Musik Hanix No.43

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Die Heilbronnerin MICHELLE SCHULZ ist 17 Jahre alt und hat sich nach einem Jahr Pause neue Ziele gesetzt: Sie geht wieder in die Schule und will nach dem Realschulabschluss die Fachhochschulreife
machen, um Ingenieurwesen zu studieren. Ihr Geld verdient sie mit Straßenmusik.
Von Leonore Welzin, Fotos: Nico Kurth

»Wer denkt Straßenmusik bringt nix, irrt sich: Ich habe mir in zwei Monaten eine neue Gitarre zusammengespart.« Es ist ihre Dritte und Michelle Schulz ist stolz darauf. Zu Recht. Die Ersten beiden waren Geschenke ihres Vaters: »Ich war elf und hatte meinen Vater seit Langem nicht gesehen«, erinnert sie sich. Ihr Vater, ein Grieche, lebt von der Mutter getrennt. In unmittelbarer Nähe seiner Wohnung gibt es ein Musikgeschäft. Dort hat sie sich ihre erste Gitarre ausgesucht. Eine Akustikgitarre sei für den Anfang das Beste, habe der Verkäufer gemeint. Sie kaufen eine schöne Westerngitarre mit Stahlsaiten. Der kräftige Sound gefällt ihr. In der Familie macht niemand Musik, aber den Musikgeschmack des Vaters –
Gitarren-Rock und griechische Folklore – teilt sie. Fürs Selbststudium beschafft sie sich Tutorials und Lehrbücher aus dem Musikladen, später schaut sie im Netz nach Tipps. Mit 14 Jahren bekommt sie für 300 Euro ein etwas besseres Instrument, wird hin und wieder zu kleinen, öffentlichen Auftritten eingeladen, beispielsweise spielt sie im Neckarsulmer Jugend-Zentrum Gleis 3, wohin sie vom Jung, wild und verwegen Vater begleitet wird: »Mein Vater hätte früher, als er jung war, selbst gern Gitarre
gespielt«. Irgendwann kommt dem Teenager das Interesse an der Schule abhanden.

Sie beginnt, wie viele ihres Alters, zu kiffen, hängt rum und wird zum notorischen Schulschwänzer. Der Drogenkonsum kostet Geld. Sie habe nicht klauen wollen, also beginnt sie, mit Straßenmusik Geld zu verdienen. »Man trifft dabei verrückte Typen«, sagt sie: »Einer, er ist heute Banker, wollte immer meine Haare anfassen. Ich hab ihn am Bahnhof kennengelernt. Wir haben zusammen Musik gemacht. Er sagte: Wer Gitarre spielt, muss auch singen und texten«. Also fängt sie an zu singen, ganz spontan, frei und wild.
»Was mir auf der Straße gefällt: Niemand erwartet etwas von dir. Wenn es Passanten gut finden, bleiben sie stehen, wenn nicht, gehen sie weiter.« Was ihr im Umgang mit Menschen auffällt: »Positive Reaktionen irritieren mich, ich kann nicht mit Komplimenten umgehen«. Am unbefangensten sind Kinder, die reagieren direkt auf Musik, tanzen und hüpfen drauf los. »Kinder machen mich total glücklich!« Das sehen Eltern leider oft anders. Sie schnappen ihre Jüngsten und zerren sie weg, was nicht selten zu kleinen Dramen führe. Zu den unschönen Erfahrungen zählt Spott von Jugendlichen, die damit vor ihren Freunden angeben wollen. Kulant hingegen seien die Leute vom Ordnungsamt, man lerne sich im Laufe der Zeit kennen. Wenn man zeigt, dass man Bescheid weiß und nach 15 Minuten den Standort wechselt, wird man wortlos akzeptiert – man darf halt nicht länger als eine Viertelstunde an einer Stelle musizieren.
Pro und Contra des Lebens auf der Straße und der schulfreien Existenz wägt sie ab und merkt, dass sie in der Drogenfalle steckt. Dabei schürt die Angst Junkie zu werden den Konsum noch mehr. Mit der Betreuerin vom Jugendamt versteht sie sich so gut, dass ihr die Suchtberatung verschiedene Entzugseinrichtungen zur Wahl anbietet. Sie entscheidet sich für eine im Taunus, die so abgelegen ist: »dass ich nicht in Gefahr gerate auszubüxen«. Eine gute Entscheidung, denn unterschiedliche Therapieerfahrungen lassen zukunftsweisende Erkenntnisse reifen. Es gibt dort einen Musikraum, in dem ihr ein Klavier und ein Schlagzeug zur Verfügung stehen. Gut isoliert stört sich niemand am Lärm. Sie kann so laut trommeln wie sie will, nach Herzenslust in die Saiten oder Tasten greifen. Spannend findet sie auch das Experiment am Mischpult: Songs aus dem Internet runterladen und beatgenau mischen, bis aus zwei Liedern ein Neues wird, das perfekt harmoniert. Das macht Spaß. Alles ist elektronisch und man hat die volle Kontrolle über die Musik. Wieder zuhause schenkt ihr die Mutter ein Mischpult. Jetzt sind oft Freundinnen zu Besuch da, die das lernen wollen. »Mixen ist mein Hobby, man kommt auf neue Ideen, man kann alles Mögliche austesten und man darf Fehler machen«, sagt sie und man sieht ihr die Freude an. Seit einem Jahr ist Michelle clean. Sie geht regelmäßig zur Schule, hat gute Noten und findet, dass sie »ein richtiger Streber« geworden ist. Nach einem langen Schultag, wenn das Wetter gute Laune macht, ist sofort auch die Lust da, in die Stadt zu gehen, um zu musizieren. »Meiner Mutter ist das peinlich. Mein
Vater bewundert meinen Mut. Für mich ist es wie ein Rausch. Wenn ich mich in Musik vertiefe, vergesse ich, was um mich rum passiert. Ich habe ein anderes Level erreicht.« ◆

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