Interview des Monats Dezember 2012

Ulrich Kienzle: »Ich zähle mich zu den aufgeklärten Schwaben«

Ulrich Kienzle ist Schwabe und hat die Welt gesehen. Im besonderen den Nahen Osten. Wir sprachen mit dem aufgeklärten Schwaben über Pietismus, die Bayern und sein Interview mit Saddam Hussein.

HANIX: Herr Kienzle, Sie müssen es ja wissen, schließlich sind Sie Schwabe und Nahost-Experte. Was haben Schwaben und Araber gemeinsam?

Ulrich Kienzle: Es sind beides eher rätselhafte Völker, da sowohl die Schwaben als auch die Araber kein politisches Zentrum haben. Es gibt zum Beispiel Schwaben die in Bayern leben und es gibt Schwaben die in der Schweiz leben, hier werden sie dann Alemannen genannt. Grundsätzlich stammen die Schwaben ethnisch betrachtet alle vom Stamm der Sueben ab, aber sie wurden beispielsweise von den Römern »die Alemanni« genannt. Das Schwierige ist, dass die Schwaben eben auch so eigenwillig wie die Araber und sehr schwer einzuschätzen sind, was sie grundsätzlich von, zum Beispiel, den Bayern unterscheidet. Die Schwaben werden ja auch oft von den Norddeutschen unterschätzt, größtenteils aufgrund ihres, für Norddeutsche, eher komischen Dialekts.

Gerade dieser Dialekt kam aber bei der letzten wissenschaftlichen Umfrage zur Beliebtheit der Dialekte, zu meiner großen Überraschung, auf Platz vier. Vor der Wiedervereinigung hatten die Schwaben hier noch die rote Laterne inne, diese haben jetzt aber die Sachsen übernommen. Das große Problem der Schwaben ist, dass sie sich gerne kleiner machen als sie sind im Gegensatz zu den Bayern, die sich gerne etwas größer darstellen. Ein schönes Beispiel ist hier der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel. Wenn es damals darum ging wer die Nummer eins in Deutschland ist, hat Herr Teufel immer seinen bayerischen Amtskollegen den Vortritt gelassen, mit dem Hintergrund, dass wir Schwaben ja sowieso wissen das wir vorne stehen, warum sollen wir das dann also auch noch propagieren. Diese Art von Cleverness ist außerordentlich erstaunlich.

HANIX: Wussten sie, dass die Kampagne »Wir können alles außer hochdeutsch« zuerst Sachsen angeboten wurde?

Ulrich Kienzle: Ja, das wusste ich. Dies kommt übrigens auch in meinen Texten vor. Herr Turner von der Atur »Scholz & Friends« hat diesen Slogan den Sachsen angeboten, die daraufhin entsetzt waren und dankend abgelehnt haben. Herr Teufel hat diesen Slogan, der, doch etwas überraschend, sehr gut angenommen wurde, Secondhand gekauft.

HANIX: Momentan sind Sie mit ihrem Kabarett-Programm »Gottes schönste Gabe: Der Schwabe – Wie er wurde, was er ist« unterwegs. Wäre eine solche Tour durch, sagen wir Saudi-Arabien, möglich? Nach dem Motto »Allahs schönste Gaudi: Der Saudi«.

Ulrich Kienzle: Dies ist natürlich sehr ironisch gemeint, da Gottes schönste Gabe wohl eher nicht der Schwabe ist. Diese Ironie wird und soll auch gelegentlich missverstanden werden. In Saudi Arabien wäre so eine Tour schwer vorstellbar. Die Schwaben sind schon sehr unterschiedlich, aber die Araber noch unterschiedlicher. Es gibt aber durchaus auch im Bereich des Fundamentalismus Parallelen zwischen beiden ethnischen Gruppen. So waren die schwäbischen Pietisten durchaus mit den arabischen Fundamentalisten, zum Beispiel den Taliban, vergleichbar, da sie alles was Spaß

macht, verbieten wollten.

HANIX: Muss man das Schwabenland verlassen haben, um solch ein Kabarett-Programm wie Sie es geschrieben haben, verfassen zu können?

Ulrich Kienzle: Ich zähle mich natürlich zu den aufgeklärten Schwaben, wobei es durchaus erstaunlich war, dass sich, egal wo ich war, ob im Nahen Osten oder in Südafrika, immer ein kleiner Kreis von Schwaben gebildet hat. Es ist also schon eine Eigenschaft der Schwaben eine gewisse Identität in sich zu tragen und gern unter seinesgleichen bleiben zu wollen, was mich durchaus überrascht hat.

HANIX: Wie lange haben Sie gebraucht, um von ihrer Heimat zu emanzipieren?

Ulrich Kienzle: Das kann ich sehr schwer beantworten wobei ich mit der Emanzipation schon begonnen habe, als ich noch im Schwabenland gelebt habe. Ich habe mir nie von den Pietisten vorschreiben lassen was ich genieße. Ich habe guten Wein und gutes Essen immer mit Hingabe geschätzt. In den 50er und 60er Jahren gab es zum Beispiel kein Feinschmeckerrestaurant in Stuttgart, weil es sich einfach nicht gehörte und wer in ein Restaurant essen ging, zeigte damit nur dass er eine Frau hat, die nicht kochen konnte. Glücklicherweise ändern sich aber auch im Schwäbischen gewisse Ansichten und Gewohnheiten.

HANIX: Wo haben Sie während ihrer Zeit im Nahen Osten gelebt?

Ulrich Kienzle: Ich war sehr lange in Beirut und in Kairo.

HANIX: Gab es dort die Kehrwoche? Oder haben Sie diese schwäbische Tradition in ihrem Wohnhaus vielleicht sogar eingeführt?

Ulrich Kienzle: Natürlich nicht, aber die Kehrwoche ist zum Beispiel etwas mit dem die Schwaben immer gern auf den Arm genommen werden und sich selbst auch auf den Arm nehmen. Wobei die Kehrwoche früher eine durchaus wichtige Erfindung war. So war Stuttgart im Mittelalter, in denen die Städte unglaublich dreckig waren, eine der ersten Städte die regelmäßig gereinigt wurden. Es gibt so einige Märchen über die Schwaben, die in der Realität überhaupt nicht wahr sind. So wird beispielsweise auch immer behauptet dass die Schwaben die Nummer eins im »Häusle bauen« sind, was nicht stimmt, da zum Beispiel die Saarländer mehr Wohnbesitz als die Schwaben haben. Auch sind die Schwaben nicht mehr die sparsamsten Deutschen. So sagt die jährlich von der Sparkasse erstellte Statistik, dass die Bayern mittlerweile mehr ansparen als die Schwaben. Es gibt also eine Menge Vorurteile die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben, aber die Schwaben wehren sich nicht dagegen, sie lachen eher darüber.

HANIX: Haben Sie während ihrer Zeit im Nahen Osten oft festgestellt, dass Sie im tiefsten Inneren immer Schwabe sein werden? Und wenn ja, woran?

Ulrich Kienzle: Für mein Buch habe ich viele Interviews geführt und festgestellt dass es auch in Schwaben jegliche Facetten an Menschen gibt. Es gibt zum Beispiel faule, fleißige, geizige und großzügige Schwaben. Vielleicht wurden jegliche Klischees auch von den Bayern erfunden um uns Schwaben zu diffamieren. Der große Unterschied ist aber eben, dass uns Schwaben dies relativ kalt lässt und die Bayern keine Selbstzweifel haben.

HANIX: Worin liegen denn die Selbstzweifel der Schwaben begründet?

Ulrich Kienzle: Selbstzweifel sind eine Grundvoraussetzung um das Leben halbwegs vernünftig zu gestalten, denn wer keine Selbstzweifel hat ist wirklich blöd. Außerdem sind Selbstzweifel und gewissen Dinge kritisch anzugehen für den Überlebenstrieb unglaublich wichtig. Die Bayern sprechen eigentlich immer bayerisch, auch wenn sie es mal mit englisch, französisch oder deutsch versuchen und sie haben eben auch diese »mir san mir«-Einstellung, die bedeutet, dass sich die Bayern für die Tollsten und Bedeutendsten halten. Dies gilt aber meiner Meinung nach nur für das Oktoberfest obwohl der Cannstatter Wasen in diesem Jahr fast so viel Besucher wie das Oktoberfest hatte.

HANIX: Kennen Sie Heilbronn und das Unterland vom Da-Gewesen-Sein oder auch nur vom Vorbeifahren auf der Autobahn?

Ulrich Kienzle: Ja ich kenne Heilbronn. Die Stadt war ja früher fränkisch, doch das Fränkische ist so langsam weg gewandert ins Hohenlohische, wie zum Beispiel das Gebiet um Crailsheim welches erst seit 1806 zu Württemberg gehört, woraufhin der württembergische König eine Art von Missionaren in die Gegenden gesendet hat, die auch sehr gut gewirkt und das Schwäbische verbreitet haben. Heute sind die Hohenloher zu den besseren Schwaben geworden, da sie, so behaupten sie selber, die fleißigeren sind und die besseren Spätzle zubereiten.

HANIX: Das Unterland hat eine brisante Gemengelage an Einwohnern. Manche Teile des Landkreises gehören schon zu Baden. Ist der Heilbronner vielleicht der badischste Schwabe im Ländle?

Ulrich Kienzle: Ich denke, dass die Heilbronner richtig gute Schwaben geworden sind und sie sind dementsprechend auch keine Franken mehr. Diese Entwicklung und Verschiebung hat sich in den letzten 60 bis 70 Jahren, nicht zuletzt durch das Mitwirken der Medien, abgespielt. Vor kurzem war ich im Insel-Hotel in Heilbronn und selbst das hat ein »Schwäbisches Restaurant«.

HANIX: Man hätte es sich fast denken können, dass ein gewitzter Schwabe als einer der wenigen westlichen Journalisten 1990 Sadam Hussein interviewen durfte. Wie haben Sie ihn überredet mit ihnen zu sprechen? Haben Sie ihm Maultaschen und Brezeln mit der Interviewanfrage mitgeschickt?

Ulrich Kienzle: Dies ist eine lange Geschichte und hier muss man ein paar Dinge vorausschicken.

Saddam Hussein hat damals, weil er den Krieg gegen den Iran nicht gewonnen hat, unheimlich viel Geld verloren und hat somit die Kuwaiter zur Zahlung von 10 Milliarden Dollar gezwungen, mit der Begründung dass er mit dem Krieg auch Kuwait verteidigt hat. Saddam hat dann Kuwait besetzt und die große Frage war ob er sich zurückziehen wird oder nicht. Zu dieser Zeit, die Hauptstadt hieß noch Bonn, sind alle Journalisten zum damaligen irakischen Botschafter gefahren, um ein Interview mit Saddam zu bekommen, was den Journalisten nicht ermöglicht wurde. Ich im Gegensatz dazu bin hingefahren und habe gesagt, dass ich kein Interview mit Saddam möchte, woraufhin der Botschafter lachte und mir sagte, dass ich aber komisch wäre. Ich antwortete daraufhin nur, dass es momentan etwas uninteressant für mich sei, es aber ja vielleicht irgendwann mal interessant für Saddam wäre, seine Ansichten im deutschen Fernsehen kund zu tun. Nach einem halben Jahr, ich hatte das Thema schon längst vergessen, erhielt ich einen Anruf mit der Ansage dass am nächsten Tag mein Flieger nach Bagdad startet.

HANIX: Wie haben Sie sich auf das Interview mit dem damaligen irakischen Machthaber vorbereitet?

Ulrich Kienzle: Da ich schon immer in diesem Thema drin war und ich mich lange mit der Region beschäftigt habe, hatte ich wirklich kein Problem mich, auch in dieser kurzen Zeit, vorzubereiten.

Der Punkt war, dass wir in dem Hotel, in dem wir untergebracht waren, drei ganze Tage rumsaßen, so dass ich schon dachte das kein Interview mehr zu Stande kommt. Da ich

davon ausging abgehört zu werden, habe ich nach drei Tagen laut und deutlich gesagt, dass es zwar schön hier war, wir jetzt aber doch zurückfliegen könnten. Daraufhin kam am nächsten Morgen eine Autokolonne vor das Hotel gefahren, hat uns mitgenommen in einen Vorort von Bagdad, in dem wir sehr streng gefilzt wurden. Schließlich waren wir in dem mittlerweile schon berühmten Volkspalast gelandet und konnten, in einem hochmodernem Studio auf neuestem Stand, das dreineinhalbstündige Interview führen.

HANIX: Gab es eine Zensur von der irakischen Regierung?

Ulrich Kienzle: Zuerst einmal gebe ich gerne zu, dass ich ziemlichen Respekt davor hatte Saddam zu sehen. Schließlich galt er damals als der gefährlichste Mann der Welt. Als er dann aber kam stand mir ein Mann in feinstem Zwirn und mit italienischen Markenschuhen gegenüber und ehrlicherweise war er auch nicht unsympathisch, was natürlich relativ schwierig für mich war, da ich wusste dass dieser Mann hunderttausende Menschen auf dem Gewissen hat. In der zweiten Frage hat Saddam dann gesagt, dass er sich nicht aus Kuwait zurückziehen werde, obwohl es mir gar nicht darum ging diese Frage zu stellen. Dies bedeutete natürlich es würde Krieg geben, die Antwort ist um die Welt gegangen und somit entstand ein historisches Interview.

HANIX: Wussten sie dies nach Beendigung des Interviews sofort, dass sie gerade historische journalistische Arbeit abgeliefert hatten?

Ulrich Kienzle: Ja, mir war sofort nach der Antwort »lā«, das arabische Wort für nein, klar, dass dies Krieg bedeutete, der dann drei Wochen später losging.

HANIX: Als Journalist sind Sie außer Dienst, scheinen aber aktiv wie eh und je. Sie verfassen Bücher, machen Kabarett. Was kommt nach »Gottes schönste Gabe…«?

Ulrich Kienzle: Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung und das lass ich einfach mal auf mich zukommen.

HANIX: Bleibt da noch so was wie ganz banale Freizeit übrig?

Ulrich Kienzle: In letzter Zeit habe ich sehr wenig Freizeit, da, wenn man sich entscheidet ein Buch zu schreiben, man auch fertig werden muss und so ziemlich jede freie Minute dafür aufwendet. Ich hatte auch nie in meinem Leben Pläne wie sich das Leben gestalten soll, es ergibt sich immer etwas neues.

HANIX: Wie sind sie eigentlich zum Kabarett gekommen?

Ulrich Kienzle: Auch dies war einer dieser Zufälle im Leben. Jemand der heute Verleger ist, hat mich gefragt ob ich mir vorstellen könnte einen Vortrag über die Schwaben zu halten, woraufhin ich mich hingesetzt und diesen Vortrag geschrieben habe. Das Ganze wurde dann zuerst in einem sehr guten Restaurant bei sehr gutem Essen vorgetragen und ist sehr gut angekommen. Daraufhin kam dann die Idee daraus eine circa zweistündige Geschichte mit musikalischer Begleitung zu machen. Das Programm wird, je nach politischen Verhältnissen, umgeschrieben und angepasst und es läuft seit einigen Jahren sehr gut.

HANIX: Wir konnten es uns nicht verkneifen: »Noch Fragen, Kienzle?«

Ulrich Kienzle: Nein!

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