Around the World – Marokko 2

Bericht von Patrick Ortwein, einem Weltenbummler

Auch diesmal berichtet uns Patrick Ortwein aus Marokko. Es geht um ein fehlendes Freundschaftspapier, Polizeikontrollen und die landesüblichen Tarife zur Bestechung der Gesetzeshüter.

Meine Beteuerung, dass Younes mein Freund sei, interessierte die marokkanische Polizei wenig. Es war den drei Schweinen (die Zeit, eine euphemische Umschreibung zu suchen, ist mir an dieser Stelle zu schade) nicht mehr als ein müdes Lächeln damit zu entlocken. Meine bedeutungslose Rolle in dem Szenario, welches sich vor mir abspielte, fand seinen Ausdruck in dem Desinteresse das man mir entgegnete, und wurde besiegelt indem ich einem Café verwiesen wurde. «Du bist ein Tourist, also bleib in deiner Welt und halt dich raus aus der unseren!« Die Worte musste der Beamte auf dem Motoroller nicht aussprechen, die ihm ins Gesicht geschriebene Verachtung tat dies ohnehin. Also wartete ich. Younes sollte angeblich nach 15 bis 20 Minuten zurückkommen, laut Polizei. Was von dem Moment als uns 3 Motoroller den Weg versperrten, zur Festnahme Younes so schnell ging dass ich nichts verstand, schlug um in drangsalierendes Warten. Bereits mehr als eine Stunde war vergangen. Ich bezahlte, stand auf und machte mich, aus Verzweiflung und um der Paralyse zu entfliehen, auf die Suche nach dem Polizeirevier.

Younes ist mein Freund und Kollege. Wir arbeiteten zusammen in der Todra Schlucht, nähe Tinerhir, als Klettertrainer. Meine Pläne, die Reise per Anhalter durch die Wüste direkt nach Mauretanien fortzusetzen, musste ich aufgrund Unruhen im Grenzgebiet ein wenig verschieben. Also dachte ich, ich lasse mich für einen Monat im angeblich besten Klettergebiet Marokko’s nieder, lerne Arabisch und die Kultur kennen indem ich dort arbeite und verbringe eine gemütliche Zeit. Ich lag zugleich mit allem richtig und falsch. Es war relativ leicht einen Job zu finden, genaugenommen kam er mir zugeflogen. Ich kam mit einer tschechischen Karavanne an und verbrachte die erste Nacht in der Schlucht. Morgens fand ich mich zwischen atemberaubenden Felswänden und neben einem Berber wieder. Ich erzählte ihm von meinem Plan hier gegen Unterkunft und Verpflegung zu arbeiten. Er nahm mich direkt mit und stellte mich «der Familie« vor. Wie sich herausstellen sollte, ist beinahe das gesamte Dorf eine Familie. Ich wurde herzlich empfangen, langsam in die Arbeit im Haus eingeführt und lernte Abdul kennen, den Chef. Er stellte sich mir vor, mit den Worten «Ich bin ein Berber, ich mag Geld nicht«. Auch das entsprach nicht direkt der Wahrheit. Er war ebenso gebunden an die Vorstellung durch die gezielte Abzocke von Touristen immer mehr Geld zu machen, wie an seine Flasche Maghia, den hiesigen Dattelschnaps. Ich lernte jedoch auch einer Heuchelei Raum zu schaffen, die der seinen gewachsen war. Ich durfte beim Abwerben von Kunden bis zu einem Preis von 20 Dirham handeln, George, ein slowenischer Kletterer, musste nicht handeln. Wir waren fortan zu zweit und bewohnten ein kleines Zimmer im Kasbah. Auch George wurde in die Familie eingeführt, zuerst indem sein Gemüse und Obst das er in der Küche lagerte, ebenso wie seine Zigaretten, abhanden kam. Dann indem er gezielt angewiesen wurde Kunden abzuwerben. Und es folgten die ersten Drohungen. Jeder Kunde der die Auberge Abdul’s betrat wurde mit uns assoziiert. George wurde nachts von Bewohnern des Dorfes darauf hingewiesen, dass er hier unerwünscht sei. Es wurde versucht ihm den Verkauf von Haschisch anzuhängen und wir wussten, lange ginge das nicht gut. Die Menschen im Dorf, denen wir noch vertrauten; konnte man an einer Hand abzählen. Einer davon war Younes. Ein etwa 28 jähriger Klettertrainer (das genaue Geburtsdatum ist wie bei den meisten nicht bekannt), der dank japanischer Kletterkurse finanziell gut ausgestattet war. Er stand eines Nachts, leicht angetrunken, vor meiner Türe und meinte wir gehen jetzt ein wenig «Urlaub machen«. Das Ziel: Ouarzazate.

Die etwa 150 km entfernte Stadt der Filmstudios, Stars und Clubs. Das Taxi, bereits bezahlt, wartete unten, Younes schwankt zwischen linkem und rechten Türpfosten, Ich zwischen schlafen und feiern, hin und her. Wir kürzen die Geschichte an dieser Stelle. Es ist irgendwann morgens in Ouarzazate, wir kommen zurück zu dem Ort, den wir mit dem Taxifahrer vereinbart hatten. Selbstverständlich ist er nicht mehr da. Wir beschließen unser restliches Geld in Kaffee umzumünzen, danach per Anhalter zurückzukommen und machten uns gerade auf den Weg ein Café zu suchen als uns 3 Motoroller den Weg versperrten. Was auf Kinderrollern eher lächerlich aussah, war eine verdammt ernste Polizeikontrolle. Ich wurde nach meinem Herkunftsland gefragt und blieb dann unbeachtet. Younes gab der Polizei seinen Ausweis. Er sah verunsichert aus und schien zu wissen was ich nicht wusste. Es folgte eine Diskussion in die ich nicht mit einbezogen wurde und die ich nicht verstand und Younes, wurde abgeführt. Unauffällig und schnell ging alles von statten. Es war leicht das Polizeirevier ausfindig zu machen, jedoch weniger leicht Zutritt zu bekommen. Ich erfuhr, dass Younes keine Erlaubnis hatte mit mir zu reisen. Er darf seine Provinz nicht mit einem Tourist verlassen, ohne bei der zuständigen Behörde eine Erlaubnis dafür zu beantragen. «Papier sur l’amitié«, eine Bestätigung der Freundschaft, nennt man dies. Es wurde mir erklärt das sei nur zu meinem Schutz. Wo bleibt die Eigenverantwortlichkeit der Reisenden? Kann ich nicht mit meinem Verstand entscheiden mit wem ich wohin gehe und Verantwortung für mich selbst tragen? Ist es notwendig dass die Polizei uns vor den Einheimischen schützt wie vor wilden Hunden. Dass wir uns so frei bewegen können und die eigenen Leute an der Leine gehalten werden?Doch zu dem Problem kam noch ein anderes hinzu. Younes hat in der Nacht zuvor Alkohol getrunken und die Polizei in Marokko, spielt eine erzieherische Rolle. Als er nach Stunden aus dem Revier kommt, hält Younes sich den Bauch und weint. Ich will auf ihn zugehen, doch die Polizei weißt mich zurück. Wir dürfen nicht gemeinsam gehen und treffen uns erst an der Bushaltestelle wieder. In weniger als 10 Minuten schafft uns Younes gratis in einen Bus und wir sind auf dem Weg «nach Hause«.

Die Solidarität zwischen Marokkanern ist ebenso einzigartig wie die Korruption der Polizei. Wir hätten nur etwa 200 Dirham benötigt, ca. 20 Euro um uns «freizukaufen«. Man kann sagen, es gibt dank der Unterbezahlung Tarife für die Bestechung marokkanischer Polizisten. An dieser Stelle machen wir einen kleinen Sprung nach hinten. Die tschechische Karavane mit der ich in der Todra Schlucht etwa vier Wochen zuvor ankam, bestand zum Großteil aus Junggesellen mittleren Alters, die noch einmal ihre Jugend aufblühen ließen. So kam es dann auch dass Gender am Strand von Taghazout von der Polizei beim Hasch-rauchen erwischt wurde. Der Tarif besagt in diesem Fall etwa 500 Dirham, für den nächsten, ranghöheren Offizier bereits 1000 Dirham und spätestens da sollte man entlohnen, denn ein marokkanisches Gefängnis will man nicht gesehen haben. Gender jedoch, war in Marokko bereits so aklimatisiert, dass er mit dem Offizier zu handeln begann. Er kaufte sich für 400 Dirham und ein altes Autoradio frei. Der Polizist steckte Geld und Haschisch ein und war davon. All diese Erfahrungen haben mir das Gefühl gegeben dass jetzt kein schlechter Zeitpunkt wäre um weiterzuziehen. Ich habe Marokko bereits besser kennen gelernt, als es mir lieb ist und ohnehin noch einen langen Weg vor mir. Also haben George und ich eines Tages das Haus in der Todra Schlucht verlassen um für die letzten Tage eine Höhle in der Schlucht zu beziehen. Ich habe meinen Weg anschließend per Anhalter Richtung Norden fortgesetzt um in Marrakech langersehnten Besuch aus Deutschland zu empfangen und George musste zurück nach Spanien um zu arbeiten. Trampen in Marokko ist für mich der beste Weg der Fortbewegung. Nicht nur dass man schneller eine Mitfahrgelegenheit bekommt als einen Bus, es ist auch ein angenehmer Weg um mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Pick-up Trucks, Strohtransporte, von Eseln gezogene Karrenwägen, es gibt nichts wo ich noch nicht versucht hätte aufzuspringen. In 3 Tagen Hitchhiken habe ich eine Strecke von ca 800 km quer durch das Land, über den Hohen Atlas bis Marrakech, die Wasserfälle von Ouzoud bis nach Rabat zurückgelegt. Die letzten zwei Tage habe ich zusammen mit Claudio, einem Studenten aus München, einem Startkapital von 10 Dirham, etwas weniger als 1 Euro, und einigen Nahrungsmitteln zurückgelegt. Neben verrückten Mitfahrgelegenheiten, die sich während eines Überholmanövers eine Pfeife anzünden und einem sympathischen Marokkaner der sogar München bereits besuchte (er saß dort aufgrund Drogenhandel ein halbes Jahr im Gefängnis ein), gibt es auch jene, welche uns mit Geschenken überhäuften, und so kamen wir mit erstklassigem Olivenöl, frischem Thymian und anderen Dingen in Rabat an, wo wir von unserer letzten Mitfahrgelegenheit einen Platz zu schlafen und ein Tajine aufgetischt bekamen.

Ein Vorgeschmack auf die Strecke die mich nun erwartet, per Anhalter durch die Westsahara über Mauretanien bis Mali zu kommen. Man sagt für gewöhnlich dass sich Pläne beim Reisen ständig ändern. In diesem Fall gibt es jedoch keine Option außer der 480 km langen Strecke durch die Wüste, also hoffe ich auf eine Mitfahrgelegenheit mit Klimaanlage und kühlem Bier.

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