Interview des Monats Juni 2012

Steffen Möller: »Pilze sammeln ist der polnische Volkssport«

Steffen Möller wanderte Mitte der Neunziger nach Polen aus, wo er zum Star wurde. Wir trafen den Kabarretisten und Autor im Alten Theater und sprachen mit dem Wahlpolen. Ein Gespräch über Trinkspiritus, polnische Toilettenzeichen und die Münchener Allianz-Arena.

HANIX — Steffen, Du lebst seit den Neunziger Jahren in Polen und solltest inzwischen voll integriert sein. Fühlst Du dich eher als Pole oder bist Du doch noch ganz schön deutsch?

Steffen Möller — In manchen Situationen bin ich schon zu 80 Prozent Pole. Beispielsweise, wenn ich Damen zuerst aus dem Aufzug steigen lasse, ihnen in den Mantel helfe oder selbstverständlich das Taxi bezahle. Aber ich bin oft genug noch urdeutsch. Ich melde Schäden, die ich in dem Haus in dem ich in Warschau wohne dem Hausmeister. Kein Pole macht so etwas.

HANIX — Als Deutscher in Polen galtest Du 1994 doch als verrückter Exot und Pionier. Warst Du als deutscher Auswanderer alleine auf weiter Flur oder gab es »Kampfgenossen« also andere Deutsche, die sich auf ein Polen-Abenteuer eingelassen haben?

Steffen Möller — Ich war damals in Polen kein separierter Einzelkämpfer. Es gab einige Deutsche, eine Frau lebt sogar heute noch dort. Allerdings sind die meisten nach Berlin zurückgegangen, weil sie, einfach gesagt, Karriere machen wollten. Ich bin im Gegensatz dazu geblieben und habe eben in Polen Karriere gemacht. Bei den meisten Menschen merkt man, dass sie nach zwei bis drei Jahren wieder in die Heimat zurückgehen, da wohl die Meinung vorherrscht, dass Karriere nur in der Heimat funktioniert.

HANIX — Wie hast du es in Polen geschafft?

Steffen Möller — Ich fühlte mich damals nicht so wohl in Deutschland und wollte raus und am besten ein Abenteuer. An meiner Uni habe ich dann diesen Aushang entdeckt. Polnisch lernen in Krakau. Das war genau das, was ich gesucht habe. Ich hatte keinen Schimmer von Polen und habe diesen Polnischsprachkurs in Krakau angefangen. Danach war ich sieben Jahre als Deutschlehrer tätig, ehe ich angefangen habe, in Krakau Kabarett zu machen. Von den Auftritten habe ich dann Mitschnitte an den wichtigsten Kabarett-Mann Polens geschickt. Ich wurde daraufhin in seine wöchentliche Show nach Warschau eingeladen und so ging es los.

HANIX — Es mag vielen Menschen hier in Deutschland unbekannt sein. Aber Polen ist das Boom-Land in Europa schlechthin. Inzwischen gibt es tausende Deutsche, die als Gastarbeiter in Polen tätig sind oder wie Du inzwischen in Polen leben.

Steffen Möller — Die Zahlen zu Polen kommen ja nicht von ungefähr, Polen ist tatsächlich das drittbeliebteste Auswandererland der Deutschen. Bei Auswanderern unterscheidet man bekannter weise drei Gruppen: da sind zum einen die Rentner, dann die Aussiedler oder nennen wir sie lieber Heimkehrer und die dritte Gruppe, zu der auch ich gehöre, sind die Abenteuerlustigen. Nach meinem nächsten Buch, »Expedition zu den Polen«, erwarte ich massenweise Planwagentrecks aus Deutschland die gen Osten nach Polen ziehen, um sich dort niederzulassen.

HANIX —In deinen Programmen und Büchern, die im Grunde genommen eine Liebeserklärung an Polen und die Polen sind, veralberst Du die Polen natürlich auch. Reagieren die Polaken humorvoll auf deine Scherze oder vergeht ihnen das Lachen?

Steffen Möller — Die Polen reagieren sogar positiver als die Deutschen. Von meinen Landsleuten höre ich auch mal Kritik in dem Sinne, dass ich hier und da etwas Falsches sage oder bekannte Klischees verwende. Ich denke grundsätzlich, dass viele Polen Komplexe aufgrund ihrer Herkunft haben. Mit dem Titelnamen meines ersten Buches, »Viva Polonia« hatte ich daher schon gewonnen. Es gab sogar eine Mail eines 20-jährigen in Deutschland lebenden Polen, der sich nach Lesen meines Buches dafür entschieden hat, jetzt nach Polen zu gehen um zu studieren.

HANIX —Die Polen erkennen sich also wieder in deinen Büchern. Können Polen besser über sich selbst lachen als Deutsche?

Steffen Möller —Die Selbstironie gegenüber dem eigenen Land ist in Polen sehr stark ausgeprägt. In Polen gehört es einfach zum guten Ton über sich selbst als Bürger Witze zu machen.

HANIX —Du musst es wissen: Welches sind die größten Unterschiede der Nachbarstaaten Polen und Deutschland und zwischen deren Bürgern?

Steffen Möller — Diese Frage ist eine typische Pressefrage, denn ihr fragt immer nach den Unterschieden. Ich finde es in diesem Fall viel interessanter, dass beide Länder unerwartet ähnlich sind, ähnlicher als Deutschland und Frankreich oder auch als Deutschland und Italien. Polen und Deutschland haben beispielsweise die selbe Geografie mit der Küste im Norden, den Bergen im Süden und der Hauptstadt im Osten. Beide Länder haben sehr viele Nachbarn, beide hatten viel mit dem Thema Vertreibung zu kämpfen. In der polnischen Sprache findet man auch viele deutsche Wörter wie »Dach«, »Kinderstuba« oder »Kreissäga«. Der größte Unterschied ist, seitdem ich mich intensiv mit dem Thema beschäftige, die unterschiedliche Größe beider Länder und hat weniger mit Geschichte zu tun. Die Polen lachen über die Tschechen und haben Komplexe gegenüber Deutschland, die Deutschen lachen über Polen und haben Komplexe gegenüber den USA. Aber auch da gibt es ja dann wieder eine Parallele.

HANIX —Im Juni findet die Fußball-Europameisterschaft auch in Polen statt. Eine gute Gelegenheit, eine Reise zu unseren östlichen Nachbarn zu unternehmen. Worauf müssen sich deutsche Polenreisende einstellen, wenn sie in Kontakt mit den Einheimischen treten?

Steffen Möller — Was in Polen wirklich fantastisch ist, ist die Herzlichkeit, dies aber übrigens nicht von Anfang an. Die Polen sind, vielleicht im Gegensatz zu den Italienern, keine strahlenden, lachenden Menschen. Die Herzlichkeit erfährt man erst wenn man ein wenig an der Oberfläche kratzt oder aber natürlich im Familienkreis. Auf der Straße sind sie eher verschlossen und misstrauisch. Dies im Übrigen hauptsächlich gegenüber ihren Landsleuten. Fremden gegenüber öffnen sie sich schneller, so ähnlich wie Schaffner Mirek, der eine wichtige Rolle in meinem neuen Buch spielt. Mein Rat an alle deutschen Touristen in Polen ist den ersten Schritt zu machen, dann wird jeder merken wie gern und schnell sich die Polen öffnen.

HANIX —Die Polen gelten als trinkfestes Volk und sind natürlich dem Nationalgetränk, Wodka, zugetan. In Supermärkten gibt es sogar Trinkspiritus zu kaufen. Hast Du auch schon an dem 95 prozentigen Tropfen genippt?

Steffen Möller — Ja, den Trinkspiritus gibt es und es gibt auch ganz arme Kunden die den tatsächlich kaufen. Aber man muss im selben Atemzug erwähnen, dass der Wodkakonsum in Polen in den letzten zehn Jahren um 70 Prozent zurückgegangen ist. Wobei man hier auch erwähnen muss, dass viele, aufgrund härterer Arbeit einfach auf Bier umgestiegen sind.

HANIX —Schon wieder eine klassische Pressefrage: Wer ist trinkfester, die Deutschen oder die Polen?

Steffen Möller — Ich glaube in Bezug auf Alkoholkonsum sind die Deutschen immer noch vor den Polen. Europaweit führen hier übrigens die Tschechen die Liste an. Die Polen können aber die harten Sachen besonders gut trinken, insbesondere auf Hochzeiten geht niemand unter zehn geleerten Schnapsgläsern 0,1l nach Hause.

HANIX —Die Fußball-Europameisterschaft in Polen haben wir ja schon erwähnt. Man hört, dass nicht alles rechtzeitig fertig werden soll. Ist Polen bereit für das Großevent oder ist das Land damit überfordert?

Steffen Möller — Glücklicherweise gibt es bei der EM einen Mitorganisator, die Ukraine. Im Vergleich wird in Polen sehr gut gearbeitet und man wird auch sehr professionell dastehen. Man kann sagen dass die Stadien fertig sind und die Anfahrtswege sind gebaut. Es wird einige Dinge geben, die nicht rechtzeitig fertig sein werden. Aber wie eben erwähnt, in der Ukraine sieht es leider viel schlimmer aus. Polen ist gut gerüstet und ich glaube dass es eine hervorragende Veranstaltung wird, auch wenn wahrscheinlich einige deutsche Reporter nach jedem krummen Bordstein suchen werden.

HANIX —Wird es ein fröhliches Fußballfest? Oder muss man Angst vor Hooliganrandalen haben. Die polnische Hool-Szene ist ja durchaus eine berüchtigte.

Steffen Möller — Diese ganzen Geschichten über Randale sind totaler Blödsinn und die EM wird eine sehr fröhliche Veranstaltung. Natürlich sind die polnischen Hooligans existent, aber auch 2006 wurde schon gewarnt vor deutsch-polnischen Ausschreitungen und nichts ist passiert. Das Gute ist, dass, wenn Ausländer und Touristen nach Polen kommen, alle polnischen Bürger die Ehre von Polska vertreten wollen und somit alles dafür tun, dass dies ein Fest der Freude wird.

HANIX —Der polnische Fußball wurde in den letzten Jahren von einem Betrugsskandal heimgesucht und steht deshalb arg in der Kritik. Welchen Stellenwert hat der Fußball für die Polen?

Steffen Möller — Das war zwar ein Skandal, aber einer der auf Seite sieben oder acht in der Zeitungen stattgefunden hat. Der polnische Fußball hat, auch bei den Polen selbst, einen sehr schlechten Ruf. So liegt der Zuschauerschnitt der polnischen Liga bei ungefähr 8 000 Zuschauern. In Polen geht man nicht zusammen zum Fußball, wie es in Deutschland der Fall ist. Es sind unterschiedliche Fankulturen. Dies liegt mit Sicherheit an der Erfolglosigkeit polnischer Mannschaften. Seit 1997 war keine Mannschaft mehr in der Champions League. Ich sage dazu immer: Pilze sammeln anstatt Fußball ist der polnische Volkssport.

HANIX —Der Deutsche Meister Borussia Dortmund hat drei Polen im Kader, die maßgeblichen Anteil am Gewinn der Meisterschaft hatten. Sind Lewandowski, Kuba und Piszczek die neuen polnischen Fußballhelden?

Steffen Möller — Also der normale Pole nimmt auch die deutsche Liga nicht wirklich wahr, wobei die polnischen Spieler bei Borussia Dortmund durchaus registriert werden. In Polen ist, den deutschen Fußball betreffend, immer noch der FC Bayern das Non Plus Ultra. Ein Reiseunternehmer aus Posen erzählte mir, dass das begehrteste Ziel der polnischen Touristen die Allianz-Arena in München ist.

HANIX —Wird die polnische Nationalmannschaft eine erfolgreiche Europameisterschaft spielen und die Vorrunde überstehen?

Steffen Möller — Ich glaube schon dass Polen die Gruppenphase übersteht und weiterkommt. Im Finale gewinnen dann allerdings die Deutschen und zur Belohnung bekommt Polen dann Guben, Pasewalk und Görlitz.

HANIX —Welchen überlebenswichtigen Tipp kannst Du Polenreisenden und deutschen Fußballfans noch geben?

Steffen Möller — Die deutschen Fans werden Probleme mit den Toilettenzeichen bekommen. Die sind anders als hier bei uns. Ein Dreieck steht für Männer und ein Kreis für Frauen. Des weiteren sollten keine Witze wie »Oh, wir sind in Polen, alles festhalten Leute« gemacht werden.

HANIX —Was sollte man sich als Gast in Polen unbedingt verkneifen, damit man nicht von einem Lynchmob aus dem Land getrieben wird?

Steffen Möller — No Go´s sind natürlich die Klauwitze und generell Polenkritik von deutschen Touristen. Wenn einem dann manchmal doch die Galle hochgeht, sollte man sich einfach sagen, dass sich die Polen schon selbst zerfleischen und der Energieaufwand nicht lohnen würde. Polen ist eines der selbstkritischsten Länder das ich kenne. Aber auch wir Deutschen haben eine sehr ausgeprägte Kritikkultur, vor allen Dingen wenn die Kritik von anderen kommt. Auch hier findet sich wieder eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Polen und Deutschen.

HANIX —Du bist wirklich in Polen vernarrt, oder. Woher kommt diese wahnsinnige Faszination, die das Land und die Leute auf dich ausstrahlen?

Steffen Möller — Das ist eine sehr gute Frage. Ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht. Ich habe jetzt das zweite Buch über Polen gemacht und vielleicht kommt ja noch ein Drittes, denn dieses Land ist für mich unerschöpflich. Manchmal frage ich mich warum ich ständig über dieses Land, im Gegensatz zu anderen Ländern in denen ich auch schon war, nachdenke. Ich glaube mittlerweile der Grund ist wirklich die schon erwähnte Ähnlichkeit. Ich kann nur jedem Deutschen raten einmal nach Polen zu fahren, denn er wird sich dort selbst in einem seltsamen Spiegel sehen.

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