Titelthema Essen und Trinken September 2012

Chris: »Containern ist in Heilbronn nicht einfach«

Containern bezeichnet die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern. Das Containern erfolgt in der Regel bei Abfallbehältern von Supermärkten, aber auch bei Fabriken. Die Nahrungsmittel werden meist wegen abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten, Druck- und Gammelstellen oder als Überschuss weggeworfen. Viele dieser Lebensmittel sind jedoch ohne wesentliche Geschmacks- und Qualitätseinbußen und ohne erhöhtes gesundheitliches Risiko eine gewisse Zeit genießbar.

HANIX — Chris, seit ein paar Jahren containerst Du unter anderem auch in Heilbronn. Wie kamst Du dazu, dir dein Essen in den Abfallcontainern der Supermärkte zusammen zu sammeln?

Chris — Kennengelernt habe ich das Containern in Spanien als ich dort für ein Jahr mit Leuten, die mit extrem wenig Geld zurecht kommen mussten, zusammen gelebt habe. Wir sind dann immer in die nächst grössere Stadt gefahren und kamen mit einem vollgeladenen Auto zurück. Wenn man containert hat man meist auch so viel Lebensmittel zusammen, dass man gar nicht alles verbrauchen kann. Ich versuche immer noch regelmäßig containern zu gehen. Ich lebe in einer WG und oft teilen wir uns unsere Touren auch auf, so dass wir mehrmals in der Woche losziehen. Man muss auch regelmäßig unterwegs sein, da es durchaus sein kann, dass auch mal nichts in den Containern drin ist.

HANIX — Containert wird meistens Nachts?

Chris — Genau, im Dunkeln hat man einfach mehr Ruhe. Aber Freunde von mir sind durchaus auch bei Tageslicht unterwegs. Man wird dann häufiger angesprochen, was man da macht und manchmal versuchen auch Supermarktangestellte einem das Zeug hysterisch wieder wegzunehmen. Andererseits findet man auch ab und zu die Lebensmittel ordentlich aufgestapelt vor, dass man nicht so lange in den Containern wühlen muss.

HANIX — Funktioniert containern in Heilbronn gut?

Chris — Es ist in Heilbronn nicht ganz einfach. Es gibt zwei, drei gute Container in Heilbronn, ansonsten sieht es eher mau aus. Die meisten Container sind gut gesichert, oft werden die Lebensmittel auch mutwillig von den Angestellten zerstört.

HANIX — Und welche Lebensmittel oder Waren findest Du in den Containern, die Du aufsuchst?

Chris — Alles Mögliche. Eigentlich das ganze Supermarkt-Sortiment. Ich habe auch schon Kondome gefunden oder Schokolade, Eis, Obst, frisch gepressten Orangensaft, Fleisch und Gemüse. Eigentlich wirklich alles, was ein Supermarkt so hergibt.

HANIX — Containern nur junge Leute?

Chris — Das war zu Beginn vielleicht so. Ich habe nachts auch schon Senioren an Containern angetroffen. Containern ist also etwas für jede Altersschicht.

HANIX — Sicher gibt es zwischen den Supermarktketten Unterschiede. Welcher Supermarkt ist am ergiebigsten?

Chris — Das hängt wirklich von der Belegschaft der jeweiligen Märkte ab. Ich bin REWE-Fan, soviel kann ich sagen. Aber auch das ist von Markt zu Markt unterschiedlich. In Heilbronn gibt es drei REWE-Märkte und nur bei einem kommt man an den Container dran. In den Containern sind erstaunlicher Weise auch meist die Waren, die teurer sind. Ich schaue meist nach Dingen, die ich mir normal nicht leisten würde oder könnte. Eine Mango oder Papaya zum Beispiel ist fast immer drin. Bei LIDL und ALDI ist containern sehr schwer. Dort gibt es meist Presscontainer. Die Sachen sind dann natürlich kaputt und nicht mehr zu gebrauchen.

HANIX — Wieso containerst Du eigentlich. Ist es dein stiller Protest gegen die Wegwerfgesellschaft oder bist Du aus finanziellen Gründen dazu gezwungen?

Chris — Zu Beginn musste ich quasi containern, da ich mich dazu entschlossen hatte, mit so wenig Geld wie möglich auszukommen. Inzwischen bin ich unterwegs, weil es mir Spaß macht und ich so auch an Lebensmittel komme, die ich mir nicht leisten könnte. Oft verkoche ich für meine Gemüse-Spaghetti einen Einkaufswert von zehn Euro. Ich kenne kaum jemanden, der so viel Gemüse in seinen Gerichten verkocht.

HANIX — Wer containert muss sich also um gesunde, ausgewogene Ernährung keinen Kopf machen?

Chris — Das würde ich behaupten, ja. Ich würde auch Hartzern empfehlen zu containern. Von dem Geld, das diesen Menschen zur Verfügung steht, kann sich niemand wirklich ausgewogen ernähren. Obwohl es meiner Meinung nach das Recht dieser Leute ist. Und es wird alles in ausreichender Menge und guter Qualität weggeschmissen.

HANIX — Wurdest Du auf deinen Touren auch schon mal erwischt? Und mit welchen Konsequenzen wurdest Du konfrontiert?

Chris — Da ich meist nachts unterwegs bin, kam das noch nicht zu oft vor. Aber klar wurde ich auch schon von Menschen angesprochen. Ich muss ja oft irgendwo drüber klettern oder halte mich dann in den Hinterhöfen der Supermärkte auf, wo sich eher weniger Leute nachts aufhalten. Erwischt wurde ich bisher einmal. Ein Nachbar hatte die Polizei angerufen, die dann auch schnell mit sechs Einsatzwägen angerauscht kam. Ich war keine drei Minuten am Container und schon war die Polizei vor Ort. Ich bekam dann eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl. Die Polizei hat dann zwei Bananen und einen Salatkopf beschlagnahmt und ein Polizeihund hat mir in den Allerwertesten gebissen. Die Anzeige wurde dann aber wegen Geringfügigkeit fallen gelassen. Es will ja auch niemand wirklich einen Prozess führen wegen Dingen, die aus einem Mülleimer geholt wurden. Für mich ist es auch schwer nachzuvollziehen, wieso man Dinge wegschmeißen darf und dann Leute daran hindern darf, das Weggeschmissene zu benutzen.

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