Around the World – Westafrika

Bericht von Patrick Ortwein, einem Weltenbummler:

Zwischen Hängematten, Wellengang und Fischfang

Da baumelt ein Mann zwischen zwei Palmen in einer Hängematte. Ein schöner Anblick. Ein Anblick, der Urlaubsstimmung suggeriert. Ein angenehmer Anblick für all jene deren Neid noch nicht wie ein kräftiger Schluck saure Milch einen unweigerlichen Brechreiz hervorgerufen hat. Denn dieser Mann tut seit 3 Monaten nichts anderes. Die Tatsache dass er sich inmitten einer westafrikanischen Großstadt mit all den dazu gehörigen Unannehmlichkeiten befindet, scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Da sind zwei Kinder die ihm versuchen ein paar Francs abzubetteln, eine Frau mit einem Korb voller Mangos und Bananen auf dem Kopf, die sie ihm unter akrobatischen Verrenkungen versucht darzubieten. Doch der Mann strahlt eine größere Indolenz aus, als man erwarten könnte wenn man volltrunken das „Monument de la Renaissance Africaine“ nach der politischen Lage im Land befragt. Jedoch nicht ganz so viel wie dieses wiederum repräsentiert. Er erweckt im Allgemeinen den Eindruck wenig Anteilnahme am Tagesgeschehen zu haben. Er scheint alles zu haben das er braucht und bewegt sich nur hin und wieder um eine Flasche Bier zum Mund zu führen, oder eine neue Zigarette anzuzünden.

Nein, es handelt sich nicht um eine Geschichte über Sozialschmarotzer. Unser Exempel hier leistet zwar in der Tat keinen Beitrag zum Bruttonationaleinkommen, zieht allerdings auch keinerlei Vorteile aus einem Sozialsystem. Der Mann hat sich aus der Gesellschaft ausgeklinkt, vielleicht nie an ihr teilgenommen, und lebt autark. Oder wenn man so will – von der Hand in den Mund. Er ist ein Mann in seinen Fünfzigern, vielleicht auch älter. Sein grauer Bart (alles andere als gepflegt) und seine braungebrannte, durch raues Seewetter stark in Mitleidenschaft gezogene Haut, lassen keinen eindeutigen Schluss zu. Was wir von ihm halten interessiert ihn im Übrigen kaum. Seine Füße berühren unseren Boden nicht. Er schwebt unter uns, ist da, und irgendwie auch nicht. Schließlich liegt er ja in einer Hängematte. Während die Welt um ihn herum Kopf steht. Sich Problemen stellt, sie schafft, sie versucht wieder aus dem Weg zu räumen, um Platz für neue zu schaffen. Umherirrt, wer weiss wohin!? Nach etwas strebt – vielleicht nach Ruhe? In Abgasen erstickt, nach Luft ringt, weiter rennt und niemals stillsteht, um den Motor nicht abzuwürgen der die Welt antreibt. Die Geschäftigkeit. Ein Wort, das man nicht unbedingt mit unserem Mann in der Hängematte assoziiert. Denn er baumelt, lässt seine Seele baumeln. Möglicherweise ersucht er ein Gefühl in der Wiege der Hängematte, um dem nachzujagen, das ihm hier abhanden kommt. Hier, das heißt An Land. Er sucht das Gefühl, das ihm jenes verrostete, 40 Jahre alte Stück Metall suggeriert, auf dem sein Blick in stoischer Ruhe verweilt. Und dessen Anker sich im Hafen vor ihm, von Algen und Muscheln bedeckt, in den schlammigen Grund gebohrt hat. Seine Yacht. Sein Zuhause! Der Cocon aus dem er gekrochen kam, um mal wieder Landluft zu schnuppern, ein kühles Bier zu trinken, seine Vorräte an Zigaretten, Wasser und Lebensmittel aufzufüllen. Oder einfach nur um das Treiben der Menschen zu beobachten. Einen latenten Gegenpol zu ihrer Geschäftigkeit darzustellen. Stillschweigend. Aus der Hängematte hat schließlich noch niemand protestiert. Möglicherweise wartet er auch nur auf besseren Wind, um die Stadt und die schwarze Wolke aus Abgasen und verbranntem Müll in die sie gehüllt ist, hinter sich zu lassen. Seine Segel zu setzen und endlich wieder diese frische Brise im Gesicht zu spüren, die ihm von fernen Orten zugetragen wird. Gleichsam ihn fernen Orten zuträgt. Genaugenommen wartet er nicht. Er verweilt. Wohl wissend dass er nicht gegen die Natur arbeiten kann. Dass er auf sie angewiesen ist, sie sich die Zeit unterwirft und dieser die Bedeutung draußen im offenen Meer, im Zusammenspiel zweier Elemente, abringt. Es ist schließlich klar, dass es der Wind ist, der sein Zuhause über das Wasser gleiten lässt und unser Kapitän in der Hängematte nicht zu jenen gehört, die gleich von einem Motor Gebrauch machen wenn der Wind einmal aussetzt. Denn er hat keinen. Er kann sich keinen leisten, ist auf den Wind, ergo, auf die Natur, angewiesen. Ob sich das die Menschen in dieser Stadt der pervertierten Verhältnisse von Zeit und Natur, in der ersteres Mittel findet um sich zweites zu unterwerfen, wohl auch gelegentlich vor Augen halten? Dort, wo die Natur als Randerscheinung und die Zeit als omnipotent wahrgenommen wird. Ist auch dort bekannt dass der Mensch nach wie vor von der Natur abhängig sein kann? Nun, das bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Es ist darüber hinaus gut möglich dass unser Seemann die Zeit nicht mehr als physikalische Größe sieht wie es der westlichen Denke zu eigen ist, und nicht mehr nach Minuten, Stunden, Tagen und Wochen unterscheidet. Sondern nunmehr einzig nach der Intensität des Meeres und dem Wandel von Tag und Nacht. Dem Moment an dem die Sonne sich aus der Symbiose löst, die sie zuvor mit dem Horizont einging und ein neuer Tag anbricht.

Bis schließlich wieder alles um ihn dunkel wird und die Wassermassen in ihrer Schwärze kaum vom Himmel unterscheidbar sind, er sich von seiner Umgebung in scheinbar endloser Dunkelheit eingeschlossen sieht. Ein Kreislauf der erst zu Ende geht, wenn Land in Sicht und der nächste Hafen angesteuert ist. Die Zeit dazwischen erscheint ihm so lange, wie die Wetterverhältnisse ihm das Leben schwer machen, oder Naturschauspiele es versüßen.

Das Fahrtensegeln – triviale Begrifflichkeit, oder Lebensphilosophie?

Der Begriff des Fahrtensegelns umfasst sowohl eintägige Segeltörns mit festem Start- und Zielhafen, als auch Weltumsegelungen von mehreren Jahren, sowie alles was zwischen diesen Extremen liegt und von nicht-kompetitivem Charakter ist. Was für die Einen Wochenend- oder Urlaubsbeschäftigung, also Entspannung vom Alltag bedeutet, ist für die anderen der Alltag. Die Yacht ihr Zuhause, das Navigieren ihr Beruf. Je nach Ausstattung der Yacht kann es entweder ein entspanntes Sonnenbad bedeuten, während der Autopilot das Steuer übernimmt, ein Radar auf etwaige Gefahren hinweist und der Kurs durch ein Computerprogramm berechnet, mit Hilfe von GPS geprüft wird.

Oder der Skipper navigiert 24/7 mit einer alten Holzbarre, zieht zwischendurch ein Strich vom Meridian ausgehend auf der Karte um den Kurs im Verhältnis von derzeitigem Standpunkt zum Ziel zu berechnen. Springt dann wieder raus, lässt sich von einer Welle kräftig durchspülen, nimmt die Barre in die Hand und versucht völlig durchnässt den (hoffentlich richtig berechneten) Kurs Richtung Ziel, und sich an Board, zu halten. Ein extremes Beispiel.

Auch wenn der Luxus hinsichtlich der Ausstattung an Board der jeweiligen Yachten divergiert, die Motivation ist die Selbe. Das Meer ist das Selbe. Mit all seinen Reizen. Und Gefahren.

Erstere Bootsbesitzer werden von den Vagabunden der Weltmeere mit minimalistischer Ausstattung gerne „Casino flottant“ (schwimmende Spielbank) genannt. Von manchen low-budget Seglern, die sich ihre Nächte an Deck um die Ohren schlagen, wohl nicht gänzlich ohne Neid. Und doch muss der Kapitän eines besser ausgestatteten Schiffs ebenso vertraut sein mit dem Navigieren ohne technische Hilfsmittel. Was wenn alle Technik von einem Moment auf den anderen entfällt? Wenn kein System mehr vor Felsen warnt, die vor der Küste emporragen, an welchen das Boot wie ein Glas an der Wand zerschellt wenn es aufläuft.

Den „sens-marin“ kann man nicht erkaufen und das Meer gibt stets die Regeln vor. Die Verantwortung an Board bleibt folglich, egal welche Ausstattung, die Selbe. Die Einen nehmen sie ernster, checken durch einen 360 Grad Rundumblick alle 15 Minuten ihre Umgebung nach anderen Schiffen. Andere, weniger gewissenhafte, tun dies ein letztes Mal um 22 Uhr, ehe sie das Steuer festbinden, sich einen kleinen Screwdriver gönnen und sich schlafen legen. In der Hoffnung nicht durch den Zusammenprall mit einem größeren Schiff unsanft aus dem Traum (und letztlich aus der Koje) gerissen zu werden. Neben zahlreichen anderen, gibt es 5 Hauptgefahren die in jedem Fall vermieden werden sollten: Die Küste, Feuer an Bord, fehlgeleitete Manöver, Kollision und letztlich Mann über Board. Eine der Gefahren, die am unscheinbarsten ist und dennoch des Öfteren im Tode endet. Beispielfälle zeugen teilweise von Fehlern, welchen vorgebeugt werden könnte. So ging vor Mallorca eine Frau über Board, die sich zum Urinieren über die Reling hing und zu allem Übel noch alleine an Bord war. Sie wurde dank der Nähe zur Küste und viel Glück gefunden und gerettet. Man darf also darüber lachen. Neben diesen Gefahren gibt es noch zahlreiche andere Horrorszenarien, wie etwa ein Knock-out durch umschlagendes Hauptsegel (unweigerlich verbunden mit „Mann über Board“), oder beim Ankerlass abgehackte Hände, was eher eine Seltenheit darstellt.

Neben Einhaltung sämtlicher Sicherheitsvorkehrungen gilt es als Imperativ für die Crew den Lebensstil zu ökonomisieren. Wasservorräte, Benzin, Lebensmittel und Luxusgüter einzuschränken, die Natur dabei zum eigenen Vorteil zu nutzen. Da isst man bei einer mehrwöchigen Atlantiküberquerung schon mal den eigens geangelten Fisch Tag-ein, Tag-aus. Um, im schlimmsten Falle, immer genug Lebensmittel an Board zu haben.

Zumindest bietet das Angeln eine gelungene Abwechslung für jene, denen der Anblick endloser Weiten, oder gewisser Crew-Mitglieder, nach einigen Tagen unerträglich wird. So schreibt das Meer Geschichten von Menschen die sich inmitten der Nacht, mitsamt der Vorräte, auf dem Rettungsboot davongemacht haben, weil sie die Ausweglosigkeit ihres Zustands nicht ertragen konnten. Wo flüchtet man hin mit einer Nussschale, mitten auf dem Atlantik? Jene die es versucht haben konnte man leider nie mehr dazu befragen. Es scheint manchen Menschen eine unerträgliche Leichtigkeit zu sein, in den endlosen Weiten des Meeres, sich und seinen Gedanken überlassen zu werden.

Für all jene, die diesen Anblick nicht müde werden und sich auf dem Meer zuhause fühlen, ist die Lebensphilosophie des Segelns zur praktizierten Lebenskultur geworden.

Bernhard, 62, aus der Schweiz und Erwan, 38 aus Frankreich, sind zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Und das nicht nur hinsichtlich ihrer Ausstattung an Board. Doch haben sie eines gemein. Für beide ist das Segeln der Mittelpunkt ihres Lebens. Während Bernhard, ehemaliger Bankdirektor, das Paradebeispiel für einen „Aussteiger“ darstellt, der seit nunmehr 3 Jahren den Atlantik und Mittelmeerraum besegelt und derzeit auf den Kap Verden lebt, hatte Erwan nie wirklich Lust… sagen wir mal „einzusteigen“. In der Bretagne mit dem Segeln groß geworden, lebte er in Afrika, Europa und der Karibik. Besegelte zum Arbeiten die besser bezahlten Inseln der Antillen, oder arbeitete gar segelnd als Navigator auf fremden Yachten. Seit über 15 Jahren besitzt Erwan sein eigenes Segelboot und lebte eher minimalistisch dort, wo er gemütlich den Anker fallen lassen konnte, seinen Fisch fangen und Zugang zu Wasser hatte.

Jetzt wendet sich das Blatt. Erwan wird Vater, baut auf Santiago (eine von 9 bewohnten Inseln auf den Kap Verden) ein Haus und sein Segelboot steht zum Verkauf. Bislang diente es ihm als Zuhause und schließlich als Einnahmequelle indem er Tagestörns mit Touristen machte. Während Bernhard sich sicher ist, er könne „niemals zurück in das alte Leben“, gibt Erwan dieses Stück Freiheit, das sein bisheriges Leben bisher maßgebend prägte, nun auf. Mit dem Vorhaben, vielmehr dem Versprechen an sich selbst, niemals dem Meer fern zu sein. Es bleibt dennoch die Überlegung, falls sein Boot nicht innerhalb der nächsten Monate verkauft wird, mitsamt seiner Familie nochmals den Atlantik zu überqueren und auf den Antillen zu arbeiten. Es ist selbstredend dass er diese Reise nicht nur auf sich nimmt, um ein Polster für die Zukunft zu schaffen. Mit Frau und Kind stellt die Atlantiküberquerung keine ungefährliche Herausforderung dar. Nicht gänzlich vorausschaubare Wetterverhältnisse und schlaflose Nächte an Deck (Sein Boot gehört zu jenen spärlich ausgestatteten) während einer zwei- bis dreiwöchigen Reise. Das ist neben aller Freude am Segeln, keine spaßige Aussicht. Erwan formulierte es mit den Worten: „Tu vois, la voile, c´est un plaisir, mais souvent c´est la galère“ („weißt du, Segeln ist eine Freude, aber des Öfteren kann es eine Schinderei sein“).

In der Härte, so sagt man, spürt man das Leben am intensivsten. Ob beim Klettern, Surfen, Fallschirmspringen, oder anderen Sportarten für welche man sich in das Unbekannte, Wilde stürzt. Der Reiz liegt stets in der Erfahrung einer ungezähmten Natur. Bernhard gehört nicht zu jenen Seglern, die sich im Sturm am wohlsten fühlen. Dann wenn es gilt, auf eine 6 Meter hohe Welle zuzuhalten und im Angesicht der peitschenden Wassermassen Gott zu einer Schlägerei herauszufordern. Er genießt sein Leben und die Natur, verdienterweise, in gemütlichem Stil und wird sich auf den Kap Verden wohl ein wenig länger niederlassen (ein Phänomen das man auf dieser Insel des Öfteren antrifft). Ehe er aufbricht, um weiter die Weltmeere zu besegeln.

Wohin? Das ist das Schöne daran. Die Entscheidung hinsichtlich des Ziel und die Spontanität der Abreise, liegt ganz bei ihm. die Umsetzung indes, im Wohlwollen der Natur.

Facebook Posts

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: Server configuration issue