Sarah Lesch Hanix No.44

Mach dein Ding, alles andere verkackst du

Ein Konzertabend mit SARAH LESCH und man erinnert sich daran, wie es war, als man selbst ein Kind war. Wir trafen die junge Sängerin und Liedermacherin vor ihrem Konzert im KOHI, dem Kulturverein in Karlsruhe, und sind bis spät in die Nacht geblieben. Bei Gemüse-Ragout und Tee haben wir erfahren, wie sie zur Musik gekommen ist, wie viel ihr Heilbronn bedeutet und warum es so wichtig ist, sich selbst zu sein. Von Maria Sanders, Foto: Reiner Pfisterer

Kurz vor acht in der Karlsruher Südstadt. Es ist viel los auf dem Werderplatz. Menschen sitzen auf klapprigen Stühlen und unterhalten sich. Es ist warm und riecht nach Dönerfleisch. Am anderen Ende des Platzes klappert das Besteck von den Restaurantbesuchern, während die Sonne langsam untergeht. Derweil bleiben immer mehr Leute am Eingang des Kulturzentrums KOHI stehen, dessen große Schaufenster an ein ehemaliges Bekleidungsgeschäft erinnern. »Sarah Lesch«, verrät der Aufsteller am Eingang. Daneben zwei junge Frauen, die sich gerade in die Arme fallen, als hätten sie sich länger nicht mehr gesehen und zu diesem Konzertabend verabredet. Ein paar Schritte weiter wartet eine Gruppe Jugendlicher und ein Liebespaar nah und wortlos umschlungen darauf, dass es losgeht. »Ihr seid bei einem Konzert mit Sarah Lesch gelandet«, sagt eine kleine, schlanke Gestalt in schwarzem Trägertop, Leggings und grauem Cardigan auf der Bühne. Ihre Stimme todernst. »Wenn ihr gehen wollt, dann könnt ihr das jetzt noch tun«, scherzt sie und grinst über beide Ohren. Sarah Lesch ist Sängerin und Liedermacherin. Ihre Karriere begann 2007, als sie mit Anfang zwanzig Musikstücke für diverse Kinder- und Jugendtheater schrieb. Der kreative Geist und die Atmosphäre gefielen. So sehr, dass sie im Laufe der Jahre eigene Lieder schrieb und damit auftrat. Ihr Repertoire bestand zunächst aus Cover-Titeln und eigenen Stücken, bis sie 2013 nur noch eigene Lieder präsentierte. Wortfetzen, poetische Diamanten oder ganze Liedzeilen. Lesch schreibt alles in ihr schwarzes Notizbuch, wenn die Muse sie küsst. »Ich muss immer schreiben«, sagt die 29-Jährige von sich selbst. Sie traut sich was, macht den Mund auf und sagt, wie sie die Dinge sieht: »Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein. Und auch uns ham sie was erzählt. Und dann macht man das alles und versucht so zu sein. Und dann merkt man, dass einem was fehlt. Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren. Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum.« So die Zeilen aus ihrem aktuellen Song »Testament«, mit dem sie sich beim FM4-Protestsongcontest Anfang des Jahres bewarb und gewann. Ihre Gedanken regen an. So ist Lesch auch Preisträgerin des Troubadour Chansonpreises und wurde für den Udo Lindenberg Panikpreis 2016 nominiert. Das Lied hat sie für ihren elfjährigen Sohn geschrieben und »für alle, die mal Kinder waren«. Worum es ihr in ihren Liedern geht? »Mach dein Ding«, sagt sie standhaft, »alles andere verkackst du.« Diesen Spruch habe sie letztens erst gelesen, er sage aber genau, worauf es ankommt. Bei ihr fing alles mit einem Songbook von Dota Kehr an. Bedauerte sie vorher noch, weder singen, schreiben, noch Gitarre spielen zu können – änderte dieses Geschenk ihr ganzes Leben. Sie lernte Akkorde zu spielen und dazu eigene Texte zu schreiben. Die Sängerin ermutigt, stiftet neue Gedanken und plaudert mit dem Publikum, wie alte Freunde bei einer Tasse Kaffee. »Geht gut mit uns«, stellt sie fest und scheint selber ganz erleichtert darüber zu sein. Neugierig schaut sie durch ihre blonden Haarsträhnen hindurch. »Klatschen klappt auch«, schmunzelt sie. Ihr Lächeln auf den Lippen wird größer, ihre Grübchen in den Wangen tiefer. Lesch singt und erzählt von der Liebe im Wolfsfell, mutigen Matrosen und, dass wir nichts mehr brauchen, als weniger Luxus. »Sie zu erleben, ist wie im Film«, sagt Ana Tatavosian aus Untergrombach nach dem Konzert. »Es passt alles zusammen.« Die 26-Jährige ist selbst Musikerin und bewundert die Einstellung der Künstlerin. Für Tatavosian basiere alles auf Selbstliebe. Erst wenn man sich so annimmt, wie man ist, kommt man bei sich an. »Sarah sagt, was wir fühlen.« Schönes entsteht oft in der größten Not, weniger in Zeiten der Harmonie. Diese Not hat die Liedermacherin 2012 erfahren, als ihre Großmutter gestorben ist. Für sie war das ein Schock. Beide hatten viel Zeit miteinander verbracht und jetzt soll sie nicht mehr da sein. Sarah Lesch schrieb sich den Kummer von der Seele. Wort für Wort. In dieser Zeit ist ihr Debütalbum »Lieder aus der schmutzigen Küche« (VÖ 2012) entstanden, das sie in Eigenregie aufgenommen hatte und zunächst als »Chansonedde« veröffentlichte. Nach drei ausverkauften Auflagen folgte die nächsteVeröffentlichung des zweiten Albums »Von Musen & Matrosen« (VÖ 2015) durch das Berliner Indie-Label Rummelplatzmusik. Ob die zweite Platte klappt, war zunächst ungewiss. Das Projekt wurde im Internet über die Crowdfunding-Plattform »Startnext « eröffnet, mit dem Ziel, 6500 Euro zu sammeln. Schließlich haben sich 189 Unterstützer daran beteiligt, sodass Sarah Lesch und ihr Team 8583 Euro für die Produktion des neuen Albums zur Verfügung hatten. Und sie das Buch zum Album »Von Musen und Matrosen – Texte, Akkorde und Gedichte« (VÖ 2016) als limitierte Sonderauflage herausbringen konnten. Ihre Wurzeln liegen in Thüringen. »Ich hatte eine tolle Jugend«, schwärmt die Sängerin, die seit ihrem fünften Lebensjahr in Bad Friedrichshall aufgewachsen war. In der Laube abtanzen und im Lemmy’s mit Freunden was trinken gehen. Eine tolle Zeit. »Was mir Heilbronn bedeutet«, wiederholt sie die Frage und denkt eine Weile darüber nach. »Ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin, wenn ich nicht in Heilbronn aufgewachsen wäre.« Eine Mischung aus gutbürgerlicher Mitte und doch wildem Freigeist. Mit Anfang zwanzig zog Lesch nach Tübingen. Sieben Jahre lebte sie dort und hatte eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Doch irgendwie war sie nicht glücklich. Als die Ausbildung vorbei war, wurde der Ruf in die weite Welt lauter. »Ich hatte ein gutes Jobangebot im Kindergarten«, so die Liedermacherin. Was tat sie? Sarah Lesch kündigte. Für manche Menschen weniger nachvollziehbar, doch für sie war es klar. »Ich will Musik machen«, so die Künstlerin, die mittlerweile 120 Auftritte im Jahr hat. Heute lebt die junge Künstlerin in Leipzig. Ihre Augen leuchten förmlich, wenn sie von der Stadt spricht. Viele Wege haben sie immer wieder nach Leipzig geführt. »Ich habe dort ein tolles Team«, sagt sie und meint ihre Bandkollegen und andere befreundete Musiker. Wobei ihr Conny Salz besonders am Herzen liegt. Seit Jahren sind die Liedermacherin und die Autorin befreundet. Und unterstützen einander: »Hör auf zu murren und
schreib«, motivierte Sarah Lesch ihre Freundin mit einem Augenzwinkern, ihre eigenen Träume zu leben. Zusammen bieten sie das musikalisch-literarische Programm »Die Badewanne« an. Salz liest und Lesch singt Chanson. Politisch würzig und äußerst amüsant. Zum Nachdenken,
Lachen oder einfach nur Sein. Mittlerweile ist es ganz schön warm geworden im beschaulichen Konzertraum des KOHIs. Die Zuschauer sitzen auf den Bankreihen nah beieinander. Wer keinen Platz mehr bekam, steht im Gang oder in den hinteren Ecken. Vertraut ist diese lauschige Wohnzimmeratmosphäre. Und irgendwie intim. Niemand spricht, außer Sarah Lesch. Die Frau mit den hundert Stimmen. Die Dialekte und Akzente wechselt, wie andere ihre Unterhosen. Und auf einmal den Ton einer Trompete nachahmt, um dann wieder für Gänsehaut und laute Seufzer sorgt, wenn sie ihre Worte sanft in das Mikro haucht. »Ich hatte manchmal das Gefühl, falsch zu sein«, vertraut sie dem Publikum an. Alte Verletzungen und Regeln gebe man oft weiter. Sie sinniert darüber, was gut und richtig und wieder auch nicht, im Leben sein könnte. Als sie ihren Weg für sich gefunden hat, kam sie zum Entschluss: »Gut, dann bin ich halt für immer schlecht.« Aber dafür echt. »Jeder, der sich nicht anpasst, wird zum Problemkind erklärt. Und jede, die zu lebhaft ist, kriegt ’ne Pille, damit sie nicht stört«, singt sie mit sanfter, kindlicher Stimmfarbe. Der Witz ist das Loch, aus dem die Wahrheit ruft. Sie lacht und schreit, brüllt und ruft: »›Ach Jonny.‹ Küss mich so, mich so, dass ich bleiben will.« »Jonny« ist die Antwort auf ein
Liebeslied, verrät sie und wer herausfindet auf Welches, dann würde sie sich was überlegen. Dann wird es ruhig. »Jetzt noch fünf Minuten mit euch«, moderiert sie das letzte Lied an und singt davon,
wieder unwissend sein zu wollen und langen Nächten beim Sterben zuzusehen, bis die Saiten ihrer Gitarre verstummen. Ihr Blick verliert sich in der Ewigkeit der Dunkelheit. Sie geht von der Bühne. Das Publikum liebt sie, es tobt. Sarah Lesch betritt erneut die Bühne, singt, verbeugt sich in alle Richtungen und verabschiedet sich mit großen, hoffnungsvollen, blauen Augen. Die noch lange nicht genug gesehen und noch nicht genug gegeben haben. ◆

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