stolz darauf, dass sie die AIDS-Infektionen durch Aufklärung, wie auch die Anzahl der Malaria-Infektionen durch die kostenlose Verteilung von Moskitonetzen auf unter 10 Prozent gesenkt haben. Glaub mir liebe Heimat, hier möchtest du nicht krank werden. Medizinische Mittel sind begrenzt, Ärzte auf Spezialgebieten gibt es nur in der sechs Fahrstunden entfernten Hauptstadt. Wir hinterlassen Luftballons, um den Kindern eine Freude zu bereiten. Beim Mgahinga-Nationalpark und dem Besuch der seltenen Golden Monkeys (Goldene Meerkatzen) überqueren wir die Grenze nach Ruanda. Dem Land, das uns allen vom schlimmen Genozid bekannt ist. Sehr beeindruckend ist, dass hier seit Ende des Kriegs alle an einem Strang ziehen und das Land riesengroße Fortschritte macht. Fast alle Straßen sind geteert, fast alle Menschen tragen Schuhe und das Tollste für mich als Europäer: Plastiktüten sind verboten! Gibt es sowas? Ja! Ein großer Unterschied, wenn man aus Uganda kommt, wo überall Müll herumliegt. Ruanda ist sauber. Gleich der erste Stopp in Ruanda bedeutet für mich das absolute Highlight dieser Reise: Der Volcanoes-Nationalpark (auch Virunga-Nationalpark genannt) und eine unglaublich schön gelegene Virunga-Lodge zwischen den mächtigen Virunga-Vulkanen und einem wundervollen See mit vielen Inseln. Ein letztes Mal besuche ich Berggorillas. Dieser Besuch ist ganz anders. Nicht so beschwerlich. Die Gorillas halten sich im lichten Bambuswald auf und kommen so unglaublich nah an uns ran. Der Silberrücken läuft einmal direkt an mir vorbei, eine Mama stillt ihr Baby vor uns, während sie zufrieden pupst. Zwei kleine Gorillas imitieren den Silberrücken und tänzeln vor uns. Viel zu schnell vergeht auch diese Stunde mit den Gorillas.

Wehmütig verlassen wir diesen idyllischen Ort, um in die Hauptstadt Kigali aufzubrechen.

Kigali liegt zwischen mehreren Hügeln verteilt und ist ziemlich staubig und laut. Erst auf den zweiten Blick entdecken wir ruhige und kreative Orte wie das Inema Arts Center oder das Restaurant Heaven, welches Waisen ausbildet und anstellt. Einen Besuch des Kigali Genocide Memorials ist für mich Pflicht. Am Eingang wird ein kleiner Film über den Genozid gezeigt. Einheimische berichten darin über die schrecklichen Ereignisse und wie sie hautnah miterleben mussten, wie Eltern und Geschwister abgeschlachtet wurden. Es ist erschütternd, kaum einer verlässt den Raum, ohne eine Träne vergossen zu haben. Was macht der Angestellte? Entschuldigt sich dafür. Warum? Wir alle müssten uns eigentlich entschuldigen, dass die Welt weggesehen hat und diesen Menschen soviel Leid gebracht hat. Wir – Deutsche und Belgier – waren schuld, dass in Ruanda plötzlich Menschen in Tutsi und Hutu geteilt wurden. Ich bin fertig und möchte keine weiteren Genozid-Gedenkstätten mit Knochen- und Kleidungsresten der Opfer mehr ansehen. Es ist grausam.

Bevor es nach diesen abwechslungsreichen und eindrucksvollen Tagen zurück nach Deutschland geht, verbringen wir noch zwei Nächte im Lake Mburo-Nationalpark mit einer Safari auf dem Pferd und ich gebe einen Workshop für Start-Ups in Kampala, um meine Erfahrung im Online-Marketing, Social Media und Suchmaschinenoptimierung weiterzugeben. Wissen, welches hier mit großen Augen und viel Dankbarkeit aufgesaugt wird, denn der Zugang zu schnellem Internet und Fachwissen ist nicht einfach.

Zufrieden und mit sehr vielen Eindrücken fahren wir an den Flughafen, von wo aus ich nachts wieder nach Deutschland fliegen werde. Ich bin mir sicher, dass ich bald zurückkommen werde.

Doch jetzt freue ich mich sehr auf zuhause, liebe Heimat!

Bis bald, Katrin.

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