Sporttasche Juni-Juli 2014

»Das Fahrrad ist die Zukunft«

Hoch zu Ross war gestern. Mittlerweile hat die Bikepolo Bewegung auch im Unterland Fuß gefasst und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Wir trafen uns mit Jens Lange, Philipp Kindel und Matt Lee im Data 77112 um über Ihre Sportart, Heilbronns erstes internationales Bikepolo Turnier sowie den ständig wachsenden Verkehrsstress in den Städten zu sprechen.

HANIX – Erzählt uns doch etwas zum Ursprung von Bikepolo in Heilbronn.

PHILLIP — Also angefangen hat alles vor circa vier Jahren. Jens kam nach der Deutschen Meisterschaft in Hannover zurück und beschloss, solch ein Projekt müsste es in Heilbronn auch geben.

JENS — Genau. Mit SUBTIL BIKES waren wir als Sponsor der Deutschen Meisterschaft aktiv. Ich war sehr beeindruckt von diesem Event, sodass ich vollmundig verkündete, dass wir im nächsten Jahr mit einem eigenen Team am Wettbewerb teilnehmen werden. Von diesem Zeitpunkt an habe ich versucht Heilbronn zum Bikepolospielen zu motivieren.

PHILLIP — Jens kontaktierte zu Beginn seine ganzen Freunde, die ebenso ein gewisses Interesse für das Fahrradfahren mitbrachten. Daraufhin machte das die Runde. Anfänglich trafen sich dann einige Leute ohne Plan und spezielles Bikepolo Equipment auf einem naheliegenden Parkdeck und los ging es.

HANIX – Wie hat sich das Ganze zum heutigen Tag hin entwickelt?

MATT — Wir spielten eine Zeit lang auf dem Platz des Olga-Jungendzentrums, wohl wissend das diese Location durch ihre ungünstigen Bodenverhältnisse sowie fehlende Banden nicht optimal für das Bikepolospiel war. Über Google Maps scouteten wir dann mögliche neue Spielfelder.

PHILLIP — Unsere Wunschlocation war das Rollhockey Feld am Europaplatz. Leider hat sich die Stadt Heilbronn sowie der ansässige Verein nicht bewegt, uns über Wochen und Monate hingehalten bis dann tatsächlich eine Absage erteilt wurde.

MATT — Wir entdeckten dann über das Internet einen Platz in Nordheim und schrieben daraufhin den

verwaltenden Verein an, der sich wiederum umgehend zurückmeldete und von einem gewissen Interesse seinerseits berichtete. Deren Platz wurde erst einige Monate vorher komplett erneuert, toller Belag dazu neue Banden.

JENS — Jeder ambitionierte Bikepolo-Verein hat ein gewisses Interesse daran, sich einem Hockey beziehungsweise einem Rollhockeyverein anzuschließen. Im Bikepolo werden ähnliche Platzmaße und eine artverwandte Beschaffenheit des Platzbelages wie beim Hockey oder Rollhockey benötigt.

PHILLIP — Nordheim gab uns daraufhin die Möglichkeit uns dem Verein als eigenständige Bikepolo-Abteilung anzuschließen und von diesem Zeitpunkt an den vorhandenen Platz zu nutzen. Unsere Eingliederung in einen bestehenden Verein ist von dem her für uns ein Quantensprung.

HANIX – Somit bietet Ihr auch unter der Woche offizielles Training an?

PHILLIP — Genau, wir treffen uns zwei Mal in der Woche, immer mittwochs ab 19 Uhr und sonntags ab 13 Uhr. Wir sind natürlich etwas witterungsabhängig, da der Platz trocken sein muss. Der Sport wird in 3er-Teams gespielt, das bedeutet, dass es ab sechs Personen losgehen kann. Leute, die Interesse haben, können sich gerne über den Verein RRKV Nordheim bei uns melden und sind jederzeit willkommen.

JENS — In der Zeit, in der wir den Platz des Olga-Jungendzentrums in Heilbronn nutzten, hat sich ein richtig kleines Happening entwickelt, das durch unseren Umzug nach Nordheim etwas nachgelassen hat. Es wäre schön, wenn es uns gelingt, neue Leute für diesen Sport zu begeistern und nach Nordheim zu locken. Es ist uns nun geglückt perfekte Bedingungen zu schaffen. Wir haben ein super Spielfeld und können für Neueinsteiger das komplette Equipment stellen, angefangen beim Rad über den Schläger hin zu den Protektoren.

HANIX – Auf was kommt es denn insbesondere bei dieser Sportart an?

JENS — Trotz der ganzen Turniere, die wir mit einer enormen Ernsthaftigkeit angehen und bestreiten, kommt es zunächst für uns auf den Spaßfaktor an. Im Bikepolo geht es um Geschicklichkeit auf dem Fahrrad, zusätzlich ist es natürlich eine Ballsportart, bei der es um Tore schießen geht. Ein gewisser Körpereinsatz ist auch hier unvermeidlich. Berührung mit anderen Spielern sowie gelegentliche Stürze gehören einfach dazu, wenn man es auch nicht mit Eishockey vergleichen sollte. Doch man lernt das richtige Fallen sehr schnell, schwerwiegende Verletzungen sind in unserer Bikepolo-Karriere noch nicht vorgekommen. Alles in allem würde ich Bikepolo schon als rockige oder punkige Sportart bezeichnen. Wir fühlen uns eher den Funsportarten wie Skaten oder BMX-fahren als den konventionellen Sportarten zugehörig. Denn dabei geht es auch ein klein wenig um den Event um den Sport herum, anders als beim Fußball oder Handball.

HANIX – Wie steht es um die Bikepolo-Szene in Deutschland?

PHILLIP — Grundsätzlich zeigt sich die Bikepolo-Szene als große Familie. Turniere werden von Bikepolo-Spielern organisiert und man kennt und schätzt sich. Der Zulauf ist enorm und mittlerweile gibt es bei Turnieren, die in der Regel aus 16 teilnehmenden Teams bestehen, auch Wartelisten. Der Umstand, dass Teams auch in verschiedenen Konstellationen besetzt werden, stärkt dabei das Wir-Gefühl. Es gibt sogenannte Single-Player-Modi, bei dem sich die Teams immer neu zusammensetzen und man durch ein Punktesystem erfolgreich oder eben nicht erfolgreich bewertet wird. Das Starterfeld eines Turniers setzt sich zumeist durch entstandene Kontakte der Teams zusammen. Man reist an Turnier-Wochenenden durch die Republik und trifft Teams, die man auf anderen Events schon kennengelernt hat.

MATT — Die Liebe zum Polo verbindet uns alle. Die verschiedensten Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen treffen sich, um gemeinsam auf dem Rad zu sitzen und diese Sportart zu betreiben. Dabei ist es relativ einfach Anschluss zu finden, denn es gibt zwei verschiedene Arten von Bikepolo-Turnieren. Zum einen die Mannschaftswertung und zum anderen den bereits von Philipp erwähnten Single-Player-Modus. Das heißt, man kann auch alleine an Turnieren mit entsprechendem Modus teilnehmen und trifft trotzdem Leute, die man kennt.

HANIX – Inwieweit entfernt sich Bikepolo weg von der Randsportart hin zum Kommerz? Gibt es schon vollwertige Bikepolo-Profis?

PHILLIP — Die Sportart entwickelt sich weiter und auch das Drumherum wird immer professioneller.

Bei der ersten Deutschen Meisterschaft auf der wir waren gab es zum Beispiel das Thema Sponsoren noch nicht wirklich. Mittlerweile erfährt Bikepolo, insbesondere aus der Fahrradindustrie, deutlich mehr Unterstützung wie auch Wertschätzung. Der Markt ist noch Jung, aber er ist vorhanden. Die wirklich erfolgreichen Teams haben natürlich Sponsoren. Um mit Bikepolo seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, ist es sicherlich noch zu früh, aber es ist eine enorme Bewegung innerhalb der Szene vorhanden. Also wer weiß, vielleicht dauert es nicht mehr all zu lange bis zum ersten Bikepolo-Vollprofi.

MATT — Trotz aller Realness ist ja auch ein Interesse an Unterstützung der Industrie vorhanden. Zum Beispiel war letztes Jahr die Weltmeisterschaft in Amerika. Jetzt flieg da mal mit drei Leuten und den dazugehörigen Fahrrädern sowie Equipment rüber, dazu Übernachtungen und Verpflegung. Das kann sich ein ambitionierter Spieler in den seltensten Fällen leisten. Es ist eine gute Sache, das der Sport mittlerweile anerkannt wird und sich auch in puncto Professionalität weiterentwickelt.

JENS — Wenn es auch noch nicht Profis im Bikepolo gibt, so gibt es doch Teams und Spieler, die die absolute Elite dieser Sportart darstellen. Leute die so unglaublich gut Fahrrad fahren können, dazu sehr geschickt und taktisch auf dem Feld sehr gut organisiert sind. Es werden jährlich Welt- und Europameister ermittelt. Das ist dann schon eine Hausnummer, die mit ein paar Verrückten die sich ein bis zweimal pro Woche zum Zocken treffen, nicht mehr viel gemeinsam hat.

MATT — Wobei es anders als im Fußball immer noch möglich ist, sich gegen diese starken Teams zu messen. Man trifft bei Turnieren immer wieder aufeinander, sodass man selbst auch immer besser wird, man von den besten im direkten Vergleich lernen kann.

HANIX – Nun steht ja das von euch organisierte internationale Bikepolo-Turnier auf dem Gelände des RRKV Nordheim an. Erzählt mal etwas darüber.

PHILLIP — Sofort, nachdem wir die Zusage für diesen supergeilen Court bekamen, war klar, dass wir dieses Spielfeld über kurz oder lang mit der Polowelt teilen möchten. Dazu dient dieses Turnier, das vom 20. bis zum 22. Juni auf der Nordheimer Anlage ausgetragen wird. Dabei werden nationale Teams, wie zum Beispiel aus Hamburg und München, sowie internationale Mannschaften aus der Schweiz, Tschechien oder auch Frankreich vertreten sein. Wir haben die aktuellen Deutschen Meister im Starterfeld. Das Turnier wartet mit einer Top-Besetzung auf. Wir selbst waren von der Resonanz überrascht und freuen uns sehr darüber. Für eine ordentliche Bewirtung ist vonseiten des Vereins gesorgt. Für alle Fußball-Fans haben wir eine Leinwand für das Deutschland Spiel organisiert und es wird ein buntes Musikprogramm von Unterländer DJs geben.

MATT — Wir möchten dieses Turnier etablieren, versuchen es perfekt umzusetzen. Das Ganze findet zwei Wochen vor der Europameisterschaft statt und bietet somit den Teams die Möglichkeit sich nochmals unter Wettkampfbedingungen mit anderen zu messen.

JENS — Ebenso ist es für uns eine Möglichkeit, in Heilbronn auf diese Sportart aufmerksam zu machen. Es wird ein richtig gutes Happening, bei dem für alles gesorgt ist. Es kann gezeltet werden, sanitäre Einrichtungen sind vorhanden. Es ist uns gelungen richtig gute Sponsoren für dieses Event zu gewinnen. Und wer weiß, vielleicht wird ja der ein oder andere Turnierbesucher mit dem Bikepolo-Virus infiziert und besucht uns in den kommenden Wochen beim Training um mitzumachen.

HANIX – Rund um das Thema Fahrrad scheint ja in Heilbronn ordentlich Bewegung zu sein. Was hat es mit CRITICAL MASS auf sich?

PHILLIP — Als leidenschaftlicher Radfahrer kennt man CRITICAL MASS bereits aus anderen Städten. Letztes Jahr im April fand diese Bewegung auch Einzug in Heilbronn. In erster Linie dient Sie dazu, Fahrradbegeisterte zusammenzuführen, um gemeinsam unabhängig von Alter und Equipment kleine Radtouren durch die Stadt zu fahren. Das Ganze soll auch als Message verstanden werden. Leute, lasst euer Auto öfter stehen und bewegt euch mehr mit dem Rad. Das ist wesentlich umweltfreundlicher und spart angesichts der überfüllten Straßen enorm an Zeit. In der Spitze treffen sich zu CRITICAL MASS bis zu einhundert Leute und fahren gemeinsam. Selbst die Polizei, die ja an sich schwer zu überzeugen ist, hilft uns bei den Ausfahrten tatsächlich als Freund und Helfer.

JENS — Laut Statistik des ADAC Fahrrad-Monitoring 2013 gibt es 2,34 Fahrräder pro Haushalt. Wir kennen alle die Verkehrssituation in unseren Städten. Mittlerweile ist es einfach Fakt, dass man mit dem Fahrrad wesentlich schneller unterwegs ist. Um dieses Bewusstsein der Bevölkerung ins Gedächtnis zu rufen, gibt es die CRITICAL MASS. Das Fahrrad ist die Zukunft.

PHILLIP — Wer ein funktionstüchtiges und verkehrstaugliches Fahrrad sein eigen nennt, kann sich gerne an jedem ersten Donnerstag im Monat der Gruppe anschließen. Treffpunkt ist meistens der Götzenturm. Es gibt je nach Masse verschiedene Strecken, die wir gemeinsam fahren. Im Schnitt sind es ungefähr zehn Kilometer. Wir haben auch Familien mit Kindern dabei, somit ist klar, dass jeder auf jeden aufpasst.

HANIX – Wie lebt es sich denn als Radfahrer in Heilbronn? Ist Heilbronn so eine fahrradfreundliche Stadt, wie es die Stadtverwaltung von sich behauptet?

PHILLIP — Gerade im Berufsverkehr sehen uns die Autofahrer als das Böse, als ein Übel. Es wird gehupt und gemeckert. Im Vergleich zum Fußgänger scheinst du als Radfahrer nichts wert zu sein. Dabei spitzt sich die Verkehrssituation immer mehr zu. Ich arbeite in den Böllinger Höfen. Da kommst du als Autofahrer zur Feierabendzeit überhaupt nicht mehr vernünftig hinaus. Es staut sich dermaßen, dass ich nicht verstehe, wieso sich die Leute das zum Teil antun. Sich einfach aufs Rad zu setzen und ganz gemütlich nach Hause zu fahren, auf die Idee kommen die Wenigsten. Lieber fahren die meisten Leute mit dem umweltfeindlichen und auch kostspieligeren Auto und lassen sich dabei auch noch vom Stau stressen.

JENS — Je mehr vonseiten der Stadt für Radfahrer, zum Beispiel der Ausbau vernünftiger Radwege, getan wird, desto mehr wird sich meiner Meinung nach das Verkehrschaos entspannen. Es wird ständig gemeckert, wie viel Zeit es kostest, zur Arbeit und auch wieder nach Hause zu fahren. Leute, holt eure Räder aus den Kellern, da haben die nichts verloren. Bewegt euch und spart im Endeffekt eine Menge Zeit.

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