Interview des Monats August 2012

Marc Gundel: »Die Dynamik der Stadt beeindruckt «

HANIX — Herr Dr. Gundel, wir würden uns freuen, wenn Sie sich zunächst vorstellen würden. Welcher Weg führte Sie hierher nach Heilbronn, wo Sie seit 2004 die Städtischen Museen leiten?

Marc Gundel — Ich bin kein gebürtiger Heilbronner, aber immerhin Württemberger und in der Schillerstadt Marbach geboren. Mein Werdegang ist insofern klassisch, da es mit dem Studium für Kunstgeschichte und Germanistik kaum eine andere Jobmöglichkeit gab als in den Museumsbetrieb einzusteigen. Natürlich wären die Bereiche Auktionsmarkt und Galeriewesen Alternativen, diese waren aber Anfang der neunziger Jahre noch gar nicht wirklich ausgeprägt. Ein nächstes Feld wäre noch der Journalismus, insbesondere im kulturellen Bereich, gewesen, was auch viele meiner Kollegen besetzt haben. Ich hatte dann das Glück, nach meiner Promotion, 1995, in den folgenden zwei Jahren ein wissenschaftliches Volontariat am Ulmer Museum zu absolvieren. Das war dann auch für mich der Einstieg in die klassische Museumslaufbahn.

HANIX — Es war also nicht ihr klar definiertes Ziel nach dem Studium ein Museum zu leiten. Es hätte ja durchaus auch ihr langersehnter Kindheitstraum sein können.

Marc Gundel — Eine gewisse Offenheit für dieses Thema war, nach zwei absolvierten Praktikas in der Galerie der Stadt Stuttgart, schon da und meinen Nebenverdienst im Studium habe ich durch die Museumspädagogik erlangt. Die andere Sache war, dass meine Mutter in Freiberg am Neckar 25 Jahre lang eine nicht kommerzielle Galerie betrieben hat, daher hatte ich schon früh Kontakt zu Künstlern. Insofern war meine Bestreben etwas für die Kunst und die Künstler zu tun schon sehr früh vorhanden.

HANIX — Seit acht Jahren sind Sie inzwischen als Museumsdirektor in Heilbronn tätig. Was treiben Sie den ganzen Tag, um welche Aufgaben kümmern Sie sich?

Marc Gundel — Im Jahr 2004 wurde ich vom Gemeinderat trotz meines für diese Stelle jungen Alters von 34 Jahren gewählt. Der Job ist sehr vielschichtig, ich würde es mal metaphorisch sagen: Man muss sehr viele Schubladen bedienen, es aber vermeiden sich in eine einklemmen zu lassen beziehungsweise sich in eine hinein zu passen.

In meinem Job ist also der Allrounder in mir gefragt, da hier facettenreiche Aufgaben wie Verwaltung, politisches Verständnis und natürlich auch fachliche Kompetenz und vorausschauendes Denken anfallen.

HANIX — Sie müssen auch eng mit der Stadtverwaltung zusammen arbeiten. Sind Sie zufrieden mit dem Austausch zwischen ihren Kulturinstitutionen und den Paragraphenreitern?

Marc Gundel — Hierzu ein ganz klares Ja. Ich kam im Jahr 2004, nach relativ schwierigen finanziellen Jahren für die Kommunen. So mussten Sparmaßnahmen von den Städten umgesetzt werden, die selbstverständlich auch den Kultur-Etat betroffen haben. Nach einer zweijährigen Einarbeitungsphase haben wir dann ein Museumskonzept im Gemeinderat verabschiedet, in dem auch die kulturellen Leitlinien enthalten waren. Ein Punkt war die Errichtung einer Kunsthalle, die dann überraschend schnell mit der Eröffnung der Kunsthalle Vogelmann erfüllt wurde. Ein zweiter Punkt war der Deutschhof. Hier wollten wir vom Abteilungsdenken oder nennen wir es Sammlungsisolation weggehen und hin zu einem Cross-Over der Präsentation. Das heißt, dass man die unterschiedlichen Themen wieder zueinander bringt.

HANIX — Klingt fast so als würde ihnen als Mensch der Kunst und Kultur Arbeit mit einem Verwaltungsapparat Spaß machen. Das können wir uns schwer vorstellen.  

Marc Gundel — Natürlich ist das nicht mein Lieblingsthema, aber generell kann ich sagen, dass die Zusammenarbeit sogar sehr gut funktioniert. Mein Vorteil ist, dass ich schon als Schüler sehr kulturell aber auch politisch interessiert war. So hatten wir damals auch Diskussionen mit Rezzo Schlauch. Dadurch fiel und fällt mir die Zusammenarbeit mit der politischen Ebene leicht, wobei man es mir in Heilbronn auch leicht gemacht hat, da man hier auf die Fachleute hört und sehr offen gegenüber neuen Dingen ist. Aber vielleicht nochmal zurück zum Beginn meiner Tätigkeit in Heilbronn. Die Situation war allgemein recht schlecht für die Kultur. Wenn wir nur mal zehn Jahre zurückdenken und die Vision wäre gewesen das es im Jahr 2010 ein Kunsthalle gibt, hätte dies meiner Meinung nach niemand für möglich gehalten. Und wenn man sich darüber unterhält wie eine Stadt dasteht, unter anderem im kulturellen Bereich, muss man sich bewusst sein woher man überhaupt kommt. Wie sind die Rahmenbedingungen? Wo ist der politische Wille? Nicht zuletzt, muss man sich darüber klar sein, wie die Ressourcen verteilt sind. Ich vergleiche den Staus von uns, sprich der Kultur Heilbronns, gern mit dem Status der Stadt selbst. Und das Image von Heilbronn ist ja nicht das Beste. Dies liegt aber auch daran, dass viele die Gründe und die Wurzeln der Stadt nicht kennen. Von daher bedauere ich es oft, dass die Stadt teilweise zu schlecht wegkommt.

HANIX — Liegt das aber nicht auch an der Stadt und deren Einwohnern selbst? Heilbronner nehmen ihre Stadt oftmals schlechter wahr als auswärtige Besucher oder zugereiste.

Marc Gundel — Dies ist eine sehr gute Beobachtung, die ich gern teile. Mit dem Selbstbewusstsein der Heilbronner ist das so eine Sache. Ich selbst bin kein gebürtiger Heilbronner, kann mich aber sehr gut mit der Stadt identifizieren. Ich kann gut nachvollziehen wie lange beispielsweise das Bombardement der Stadt im 2. Weltkrieg nachgewirkt hat. Von daher glaube ich, dass es einfach drei oder vier Generationen benötigt um solche Ereignisse zu verdauen. Nach meiner Meinung leidet die Stadt auch etwas unter dem Platzhirsch in der Medienlandschaft, der Heilbronner Stimme, da es nicht unbedingt eine große Meinungsvielfalt gibt, was Vorteile aber manchmal eben auch Nachteile hat. Ein weiterer Faktor ist die Tradition, die gerade im Kunstbereich sehr wichtig ist. Es ist schwer die Traditionen einer ehemals zerbombten Stadt herauszufiltern.

HANIX — Ein Großteil des städtischen Kunst- und Kulturschatzes ging an jenem 4. Dezember im Bombenhagel verloren.

Marc Gundel — Tatsächlich ging insbesondere am traurigen 4. Dezember viel verloren und es ist auch bis heute nicht geklärt warum die Sammlung nicht, wie üblich, ausgelagert wurde. Die Möglichkeit wäre gegeben gewesen, da zur damaligen Zeit drei Standorte existierten. Ohne eine Zerstörung während des Krieges hätten wir einen Sammlungsgröße vergleichbar mit der Reichsstadt Ulm. Klar hängt uns dieser Verlust noch sehr nach. Es sind fast 90% der Sammlungsbestände verloren gegangen .

HANIX — Wie viele Mitarbeiter wirken in den diversen Bereichen des Heilbronner Museumsbetriebes mit, damit alles reibungslos in den Heilbronner Museen funktioniert?

Marc Gundel — Wir haben einen klassischen technischen Bereich, in dem zwei Mitarbeiter die Bilder aufhängen, sich um den Zustand und die Klimaverhältnisse und somit auch die Klimaanlagen kümmern. Des Weiteren haben wir eine Restauratorin und Museumspädagogen die sich um die Vermittlung kümmern. Zusätzliche gibt es einige Verwaltungsangestellte, wie im Sekretariat. Unser Herzstück sind natürlich die Wissenschaftler. Ich unterteile immer sehr gerne in Standorte, was momentan auch ein Umstrukturierungsprojekt mit der Stadt ist. So habe ich die Kunsthalle, wo dann meine Kunstkuratoren, Frau Dr.Täuber und Herr Bruner, tätig sind und ich habe die historischen Abteilungen. Da gibt es die Archäologie mit Frau Dr. Jakob und ehemals Dr. Hansch, der an die Experimenta abgewandert ist. Dessen ehemalige Stelle ist noch vakant. In jedem Bereich sind also zwei Personen tätig, die ich koordiniere und mit denen ich die Dynamik im Museumsbereich bewältigen möchte.

HANIX — Wie viele Museen gibt es hier in Heilbronn eigentlich?

Marc Gundel — Es herrscht hier eine kleine Wortirritation. Ich sehe eigentlich zwei Standorte, und diese Trennung macht in meinen Augen mehr Sinn. Die Kunsthalle Vogelmann als der Standort für Sonderausstellungen und der Deutschhof als Sammlungsherz für die Objekte, die nach der Zerstörung noch erhalten geblieben sind. Die weiteren Museen haben noch das Geschichtliche im Sinn. Wir haben das naturkundliche Museum in der Grabstraße. Diese Sammlung wurde allerdings Ende 2008 eingelagert und insofern wurden mehrere Standorte auf den Deutschhof komprimiert. Des Weiteren gibt es natürlich im Bereich Kulturinstitutionen eine sehr positive Entwicklung. Mit dem Kunstverein als unseren Nachbarn an der Kunsthalle und mit dem Künstlerbund in der Karlstraße gibt es eine schöne Verdichtung der institutionellen Einrichtungen. Des Weiteren sind Entwicklungen in der Salzstraße aber auch die Galerien Buser-Vabel oder Rieker zu nennen.

HANIX — All die Örtlichkeiten müssen und wollen natürlich auch für das Publikum abwechslungsreich bespielt werden. Wie viele Ausstellungen finden in Heilbronn eigentlich jährlich statt?

Marc Gundel — In der Kunsthalle veranstalten wir vier Ausstellungen im Kalenderjahr, wobei diese natürlich das Jahr auch überschneiden können. Und im Deutschhof versuchen wir immer eine größere und eine kleinere Ausstellung auf die Beine zu stellen. Hierbei ist das Umhängen oder Präsentieren aus unseren Beständen nicht mit eingerechnet.

HANIX — Welche Projekte werden von den städtischen Museen darüber hinaus noch für die Heilbronner Bürger angeboten?

Marc Gundel — Wir unterscheiden mit unseren Standorten in zwei Aktivitäten. Die Kunsthalle soll den Kulturtourismus fördern und Kulturinteressierte ansprechen. Unsere Hauptarbeit ist aber die Museumspädagogik. An diesem Beispiel sieht man sehr klar, wie sich die Aufgaben in unserem Bereich verändert haben. Ursprünglich ging es im Museumsbetrieb um vier grundsätzliche Dinge: sammeln, bewahren, erforschen und vermitteln. Es hat in letzter Zeit ein starke Verlagerung auf das Vermitteln stattgefunden, beispielsweise durch Sonderausstellungen oder aber auch im Bereich Veranstaltungen, den wir sehr intensiv betreiben. Wir haben glücklicherweise die Möglichkeit Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren gewisse Dinge anzubieten, die auch sehr stark nachgefragt werden. Aber auch im Erwachsenenbereich sind wir tätig. Hier möchte gern unsere Workshops erwähnen, die vom Salzsiedeofen, also dem archäologischen Bereich, über historische Themen bis hin zum Kunstbereich gehen. Kurz gesagt schaut man in den Workshops etwas an und versucht es dann in kreativer Eigenleistung selbst nachzugestalten, beispielsweise über das Töpfern.

HANIX — Schaffen Sie es durch solche Aktionen und Workshops, eine jüngere, kunstinteressierte Generation zu entwickeln?

Marc Gundel — Dies ist sehr schwierig. Es gab ein Projekt mit der Walldorfschule, in dem Schüler die Museumsarbeit kennenlernen und, nennen wir es mal, spielen sollten. Mit solchen oder ähnlichen Maßnahmen wollten wir uns dann bei den Jugendlichen verankern, wobei natürlich hier schon ein Widerspruch entsteht. Wenn die Schule vorbei ist, Studium oder Lehre beginnen, verlassen viele Schüler Heilbronn. Durch diese Tatsache ist eine Bindung an uns sehr schwer realisierbar. Daher ist es umso wichtiger, wie wir uns auch in Zukunft ausrichten. Bisher haben wir noch kein echtes Rezept gefunden gerade die Jugendlichen auch später zu halten. Wir haben aber selbstverständlich auch verschiedene Formate, beispielsweise Kinderausstellungen wie »da bist du p(b)latt“, eine Ausstellung zum Thema Papier, von der Herstellung bis hin zur Bearbeitung. Momentan schwebt uns vor etwas ähnliches zu dem Thema Salz zu machen, da Heilbronn bekannter weise eine Salzstadt ist. Ein letzter großer Schwerpunkt von uns sind Migrationsprojekte, in die auch die Heilbronner Bürger eingebunden werden. So gibt es momentan ein Handyfilmprojekt in Zusammenarbeit mit einem Streetworker und dem Olga-Jugendhaus.

HANIX — Ist die von ihnen bereits angesprochene Kunstvermittlung und deren gesteigerte Relevanz in der Museumsarbeit ein allgemeiner Trend?

Marc Gundel — Das würde ich bestätigen. Glücklicherweise hat mein Vorgänger, Dr. Andreas Pfeiffer, die Zeichen schon sehr früh erkannt und durch die Stiftung können wir uns ein solches Programm, wie wir es auf die Beine stellen, auch erlauben und leisten. Ich halte es aber auch für sehr wichtig, dass wir uns als Museum über den Bildungsauftrag legitimieren. Man sieht den hohen Stellenwert dieser Dinge auch an der Größe unserer Werkräume und dies ist nicht selbstverständlich. Es gibt durchaus Kollegen in Baden-Württemberg, die uns darum beneiden.

HANIX — Die Kunsthalle Vogelmann wäre ohne die Kunststiftung nicht realisierbar gewesen. Besitzt Heilbronn, bürgerliches Engagement betreffend, ein Sonderstellung?

Marc Gundel — Hierzu ein ganz klares Ja. Mit der Vogelmann- und Christoph-Reimann-Stiftung haben wir hervorragende Partner, die sehr viel möglich gemacht haben. Das ist in Baden Württemberg ein absoluter Einzelfall. Wir sind als kommunales Museum relativ führend und gehören in Baden-Württemberg ganz klar zur Spitzengruppe. Private Museen werden momentan medial hofiert und oft erwähnt. Das macht natürlich auch das Dilemma deutlich – man kann uns, als kommunales Museum, nicht mit einer Kunsthalle Würth vergleichen.

HANIX — Die Museumspädagogik richtet sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche. Welche Projekte bieten die Heilbronner Museen in der Erwachsenenbildung?

Marc Gundel — Die Projekte für Erwachsene beziehen sich hauptsächlich auf die Kunsthalle. So gibt es beispielsweise Führungen mit Frühstück, in denen man sich mit demjenigen der führt austauschen kann. Des weiteren gibt es die sogenannte Kunstpause, ein Impulsreferat in der Mittagspause. Natürlich zählen hierzu aber auch die klassischen Abend- und Gruppenführungen, die sehr gerne von Firmen angenommen werden. Selbstverständlich kann man die Kunsthalle und unser Know How auch mieten. Weiterhin haben wir abends die Möglichkeit mit Sonderöffnungszeiten spezielle Führungen zu veranstalten.

HANIX — Die Kunsthalle wurde vor fast zwei Jahre eröffnet. Wie fällt ihr bisheriges Fazit aus?

Marc Gundel — Die Frage ist natürlich immer, wie man Erfolg definiert und dementsprechend bewertet. Was die Medienwirkung und Medienresonanz angeht sind wir absolut überwältigt. Es ging sehr gut los mit Beuys und mit Füger haben wir dann nach nur knapp einem Jahr den nationalen Durchbruch geschafft. Gerade die Medienpräsenz der Füger-Ausstellung habe ich zwar erhofft aber nicht unbedingt erwartet, da mit Füger ein Heilbronner Künstler bedient wird und noch hinzu mit einem, für unsere Kunsthalle, doch eher ungewöhnlichem historischen Thema gearbeitet wurde. Aber um hier mal ein paar Zahlen zu nennen: Die Ausstellung hat 40 bis 50 nationale Medienbesprechungen generiert, was unter anderem an hervorragenden Leihgaben, einem außergewöhnlichen Katalog und ungeheuer großer Pressebegleitung lag. Um zum Fazit zurückzukommen: Im Bereich Niveau haben wir also eine sehr hohe Messlatte gelegt und gestemmt. Das andere Thema, die Besucherzahlen, welche für mich persönlich eigentlich eher nachrangig sind, muss man speziell beurteilen. Als eher nicht touristische Stadt haben wir es hier natürlich schwer. Wir hatten bei der Füger-Ausstellung 4500 Besucher, womit ich sehr zufrieden bin. Des weiteren muss man auch sagen, dass wir sechs Euro Eintritt verlangen und die Kunsthalle Würth kostenlos zu besuchen ist. Ich denke aber auch, dass man nach anderthalb bis zwei Jahren noch nicht verlangen kann, dass die Kunsthalle ein Selbstläufer ist. Das Ganze muss wachsen und dies benötigt eben Zeit.

HANIX — Müssen die Museen zukünftig vielleicht persönlicher und offensiver an die Heilbronner herantreten? Wenn es schon keinen gewachsenen Tourismus in der Stadt gibt, sollte man vielleicht versuchen, die Einheimischen mehr zu locken?

Marc Gundel — Nah dran sein ist natürlich immer von Vorteil und der persönliche Kontakt schadet nie. Auf der anderen Seite haben wir vergleichsweise viele Angebote und können uns auch nicht verheizen. Wir machen in einem gewissen Rhythmus, meistens am Anfang und am Ende einer Ausstellung, eine Vernissage und eine Finissage, die aber auch zum Produkt und dem angesprochenen Publikum passen muss. Außerdem muss es natürlich auch Mitarbeiter geben, die sich darum kümmern. Der Bereich Marketing/Öffentlichkeitsarbeit ist mit Sicherheit momentan etwas unterbesetzt, da wir in unserem Team hierzu auch keinen Profi und keine vakante Stelle haben. Das fehlt uns merklich. Hier haben private Museen viel mehr Möglichkeiten, da diese anders strukturiert und einfach finanziell besser ausgestattet sind. So tut sich beispielsweise auch die Staatsgalerie in Stuttgart sehr schwer mit diesem Thema.

HANIX — Ist es nicht möglich die Stadtverwaltung für das Thema Marketing und PR etwas zu sensibilisieren? Es gibt noch immer keine Museums-Facebook-Seite.

Marc Gundel — Das wird mit Sicherheit passieren, man muss dies aber auch realistisch sehen. Wir haben jetzt eine tolle Kunsthalle und nicht alle Menschen haben eben die Kulturbrille auf. Es wird aber definitiv kommen, dass die Kunsthalle, zumindest im Stadtmarketing, eine sehr große Rolle spielen wird. Wir reden hier aber auch über Einrichtungen wie das Theater. Die Heilbronner Kultur kann insgesamt sehr selbstbewusst auftreten.

HANIX — Redet ihnen jemand bei der Ausstellungsgestaltung in ihre Arbeit rein? Schließlich sind Sie von Stiftungen und städtischen Budgets unterstützt worden. Da wären Wünsche und Begehrlichkeiten keine Überraschung.

Marc Gundel — Hier haben wir wirklich komplett freie Hand und wir versuchen dies auch in jedem Projekt so umzusetzen wie wir uns das vorstellen. Interessant wird es, wenn sich Künstler, wie beispielsweise Franz Ehrhard Walther, selbst einbringen. Hier spürt man dann natürlich nochmal eine eigene Qualität. Den Prozess bis hin zu einer Ausstellung muss man sich ungefähr so vorstellen: Wir haben zuerst interne Kunstrunden und Treffen mit dem Kunstverein. Für die Kunsthalle stimmen wir das Jahresprogramm ab und treffen uns alle zwei Monate. Die Frage ist sehr interessant, wie ich gerade feststelle. Weil wir manchmal tatsächlich gar nicht so frei sind. Ein gutes Beispiel ist hier der Vogelmann-Preis für Skulptur, den wir ins Leben gerufen haben. Dieser Preis wird alle drei Jahre verliehen, aber durch die Jury und die davor stattfindenden Ausstellungen ist dieses Projekt zum Beispiel schon gesetzt. Dann gibt es die traditionellen Übersichtsausstellungen, wie jetzt die Ausstellung »Aufbruch Realismus« am Beispiel Malerei aber auch die speziellen auf Heilbronn bezogenen Ausstellungen. Es gibt noch einige solcher Beispiele und obwohl es etwas merkwürdig klingt, ist dann soviel Freiheit gar nicht mehr vorhanden. Letztendlich besprechen wir alle Vorschläge in unserem Vierer-Gremium und legen dann die Jahresdramaturgie und die unserer Meinung nach interessanteste Mischung fest.

HANIX — Welches war ihr persönliches Heilbronner Ausstellungshighlight?

Marc Gundel — Für mich war das Highlight doch die Füger-Ausstellung. Es war einfach eine Wiederbegegnung und Wiederentdeckung, was nicht so häufig gelingt.

HANIX — Sie haben die Konkurrenzsituation zu privaten Ausstellungshallen bereits angesprochen. Wie nehmen Sie den Wettbewerb gegen einen Herrn Würths Kunsthalle wahr?

Marc Gundel — Der Wettbewerb gestaltet sich völlig unspektakulär und harmonisch. Letztendlich wird das Meiste über die Profilbildung und die Historie der einzelnen Häuser festgelegt. Insofern kann man durchaus von einem Miteinander und nicht von einer Konkurrenzsituation sprechen. Auch der Erfolg der Kunsthalle Würth ist für uns durchaus positiv, da wir natürlich versuchen den ein oder anderen Besucher nach Heilbronn zu bringen. Die Schieflage besteht nicht im Programm sondern eher in der Ausstattung und, wie schon erwähnt, vor allen Dingen im Werbebudget. Ich sehe es aber auch durchaus kritisch, wenn ein Haus wie die Staatsgalerie Stuttgart eine Kuratorenstelle in eine Stelle für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit umwandelt, da dann hier ein Paradigmenwechsel, der nicht korrigierbar ist, entsteht. Natürlich ist dieser Bereich enorm wichtig, aber unsere eigentliche Aufgabe sollte weiterhin darin bestehen die Sammlungen zu zeigen, zu pflegen und zu erhalten.

HANIX — Woher kommen die Besucher der Kunsthalle Vogelmann angereist? Sie haben doch sicherlich Besucherdaten erhoben.

Marc Gundel — Ich kann sagen das ungefähr 60 Prozent der Besucher aus dem Unterland kommen, weitere 20 Prozent leben in einem Umkreis von 100 bis 120 Kilometern Entfernung und weitere 20 Prozent wohnen noch weiter entfernt. Was mich hierbei sehr überrascht ist, dass die Ost-West-Ausdehnung sehr stark ausgeprägt ist, sprich hier geht es bis in Richtung Ansbach und in den Rhein-Neckar-Raum. In südlicher Richtung merkt man natürlich deutlich, dass die Konzentration eher auf die Landeshauptstadt Stuttgart ausgerichtet ist.

HANIX — Wenn man ehrlich ist, haben die Unterländer eine Feschtles-Mentalität. Warum gehen Heilbronner lieber auf Wein- und Straßenfeste als ins Museum und ins Theater?

Marc Gundel — Ein Grund dafür, den ich sehe, ist, dass die damalige Bombardierung immer noch in vielen Köpfen steckt. Für die Generation der 40- bis 50-jährgen möchte ich aber auch eine Lanze brechen. Dies ist in aller Regel die Familienphase mit dem dichtesten Zeitplan überhaupt. Trotzdem kann ich die Frage nachvollziehen und empfinde es ähnlich.

Wir haben im kulturellen Sektor eine sehr kurze Tradition. Als Beispiel möchte hier nennen, dass mein Vorgänger erst ab 1977 hauptamtlich als Museumsleiter agieren konnte. In Ulm beispielsweise, gab es schon in den 20er Jahren diese Position. Ich sage es gern nochmal, man brauch hier einfach sehr viel Geduld und solche Dinge muss man wachsen lassen. Ein zweites Phänomen und gleichzeitig Dilemma ist natürlich, dass die Bildungsbürger aussterben und die Verführungen im Freizeitsektor zunehmen. Wir stehen somit nicht nur im Wettbewerb zu anderen Museen sondern auch zu Kinos und Sportvereinen. Ein sehr wichtiger Aspekt ist auch die fehlende studentische Kultur, die erst jetzt so langsam Einzug hält. Wir benötigen in Heilbronn mehr Orte um Kulturen oder Subkulturen zuzulassen, da diese eben aufgrund der Historie fehlen.

HANIX — Versteht das die Stadtverwaltung auch, dass es solche Orte der Kultur und Subkultur geben muss?

Marc Gundel — Ich denke das Bürger- und Kulturdezernat weiß es und die Stadtverwaltung unterstützt die Entstehung solcher Gebiete. Wir versuchen als Museen durch die Kunstnacht solche Orte auch einzubinden. So dass es die Orte vielleicht auch etwas leichter haben, bekannt zu werden. Ich denke, je mehr Kulturschaffende und Kreative etwas machen, euer Magazin ist dafür ein sehr gutes Beispiel, desto eher werden andere auch darauf aufmerksam und unterstützen tolle Ideen. Alles in allem muss ich sagen, dass sich in Heilbronn in diesen Bereichen durchaus etwas sehr positives entwickelt. Aber nochmal: dies ist eben nicht von heute auf morgen möglich und bedarf einer langen Entwicklungsphase. Aber man muss sehen, dass die Perspektiven in Heilbronn nicht die schlechtesten sind, da einfach auch noch das nötige Geld, anders als in anderen Städten, vorhanden ist. Zu nennen wäre hier auch die anstehende Bundesgartenschau im Jahr 2019, die durchaus Möglichkeiten schaffen kann. Jetzt sind wir vielleicht wieder bei der Rückkoppelung und der Selbstwahrnehmung zwischen Museen und der Stadt Heilbronn. Wir sind, denke ich, innen teilweise schon weiter als wir von außen wahrgenommen werden. Ich merke das Künstler oder auch Kuratoren, beispielsweise aus Wien, total überrascht und beeindruckt von der Dynamik der Stadt sind.

HANIX — Immer mehr junge Menschen stehen zu Heilbronn als ihrer Heimatstadt, in der sie etwas bewegen möchten und in der sie sich auch gerne bewegen. Junge Leute finden die Stadt besser als ältere, so unser Eindruck. Haben Sie dafür eine Erklärung oder haben wir eine verklärte Wahrnehmung?

Marc Gundel — Auch ich habe für dieses Phänomen keine Erklärung, da müsste man die älteren Heilbronner direkt ansprechen. Nur eines ist klar, wenn man mal weg war und dann die Möglichkeit hat zu vergleichen ist das immer gut. Hier zeigen sich dann sicherlich auch die Stärken der Stadt wie die Wirtschaftsstruktur aber auch die Mischung aus Rückzugsgebieten und Größe.

HANIX — Haben Sie einen guten Einblick in die städtische und regionale Kunstszene? Was halten Sie als oberster Kunstfachmann der Stadt von ihr?

Marc Gundel — Natürlich habe ich einen guten Einblick, da ja um das Museum so gut wie niemand herum kommt. Dadurch kann ich auch mit großer Überzeugung sagen, dass sich in diesem Bereich in Heilbronn sehr viel getan hat.

HANIX — In vielen Städten werden der alternativen und freien Kunst- und Kulturszene Raum und Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, um den kreativschaffenden der Stadt finanzierbare Möglichkeiten anzubieten und deren Kräfte zu konzentrieren und zu bündeln. Man mag in Heilbronn kaum davon träumen. Sind wir zu pessimistisch?

Marc Gundel — Mein Traumziel ist, das wir die Merz´sche Malzfabrik in der Nordstadt für so ein Projekt gewinnen können. Hier sind natürlich auch Sponsoren nötig, die denke ich zu finden sein müssten. Heilbronn hat sicherlich die Möglichkeiten solche Orte zu schaffen.

HANIX — Sie sprechen von Sponsoren, die zu finden sein müssten. Auch Sponsoren aus dem privaten Sektor? Wir hatten das Thema bürgerliches Engagement schon angeschnitten. Ist bürgerliches Engagement für Subkultur in Heilbronn denkbar?

Marc Gundel — Ich denke nicht, dass man dies direkt über die Förderer regeln sollte. Was ein Herr Schwarz hier auf die Beine gestellt hat ist wirklich sensationell, was natürlich eher die etablierten Einrichtungen betrifft. Ich denke im Bereich Subkultur müsste es ein anderes Modell, vielleicht so etwas wie ein Kulturfonds, sein. Die Stadt Heilbronn fördert schon teilweise solche Dinge, aber man müsste hier natürlich die Kräfte und Interessen bündeln und einfach gesagt über eine anderes Trägermodell nachdenken.

HANIX — Könnte das städtische Museum hier Initiator sein?

Marc Gundel — Man muss ehrlicherweise sagen, dass unser Einflussbereich, außer im verbalen Bereich, relativ begrenzt ist. Man kann auch über bestimmte Stiftungen solche Förderungen einreichen, die aber dann nicht dauerhaft sind. Ich halte es aber generell für eine gute Idee über andere Modelle nachzudenken. So können ja temporär auch mal Gebäude für neue Dinge zur Verfügung gestellt werden.

HANIX — Hier in Heilbronn sieht man nicht all zu viel Graffiti und Street Art. Die Stadt ist sehr sauber. Ist eine Street- oder Urban-Art-Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann eines Tages möglich?

Marc Gundel — Wir sind ja eher ein Museum das in historischen Kategorien denkt und müssen immer in 20 bis 25-Jahreszeiträumen denken. Insofern würde hier, wenn überhaupt, jemand wie Keith Haring passen, um auch die Anfänge der Bewegung zu zeigen. Hier wären vielleicht eher Institutionen wie der Kunstverein die richtigen Ansprechpartner. Ich könnte mir aber schon vorstellen, wenn das Thema historisch richtig aufbereitet wäre, Dinge über die Subkultur in Heilbronn zu zeigen. Mit der Street-Art-Szene sehe ich momentan einfach das Problem des Eintritts, den wir verlangen müssen, da dies ein Widerspruch in sich und somit kein schlüssiges Konzept wäre.

HANIX — Abschließend wollen wir noch um einen Blick in die Zukunft bitten. Wo sehen Sie Heilbronn 2019 aus kultureller Sicht?

Marc Gundel — Ich habe da immer zwei Ansatzpunkte. Für unser Haus wäre ich froh, wenn wir den Deutschhof auf einem Niveau hätten, dass er als Stadtmuseum, in dem man mitmachen kann, funktioniert und vor allen Dingen im Fokus Heimat und Welt in ein dialogisches Konzept passt.

Die Kunsthalle ist, denke ich, bis dahin voll etabliert und es wird ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen Kunsthalle und der Bundesgartenschau geben. Zumal sich das studentische Leben in Heilbronn dann auch entwickelt haben sollte.

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