Der Brief an die Heimat im Hanix-Magazin No.40

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Ein Brief von Matthias Marquart aus Afghanistan

Liebe Heimat,

what the fuck am I doing here? – Sorry, wollte sagen: Was in aller Welt hat mich wieder mal geritten, mir das anzutun? Ich hab Urlaub! Da sind normalerweise Er­holung und Entspannung angesagt. Aber nein, ich muss ja wieder mal wieder ins Kriegsgebiet, nach Afghanistan und des Teufels Ruf, der sich einmal mehr als journalistische Berufung tarnt, folgen.

Klar hab ich mich vorbereitet – schon seit geraumer Zeit – so gründlich wie es eben aus Deutschland geht. Den­noch weiß ich, dass alle Vorkehrungen ganz schnell Makulatur werden können und es eine wirkliche Vorbe­reitung nicht gibt, nicht geben kann. In Stuttgart den Flieger zu besteigen ist eben das Eine, ihn in Afgha-nistan zu verlassen das Andere.

Kurz vor der Landung in Kabul sehe ich auf die Uhr und stelle fest, dass ich um diese Zeit in Deutsch­land gemütlich in meiner Stammkneipe sitzen könnte. Ich würde mich mit Freunden und Bekannten treffen, wir würden diskutierten, plaudern oder einfach nur Spaß haben, Quatsch reden und entspannte ein oder zwei Gläschen Wein oder Bier trinken. Pustekuchen! Stattdessen spüre ich das Adrenalin in mir ansteigen, obwohl ich weiß, dass mich ein Fahrer abholen und si­cher in meine Unterkunft bringen wird. Es ist ein wenig so, wie es sich anfühlt, wenn man als Sportler zum End­spiel den Platz betritt und die Anspannung jede Faser des Körpers ergreift, sich der Tunnelblick einstellt und man versucht sich auf das Kommende einzustellen und zu fokussieren, ohne genau zu wissen was als näch­stes passiert. Nur einen Unterschied gibt es hier: Das »Spiel« dauert keine 90 Minuten, sondern Tage und ein »Spiel« ist es auch nicht wirklich.

Jetzt ein guter Burger im Hartman’s denke ich, um etwas runterzufahren – wohlwissend, dass Burger und das geliebte Gläschen Wein für die kommenden Tage in weiter Ferne liegen. Ach Heimat – bin doch gerade erst weg und schon vermiss ich dich.

Matthias Marquart in Afghanistan

So reise ich in ein Land, in dem die Situation derzeit – in Deutschland fast unbemerkt – durchaus heikel ist. Es rumort – und das nicht erst, seitdem die ISAF-Mission Ende 2014 beendet und durch »Reso­lute Support« (RS) ersetzt wurde. Eine Mission, die in Deutschland übrigens so gut wie nicht wahrgenommen wird, obwohl hier knapp 1000 deutsche Soldaten im Einsatz sind und RS damit immer noch der größte Aus­landseinsatz der Bundeswehr ist.

Überhaupt überschätzt sich der »Westen« maßlos, wenn es darum geht, dieses Land, die Menschen und die politische Gemengelage zu überblicken – geschweige denn zu verstehen. Was »wir« – allen voran die Ameri­kaner – als Erfolge feiern, wird in Afghanistan mehr als skeptisch betrachtet, ja, teilweise nur belächelt.

Fakt ist: Der Frieden im Land hängt derzeit an einem seidenen Faden. Und da spreche ich nicht von den existenten Gefahren die von den Taliban und dem islamischen Staat (ISIS), der in den Nachbarländern wütet, ausgehen, nicht von Pakistan oder dem Iran, die maßgeblich an einer Destabilisierung Afghanistans interessiert und beteiligt sind. Ich spreche von einem innenpolitischen Machtkampf der seit der – im Westen – so gepriesenen, freien Präsidentschaftswahl vor etwa einem Jahr im Gange ist und droht in einem neuerli­chen Bürgerkrieg und auch einer damit verbundenen unausweichlichen riesigen Flüchtlingswelle zu enden.

Doch Schluss damit – ich wische für einen Mo­ment diese Gedanken weg und tauche, obwohl es mir doch »vertraut« sein müsste, wiederum in diese so fremde und völlig andere Welt ein. Dies beginnt beim Verkehr, den man chaotischer scheinbar nur noch in In­dien vorfindet. Fahrspuren gibt es nicht, jeder versucht sich – Stoßstange an Stoßstange – seinen Weg durch das Gewühl von Autos, Bussen, Pferde- und Eselskar­ren, Radfahrern, Händlern und Fußgängern zu bahnen. Es wird viel gehupt (wehe, wenn dieses wichtigste In­strument nicht funktioniert), geschimpft, gestikuliert und – gefahren! Und es funktioniert. Ich selbst habe im Stadtverkehr jedenfalls noch keinen »wirklichen« Un­fall gesehen. Es gibt zig Eindrücke, die mitten in Kabul die Sinne reizen: die vielfältigen Gerüche (manchmal auch der Gestank). Die Armut, die sich überall zeigt, unterbrochen von bunten Obstständen und im Freien aufgehängtem Fleisch frisch geschlachteter Lämmer

und Hammel. Daneben lodert ein schwarzes, stinkendes Feuer, das mit Autoreifen am Leben gehalten wird. Ein fleißiger Geldwechsler inmitten dieser Melange ver­sucht, ein paar Afghani zu verdienen.

Wieder denke ich an den Burger, an Zuhause, un­sere Wohnung – alles schön, sauber, »voller Luxus« wie fließend Warm- und Kaltwasser, Strom, Heizung, Inter­netanschluss um nur einiges zu nennen, was uns schon so, ja, allzu selbstverständlich ist.

Und wieder der Gedanke: Warum tu ich mir das an? Ich bin gespannt auf die folgenden Tage. Gespannt auf die Gespräche mit dem Berater des Präsidenten, Generälen, Konsulen, Wirtschaftsvertretern und – vor allem – den Freunden und den Menschen auf der Straße. Und natürlich hoffe ich nicht in eine Bombe zu laufen und aus allem wieder heil rauszukommen, was hier – und das habe ich auch schon erlebt – keine Selbstver­ständlichkeit ist.

Eines ist jedenfalls sicher: Ich werde meine ge-liebte Heimat nach meiner Rückkehr wieder mit neuen Augen sehen und wertschätzen!

Bis bald, Matthias

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