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Die ARD-Produktion dreht mit BJARNE MÄDEL »Wer aufgibt, ist tot«. Was hat Heilbronn, das andere Drehorte nicht haben?

Von Leonore Welzin, Fotos: Nico Kurth

Ein Tunnel. Überschlag. Dann Ruhe. Ganz plötzlich sieht sich Paul Lohmann mit seinem Ableben konfrontiert. Soll ihn dieser Autounfall wirklich das Leben kosten? »Wer aufgibt, ist tot« lau­tet der Titel der ARD-Produktion, die an mehreren Schauplätzen in Heilbronn und Umgebung gedreht wird. Regie führt Stefan Wagner, die Hauptrolle des Lohmann spielt Bjarne Mädel, das Drehbuch hat Christian Jeltsch geschrieben, alle drei sind Grim­me-Preisträger.

Bjarne Mädel

Weshalb gerade Heilbronn? Ist wirklich eine Autobahn-Bau­stelle dran schuld? Jedenfalls kolportiert der Pressereferent Felix Neunzerling, Wagner sei vom Navi durch Heilbronn gelotst wor­den, um eine Autobahn-Baustelle zu umfahren. Beim unfreiwilli­gen Sightseeing hätte ihm die Neckarstadt gefallen.

Produktionsleiter Andreas Born schwärmt vom Indian Sum­mer in den Weinbergen. Und von den kurzen Wegen zwischen den Drehorten, die Zeit und Geld sparen. »Mit den Sperrungen muten wir den Leuten was zu, aber dafür können 10 Millionen Zuschauer Heilbronn im Fernsehen sehen.« Ebenfalls am Set ist Steffen Schoch. Das Herz des Geschäftsführers der Heilbronn Marketing lacht, während Regisseur Wagner durch das Gestrüpp seines Bartes etwas von »Hitparade der deutschen Tunnel« murmelt: »Der Schemelsbergtunnel ist für uns die Nummer eins«.

Szenen am Krankenbett werden in der Vulpius-Klinik in Bad Rappenau aufgenommen, dort wird renoviert, also ist gerade kein Betrieb. Für eine Hubschrauberlandung bietet sich das Kli­nikum am Gesundbrunnen an. Ob Baumarkt, Buchhandlung oder das Rosenberg-Hochhaus »egal wo ich geklingelt habe, die Leute waren überall superfreundlich« sagt Söhnke Noé, Szenenbildne­rin aus Baden-Baden.

Auf der Suche nach dem passenden Einfamilienhaus für die Loh­manns fällt die Wahl in Übereinstimmung mit dem Regisseur auf das Anwesen in der Reutlinger Straße, das Thomas Klumpp be­wohnt. Zur filmischen Würdigung seines Hauses sei er gekom­men wie die Jungfrau zum Kind. Inmitten der Filmcrew läuft Klumpp zu komödiantischer Hochform auf: »Eine Katastrophe! Mein Haus ist geschändet, nicht einmal mein Auto steht noch in der Garage!«

Stattdessen wurde eine Wendeltreppe eingebaut, die Wände gestrichen und das Interieur auf »Familie Lohmann« getrimmt – bis hin zum Namensschild an der Klingel. Scheinwerfer im Garten werfen Licht ins Innere. Fotos auf der Anrichte zeigen eine vierköpfige, glückliche Familie, dazwischen etliche Pokale und eine Urkunde für die »Schnellste Taube auf dem Flug Heil­bronn«. Im Flur liegt ein kindergroßer Dummy für die jüngere, laut Drehbuch vor Jahren verstorbene Tochter. Zeitgenössische Malerei und auffällig viele Spiegel zieren die Wände.

Zeig mir deine Wohnung und ich sag dir, wer du bist. Tat­sächlich erinnert nichts am Set an den eigentlichen Bewohner. Klumpp hat das Feld geräumt und sich für die Drehtage bei sei­ner Freundin einquartiert. Jedes Requisit erzählt etwas über Paul Lohmann, den Außendienstmitarbeiter, der an diesem Tag wie­der groß ins Geschäft einsteigen wollte. Der anknüpfen wollte an seine tollen Erfolge. Verkäufer des Jahres! Keiner verkaufte mehr Spiegel als er – und keiner reflektierte weniger.

Ist Paul Lohmann der Wiedergänger von Willy Loman aus Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden«? »Ja, genau! Das ist der Hammer!«, dachte Bjarne Mädel spontan beim Lesen des Drehbuchs. Eine tragische Figur, die sich abrackert, ein Selbstoptimierer, der im Koma liegt, alles besser machen möchte und auf seltsame Weise die Gelegenheit bekommt, diesen einen Tag mehrfach zu durchleben, während seine Frau, verkörpert von Katharina Marie Schubert, »gefangen in immer derselben Szene, ihren Mann nicht versteht«, so die Schauspielerin.

Wie bereitet sich Mädel vor? »Ich guck mir den Text vom nächs­ten Tag an, mach mir ’ne Suppe, das war’s. Vor der Kamera ver­traue ich auf den Moment«. Hat er etwas von Heilbronn gesehen? Der gebürtige Hamburger mit Wohnsitz in Berlin überlegt: »Au­ßer den Drehorten wenig«.

Weshalb also Heilbronn, obwohl es hier, laut Pressespre­cher Neunzerling, schwierig sei, 50 Leute für die Dauer von ei­nem Monat unterzubringen? Noé kann’s erklären: »Heilbronn ist nicht belastet. Anders als Berlin, wo an einer Kreuzung zehn Mal im Jahr gedreht wird. Hier einmal in zehn Jahren!« Das solle sich ändern, ruft jemand dazwischen: »Es gibt ja schon Pläne, den Stuttgarter ›Tatort‹ nach Heilbronn zu holen.« So setzt man Gerüchte in die Welt, in der Hoffnung, dass sie wahr werden.

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