Around the World – Marokko

Bericht von Patrick Ortwein, einem Weltenbummler

Die Distanz zwischen Spanien und Marokko kann man in weniger als einer Stunde mit dem Schiff zurücklegen. Sie genügt jedoch für einen Kulturschock erster Klasse. Im Hafen von Tanger angekommen taucht man ein in das fantastische Gewirr aus arabischer Musik, das Geschrei der Händler die ihre Ware anbieten und findet sich wieder in einer bezaubernd, chaotischen Welt. Bienvenue en Afrique !

Es muss wohl gegen zwei oder drei Uhr morgens gewesen sein. Unser Bus von Marrakech in Richtung Chefchaouen war bereits seit mehreren Stunden unterwegs als der Gepäckjunge Sascha mich wild gestikulierend aus dem Schlaf riss und wir aus dem Bus geschmissen wurden. Das heisst, vielmehr wurde unser Gepäck vorangeworfen worauf wir mehr oder weniger freiwillig folgten. Keine Erklärung, keine Antwort auf die Frage wo wir seien und keine Spur der hochgeschätzten arabischen Gemütlichkeit, die für gewöhnlich immer Zeit für einen Tee lässt. Der Bus verschwindet in der Nacht und überlässt uns einer bitteren Kälte, der Dunkelheit und allem was diese verbirgt. Ich kannte Chefchaouen bereits zuvor, und das war es sicherlich nicht. Es war keine Stadt, kein Dorf und genaugenommen noch nicht einmal eine Haltestelle. Eine Strassensperre der Polizei, ein Stück die Strasse hinauf und ein Transporter der soeben angehalten wird lassen uns hoffen per Anhalter ein Stück weiterzukommen. Kein Glück. Wenn man Sascha’s gebundener Ansammlung von Halbweisheiten, seinem Reiseführer, jedoch glauben schenken darf, ist das vielleicht besser so. Das Rif-Gebirge ist nicht unbedingt als die sicherste Gegend bekannt, auch wenn sich dies als übertrieben herausstellen, und sich meine Antipathie gegenüber seinem Reiseführer noch steigern sollte. Wir haben unseren Weg durch die Nacht zu Fuss fortgesetzt, als uns plötzlich drei knurrende Hunde gegenüberstanden. Sascha zitiert aus seinem Reiseführer : »Wilden Hunden in Marokko muss man laut brüllend entgegenrennen um sie zu verjagen.« Wo ist der mutige Autor um uns das vorzumachen ? Wir beschlossen das nicht zu testen und haben die Flucht ins Gebüsch ergriffen. Die Hunde sind wir los, das Hauptproblem einen Schlafplatz zu finden noch lange nicht. Nach einer Weile geben wir auf. Es ist kein Ziel in Sicht und wir beschliessen das Zelt inmitten des Gebüsches notdürftig aufzubauen. In dieser Nacht haben wir gelernt dass ein zwei-Mann Zelt mit Gepäck und Kletterausrüstung eine latente Klaustrophobie fördert und der Vodka, der für das Tauschgeschäft mit den Einheimischen dienen sollte, eine weniger pragmatische Anwendung finden kann. Wenn ich ehrlich bin hatten wir eine grandiose Nacht, und ganze zwei Stunden Schlaf.

Am nächsten Tag zeigt sich Marokko von seiner schönen Seite. Die Sonne geht über den steilen Felswänden des Rif-Gebirge auf. Wir finden uns wieder über einem im Morgennebel eingehüllten Tal. Dann ein 20km free-ride auf einem pick-up und anschliessend eine Taxifahrt gratis bis ans Ziel. Das ist charakteristisch für meine Reise durch Marokko. Eine schlechte Erfahrung, gejagt von einer guten. Den Versuch zu ergründen was ich davon halten soll habe ich aufgegeben. Ich habe beschlossen, ich liebe das Land ! In etwa wie eine Frau die charakterliche Mängel gelungen versteckt, mit dem ihr gegebenen Charme und… ja, Marokko ist ein landschaftlicher Traum. Die zerklüfteten Gebirgszüge des Hohen Atlas, mit seinen archaischen Berberdörfern im Landesinneren, traumhafte Strände mit atemberaubenden Surfspots und scheinbar endlose Wüstengegenden in welchen man mit viel Glück, und dank grossem Engagement französischer Karavannen, immer mal wieder ein Technival der besonderen Sorte finden kann. Dann im Kontrast dazu Mülltüten die herrenlos wie einsame Strohbälle durch die abgelegene Natur fliegen. Die Wörter Nachhaltigkeit und Umweltschutz kann ich bislang noch nicht ins arabische übersetzen. Deren Bedeutung findet ebensowenig Halt wie meine Menschenkenntnis. Man ist hierzulande, zu Recht, stolz auf das sympatische Lächeln das dein Nächster allzeit für dich bereit hält. Genaugenommen gibt es jedoch zwei Arten des Lächeln. Ein gutmütiges, gastfreundliches Lächeln und ein schelmisches das suggeriert dass man gleich über den Tisch gezogen wird. Es fällt schwer die Intension der Menschen zu deuten deren Bekanntschaft man macht, vor allem in grossen Städten ist diese nicht immer ganz selbstloser Natur. So manch ein Tourist dachte in Marrakech er betritt ein Haus um die Einladung zum Tee anzunehmen und kam nach 2 Stunden als stolzer Besitzer eines Teppichs wieder heraus. Doch gilt es sich vor Augen zu halten dass man in einem armen Land reist, wo hinter der gewahrten Fassade der bekannten Touristenschauplätze noch eine andere, reale Welt existiert, in der das Lächeln den Umständen weichen muss und das Wort Glück seine Bedeutung im Kampf gegen Hunger gänzlich einbüssen musste. Doch in eben dieser Welt lernt man das wahre Marokko kennen. Ein Stück zu nah habe ich es in Marrakech kennengelernt. Gleichsam eine « nuit blanche », also eine Nacht unter freiem Himmel, wie ich sie mir nie vorgestellt hätte.

Man beginnt sich nach einer gewissen Zeit den finanziellen Gegebenheiten eines Landes anzupassen. In Marokko bedeutet dies dass man als Tourist mit einem Tagesbudget von 50 Euro aufwärts oder aber wie ein Einheimischer mit unter 5 Euro am Tag auskommen kann. Zwei Jungs aus Agadir in meinem Alter, welche ich auf der Fahrt kennenlernte, und ich, haben uns zur Aufgabe gemacht in Marrakech eine günstige Übernachtunsmöglichkeit zu finden, was nachts eher ein Ding der Unmöglichkeit bedeutet. Nach stundenlanger Suche im Labyrinth der Souks war sechs Euro pro Person, der günstigste Tarif den wir fanden und uns zu teuer. Also beschlossen wir diese Nacht nicht zu schlafen. Was dies bedeutet war mir zu dieser Zeit nicht klar. Um die Nacht in Sicherheit zu verbringen gingen wir in eines der Nachtcafés. Wir waren nicht alleine mit dieser Idee.

Als Ich in das Café eintrat stieg mir ein aufdringlicher Uringeruch in die Nase, der Fernseher, in voller Lautstärke aufgedreht sollte wohl die Besucher davor abhalten einzuschlafen… ohne Erfolg. Die meisten Gäste schliefen mit dem Kopf auf dem Tisch, in Tücher eingehüllt, um zumindest ein wenig Intimität zu wahren, so schien es. Nur wenige blicken auf als wir schnell durch das Café gehen um uns in einer hinteren Ecke niederzulassen. Ich vermeide den Blickkontakt, wenn ich ehrlich bin aus Scham, wohlwissend dass allein der Wert meines Rucksack jedem in dem Café eine Nacht mit Dach über dem Kopf spendieren könnte. Und in der Hoffnung, dass genau diese Tatsache mir nicht zum Verhängnis wird. Doch die Nacht verlief ruhig. Als die Sonne aufging, verstummte der Fernseher, die Bedienung klatscht in die Hände und vertreibt alle »Gäste« wie Küchenschaben aus dem Café. Ich war endlos müde. Aber um eine Erfahrung und zwei nette Menschen reicher.

Von da an liess ich etwas Ruhe in die Reise einkehren. Vom Norden in den Süden trampend habe ich mich einer tschechischen Karavane angeschlossen und mir einen Job als Kletterguide in der Thodra Schlucht gesucht. Hier lebe ich bei einer Berberfamilie die Zimmer vermieten, ein Restaurant führen und Touren zu Nomadenstämmen anbieten, lerne Arabisch und widme mich wieder voll meiner Leidenschaft, dem Klettern. Dass meine Aufgabe auch das Suchen der Kunden (ziemlich euphemisch, denn diese werden hier eher bedrängt) einschliesst, das wusste ich nicht. Aber so ist das in Marokko, man weiss letztlich nie woran man ist bis man sich darauf einlässt und genau das macht es interessant.

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