Interview Marcos Oviedo HANIX No.35

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»Zuviel gibt es nicht, aber zu wenig«

Seine Beats kommen daher wie eine Hommage an die Goldene Ära des Hip Hop. Seit vielen Jahren bereichert Marcos Oviedo aka Superior als DJ, Rapper und Produzent die Unterländer Szene und begibt sich mit uns auf eine Zeitreise in Sachen Hip-Hop-Kultur. Wir trafen uns mit ihm anlässlich seines im März erscheinenden Albums »Scenes« und sprachen über einen aufgeregten Jungen in einem leeren Kinosaal, seine Musik bei Kentucky Fried Chicken TV und der Erklärung wie man es schafft, an einem Zug vorbeizuspringen.

Marcos Oviedo aka Superior

HANIX – Marcos, am 2. März erscheint dein Album »Scenes« auf Dezi-Belle Records Berlin. Bis auf den Track »Entire Empire« mit dem US-Rapper Declaime ist es ein reines Instrumental-Album geworden. Erzähl uns bitte etwas darüber.

MARCOS — Mir kam irgendwann der Gedanke, ein reines Instrumental-Album zu machen um mich als Produzent zu positionieren. Meine Musik sollte dabei im Vordergrund stehen, denn ich habe kein Interesse daran ein Album künstlich durch dazugenommene Rapper und deren Glanz zu pushen. Wenn ein für sich selbst stehender Produzent eine LP released sollten doch seine Beats im Vordergrund stehen. Es entstanden Kontakte zum in Berlin beheimateten Dezi-Belle Label und nun ergab sich die Möglichkeit, dieses Projekt an den Start zu bringen. Das Album wird 14 Tracks beinhalten. Bis auf das Stück »Entire Empire« mit Declaime von dem bekannten US-Label Stones Throw Records ist alles instrumental gehalten. Es wird natürlich digital in allen bekannten Onlinestores wie auch auf Vinyl erhältlich sein. Von jenem Track mit Declaime wird im Übrigen auch ein Video gedreht.

HANIX – Es wird nicht das erste veröffentlichte Video des Albums sein.

MARCOS — Exakt. Das Stück »My whole world« wurde bereits als Video veröffentlicht. Es ist natürlich ein Instrumental-Track und entstand unter der Mithilfe meiner Freunde Hagen, Marcel und Philipp Kionka von Formatfilm. Es erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen der versucht, sich ein Imperium aufzubauen.

HANIX – Mit dem in London lebendem Exilheilbronner Werner Niedermaier, seines Zeichens DJ und Producer, hat ein alter Bekannter den finalen Schliff am Sound vollzogen.

MARCOS — Ja, dabei möchte ich dem Werner ein dickes Dankeschön auf die Insel schicken. Wir kennen uns schon seit der gemeinsamen Schulzeit und waren damals schon für unser ausgeprägtes Musikinteresse bekannt. Er hat dem Sound den letzten Kick verschafft.

HANIX – Nachdem du jetzt vornehmlich als Solokünstler aktiv bist, hattest du ja zusammen mit dem Neckarsulmer Rapper Heikouality vor nicht allzu langer Zeit einen echten YouTube-Hit. Eurer, unter dem Namen Hip Hop Ataris veröffentlichtes Video »Zeig mir wer du bist« sammelte beeindruckende 300.000 Views.

MARCOS — Das war heftig. Das Video von »Zeig mir wer du bist« lief fünf Wochen lang auf VIVA und MTV. Bei der Sendung »Get the Clip« wurde es die komplette Zeit täglich zum meist gewählen Video. Fünf Wochen lang, jeden Tag. Total abgefahren. Bei dem Sender I-Music waren wir ebenso in der Rotation und sind dort häufig gelaufen. Dann kam noch solche Sachen wie McDonald’s TV und KFC TV, welches in den Filialen ausgestrahlt wird, hinzu. Auf ausländischen Sendern wie auch bei der Soap »Berlin Tag und Nacht« konnte man unseren Track hören. So kamen diese 300.000 Views zustande.

HANIX – Unsereins als Konsument gibt sich verwundert gemäß der Tatsache, dass ihr bei solch einem Erfolg am Zug zum Musik-Business vorbeigesprungen seid. Wie konnte so etwas passieren?

MARCOS — Ich glaube, dass Hip Hop Ataris wirklich das Potential hatte, steilzugehen. Die Chefin des Komitees der Videoprüfstelle von MTV hat uns auch wirklich gefeiert und uns gefragt, wann denn das nächste Video kommt. Eines der Probleme war sicherlich, dass wir als Tausendsassas auf vielen musikalischen Projekten und Ebenen wandeln und uns die volle Konzentration auf diese eine Sache etwas abging. Wir haben einige Stücke fertiggestellt aber für ein Album hat es nicht gereicht. Wenn du mal so einen kleinen Erfolg feierst, dann solltest du sofort nachlegen. Das haben wir nicht getan.

HANIX – Gibt es weitere Projekte an denen du aktuell arbeitest?

MARCOS — Es sind ganz gute Kontakte nach Amerika entstanden und so arbeite ich im Moment an einer neuen Single mit dem US-Rapper Reks, dazu möchte ich ein MC-Album mit namhaften US-Rappern umsetzen. Dafür wurden schon ein paar Sachen aufgenommen. Grundsätzlich finde ich, dass der US-Rapstyle am besten zu meiner Musik passt. Das mag daran liegen, dass mir der eine deutsche Rapper, der das Gegenteil beweist, noch nicht über den Weg gelaufen ist. Meine Musik beinhaltet schon in gewissem Maße die Seele des US-Hip-Hop-Sounds. Die Roots liegen auf jeden Fall dort.

HANIX – Marcos, welches Ereignis führte zu deiner Affinität in Sachen Hip-Hop-Kultur?

MARCOS — Nun, wie bei vielen anderen auch liegt deren Ursprung in meiner Jugend und der damals, Anfang der 80er, aufkommenden Breakdance-Welle. Ich sah seinerzeit im Fernsehen einen Bericht über einen sehr jungen Tänzer, der sich wie ein Roboter bewegte und war hin und weg. Zu dieser Zeit wuchs dann auch die Popularität der berühmt-berüchtigten Rock Steady Crew, die diese Bewegung auf das nächste Level brachte und mir wurde bewusst, dass ich so etwas auch können wollte. Deren Single »Hey You« und dazu Filme wie »Wildstyle« fungierten für viele Jugendliche als Türöffner in punkto Hip-Hop-Kultur, ebenso für mich.

HANIX – Das heißt hier in Heilbronn sah man zu jener Zeit in den Unterrichtspausen den kleinen Oviedo mit dutzenden anderen Schülern den Schulhof tänzerisch belagern?

MARCOS — Nein, überhaupt nicht. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich dem Start des Films »Wildstyle« entgegen fieberte und diesen unbedingt im Kino sehen wollte. Als es dann so weit war, saß ich als Einziger im Kinosaal. Hip Hop war zu dieser Zeit alles andere als trendy. Erst mit der kommerziellen Vermarktung des Filmes »Breakdance Sensation ´84«, zum Beispiel durch die Bravo, kam nach und nach das Interesse meiner Mitschüler auf. Es bildeten sich spärlich nach und nach ein paar Breakdance-Cliquen. Doch zu Beginn war ich ein echter Einzelkämpfer.

HANIX – Wie kam es zu der Entwicklung vom jungen Breaker hin zum äußerst ambitionierten Produzenten?

MARCOS — Ich durchlief in meiner Entwicklung nahezu jede Facette der Hip-Hop-Kultur. Angefangen vom Breakdance führte mein Weg zielgerichtet zu einer anderen und ganz speziellen Form der urbanen Kreativität. Zum Graffiti sprühen. Wenn dir dabei allerdings die grünen Freunde auf die Finger schauen und du durch dein Hobby mit dem Gesetz in Kontakt kommst, stellt sich irgendwann jedoch die Frage, ob du bei der Ausübung damit mittel- bis langfristig mehr Ärger als Erfüllung daraus ziehst. Ich entschied mich dazu, mir ein neues kreatives Feld zu bestellen, indem ich mich der Musik, immerhin der Soundtrack dieser Bewegung, widmete.

HANIX – Im Laufe von nunmehr 30 Jahren hat Hip Hop und Rapmusik diverse Wandlungen vollzogen. Für viele Beobachter stellt der aktuelle Gangster-Rap die letzte genommene Stufe zum durchgängigen Kommerz dar. Die damals einheitliche Szene hat sich mittlerweile in verschiedene Kammern gesplittet. Welches ist für dich die qualitativ hochwertigste Epoche der Hip-Hop-Kultur?

MARCOS — Für mich hat nahezu jede Ära ihre Daseinsberechtigung. Für mich haben die 80er und mein damit verbundener Einstieg natürlich einen besonderen Stellenwert. Aber auch die 90er und ihre sogenannte »Golden Era« waren und sind natürlich unheimlich wichtig für die Entwicklung und die Geschichte der Rapmusik. Damals aufkommende Interpreten wie zum Beispiel der Wu-Tang Clan, Notorious Big und auch Nas hoben mit ihren begnadeten Talenten die Qualität der Musik und vor allem der Reime auf eine andere Ebene. Zeitgleich veränderten sich auch die Beats dazu. Die ersten MPC- oder SP 1200-Sachen die den Boom-Bap-Style, an dem ich mich bis heute ein wenig orientiere, begründeten und dadurch ein neues Subgenre Einzug hielt. Und auch heutzutage findet man super Sachen, jedoch muss man diese eben suchen.

HANIX – In Heilbronn und weit über unsere Stadtgrenzen hinaus hast du dir als DJ Superior einen Namen gemacht.

MARCOS — Angetrieben von DJs wie Jazzy Jeff, Joe Cooley und DJ Scratch begann ich enorm an meinen eigenen Skillz zu arbeiten und wurde zum sogenannten Turntablist. Deren DJ-Showcases zogen mich förmlich in ihren Bann. So eignete ich mir auch verschiedene Tricks und Techniken an begann neben meiner Tätigkeit als Crew-DJ an Wettbewerben teilzunehmen wie zum Beispiel der Baden-Württembegrischen DMC-Meisterschaft, die damals DJ Friction von Freundeskreis gewann. Bei der Hessischen DMC-Meisterschaft verlor ich im Finale gegen den späteren Deutschen Meister. Auf der STANTON Deutschen Meisterschaft wurde ich Vizemeister. Grundsätzlich war ich nie der große Club-DJ, da mir dort der Sound immer etwas zu kommerziell erschien. Ich fühlte mich auf Jams deutlich besser aufgehoben.

HANIX – Wie steht jemand wie du, ein Künstler für den Vinyl als fester Bestandteil seines künstlerischen Schaffens dient, zur Digitalisierung der Musikstücke?

MARCOS — Ich habe dazu eine ganz klare Meinung. Die Möglichkeit mit CD-Playern aufzulegen, kann man schon einmal zur Seite schieben, da ich noch nie der große CD-Fan war. Daher kommt für mich als leidenschaftlicher Plattensammler und Nutzer der Technics 1210er-Reihe nur das Timecode-Vinyl-Dystem in Frage, bei dem man mittels Software, sei es Serato oder Traktor, die digitalen Tracks mit Hilfe der regulären Plattenspieler und der dazugehörigen Software wiedergibt. Für mich definiert sich ein gutes Hip-Hop-Set auch über die älteren Stücke, die Klassiker die ich für unerlässlich halte. Diese und aktuelle Lieblingsstücke kaufe ich mir weiterhin auf Vinyl. Ich will die Platte im Schrank stehen haben, denn ich brauche dieses Feeling. Der wirklich einzige, und nicht unerhebliche Vorteil der Digitalisierung liegt im Gewicht. Es ist doch deutlich angenehmer mit einem Laptop statt der altehrwürdigen Plattenkisten zu einem Club zu ziehen. Je mehr Programm du mitnehmen mochtest, desto schwerer hattest du zu schleppen. Jeder der mit Vinyl auflegt, kann ein Lied davon singen.

HANIX – Aber mittlerweile bist du ein Vollblut-Produzent.

MARCOS — Ja genau. Im Laufe der Jahre arbeitete ich mit verschiedenen technischen Möglichkeiten, angefangen bei absolutem Low-Budget-Producing mit dem Amiga 500 über den AKAI S950 Sampler, den PC und Cubase unter Zuspielung verschiedenster Hardware durch Midi-Standard bis heute, dem Gebrauch einer Maschine und der dazugehörigen Software. Vom Juice-Magazin wurde vor einigen Jahren die EP »Wir burnen«, die ich zusammen mit dem Heilbronner Rapper N.E.N.A.D bei DJ Friction in Stuttgart produzierte, gefeatured und zur Platte des Monats gekührt. So konnte ich im Laufe der Jahre auch den ein oder anderen Erfolg verbuchen. Mittlerweile will ich gar nichts anderes mehr machen außer Beats produzieren, scheiß auf alles andere.

HANIX – Damals wie Heute treffen sich die Besten der Besten ihrer Kunst bei den dafür initiierten und bundesweit ausgetragenen Hip-Hop-Events oder Battles.

MARCOS — Genau. Als Hip-Hop-DJ unterscheidet sich deine Tätigkeit von den artverwandten Kollegen anderer, wie zum Beispiel den elektronischen Genres, ungemein. Das Einzige was bei einem Jam immer benötigt wird, ist die Musik. Die Rapper brauchen sie, die Breaker und auch die Graffiti-Jungs haben sie gerne zur Unterstützung während des Malens. Somit trittst du als DJ während eines Auftritts deiner Crew, mit deinem eigenen Showcase oder als Party-DJ in Erscheinung. Der Weg zum eigenen Equipment war steinig. Nachdem es nicht ganz billig war sich die passenden Plattenspieler zuzulegen und ich mich die erste Zeit mit günstigeren Nachbauten der bekannten Technics 1210er beschäftigen musste, lag es dann doch an meinen Eltern, mir die Originale zu finanzieren. Und dann ging es richtig ab.

HANIX – Die Stationierung US-amerikanischer Soldaten in und um den Landkreis Heilbronn erwies

sich zum Ende der 80er Jahre für dich und deine Hip-Hop-Attitüde zum Glücksfall.

MARCOS — Das kann man so sagen. Durch diverse Breakdance-Battles, auch auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Heilbronn, lernte ich die beiden Brüder Nathan und Jesse kennen und wir machten zusammen Musik. Anfänglich und zu dieser Zeit als Anfänger nicht unüblich auf einem Amiga 500. Jesse zog es dann weg aus Heilbronn und Nathan, alias Nate the Great und ich gründeten die Crew HARD BASS. Mit »Can´t Stop the Bum Rush« hatten wir damals einen bundesweiten Erfolg indem wir einen Wettbewerb, organisiert von Hype Records aus Frankfurt und der Bravo, gewannen. Wir wurden fortan für die großen Jams gebucht und hatten auch einen TV-Auftritt bei RTL. Letztendlich haben wir dann neun Jahre Musik zusammen gemacht bevor jeder seiner eigenen Wege ging.

HANIX – Wessen Sound hat dich als Produzent maßgeblich inspiriert?

MARCOS — Mich haben zwei verschiedene Stilrichtungen völlig in ihren Bann gezogen. Zum einen englische Gruppen wie Gunshot, Silverbullet und Hijack, deren Sound unaufhaltsam nach vorne ging. Dazu inspirierte mich zeitgleich auch New Yorker Hip Hop von Public Enemy mit ihrem für sie typischen Sirenen-Sound und EPMD, der Gruppe um den legendären DJ Scratch. Hinzu kamen Größen wie DJ Premier oder auch Pete Rock, die mit ihrer Arbeit das ganze Producing perfektionierten. Vor deren Wirken baute man Tracks, indem man zum Beispiel Breaks von James Brown samplete und loopte. Die darauf folgende Generation begann dann damit, einzelne Beats zu samplen und damit zu arbeiten. Das bedeutet die einzelnen Elemente wie Snares oder Kicks hatten plötzlich eine ganz eigene, raue Dynamik.

HANIX – Du bist trotz deiner musikalischen Ambitionen Heilbronn stets treu geblieben. Wie würdest du deine Beziehung zur Stadt beschreiben?

MARCOS — Ich fühle mich in der Stadt super wohl. Ich bin hier geboren und habe hier meine Familie sowie meine Freunde. Für mich gibt es nichts Besseres. Nach so vielen Jahren hat man sich natürlich auch etwas aufgebaut, das man nicht mehr hergeben möchte. Die Stadt legt sich seit einigen Jahren mächtig ins Zeug. Allein die Promenade am Neckar entlang. Da sah es vor einiger Zeit noch ganz anders aus. Die Bundesgartenschau steht an und die Stadt wird immer attraktiver. Leider wurde vor kurzem der Hagenbucher Biergarten zugunsten eines neuen Experimenta-Gebäudes abgerissen. Da bin ich schon sehr gerne hingegangen, lag halt super zentral. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

HANIX – Deine Message an die HANIX Leser lautet…

MARCOS — Supportet dieses Magazin, denn das Magazin supportet euch, Menschen von und aus dem Landkreis Heilbronn die etwas bewegen wollen. Und ohne diese Leute wird nichts passieren.

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