Titelthema Armut Dezember 2011

Hannes Buchwald: Die Müllkinder von Dallas


»Ich habe mich auf die Reise nicht vorbereitet, nichts über die Müll-Kinder gelesen oder recherchiert. Ich wollte es einfach auf mich zukommen lassen und mir mein eigenes Bild davon machen«, erzählt Hannes Buchwald von seinen Reisevorbereitungen.

Der Heilbronner war schon mit einigen Hilfsorganisationen unterwegs gewesen, so zum Beispiel auch in den Slums von Indien und Ägypten, und trotzdem sei es jedesmal eine neue, harte Erfahrung. »Das sind keine gestellten Bilder, die ich in Rumänien gemacht habe. Das ist das wahre Leben dieser Menschen«, so der Fotograf. Es wirkt wie eine kleine Stadt am Rande der Mülldeponie. Die Kinder leben mit ihrem Eltern in selbstgebauten Hütten, meistens alle zusammen in einem Raum. Jeden Morgen bringt das Müllauto Tonnen »frischer« Ware. Ätzend stinkender Qualm vermischt sich mit dem Geruch der Müllhalde. Es herrscht Konkurrenzkampf zwischen den Familien. Daher gibt es einen sogenannten Boss, der dafür sorgen soll, dass der Müll fair aufgeteilt wird. Im Winter, wenn die Arbeitsbedingungen und das Leben härter werden, verleiht der Müll-Boss Geld an die Familien. Er nutzt deren Not aus und lässt sie in seiner Schuld stehen. Mit bloßen Händen suchen die Menschen nach Verwertbarem, wie Lebensmitteln, Spielzeug, Kleidung und Plastikflaschen. Sie leben von dem, was sie finden. Für ein Kilo Plastikflaschen bekommen sie umgerechnet 1 Cent, für 100 kg Plastik 1 Euro.

Sie brauchen das Geld, um beispielsweise Brot zu kaufen. Doch oft müssen sich die Familien von dem ernähren, was sie auf der Müllkippe finden. Essensreste, die jemand anderes weggeworfen hat. Der Abfall ist nicht nur dreckig und stinkt, er ist auch giftig. Neben organischem, chemischem und toxischem Müll findet man auf manchen Müllhalden sogar die Entsorgungen der nahegelegenen Krankenhäuser. Obwohl die EU es fordert, haben viele Mülldeponien in Rumänien keine Sickergruben. Das Gewicht des Abfalls drückt die toxischen Rückst.nde des Mülls heraus und die Abwässer versickern im Boden oder fliesen in die nahegelegenen Flüsse. Das Wasser der Flüsse ist dreckig und vergiftet. Die Müllhalde ist ein Paradies für Ratten und Straßenhunde, doch sie ist auch der Ort, an dem Säuglinge groß werden und Kleinkinder spielen. Sobald diese Kinder alt genug sind, arbeiten sie mit. Viele von ihnen haben noch nie eine Schule von innen gesehen, jeder dritte ist Analphabet. Da erübrigt sich die Frage bezüglich der Zukunftsperspektive sofort. »Die Kinder sind schmutzig und immer hungrig. Sie und ihre Eltern haben mit Rassismus und Ausgrenzung zu kämpfen«, erzählt Hannes Buchwald. Tatsächlich fordern rumänische Politiker gesonderte Ghettos oder die Ausweisung solcher Familien. Ein Minister schlug sogar die Abschiebung in die Wüste vor. Schätzungen nach, leben etwa zwei bis drei Millionen Menschen in Rumänien unter solchen Umständen. »Diese Menschen sind unerwünscht, lästig, so wie Ratten. Oft haben die Familien das Problem, dass sie auf staatlichem Gebiet leben. Sie werden somit nur geduldet, können aber jederzeit vertrieben werden«, weiß Hannes Buchwald. Was ihn an der ganzen Geschichte besonders schockiert, ist, dass Rumänien und Deutschland gemeinsam zur Europäischen Union gehören. »Wir sollen eine Einheit darstellen, dabei trennen uns Welten. Wir leben hier im größten Luxus und diese rumänischen Familien leben im Müll. Mitten in Europa!« Mit seinen Bildern will Hannes Buchwald langfristig etwas bewegen. Er will nicht irgendetwas zeigen, sondern die Realität. Mit all ihrem Leid und Elend.

Man müsse die Augen öffnen und die Realität akzeptieren, und wenn man soweit sei, müsse man versuchen sie zum positiven zu ändern, so der Fotograf.

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