Titelthema Ausländer April 2012

Zeit für Veränderungen von Maria Sanders

Der Heilbronner Stadtteil Alt-Böckingen ist bekannt für seine günstigen Wohnungen, sein puristisches Stadtbild und die hohe Anzahl von Bürgern mit Migrationshintergrund. Ein Gang durch die Straßen zeigt die schönen Seiten des Ortsteils, ebenso wie Gelegenheiten zur Verbesserung. Wir haben nachgefragt, wie die Menschen ihren Wohnort wahrnehmen.Mit sechs Jahren kam das junge Mädchen nach Deutschland. In den 1970iger Jahren wurden eine Zeit lang Arbeitskräfte im Bauwesen gesucht. Ihr Vater bewarb sich um eine Stelle, und wurde prompt genommen. „Er ist durch und durch ein Familienmensch“, schwärmt Anna Caprifico D’Ostuni, „und wollte immer nur das Beste für uns.“ 1400 Kilometer trennten damals die junge Familie über mehrere Monate voneinander. Ihre Mutter blieb mit den Kindern in Apulien, eine Region südöstlich von Italien, und ihr Vater arbeitete in Heilbronn. „Wir haben ihn so schrecklich vermisst“, erinnert sich Caprifico D’Ostuni an die Zeit. Nach knapp vier Monaten zogen auch seine Frau und vier Kinder nach Deutschland. Die heute 46-Jährige hielt vor kurzem Fotos in der Hand, die ihre Mutter ihrem Vater geschickt hat. Zum ersten Mal habe sie die liebevollen Worte bemerkt, die ihre Mutter auf die Rückseite der Fotos geschrieben hat. „Ich musste weinen.“ Dann geht plötzlich die Glastür der Bäckerei auf. Sie knarrt. Eine ältere Dame tritt herein und kauft ein Weizenbrot. „Ich dachte schon, ich bekomme keins mehr“, sagt die Kundin ganz erleichtert, als Anna Caprifico D’Ostuni ihr das Brot über die Ladentheke reicht. „Darf es noch etwas sein“, fragt Bäckereifachverkäuferin Anna freundlich. Die Kundin schüttelt zufrieden den Kopf, und legt das Brot in ihren grauen Stoffbeutel. „Ade“, ruft die ältere Dame und verlässt das Geschäft. Für einen kurzen Augenblick schaut sie ihr nach.

Apfeltaschen

„Es war schon immer mein größter Traum, ein eigenes Geschäft zu haben“, sagt Anna Caprifico D’Ostuni. Heute führt sie ihre eigene kleine Bäckerei in der Ludwigsburger Straße in Alt-Böckingen. Das Geschäft erinnert an die beinahe ausgestorbenen Tante-Emma-Läden, in denen es von allem ein bisschen zu kaufen gab. Inhaberin Caprifico D’Ostuni bietet neben verschiedenen Brot- und Brötchensorten, Apfeltaschen und anderen süßen Versuchungen, auch Eier, Mehl, Marmelade und Leberwurst in Büchsen an. Anna Caprifico D’Ostuni ist in Alt-Böckingen aufgewachsen. Am Anfang war es schwer. „Ausländer stinken, haben die Kinder immer gesagt“, erinnert sich die gelernte Fleischwarenverkäuferin. „Das hat mich sehr verletzt.“ Die Erwachsenen waren freundlicher. Ein gutes Jahr hat es gedauert bis Anna Caprifico D’Ostuni und ihre Familie von ihren deutschen Nachbarn voll akzeptiert wurden. Dann änderte sich alles. Sie hat viele Freunde gefunden und erreichte gute Leistungen in der Schule. „Alt-Böckingen ist meine zweite Heimat geworden“, sagt sie. Am liebsten erinnert sie sich an ihre deutsche Ziehoma – eine ältere Nachbarin, die immer nach ihr und ihren Geschwistern schaute. „Onele, hat sie mich immer genannt“, schwelgt sie in Erinnerung und lächelt zufrieden. Von ihr habe sie auch das Häkeln gelernt.

Pflanzen

Ein paar Straßen weiter steht eine Gruppe Jugendlicher neben dem Bürgerhaus in der Kirchsteige. „Wir sind fast jeden Tag hier“, sagt Egzon Qorri (15) und lehnt sich an die Hauswand. Um ihn herum seine Freunde. Sie machen Witze, haben Spaß und trinken Cola. Der Werkrealschüler fühlt sich wohl in seinem Wohnort. Aber er gibt auch zu, dass es ihm besser gefallen hat, als mehr Pflanzen um das Bürgerhaus herum angelegt waren. Vor ein paar Jahren gab es noch Sitzbänke hinter dem Bürgerhaus. „Die sind jetzt auch weg“, sagt der Jugendliche. Seine Leidenschaft gilt dem Fußball. Entweder ist er mit seinen Freunden draußen am Kicken, oder er spielt mit Freund Jamal (19) Schach im Jugendzentrum.

Casinoland

Auch Selcuk Yilmaz steht in der Gruppe neben dem Bürgerhaus. Der 34-Jährige ist sich sicher: „Die Mitarbeiter des Jugendtreffs machen einen guten Job.“ Sie kümmern sich um die Belange der Jugendlichen und hören ihnen zu. Als er von den kurzen Öffnungszeiten erzählt, hören ihm die anderen Jungs in der Runde plötzlich aufmerksam zu. „Schade, dass es nicht so lange geöffnet ist“, sagt der gelernte Industriemechatroniker und Teilezurichter. Dienstags ist das Jugendzentrum geschlossen. Montags, mittwochs, donnerstags und freitags hat es jeweils vier Stunden geöffnet. Yilmaz ist selber Familienvater von drei Töchtern und weiß, wie wichtig Unternehmungen und eine gute Betreuung für Kinder und Jugendliche sind. Deswegen kann er die Arbeit der Sozialpädagogen im Jugendzentrum nur gutheißen. Angeboten werden zum Beispiel Hausaufgabenbetreuung, Gesellschaftsspiele, Tischkicker und Tischtennis. Aber auch gemeinsame Tagesausflüge oder längere Freizeiten in den Ferien werden unternommen. Schlimm findet er: „Alt-Böckingen ist ein richtiges Casinoland geworden“, sagt er mit runzeliger Stirn. Selcuk Yilmaz zählt alle mit den Fingern auf und gibt zu bedenken, wie schädlich das für Jugendliche ist. Jugendliche haben nicht die Erfahrung wie Erwachsene, und könnten schnell in Versuchung geraten. Warum er dennoch gern in dem Stadtteil wohnt? Weil es klein und gemütlich ist. „Man kennt sich.“

Stromkabel

Sauber sind die Straßen von Alt-Böckingen. Dennoch wirken sie karg, irgendwie lieblos. Entlang der Klingenberger Straße gibt es unter anderem einen kleinen Getränkemarkt, eine Bäckerei und ältere Wohnhäuser. An vielen Hauswänden bröckelt der Putz herunter, und Stromkabel verlaufen von einem Fenster zum anderen. Einige Geschäfte stehen leer. Andere widerum stehen voll mit Gerümpel oder alten Möbelstücken, die Fußgänger durch die Schaufensterscheibe unmittelbar sehen können. Ligia Costache findet es schade, dass mittlerweile kaum noch Bekleidungsgeschäfte existieren. „Die tragen doch auch zum Flair einer Stadt bei«, sagt die Alt-Böckingerin, die mit ihrer zweijährigen Tochter Cheyenne gerade vom Mutter-Kind-Turnen kommt. Wenn sie für sich oder ihre Tochter Anziehsachen einkaufen möchte, muss sie immer erst mit dem Auto nach Heilbronn fahren. «Wie schwierig ist es dann erst für die älteren Menschen.“ Die 33-Jährige beschreibt, was ihrer Meinung nach eine gute Infrastruktur ausmacht: Verschiedene Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäfte, Cafés, Parkanlagen und einfach mehr Leben auf der Straße. Besonders nachdenklich stimmt Mutter Ligia das Miteinander im Stadtteil an. „Es muss ein Platz geben, an dem die Menschen wieder zusammenkommen.“ Die Böckinger seien mehr für sich. Freude und Herzlichkeit fehle. Was sie in Alt-Böckingen hält, ist ihre Arbeit, die ihr großen Spaß macht. „Außerdem habe ich eine tolle Chefin“, sagt Costache und zeigt auf das gegenüberliegende Geschäft, in dem sie arbeitet. „Das findet man nicht überall.“

Gemeinschaft

Das Thema Zusammenhalt im eigenen Stadtteil beschäftigt ebenfalls Ivan Krajnc (Name von der Redaktion geändert). „Wir müssen an unserer Gemeinschaft arbeiten“, sagt der gebürtige Sontheimer. „Erst wenn wir wieder näher zusammenwachsen, können wir auch gemeinsam was bewegen.“ Krajnc wünscht sich ein schöneres Alt-Böckingen, in dem man gerne lebt. Nicht, weil man es nur gewohnt ist und nichts anderes kennt, sondern, weil es sich dort gut lebt. Der 46-Jährige spricht neben dem äußeren Erscheinungsbild des Stadtteils, auch die dort lebenden Menschen an. „Mir ist aufgefallen, dass hier nicht mehr viele Deutsche leben“, so Krajnc. Er findet eine ausgewogene Mischung aus deutschen und ausländischen Bürgern sehr wichtig. Nur so könne Integration stattfinden. „Aber dafür muss der Stadtteil wieder attraktiver werden.“ Ein guter Anfang könnte ein Straßenfest im Herzen Alt-Böckingens sein.

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