Oliver Maria Schmitt HANIX No.35

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»Warum ich kein Satiriker mehr bin«

Eine Abdankungserklärung von Oliver Maria Schmitt

Fotos: Marcus Kaufhold & Charlie Hebdo

Die Anschläge in Paris haben mein Leben verändert. Unschuldige Satiriker haben ihr Leben verloren – klar, das ist schlimm. Wo aber Gefahr ist, da wächst das Witzelnde auch, und das kam ganz unterwartet in Form vieler neuer Spott- und Hohnfreunde. Von »Bild« über »B. Z.« bis »Jungle World« und »Spiegel« riefen alle »Je suis Charlie!« und waren nun ebenfalls Satiriker.

So viele neue Kollegen hatte ich noch nie, das hat mich stark berührt. Ich war sehr stolz darauf, ebenfalls Satiriker zu sein und zu diesem plötzlich hochangesehenen Berufsstand zu gehören. Weil ich als Berufszyniker mit meinem Leben für nihilistische Überzeugungen einstand, weil ich tagaus, tagein meine Finger in anderer Leute Wunden legte, ihnen ein Spiegelbild vorhielt (den Leuten, nicht den Wunden), alles Schöne und Gute verächtlich machte, verhohnepiepelte und verzerrte, weil ich verletzte, verlachte und in den Dreck zog – für diese Heldenhaftigkeit würde man mir nun Lorbeerkränze winden und rote Teppiche ausrollen. Dachte ich.

Es konnte nicht mehr lange dauern, bis man uns tapferen Witzemachern in der Straßenbahn einen freien Sitzplatz anbot, uns am Obstregal im Supermarkt aufbauend auf die Schulterblätter klopfte und uns in dunklen Parkhäusern hell erleuchtete Satirikerparkplätze zuwies. Langes Warten beim Arzt oder beim Helene-Fischer-Kartenvorverkauf war endlich passé, ein kurzer, schneidiger Ruf würde genügen: »Lassen Sie mich durch, ich bin Satiriker!«

Mein neuer Kollege, »Bild«-Chef Kai Diekmann sprang mir bei. Nach gelungener Rasur war er kaum wiederzuerkennen, mitreißend formulierte er unseren Kampfauftrag. Das fiel ihm natürlich leicht, gerade als Schriftleiter einer Zeitung, die schon immer das schrieb, was sie wollte, wonach ihr der Sinn stand: »Ihre Gewalt, ihr erbarmungsloser Hass richtet sich gegen die Freiheiten, die unsere Gesellschaften ausmachen: die Freiheit der Presse, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Künste.« Und nicht zuletzt darum, »furchtlos so zu leben, wie wir leben. Schreiben, was wir schreiben wollen. Zeichnen, malen, dichten, aussprechen, wonach uns der Sinn steht.« Singen, tanzen, fröhlich sein und manchmal sogar einen lustigen Talibanbart tragen, das ist die Welt, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Da fehlte jetzt nur noch die große »Wir sind Charlie«-Solidaritätsgala im ZDF, mit Johannes »B.« Kerner und allen deutschen Mediengrößen von Giovanni di Lorenzo bis Mathias Döpfner. Ein Blick ins Programmheft ließ mich erschaudern: Diese Gala gab es ja tatsächlich schon! »Das große Fest der Besten« auf der ARD! »Präsentiert von Florian Silbereisen. Mit Michelle, Helene Fischer und vielen Stars der Volksmusik.« Na, egal, die machen eh auch bald mit, es läuft ja eigentlich alles rund und perfekt. Zum Glück berichtete kaum einer, was der Spielverderber und »Charlie Hebdo«-Zeichner Renald Luzier, der das Attentat knapp überlebte, gerade gesagt hatte: »Man hat’s nicht leicht, wenn man von solchen Idioten unterstützt wird wie Angela Merkel«.

Ja, es läuft so perfekt, dass die Satire mich gar nicht mehr braucht. Sind doch genug neue Kollegen da! Und hatte nicht auch schon Robert Gernhardt zu Lebzeiten der Satire abgeschworen? Im Nachwort seiner 1984 erschienenen Satirensammlung »Letzte Ölung« zog er ein bedrückendes Fazit seiner jahrzehntelangen Spaßmachertätigkeit.

»Warum ich nicht gern Satiriker bin und mich nur ungern als solchen bezeichnet sehe«, hieß sein Schlusswort, das die Unterzeile trug: »Keine Satire«. Darin legte Gernhardt gleich sieben gute Gründe gegen sein eigenes Handwerk vor, nämlich »die toten Satiriker« (spätestens seit Tucholsky sind nur tote Satiriker gut), »die lebenden Satiriker« (»die erträglicheren sind verhinderte Künstler, die noch erträglicheren verhinderte Lehrer, die unerträglichen verhinderte Heilige«), »die Leser der Satire« (»Schon mal was von uneigentlichem Sprechen, von Ironie oder gar Parodie gehört?«), »die Anlässe der Satire« (immer wieder die gleichen), »die Mittel der Satire« (dito), »die Folgen der Satire« (keine) und zu schlechter Letzt »die Satire als solche«. Was Gernhardt zu dem selbst ihn überraschenden Schluss bringt: »Wahrscheinlich ließe sich noch viel gegen die Satire sagen. All das verblasst jedoch vor der Tatsache, dass zumindest unsere Kultur längst verrottet oder zerplatzt wäre, hätte sie nicht früh schon die Möglichkeit satirischen Sprechens entwickelt und – mit Unterbrechungen – immer wieder gestattet.«

Da hatte er recht, der gute Tote. Vor allem mit den Lesern der Satire. Denen kann man ja praktisch nie was recht machen. Nimmt man mal den Dalai Lama auf’s Korn, lautet postwendend die Beschwerde: Ihr Feiglinge, beim armen Dalai Lama traut ihr euch, aber mit dem Papst würdet ihr so was nie machen! Wendet man sich dann dem Stellvertreter Gottes auf Erden zu und zeigt anhand einer befleckten Soutane die undichten Stellen im Vatikan, heißt es sofort: Ihr Flaschen, gegen die katholische Kirche spielt ihr euch auf, aber gegen den Islam, da zieht ihr den Schwanz ein! Zuletzt punktete mit einer solchen Haltung die CDU-Satire- und Vertriebenenexpertin Erika Steinbach, als sie kurz nach den Pariser Anschlägen gute Ratschläge an Satiriker twitterte: »Nur kath. Kirche kritisieren, sonst lebensgefährlich ;-)« Es war vor allem der finale Zwinker-Smiley, der ihr nach dem Gezwitscher einen veritablen Shitstorm und eine Anzeige eines aufgebrachten Bürgers einbrachte. Und die Islamwitze, von denen der Scheinkabarettist Dieter Nuhr vermutet, dass man sie in Deutschland nicht machen könne, die habe ich auch längst gemacht. Dafür gab es übrigens keinen Beifall, nur einen namentlichen Eintrag auf einer islamistischen Seite.

Doch nun, da endlich alle Satiriker sind – da ist meine Mitarbeit wirklich nicht mehr nötig. Die allfällige Kritik mit komischen Mitteln – die besorgen die Betroffenen doch sogar schon selbst! Und wie!

Da ist der neue Bettelpapst in Rom, der in einer Ansprache vor seiner eigenen Kurie gegen deren »mentale Erstarrung«, gegen die »Krankheit der Rivalität und Eitelkeit« und »spirituelles Alzheimer« stichelt. Da sind die lustigen Verschwörungstheoretiker, die schon Stunden nach den Pariser Anschlägen beweisen konnten, dass der Mossad hinter allem steckte. Da ist der AfD-Politiker Jörn Kruse, der öffentlich über den Attentatszeitpunkt scherzte: »Leider ist es viel früher passiert, als ich gehofft habe.« Da demonstrieren in Paris die Führer der Welt, säuberlich vom Volk separiert, in einer abgeschotteten Seitenstraße für Friede, Freude, Eierkuchen und die Freiheit der Presse, während einige dieser Spaßvögel in ihren Heimatländern Journalisten auspeitschen, foltern und wegsperren lassen. Da steht Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor und demonstriert für die Pressefreiheit, während ihr schon der leibhaftige Schalk Seehofer im Nacken sitzt und höhere Strafen für Blasphemie fordert. Wenn das keine Schenkelklopfer sind!

Und dass der Pegida-Erfinder Lutz Bachmann, der sich sofort mit »Charlie Hebdo« solidarisierte und in Strafsachen bestens bewandert ist (Körperverletzung, Einbruch, Diebstahl), dass dieser Demokrat nun mitteilte, er wolle die »Titanic« wegen eines ihm in den Mund gelegten Kommentars verklagen (»Mit Satire hat dies nix mehr zu tun!«) – das alles ist doch absolut wunderbar! So was könnte sich ein Satiriker niemals ausdenken.

»Warum ich kein Satiriker mehr bin« aus der F.A.Z. vom 19.01.2015 von Oliver Maria Schmitt

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