Around the World – Westsahara

Bericht von Patrick Ortwein, einem Weltenbummler

Grenzen, so nichtig wie Linien im Sand

Die Westsahara: Ein fragwürdiger Status

Weit und breit ist kein Schatten in Sicht. Zwei Welten treffen an diesem Ort aufeinander, die sich in ihrer scheinbar endlosen Weite so ähnlich und doch gänzlich verschieden sind. Ihr Bild wirkt als ob sie immerzu das Selbe wären und doch sind sie ständig in Bewegung. Zu jeder Sekunde, in jedem Zentimeter verschieden. Zur Rechten, das offene Meer, dessen Wellen in gleichmäßigen Abständen auf den Strand treffen und aus deren Zusammenspiel mit dem Sand, der sich ins endlose erstreckenden Dünen zur Linken, ein beruhigendes Rauschen erwächst. Dringt man jedoch tiefer in eine der beiden Seiten vor, ist das einzige Rauschen das man hört, jenes im eigenen Kopf, das in der absoluten Stille wurzelt. Jenes Rauschen, das, wenn man ihm lange genug lauscht, nur ein leises Staunen über die Grenzenlosigkeit des Ganzen zurücklässt. Wenn es da nicht doch Linien gäbe, die mit einem Lineal mitten durch diese Landschaft gezogen wurden, um sie sich zu Eigen zu machen. Und daraus erwachsende Konflikte, die dem Anblick ein Stück der Romantik rauben. Der etwa 1000 km lange Abschnitt der Westsahara erweist sich als denkbar ungünstiges Territorium für einen längeren Aufenthalt. Nicht nur im Hinblick auf klimatische, sondern auch bezüglich politischer Bedingungen zieht sich eine unsichtbare Grenze durch den Süden Marokkos. Die Präsenz des Militärs und ständige Kontrollen sind ein ebenso allgegenwärtiger Anblick, wie endlose Wüstenlandschaften und aufgrund der stetigen Angst vor Terroranschlägen islamistischer Fundamentalisten, in den Anblick der Gegend fest integriert.

Es scheint unvorstellbar wie Nomadenstämme bereits vor hunderten Jahren ihre Handelswege über diese Distanzen ausbauen konnten. Heutzutage ist diese Frage aufgrund einer gut ausgebauten Straße bis zur mauretanischen Grenze hinfällig. Eine residente Frage ist jedoch die Landeszugehörigkeit dieser Fläche, obschon bei der Fahrt durch die endlose Weite das Verständnis für Grenzen gänzlich verloren geht. Zumindest emotional betrachtet. Aus rationaler Sicht jedoch wurden die Fischrechte für die Küste der Westasahara zu einem großen Teil an Europa verkauft, das davon auch rücksichtslos Gebrauch macht. Selbstverständlich nicht ohne Konsequenz für heimische Fischer, die folglich Restefischen gehen. Von Konzessionsverträgen, die einen Ausgleich schaffen sollen, haben diese Fischer noch nichts gespürt, wohl aber von der übermächtigen Konkurrenz aus Europa. Das ist so einfach, dass es die Fische selbst verstehen. Etwas komplexer ist die Lage im Hinblick auf den Wüstenabschnitt. Fragt man diesbezüglich einen Marokkaner, dann wird dieser zweifelslos darauf bestehen dass es ein Teil seines Landes ist. Die UN hingegen ist sicher, dass die Zugehörigkeit dieses Abschnitts weiterhin unter Disput steht. Eine Frage, die bis in die kolonisatorische Vergangenheit des 19. Jahrhunderts zurückreicht und im Besitzanspruch der Spanier wurzelt. Jene nannten diese Gegend „Rio de Oro“, Fluss des Goldes also, obwohl sich hier weder noch vorfindet. Seine metaphorische Bezeichnung bezieht die Gegend in seinem reichlichen Phosphatvorkommen das für die Kolonisatoren wesentlich interessanter war als Wasser. Es ist kein Geheimnis, dass Europa auch die Ausbeutung der Rohstoffe des afrikanischen Kontinents in seine Geschichtsbücher aufnehmen muss und dass dieses Kapitel noch lange nicht zu Ende geschrieben ist. Mit der marokkanischen Unabhängigkeit im Jahr 1957 gab Spanien das Gebiet ab und sowohl Marokko als auch Mauretanien erhoben einen historischen Anspruch darauf. In dieser Debatte war das wesentlich ärmere Land Mauretanien klar unterlegen. In den Folgejahren pumpte Marokko nicht nur endlos Militärtruppen in die Gegend, sondern auch immense Geldsummen in den Ausbau der Infrastruktur und lockt noch heute Bewohner mit einer Steuerbefreiung in die eher unattraktive Gegend. Das Resultat ist eine immer noch leblose Gegend, mit einer wunderbar ausgebauten Straße. Zumindest bis zum 4 km langen Niemandsland zwischen dem marokkanischen und mauretanischen Grenzposten. Wenn man diese gesetzlose Piste, die wie ein Friedhof elektronischer Geräte und Autoteile wirkt, mit einem 4×4 passiert, wird man (nicht zuletzt aufgrund des nicht gekennzeichneten Minenfeldes abseits der Route) von einem abenteuerlichen Gefühl überkommen. Dieses ist an der mauretanischen Grenze jedoch schnell verflogen, wenn man den Grenzbeamten, und somit einem Kampf um seinen Eigentum ausgesetzt ist.

Gesetzlose Grenzen

Es ist schwer gänzlich ohne Verluste davonzukommen, man muss dem ausgeübten Druck dennoch nur bedingt nachgeben um die Schranken passieren zu können. Die Durchsuchung, die weniger der Sicherheit im Lande als der persönlichen Bereicherung dient, ist jedoch Pflichtprogramm und ein Visa per se noch lange keine Eintrittsgarantie. Es empfiehlt sich einige Kondome als Bestechungsmittel unter den Beamten zu verteilen. Diese sind beliebt, günstiger als IPod und Kamera und tragen nicht zuletzt zur Entwicklungshilfe bei. Auch nach der Grenze folgen wieder endlose Kontrollen durch Militär und Polizei, die von immanenten Problemen in Westafrika zeugen. Insbesondere Mauretanien sieht sich in ständiger Konfrontation mit Dürren und Hungersnöten, welche die Stimmung unter dem Volk destabilisieren. Umso erstaunlicher wirken die Menschen in diesemLand bezüglich ihrer Offenheit und Gastfreundschaft. Die Angst, unter dem Umsturz des Nachbarlandes Mali zu leiden, ist allerdings spürbar vorherrschend. Auch hierzulande üben islamistische Fundamentalisten und terroristische Banden seit geraumer Zeit Druck auf die Regierung aus. Die Vermutung, die Tuareg-Rebellen könnten Gebietsanforderungen auch hier zur Tat werden lassen, ist evident und berechtigt.

Mali: Wenn die Emotionen eines Momentes die Existenz einer ganzen Nation bedrohen

Der schöne Teil am Reisen, der im ziellosen Treiben und dem Gefühl gründet, dass jede Entscheidung eine lebensverändernde Konsequenz haben kann, derer man sich gerne aussetzt, ist hier hinfällig. Es gilt rational zu entscheiden wo man reist. Bestimmte Gegenden sind zu meiden, andere ohnehin gesperrt. So wurden nun, mit Ausnahme Nigers, alle Grenzen zu Mali gesperrt und den dort festsitzenden Touristen und Bürgern ein Zeitfenster von 72 Stunden gewährt um das Land zu verlassen. Ein Flüchtlingsstrom überkam folglich die Nachbarländer, insbesondere Burkina Faso. Die Situation in Mali kam zugleich überraschend und hat sich aufgrund der Tuareg-Rebellion im Norden des Landes, bereits lange zuvor angekündigt. Der Putsch gegen Präsident Amadou Toumani Touré, welcher vom Militär aufgrund mangelnder Unterstützung der Regierung gegen die Tuareg ausging und letztlich auf eine Ansprache des Innenminister folgte, löste ein Machtvakuum aus, das in der Unfähigkeit gründete, nach der Machtübernahme schnellstmöglich eine provisorische Regierung auf die Beine zu stellen. Zeitgleich bot es den Rebellen einen Angriffspunkt im Chaos. Man kann sagen, das Militär hat die richtige Entscheidung, jedoch mit zu emotionaler Hastigkeit getroffen und lauft nun Gefahr in der eigens ausgelösten Welle zu ertrinken. Nicht zuletzt da der Umsturz nur kurz vor den Präsidentschaftswahlen des 29. April stattfand. Die Putschisten konnten die selbst auferlegte Verantwortung nicht tragen. Folgerichtig wurde zwei Wochen nach dem Putsch die Macht wieder abgegeben und aufgrund des ausgeübten Druck der westafrikanischen Nachbarländer, die Verfassung wieder in Kraft gesetzt und demokratische Neuwahlen angekündigt.

Unstimmigkeiten auf beiden Seiten

In der Regel lösen sich Konflikte nicht von alleine. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass Unstimmigkeiten im individuellen Machstreben zum Geschwür unter den Rebellen heranwachsen und ihre scheinbare Übermacht eindämmen. Während die aufständischen Tuareg die Errichtung des unabhängigen Wüstenstaates Azawad mit laizistischen Intentionen verfolgen, ist das Interesse der pragmatisch-verbündeten Fundamentalisten Al-Qaida die Etablierung islamischen Rechts im ganzen Land und demnach wenig harmonisierend. Diverse Städte, unter anderem das historisch wertvolle Touristengebiet Timbuktu, wurden (scheinbar ohne großen Widerstand) eingenommen, während in der Hauptstadt Bamako das Chaos herrschte. Das Militär machte Schlagzeilen in der ganzen Welt mit Plünderungen und Warnschüssen und scheint die Kontrolle über die Situation verloren zu haben. Ersteres war jedoch in einigen Fällen gerechtfertigt und ging keinesfalls nur willkürlich von statten. Es wurden Häuser diverser Minister aufgebrochen und in einigen Fällen immense Geldsummen sichergestellt. In diesen speziellen Fällen kann man die Plünderungen demnach als legitim betrachten. Es gilt jedoch die gesamte Situation differenziert zu betrachten und alle Seiten zu beleuchten. Eine Aufgabe, die nicht gerade leicht zu bewältigen ist, wenn man nicht persönlich vor Ort sein kann. Augenzeugenberichte der flüchtigen Einwohner divergieren in den meisten Fällen. Während einige Flüchtlinge die Situation im Land als bedrohend empfanden und das Militär als eine anarchistisch plündernde Gruppierung erlebte, die sich Autos, Wohnungen und sämtliche Besitztümer willkürlich zu Eigen macht, behaupten andere der Putsch habe sich friedlich zugetragen. In Dörfern im Süden des Landes habe man gar nichts vom Machtwechsel mitbekommen und in Bamako, der Hauptstadt des Landes, seien lediglich Warnschüsse abgefeuert worden, das Militär habe jedoch eine eher beschwichtigende Wirkung auf das aufgebrachte Volk gehabt. Es ist unmöglich hinsichtlich stetiger Veränderungen im Lande einer der vielzähligen Meinungen Glauben zu schenken. Die Ankündigung der Islamisten bis zum Ende des Monats 50 weiße Köpfe rollen zu lassen lässt wenig Raum für Spekulationen über den Ernst der Lage. Fest steht, dass in Mali nun ein Krieg herrscht, der noch lange nicht zu Ende ist und dessen Ausgang weitestgehend von der Unterstützung anderer Länder abhängt. Schließlich auch davon, dass man den Wüstenstaat Azawad, ebenso wenig wie die Verhängung der Scharia gegen den Willen des Volkes und damit islamistische Fundamentalisten niemals anerkennt um ihnen keinen Boden zu gewähren in dem sie ungehindert heranwachsen.

Hier wird geschossen, dort getanzt

Afrika leidet derzeit unter seinen Wahlen. Der unsichere Status Quo, aufgrund der bevorstehenden Wahlen in den meisten Ländern, dämmt den Tourismus welcher oftmals den stärksten ökonomischen Zweig darstellt, stark ein. Man passiert Straßen und Dörfer, teilweise tage- und wochenlang, ohne andere „weiße Gesichter“ zu sehen. Das macht das Reisegefühl interessanter und zugleich ein wenig beängstigend. Man kann nie voraussagen welchen Ausgang die Wahlen haben und wie das Volk darauf reagiert. So ist zu der Zeit in dem ich diesen Artikel schreibe, ein Tag zuvor ein Staatsstreich im Nachbarland Guinea-Bissau ausgebrochen, für welches ich mir einige Tage zuvor ein Visa geholt habe, da die Lage als „sicher“ ausgewiesen wurde. Der zweite Putschversuch in einem Monat in Westafrika. In diesem Fall hat das Militär, das kurz vor einem sicheren Ausgang der Wahlen Ministerpräsident Carlos Domingos Gomes, den Favoriten der Neuwahlen, in seinem Zuhause festgenommen. Es ist jedoch mit Interventionen der U.N zu rechnen, wie Generalsekretär Ban Ki-moon ankündigte. Bürger sprechen sich in der Hauptstadt Bissau offen gegen den Coup aus. Guinea-Bissau zählt zu den ärmsten westafrikanischen Ländern. Das Hauptexportprodukt des Landes sind Erdnüsse und die meisten Menschen leben von weniger als 2 USD am Tag. Seit der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1974 hat kein Präsident in dem Kleinstaat Guinea-Bissau eine volle Amtszeit überstanden.

Das Nachbarland Senegal hingegen, von welchem die Situation aus sicherer Distanz betrachtet werden kann, ist um einiges friedlicher. Die Stimmung in der Zeit der Musikfestivals wie immer ausgelassen. Es gibt hier und dort zwar diverse Dörfer, in welchen man brennende Straßen vorfindet und Wade-Anhänger Unruhe stiften, das Militär ist jedoch sofort zur Stelle und beschwichtigt die Lage. So ist das in Afrika, solange das Militär mit der Handgranate in der Hand bereit steht, den Stift jedoch nicht zieht, gilt die Lage als sicher. Die Bürger sind allerdings größtenteils zufrieden mit dem neuen Präsident Macky Sall, der versprach gegen Korruption und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich im Lande zu arbeiten. Damit kann man hier punkten. Denn auch hier gibt es Polizisten die mit 80 Euro im Monat unmöglich eine Familie ernähren können und, irgendwie verständlicherweise, versuchen über einen wenig legitimen Weg ein wenig „Geld dazu zu verdienen“. Und das, obwohl Senegal sowohl zu den reicheren als auch teureren Ländern Afrikas zählt. Es ist auch eines der interessantesten und wildesten Länder. Ein buntes Land, das so unzähmbar wirkt wie die Tiere die es bewohnen. Mit seiner Hauptstadt Dakar, in welcher man von Eseln gezogene Karren neben Männern im Anzug sieht die sich zum Gebet inmitten des Getümmel auf einer Sandstraße niederlassen. Die hiesigen traditionellen Tänze, welche von einer Animalität zeugen, die sich in mehreren kulturellen Eigenheiten widerfindet. Nicht zuletzt im Volkssport „la lutte“. Eine Art Wrestling, die jedoch eher einem Straßenkampf gleicht. Die Stimmung im Stadion gleicht einem Zoo und eskaliert zum Ende des letzten Kampfes vollends. Wenn die Massen vor dem Stadion 5 Minuten vor Ende Einlass gewährt bekommen und selbst die Polizei keinen Widerstand mehr leistet kann oder will, werden die Tore aufgeschmissen und ein anarchistischer Zustand bricht über das Stadion, dass man meinen könnte, der eigentliche Kampf steht noch bevor. Es kommt zu Massenschlägereien und jene, die versuchen in ein Taxi zu flüchten, müssen sich beeilen , um nicht vor verschlossenen Türen zu stehen und im Gemenge unterzugehen, wie in einer Welle die auf ein Riff bricht.

All das ist „Mamaafrika“. Wild, gesetzlos, unvorhersehbar und derzeit inmitten eines politischen Umsturzes. Gleichsam glanzvoll und bunt wie Pfaufedern und schlichtweg auf eine verrückte Weise einzigartig schön.

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