Sporttasche März 2012

Werner Menold: “Es geht nur gemeinsam”

Im März entscheiden die Mitglieder der Bezirksligisten FC Heilbronn und Union Böckingen darüber, ob eine weitere Fußballfusion endlich Besserung für den Heilbronner Fußball bringen soll. Der neue Verein würde FC Union Heilbronn heissen. Eín Logo ist auch schon entwickelt. Wir trafen die beiden Vorstände Gerd Kempf (FC Heilbronn) und Werner Menold (Union Böckingen) in der Amtsstube von Bürgermeister Harry Mergel (Stadt Heilbronn), der früher sogar einmal bei Werder Bremen vorspielen durfte.

HANIX — Der Heilbronner Fußball fristet ein bemitleidenswertes Dasein. Worin liegen die Gründe dafür?

Gerd Kempf— Es bringt jedenfalls nichts, die Fehler der Vergangenheit aufzulisten. Beide Vereine sind der Überzeugung, dass man aufgrund der sportlichen Situation handeln muss. Der sportliche Tiefpunkt des Heilbronner Fussballs ist ja nicht wegzudiskutieren. Die Perspektive im Aktivenbereich muss stimmen, um die Früchte der guten Jugendarbeit zu ernten. Sonst laufen uns die Spieler weg. Dazu kommt, dass der Heilbronner Fussball kein großes Vertrauen genießt, das ist verloren gegangen. Das muss erst zurückerarbeitet werden. Eine der Hauptaufgaben. Ich denke, dass ein einzelner Verein aus Heilbronn es nicht schaffen wird, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass man irgendwann ansatzweise an die Sphären denken kann, die guten Amateurfußball versprechen. Das geht nur, so meine Überzeugung, gemeinsam.

Harry Mergel— Im Fußball ist nicht immer 1 + 1 = 2. Das wichtigste wäre zunächst, sollte die Fusion zustandekommen, den Verein zu stabilisieren. Die Sicherung der Arbeit ist die Grundlage für alles weitere.

HANIX — Heilbronn ist bei den durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen auf Platz eins in Deutschland. Diese Stadt ist von der gegebenen Infrastruktur und den hier angesiedelten Unternehmen eigentlich prädestiniert dazu, im Fußball eine deutlich größere Rolle zu spielen. Die Realität zeigt aber, dass Heilbronn die schlechteste Fußballgroßstadt Deutschlands ist. Ein Armutszeugnis für die Fußballfunktionäre, die regionale Wirtschaft und die Kommune.

Harry Mergel— Die Kommune hat sich nie aktiv in Vereinsangelegenheiten eingemischt. Wir sind für die Rahmenbedingungen verantwortlich, die wir einwandfrei zur Verfügung gestellt haben und hierbei auch immer zu Hilfe und Gesprächen bereit waren und sind. Ich denke bei der ganzen Diskussion darf man aber die allgemeine Entwicklung des Fußballs nicht vergessen. Es gibt in Deutschland vielleicht 100 Vereine, die wie Wirtschaftsunternehmen aufgestellt sind. Der Rest wurde abgehängt. Früher war der gesamte Deutsche Fußball von ganz oben bis runter in die Amateurklassen eine große Einheit. Das ist inzwischen nicht mehr so. Wenn man sieht, wie sich Vereine ökonomisch und strukturell aufstellen, die in diesen »Wirtschaftsbereich Fußball« hineinwollen, ich nenne das Beispiel Großaspach, dann sind wir hier in Heilbronn von diesem Stadium weit entfernt.

HANIX — Nun ist man gewillt, durch die angedachte Fusion zwischen dem FC Heibronn und der Union Böckingen den letzten Strohhalm zu ergreifen. Wieso sind Sie überzeugt davon, dass eine solche Vernunftsheirat den Fußball in der Stadt nach vorne bringen wird?

Werner Menold — Was ist die Alternative? Sich mit dem Status Quo zufrieden zu geben? Die Entwicklung des Fußballs, die angesprochen wurde, ist an Heilbronn vorbeigerauscht. Aus meiner Sicht hat der Heilbronner Fussball vielleicht vor 20 Jahren verpasst, Dinge zu tun, die notwendig gewesen wären. Nämlich sich zusammen zu schliessen und entsprechend größere, bessere Einheiten zu bilden. Die Heilbronner Vereinsstruktur sieht fast noch so aus, wie vor 20 Jahren. Daher rührt auch ein Stück des Vertrauensverlustes in den Fußball. Die Alternative wäre, das beide Vereine sagen, dass ihnen der sportliche Status Quo ausreicht. Das ist aber nicht der Fall. Es muss doch mal zunächst ein Ziel sein, dahin zu kommen, Spiele anzubieten, die mehrere hundert Zuschauer anziehen. Diese Perspektive wollen wir für die Großstadt Heilbronn bieten. Das kann lange dauern aber wir müssen damit anfangen. Das mag durchaus zunächst auch ein idealistischer Ansatz von uns sein. Mir ist der Fußball in Heilbronn nicht egal. Und die Region braucht einen starken Stadtverein. Die halbe Bezriksliga wurde beim VfR Heilbronn ausgebildet.

Gerd Kempf — Es gibt ein sehr schönes Beispiel. Das heisst Heidenheim. Vor zehn Jahren stand der VfR Heilbronn noch vor den Heidenheimern. Dort wurden die Kräfte gebündelt. Nun ist die Zeit gekommen, das hier in Heilbronn auch zu tun.

HANIX — Die Fusion zwischen dem VfR Heilbronn und der Heilbronner Spielvereinigung war, gelinde gesagt, auch ein Schuss in den Ofen. Welche Fehler wurden damals begangen, die dieses Mal vermieden werden sollten. Und wie stehen die Mitglieder zu der Fusion? Schließlich sind sie es, die entscheiden werden.

Gerd Kempf — Zunächst einmal bestätigt uns die Außenreaktion, die uns Unterstützung in Aussicht stellt. Wir bekommen von dieser Seite bestätigt, dass es der richtige Weg ist, sich zusammen zu schliessen. Ich habe die gute Hoffnung, dass es nicht bei leeren Worten bleibt sondern dass wir auch Unterstützung erhalten werden. Bei den Mitgliedern ist es etwas anders geartet. Dort spielen natürlich Emotionen, Tradition und Rivalität eine Rolle. Doch inzwischen sind beide Vereine auf Augenhöhe und unzufrieden mit der sportlichen Perspektive. Es geht wirklich nur gemeinsam. Die Hoffnung auf Einsicht der Mitglieder ist groß bei mir.

Harry MErgel — Wichtig für eine erfolgreiche Fusion ist aus meiner Sicht auch das Umfeld, die Qualität der handelnden Akteure. Die ist nun wirklich gut, das war nicht immer so. So empfindet es jedenfalls die Stadt. Wir haben Vertrauen in die Personen, die am Ruder stehen. Deshalb glaube ich, dass die Fusion tatsächlich eine Stärkung des Heilbronner Fußballs herbeiführen kann.

HANIX — Wie sehr hat der Hoffenheimer Aufstiegsmarsch bis in die Bundesliga dem Heilbronner Fußball geschadet? Schließlich fahren inzwischen viele Heilbronner und Unterländer nach Hoffenheim und lassen viel Geld dort liegen.

Harry MErgel — Hoffenheim hat mit der Heilbronner Fußballsituation nichts zu tun. Die Heilbronner fahren erst seit dem Bundesligaaufstieg zu Hoffenheimer Heimspielen. Davor hat hauptsächlich eine Person durch hohen finanziellen Einsatz über viele Jahre etwas aufgebaut. Das auch Menschen von hier Bundesligafußball live im Stadion sehen wollen und das in Hoffenheim tun, darf man nicht in Verbindung mit dem Heilbronner Fußball bringen.

Gerd Kempf — Wir wollen doch auch nicht in Heilbronn auf ein Theater verzichten, weil es in Stuttgart eine hervorragende Oper und ein gutes Schauspiel gibt. Das hat nicht bewirkt, dass das Heilbronner Theater abgestorben ist. Wieso soll das also der Heilbronner Fußball tun? Nur weil in Hoffenheim Bundesligafußball gespielt wird?

Werner Menold — Wir waren doch in Heilbronn schon unten bevor Hoffenheim in den Profibereich aufgestiegen ist.

HANIX —Ist denn das Potential und die Fußballbegeisterung in der Heilbronner Wirtschaft vorhanden?

Gerd Kempf — Die wirtschaftliche Potenz ist natürlich vorhanden, in der Stadt und erst recht in der Region. EIn Interesse an Fußball ist ebenfalls da, doch es konzentriert sich eben oft auf den lokalen Fußball. Unsere Aufgabe ist es, das Vertrauen in den Verein und in die Führung zu schaffen. Viele große Firmen warten natürlich erst mal ab bis es sportlich nach oben geht. Hier beißt sich die Katze leider in den eigenen Schwanz, da es natürlich ohne das notwendige Kapital heutzutage kaum möglich ist, sportlichen Erfolg zu erzielen.

Werner Menold — Wie man weiß ist in Heilbronn der höchste Pro-Kopf-Verdienst in Deutschland vorhanden. Ich kann die Aussage von Herrn Kempf nur bestätigen: Potential und Geld sind da, es kommt momentan nur nicht beim Fußball an.

HANIX — Sie haben sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Schon in der kommenden Saison soll der neue Verein an den Start gehen.

Gerd Kempf — Zuerst einmal muss man sagen, dass wir uns sehr stark an Harry Mergels Motto »Gründlichkeit vor Schnelligkeit« angelehnt haben. Dann hat sich aber in den Gesprächen eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Es war für alle Beteiligten sehr überraschend, wie sich die Vorstände verstanden haben und verstehen. Letztendlich würde es nichts bringen nochmal ein Jahr zu warten, wir würden genauso dastehen wie jetzt. Daher sind alle Beteiligten der Meinung, dass die Gespräche soweit vorangeschritten sind, dass eine Fusion zur neuen Saison sinnvoll ist.

HANIX — Sollte der Vorbereitung zu einem solchen Schritt nicht mehr Zeit gegeben werden. So wirkt es als würde an der geplanten Fusion panisch mit heißer Nadel gestrickt.

Gerd Kempf — Natürlich gab es bei der letzten Informationsveranstaltung für unsere Mitglieder im November kritische Nachfragen und ich möchte sagen, dass ich darüber keineswegs enttäuscht war sondern diese unterschiedlichen Reaktionen erwartet habe. Wir haben diese Bedenken sehr ernst genommen und viele Gespräche mit den Kritikern geführt. Allerdings muss man auch sagen: wen ich jetzt nicht überzeugen kann, den überzeuge ich auch in einem Jahr nicht. Der FC hat natürlich, im Gegensatz zur Union, die Vorbelastung dass es schon eine Fusion gab. Diese bittere Erfahrung der jetzigen FC-ler ruft natürlich Bedenken hervor. Aber die angedachte Fusion steht auf viel stabileren Füßen.

Werner Menold — Wir werden es ja nicht so machen wie bei Stuttgart21. Es gibt viele Beispiele aus der Politik bei denen vor 10 Jahren Entscheidungen getroffen wurden, die unter starker Kritik standen und jetzt gelobt werden. Natürlich möchten wir alle Mitglieder »mitnehmen«, aber in einer Situation wie der Jetzigen müssen Dinge auch mal vorangetrieben werden.

HANIX — Wie weit sind ihre konkreten Planungen schon fortgeschritten. Wissen Sie schon, wie wichtige Posten personell besetzt werden?

Gerd Kempf — Wir haben uns auf Vorstandsebene bereits über eine Satzung geeinigt. Auch über Personen, die bereit wären Verantwortung im neuen Verein zu übernehmen, wurde bereits diskutiert. Klar ist, dass man paritätisch vorgehen muss, um keinen Verein und kein Mitglied zu verprellen. Speziell Herr Menold und ich sind häufig unterwegs, um mit möglichen Sponsoren zu reden. Diese Gespräche sowohl im finanziellen als auch im sportlichen Bereich gehen natürlich in den nächsten Wochen weiter.

Werner Menold — Wir haben momentan jede Woche Sitzungen zwischen den Vorständen. Wir haben mindestens drei bis vier Sponsorentermine pro Woche und was mir auch sehr wichtig ist, ist, dass wir uns sehr viele Gedanken über das geplante Jugendleistungszentrum machen. Hierbei geht es nicht nur um Fußball sondern auch um Entwicklung. Beim Jugendleistungszentrum können wir zeigen wie sinnvoll ein Zusammengehen ist. Zum Fußball gehört heute eben nun auch mal Bildung. Die heutigen jungen Fußballer sind alle nicht auf den Kopf gefallen und wollen sowohl im sportlichen als auch im bildungstechnischen Bereich gefördert und gefordert werden. Das Jugendleistungszentrum muss die Basis des neuen Vereins und des Heilbronner Fußballs werden.

HANIX — Wie sieht ihr Fahrplan bis zum Sommer oder gar darüber hinaus aus. Wann wird über die Fusion entschieden und wie viele Mitglieder müssen Sie jeweils überzeugen, um erfolgreich zu sein?

Gerd Kempf — Nach der Informationsveranstaltung, die am 27. Februar stattfand, gehen wir davon aus, dass man vor Ostern zu den Abstimmungsveranstaltungen kommen kann. Wir benötigen dreiviertel der Mitgliederstimmen. Sollte es sich als notwendig erweisen eine weitere Infoveranstaltung zu machen, wird dies natürlich auch geschehen. Trotzdem müssen wir natürlich weiterhin mit allen Beteiligten wie Funktionären, ehrenamtlichen Helfern und vor allen Dingen der Stadt Heilbronn reden.

Werner Menold — Auch bei der Union wird es eine Informationsveranstaltung für Mitglieder geben. Wir haben uns schon über ein Logo verständigt und ein Werbekonzept aufgestellt. Was jetzt natürlich noch ansteht, ist die Zusammenführung der Jugendbereiche, da hier auch die größte Spieleranzahl vorhanden ist. Das heißt, es gilt jetzt Fragen zu klären in der Art wieviele Mannschaften es geben soll, wie der Aktivenspielbetrieb aussehen soll und wie wir uns im Marketingbereich weiter verbessern können.

HANIX — Wie geht es weiter, sollten die Pläne zur Fusion bei der ersten Abstimmung nicht erfolgreich sein? Wird dann weiter an den Plänen gearbeitet oder wären damit alle Fusionsgedanken vom Tisch?

Gerd Kempf — Also ich bin sehr zuversichtlich dass die Mehrheit von 75% zustande kommt und ich sehe auch nirgends eine Alternative zu einer Lösung die weiterhin beide Vereine beinhaltet. Diese Aussage von mir als Vorstand heißt natürlich auch, dass ich, bei einem eventuellen Scheitern nicht einfach so weitermachen kann.

Werner Menold — Ich kann nur sagen, dass ich mich mit einem Scheitern momentan nicht beschäftigen kann, da mir dann einfach 10% fehlen würden, die ich momentan benötige. Ich kann mir allerdings auch nicht vorstellen dass ich bei einem Scheitern nochmals einen Anlauf wagen würde. Aber wie gesagt, damit beschäftige ich mich gar nicht, da ich sowohl körperlich als auch geistig Tag und Nacht mit dem Thema Fusion beschäftigt bin.

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