Titelthema Ausländer April 2012

Murat Erimel: „Ich fühlte, dass ich für jedes Klischee, ob als Wessi, Türke oder Moslem, herhalten musste“

Murat Erimel, der im Integrationsbeirat der Stadt Heilbronn sitz, stand uns für ein ausführliches Interview zum Thema Integration und Parallelgesellschaften zur Verfügung. Und er erklärt, wieso die Heilbronner Ausländerbehörde bei den Migranten umgangssprachlich auch heute noch „Ausländerpolizei“ genannt wird.

HANIX —Murat, Du wurdest als Kind der ersten Gastarbeitergeneration geboren. Welche Erinnerungen hast Du an deine Kindheitstage in Heilbronn?

Murat Erimel — Was das „Einfinden“ betrifft habe ich konkret gar keine Erinnerungen mehr. Ich bin in Berlin geboren und mit den Zwischenstationen Erlangen und Nürnberg, wo mein Vater als Fernmeldeelektroniker bei Siemens arbeitete, mit vier Jahren nach Heilbronn gezogen, da mein Vater bei der Firma SEL in Stuttgart eine neue Aufgabe angenommen hatte. Meine Erinnerungen beginnen erst in der Zeit, als ich in den Kinderhort kam. Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich eine sehr schöne und wohlbehütete Kindheit hatte

HANIX —Hast du dich in den Zeiten des Kinderhortes und der Vorschule schon als Ausländer wahrgenommen?

Murat Erimel — Ehrlich gesagt bin ich das erste Mal mit dem Thema Ausländer zu sein erst während meines Studiums in Leipzig konfrontiert worden. In meiner Zeit in Heilbronn hatte ich nie das Gefühl Ausländer zu sein, was mit Sicherheit nicht daran lag, dass alles multi-kulti war. Das gab es damals noch nicht. Vielleicht lag es einfach daran dass ich sowohl in der Grundschule als dann auch am Robert-Mayer-Gymnasium überwiegend mit Deutschen befreundet war. Ich denke wenn man nie das Gefühl hat, außen zu stehen oder fremd zu sein, ist Integration gar nicht nötig.

HANIX —Wie haben deine Eltern versucht, ihre und deine Integration in Deutschland zu beschleunigen, bzw. zu unterstützen?

Murat Erimel — Die Notwendigkeit der Integration war meinen Eltern schon immer bewusst. Als mein Vater in den 60igern nach Berlin kam und dort zehn Jahre unverheiratet lebte, hat er sich einfach integrieren müssen, um Spaß am Leben zu haben. Er hat sich ganz einfach den Notwendigkeiten angepasst. Wenn es nach den Erzählungen meines Vaters geht, war damals auch eine ganz andere Offenheit bei den Menschen vorhanden. Die jungen Türken, hauptsächlich Männer, die nach Deutschland kamen hatten so was wie einen Exotenbonus und Mysteriöses, im positiven Sinne. Die sogenannten Schwellenängste gab es einfach nicht. Mein Vater hat normal gelebt, er hatte viele deutsche Freunde und hat sich oft mit seinen Kollegen getroffen, die dann eben auch zu Freunden wurden. Dann hat er meine Mutter kennengelernt, die kurze Zeit später nach Deutschland kam. Das Erste was sie tat, war einen Sprachkurs an der Volkshochschule zu belegen. So etwas wie die heutigen Integrationskurse gab es ja damals noch nicht.

HANIX —In welcher Sprache wurde bei dir zuhause kommuniziert?

Murat Erimel — Ich kann mich daran erinnern, dass meine Eltern sehr viel Wert darauf legten, dass auch ich zu Hause türkisch spreche. Dadurch, dass ich außer Haus kaum türkisch sprechen konnte, wollten sie mich einfach auch an meine türkischen Wurzeln erinnern und diese bewahren. Aber am Anfang habe ich mich sehr schwer damit getan mit meinen Eltern türkisch zu sprechen. Ich habe immer in breitem schwäbisch geantwortet. Mein Vater erzählte mir, dass ich nach einem sechswöchigen Türkeiurlaub auf einmal immer mehr türkisch gesprochen habe und auch lernen wollte. Dies lag wohl daran, das ich beim Murmeln spielen mit türkischen Kindern immer gehört habe, wie sie ihre Strategien absprechen um mich zu besiegen und es mich unheimlich gefuchst hat, es zwar zu hören, aber nicht antworten zu können.

HANIX —Habt ihr innerhalb der Familie auch über die Nichtintegration eurer Landsleute diskutiert?

Murat Erimel —Die Nichtintegration anderer türkischer Familien war in meiner Familie permanent ein Thema. Damals gab es sogenannte türkische Vertrauensleute oder Ansprechpartner, zu denen Türken gehen konnten, wenn sie irgendwelche Fragen zu Formularen, Behördengängen oder Konsulatsangelegenheiten hatten. Da die Vertrauensleute meist diejenigen waren, die am besten deutsch sprachen, wollten viele, dass mein Vater ebenfalls so eine Rolle übernimmt, was er aber nicht wollte. Ich habe mich oft gewundert, wenn mein Vater unseren Freunden einfache Dinge erklären musste. An eine Anekdote erinnere ich mich besonders. Ein türkischer Freund meines Vaters kaufte sich immer nur Mischbrot beim Bäcker, weil dies das einzige Brot war dessen Namen er kannte. Irgendwann bat er meinen Vater einen Roggenlaib für ihn zu bestellen. Mein Vater konnte es nicht fassen. Er ermahnte seinen Freund, dass dieser unbedingt deutsch lernen müsse. «Was wäre denn, wenn das Mischbrot morgen aus dem Sortiment genommen wird? Dann wirst du verhungern«, hat mein Vater seinem Freund gesagt. Im Nachhinein war dies damals natürlich verständlich, doch dass es diese Probleme auch 20 Jahre später noch gibt, ist für mich nicht nachvollziehbar. So begleitet meine Mutter teilweise heute noch Freundinnen zum Arzt als Übersetzerin. In der Türkei sagt man ‘eine Sprache ein Mensch, fünf Sprachen fünf Menschen’, dass heißt mit jeder neu erlernten Sprache erweitert man einfach seinen Horizont, danach hat mein Vater stets gelebt.

HANIX — Kannst Du dich an den Moment erinnern als Du als junger Mensch erstmals zu spüren bekommen hast, das Du kein Deutscher bist?

Murat Erimel — Das erste Mal damit konfrontiert wurde ich an der Uni. Ich habe in Leipzig studiert. Dort hieß es ständig «ihr Wessis seht es so, wir Ossies sehen es so« und umgekehrt. Man war schon darauf aus, bewusst den Unterschied zu kommunizieren. Allerdings war dies für mich nicht dramatisch, denn all meine damaligen Freunde waren ja sogenannte Wessies, also war ich es auch. InLiteraturseminaren, in denen es beispielsweise um die Black Panther, den Islam oder Frauenrechte ging, wurde ich immer um meine Meinung gefragt. Erst als Moslem und dann als Türke. Da fühlte ich, dass ich irgendwie für jedes Klischee, ob als Wessi, Türke oder Moslem, herhalten musste. Wie eine Schachfigur wurde ich einmal in diese und dann in die nächste Gruppe «geschoben«. Natürlich hatte ich darauf keine Lust und wollte mich auch nicht immer zu allen Dingen äußern müssen, was ich dann auch nicht mehr tat. Es gab aber auch die andere Seite. Ich habe es in Leipzig sehr vermisst türkisch zu sprechen. Ich hatte viel Glück da sich für mich ein Nebenjob als Übersetzer für das Türkische Konsulat ergab. Als die Beamten merkten wie gut ich deutsch sprach, dachten sie erst ich bin Deutscher der türkisch kann.

HANIX — Wie hast Du Heilbronn als jungendlicher wahrgenommen. Eine angenehme Stadt für Migranten?

Murat Erimel — Ja, für Heilbronn und meine Jugend kann ich das durchaus sagen. Ich fand Heilbronn alles in allem immer sehr entspannt und hatte nie Probleme. Ob dies jetzt aber typisch für Heilbronn ist oder einfach an der damals anderen Zeit liegt mag ich nicht zu beantworten. Ich fand der Umgang miteinander war einfach entspannter und offener. Eine Sache habe ich aus meinen Kindheits- und Jugendtagen allerdings im Kopf, die ich immer sehr sinnvoll fand. Ich habe es nie erlebt, dass es ein Übergewicht an nicht-deutschen Kindern oder Jugendlichen, sowohl in der Schule als auch in Vereinen oder in meiner Clique, gab. Ich denke ein gesundes „Mischverhältniss“ zwingt auch alle Menschen, sich zu bewegen und aufeinander zuzugehen. Ich bin aber keinesfalls jemand der Parallelgesellschaften verachtet, nur solche Gesellschaften machen es den Leuten nun mal sehr bequem.

HANIX — Empfindest Du es als Rückschritt der Integrationsarbeit, dass inzwischen versucht wird, Integration zu systematisieren und zu planen?

Murat Erimel — Ein Stück weit schon. Das Thema ist sehr ambivalent, es ist natürlich richtig über die Problematik zu sprechen, weil man es 40 Jahre nicht gemacht hat. Der Anfang kommt aber viel zu spät, da gewisse Dinge, über die hier gesprochen wird, in anderen Ländern schon lange Gang und Gebe sind. Manchmal ist es unfassbar welche Kleinigkeiten beispielsweise auf der Agenda des Integrationsgipfels des Innenministeriums stehen. Ich selbst bin tätig im Integrationsbeirat der Stadt Heilbronn und wundere mich immer wieder, über welche Basisthemen noch gesprochen wird. Ich denke einerseits ist dies natürlich gut, auf der anderen Seite ist dies meiner Meinung nach auch Teil des Problems, da man soviel diskutiert und das Problem, so glaube ich, größer gemacht wird als es ist.

HANIX — Zum Studieren warst Du dann in Leipzig. Wie hast Du die Ostzone als Migrant wahrgenommen?

Murat Erimel — Damals war es so, dass ich auf einen Studienplatz gewartet habe. Ein Freund, der nach Leipzig zum studieren ging, hat mir dann die Stadt empfohlen. Ich habe mir Leipzig angeschaut und mich entschieden dort hinzugehen. Als dies klar war, habe ich deutlich gemerkt, dass es viele Vorurteile gegen Ostdeutsche und das Leben dort gab, wie umgekehrt mit Sicherheit auch. Es gab schon Sätze wie «was willst du im Osten«, «da sind doch so viele Rechte« und so weiter. Allerdings wollte ich mir damals schon meine eigene Meinung bilden und bin ohne jegliches Vorurteil nach Leipzig gezogen. Ich hatte dann auch nie wirklich ein Problem dort. Allerdings sieht man schon Dinge, mit denen ich in Heilbronn nicht konfrontiert wurde.

HANIX — Leipzig war doch sicher spannend. Man stellt sich als Wessi vor, dass dort Monster- und Ausländerfressende Nazihorden durch die Stadt zogen. Konntest Du überhaupt vor die Türe?

Murat Erimel — Wenn man damals Samstag Mittag in der Leipziger Innenstadt in eine Straßenbahn geraten ist, die ein paar Hundert Fans, meist glatzköpfige und springerstiefeltragende VfB-Leipzig-Hools transportiert und alles schreit und singt, wird man schon auch mal nachdenklich. Allein die Präsenz hat mich damals beängstigt und ich habe natürlich auch mitbekommen wie Kommilitonen, vorwiegend schwarzer Hautfarbe, tätlich angegriffen und auch verletzt wurden. Auf der anderen Seite gab es dann aber auch eine extrem starke Antifa-Gegenbewegung, wie man sie hier im Schwabenland nie erlebt hat.

HANIX — Sicher warst Du froh über die Gegenbewegung zum Rechtsradikalismus in Leipzig?

Murat Erimel —Es war gut zu sehen, dass es genügend Leute gab, die gegen rechts auch aktiv etwas unternommen und Rückgrat bewiesen haben. Ich bin zwar kein Fan von gegenseitiger Gewalt oder brennenden Mülltonnen, trotzdem war es, wie eben erwähnt, gut zu sehen, dass sich Menschen auch wehren und das Klischee «der Osten ist braun« eben nicht für die Mehrheit zutrifft.

HANIX — Im Vergleich zu Leipzig ist Heilbronner generell unpolitisch.

Murat Erimel — Ich würde sagen im Vergleich zu Leipzig ist die Heilbronner Jugend in Bezug auf politisches Engagement langweilig. Dies liegt mit Sicherheit daran, dass man im Ländle mit Problemen wie in Leipzig eher selten konfrontiert wird. Somit fehlt automatisch auch die Motivation sich politisch zu engagieren. Ich möchte aber auch nicht jeden über einen Kamm scheren, es gibt hier viele Menschen die sich politisch, vor allen Dingen aber im sozialen Bereich, engagieren. Trotzdem hat die Leipziger Bevölkerung einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Dies liegt aber auch an der Stadt selbst. Denken wir nur mal an die Montagsdemonstrationen oder die Nikolaikirche. Leipzig ist an sich schon sehr politisch und daran hat auch die Bevölkerung einen großen Anteil. In Heilbronn fällt mir auf, dass die Prioritäten anders gelagert sind. Hier sind die Themen, nach meinen Erfahrungen, eher ob der neueste A4 vor der Tür steht oder wo denn das eigene Haus gebaut wird. Auch hier aber nochmals der Hinweis das nicht jeder gleich ist und es auch in Heilbronn sehr engagierte Menschen gibt.

HANIX — Nach deiner Zeit in Leipzig, bist Du nach Berlin gezogen. Dort hast Du – natürlich – in Kreuzberg gewohnt. Wie hast Du eine türkische Stadt mitten in Deutschland wahrgenommen?

Murat Erimel — Ich wusste schon in Leipzig, dass Berlin meine nächste Station sein muss. In Berlin musste es, trotz des ganzen sozialromantischen Gelabers, auch Kreuzberg sein. Ich wollte einfach wieder in eine türkische, nennen wir es ruhig so, Familie und habe Leipzig dann einfach als meine Deutsch-Phase gesehen. Ich wollte wieder türkisch riechen, schmecken und reden. Selbst als ich noch in Leipzig wohnte, war ich mehrmals in Berlin und jedes mal beim hineinfahren in die Stadt ging mir das Herz auf, weil es eben nicht nur Dönerläden sondern auch türkische Optiker, Bäcker und vieles mehr gab. Das war einfach toll und ich war begeistert, dass es so was mitten in Deutschland gibt.

HANIX — Gab es Rassismus der türkischen Gemeinde gegenüber anderen ethnischen Gruppen?

Murat Erimel — Ich würde es definitiv nicht Rassismus nennen, aber klar sahen viele Türken ihren Lifestyle als den Richtigen an und wenn dann jemand kam wie ich, der auch deutsch geprägt war, habe ich schon ab und zu die Frage gestellt bekommen, ob ich Deutscher sei. Die Mülltrennung ist hier ein gutes Beispiel. Ich fand es immer sinnvoll das fünf Tonnen für den verschiedenen Müll vor der Haustür standen. Viele Türken haben das aber nicht beachtet, was ich auch gern mal angesprochen habe. Ich habe mich aber weder in Leipzig in die deutsche Schublade noch in Kreuzberg in die türkische Schublade stecken lassen.

HANIX — Inzwischen lebst Du wieder in Heilbronn, bist mit einer deutschen Frau verheiratet und ihr habt zwei deutsch-türkische Kinder. Wie erzieht ihr eure Kinder zu aufgeschlossenen Menschen?

Murat Erimel — Mit meinem Sohn spreche ich phasenweise, aber eher selten, türkisch. Die von dir angesprochenen Kompromisse ergeben sich eigentlich von selbst. In sogenannten Mischehen unterstellt man immer kulturelle Unterschiede. Ich denke, es liegt eher an den zwei Menschen, die sich finden und dann eine gemeinsame Zukunft gestalten. Bei meiner Frau und mir sind die Unterschiede eher gering und, sagen wir mal, indirekt. Wenn ich darüber nachdenke, welchen türkischen Eigenheiten meine Frau bei mir sieht, ist das bestimmt nicht Ehrgefühl sondern eher «altmodische« Dinge wie Achtung vor dem Alter oder rücksichtsvoller Umgang miteinander. Oder nehmen wir das Beispiel Familienverbundenheit, die bei mir sehr ausgeprägt ist. Ich habe fast immer mit meinen Eltern Urlaub in der Türkei verbracht, einfach nur weil dort unsere Familie war. Wenn es mal Dinge gibt, die meine Frau in Bezug auf ihre Familie anspricht oder die sie stören, sage ich als allererstes immer, dass es ihre Familie ist und sie hier toleranter mit Dingen umgehen soll als mit anderen Menschen, somit aber auch eher Fehler akzeptiert und auch mal eher Fünfe gerade sein lassen kann. Die Religion, vielleicht der, oberflächlich betrachtet, größte Unterschied zwischen meiner Frau und mir, haben wir in unserer Beziehung und auch in der Erziehung ziemlich ausgesperrt. Ich bin Moslem und meine Frau ist evangelisch. Unsere Kinder sollen beides mitbekommen, sich aber, wenn sie soweit sind, selbst entscheiden welchen Weg sie einschlagen. Mein Sohn geht in einen evangelischen Kindergarten und, speziell zur Weihnachtszeit, gibt es hier natürlich auch einen kirchlichen Zusammenhang, den man allein bei den Bastelarbeiten der Kinder sieht. Wir halten es aber so, dass auch meine Mutter und mein Bruder mit uns Weihnachten feiern. Man kann vielleicht zusammenfassend sagen dass ich nicht «typisch« türkisch und Kathrin nicht typisch «deutsch« ist. Somit prallen auch nicht wirklich zwei verschiedene Welten aufeinander.

HANIX — Du bist Mitglied des Integrationsbeirates der Stadt Heilbronn. Welche Aufgabe hat dieser Beirat? Und wer sitzt darin?

Murat Erimel — Der Integrationsbeirat wurde federführend vor drei Jahren von der Stadt ins Leben gerufen. Die Stabstelle Integration, unter der Leitung von Frau Keicher, hat hier die koordinative Funktion übernommen. Der Beirat besteht aus 30 Personen, die sich, hauptsächlich ehrenamtlich, schon sehr lange des Themas angenommen haben. Sei es im privaten Umfeld, in Vereinen aber auch in der Kirche. Aus allen Mitgliedern des Beirates sind dann sogenannte Arbeitskreise entstanden, die sich um Themen wie Sport, Bildung, Religion und vieles mehr kümmern. Ich selbst bin im Arbeitskreis PR und Öffentlichkeitsarbeit tätig und Vertreter von Frau Dr. Christ-Friedrich, die in der evangelischen Landeskirche tätig ist. Hauptsächlich geht es dem Beirat darum, die verschiedensten Projekte zu bündeln, bekannt zu machen und sich eben auch auszutauschen, was der Kontakt mit spannenden und engagierten Menschen automatisch bewirkt. Allerdings hat der Beirat keinerlei Entscheidungsgewalt und steht der Stadt Heilbronn hauptsächlich beratend zur Seite. Die Zusammenarbeit im Beirat funktioniert sehr gut. Natürlich fehlt es, wie in fast allen Projekten dieser Art, an den finanziellen Mitteln, da niemand im Beirat für eine Stiftung oder ähnliche Organisationen tätig ist. Man kann also viele Ideen entwickeln, aber beispielsweise nicht einfach mal eine große Veranstaltung in der Harmonie stattfinden lassen. Die Stadt Heilbronn hilft uns aber dennoch mit ihren Kontakten und ihrem Netzwerk. Durch die Zusammensetzung des Beirats erfährt man viel über neue Projekte. So gibt es jemanden, der etwas in Indien entwickelt. Die evangelische Kirche ist sehr stark in Lateinamerika unterwegs, aber auch Dinge wie Lesungen ausländischer Märchen im Theater Heilbronn werden ins Leben gerufen.

HANIX — Im Beirat gibt es einige freiwillige Mitglieder, wie dich. Füllt es schwer, sich in die Gemeinderatsstrukturen einzuleben und danach zu handeln? Das kann sicher frustrierend sein?

Murat Erimel — Natürlich treffen hier auch verschiedene Welten in Sachen Gremienarbeit aufeinander. So gibt es auch Stadt- und Gemeinderäte im Beirat, die einfach Wert auf gewisse Formalien wie das Schreiben von Protokollen, einhalten von Redezeiten und ähnliches legen. Andere haben weniger Interesse an Formalien sondern möchten einfach ihre Anliegen vortragen und besprechen. Hier muss einfach jeder vom jeweils anderen lernen. Manche müssen akzeptieren, dass man im Beirat nicht auf dem Fußballplatz steht, wo Lautstärke meist entscheidend ist. Andere müssen verstehen, dass gewisse Abläufe, wie man sie aus städtischen Gremien kennt, ein wenig aufgeweicht werden müssen. Letztendlich funktioniert dies aber gut, denn alle haben eine gemeinsame Basis und ein gemeinsames Ziel.

HANIX — Oft wird viel Geld in Projekte gesteckt, die einfach verpuffen. Gibt es ein konkretes Beispiel, von dem Du erzählen kannst, wo es umgekehrt war? Nämlich, dass man mit relativ wenig Geld viel bewirken konnte?

Murat Erimel — Der Stadt- und Kreisjugendring hat einen Arbeitskreis «Interkulturelles« gegründet, den meine Frau bis zur Geburt unserer Tochter geleitet hat. Die Idee war einen interkulturellen Kalender mit Menschen aus den verschiedensten Ländern zu entwickeln, in dem Termine wie Feiertage religiöser oder kultureller Art aber auch Anlässe verschiedener Gruppen enthalten sind. Der Kalender sollte dann kostenlos an Schüler verteilt werden, mit dem Sinn dass man einfach weiß, was an welchem Tag bei meinen Mitschülern und Freunden mit anderem kulturellen Background so ansteht. Wir wollten die Inhalte aber nicht einfach aus Wikipedia abschreiben sondern diejenigen erklären lassen, die es erleben. Daher musste man dann die sogenannten Migrationsselbstorganisationen an einen Tisch holen und ein gemeinsames Projekt anstoßen. Es war großes Interesse verschiedenster Gruppen vorhanden, was zu, im positiven Sinne, chaotischen Redaktionssitzungen führte. Hier saßen afrikanische Freundeskreise mit der islamischen Gemeinde aber auch mit den Damen von Amical Francaise zusammen und tauschten sich aus. Was dann passierte war genial, denn die Redaktionssitzung fing an zu „wandern“. Jede Gruppe konnte andere Gruppen einladen. Hierdurch entstanden tolle Kontakte und ein Mininetzwerk ohne den üblichen Überbau, wie den heutigen Integrationsbeirat. Als dann der erste Kalender, erarbeitet von großen und kleinen aber gleichberechtigten Gruppen, erschien, waren alle Protagonisten unheimlich stolz. Hinzu kam dann noch, dass das Projekt irgendwann offiziell gefördert und sogar ausgezeichnet wurde.

HANIX — Wie empfindest Du Heilbronn heutzutage als Migrationsstadt? Würdest Du gerne nach Heilbronn kommen?

Murat Erimel — Das kommt natürlich darauf an wo man herkommt. Jemand aus London oder Paris würde ich mit Sicherheit sagen, dass es coolere Städte als Heilbronn gibt und er kulturell viel vermissen wird. Das habe ich ja selbst erlebt, als ich aus Berlin zurück ins Ländle kam. Wobei für mich aber meine Familie sehr viel auffängt und ich weiß, dass ich auch in jeder anderen Stadt viel Zeit mit ihr verbringen würde, wodurch es dann fast schon wieder egal ist, wo man lebt. Ich würde allerdings auch keinem Migranten sagen, dass Heilbronn eine Stadt ist, die er meiden sollte. Da gibt es mit Sicherheit andere Gegenden in Deutschland. Selbstverständlich werde ich einem Migranten eher Heilbronn als, nennen wir es beim Namen, Hoyerswerda, empfehlen. Es ist natürlich schwieriger in Gegenden mit einem minimalen Ausländeranteil, extrem schwierigen Arbeitsmarktbedingungen und Perspektivlosigkeit. Ich will hier keinem zu Nahe treten, aber so ist nun mal die Realität. Ich würde aber natürlich schon empfehlen sich über die schwäbischen Eigenheiten zu informieren. Hier sind Dinge wie Kehrwoche und die Hecke des Nachbarn sehr wichtig, was auch irgendwie zeigt, dass wir uns in Heilbronn Luxusprobleme geschaffen haben. Hier muss einfach das, ich würde es mal Basis-Setup nennen, stimmen. Der Abschluss eines Bausparvertrages mit Beginn der Volljährigkeit, irgendwann das eigene Haus, selbstverständlich mit schönem und akkuratem Garten und vor allen Dingen das Auto. Das fällt sogar Menschen auf, die aus Berlin hierher kommen. Der Eindruck, dass die Deutschen alle reich sind entsteht dann natürlich, vor allen Dingen bei Migranten, automatisch. Vielleicht machen sich die Menschen, die hier aufgewachsen sind, dadurch das Leben selbst ein bisschen schwer. Man muss hier niemandem erzählen, dass es einem nicht gut geht, selbst wenn man den neuen A4 nicht bar bezahlen kann, hat man ihn doch vor der Haustür stehen. Das ich aber eventuell mein halbes Gehalt dafür investiere sieht ja niemand. Damit sollte sich ein Migrant der nach Heilbronn kommt auseinandersetzen und das würde ich auch empfehlen. Nennen wir es mal «etwas hinter die Kulissen schauen«.

HANIX — Bei den hiesigen Ausländern heißt die Ausländerbehörde umgangssprachlich immer noch Ausländerpolizei. Woher kommt das deiner Meinung nach?

Murat Erimel —— Dem Hörensagen nach hat die Behörde wohl wirklich mal diesen Namen getragen. Ich weiß nicht ob es so einfach ist, dieses Image, dass viele Migranten immer noch von der Behörde haben, zu ändern. Für mich wäre es übrigens viel interessanter zu wissen, ob denn die Behörde weiß, wie sie umgangssprachlich genannt wird. Ich hoffe ehrlich gesagt, sie weiß es nicht. Denn wenn doch, wäre es eher peinlich und es wäre ein riesige Verpflichtung alles dafür zu tun, dass eine Imageänderung stattfindet. Vor allen Dingen ältere Migranten werden im Auftreten in dieser Behörde nicht automatisch lockerer, selbstsicherer und auch einfordernder, nur weil die Behörde einen anderen offiziellen Namen trägt. Auch ich bin ab und zu in Kontakt mit der Behörde und bin immer wieder verwundert mit welchem Selbstverständnis einige Mitarbeiter ihr Programm durchziehen möchten und einen gewissen „Polizeiton“ an den Tag legen. Dies fällt mir aber auch beim türkischen Konsulat auf, vielleicht haben das manche Behörden einfach so an sich. Ich habe hier allerdings ein anderes Wunschbild, vielleicht auch weil ich selbst in der Dienstleistungsbranche tätig bin, womit wir schon beim entscheidenden Wort wären: Dienstleistung. Eine Behörde sollte nicht alles nach dem Prinzip «Top Down« regeln sondern zumindest auf Augenhöhe mit den Kunden umgehen. Ein autoritäres Auftreten von Behörden ist hier nicht förderlich, denn es geht eben, und jetzt wiederhole ich mich gern, um eine Dienstleistung am Bürger. Ich hab hier noch ein schönes Beispiel, das mir selbst passiert ist: Ich erhielt eines Tages einen Brief der Ausländerbehörde mit einem Termin, übrigens ohne Beschreibung des Grundes, zu dem ich bei der zuständigen Sachbearbeiterin erscheinen sollte. Im Schreiben war aber auch der Hinweis mit Telefonnummer, dass man, falls man nicht erscheinen kann, den Termin doch bitte verschieben solle. Nach vielen gescheiterten Versuchen den Termin zu verschieben, unter angegebener Nummer ging einfach niemand ans Telefon, habe ich die zuständige Dame doch erreicht. Was mir aber nach wenigen Minuten des Telefonats klar war ist, dass man mit meinem Wunsch der Terminverschiebung nicht umgehen konnte und wollte. Es kam dann soweit dass man den Termin nicht mehr so genannt hat sondern einfach sagte ich habe eine Vorladung. Ehrlicherweise gebe ich zu, dass ich dann dachte „so nicht, nicht mit mir“. Nun habe ich der Mitarbeiterin einfach erklären müssen, dass niemand, außer den deutschen Gerichten, das Recht hat, sogenannte Vorladungen zu verschicken. Auch dieses Argument stieß auf wenig Verständnis. Um es kurz zu machen, irgendwann fand dann der Termin statt und es ging einfach nur darum, dass ich meinen türkischen Pass vorlegen sollte, den ich nachwievor habe. Diese Situation hat in mir viel Verständnis für meine ausländischen Mitbürger hervorgerufen, dass die Ausländerbehörde immer noch umgangssprachlich bei Migranten „Ausländerpolizei“ genannt wird.

HANIX — Welchen Wunsch hättest Du an die Heilbronner und die hierher migrierten Menschen, um mehr Verständnis füreinander zu haben?

Murat Erimel — Auch wenn es pathetisch klingt: Redet weniger übereinander sondern miteinander!

Facebook Posts

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: No posts available for this Facebook ID