Titelthema Fußball Juni 2012

Euro & Dollar VS. Demokratie & Menschenrechte – 1 : 0

 

Im Vorfeld der Europameisterschaft forderten deutsche Politiker den Boykott des Turniers. Grund für die unrealistische Forderung: Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine. Nicht das erste Mal, dass sportliche Großereignisse in Länder vergeben werden, die erhebliche Missstände in Sachen Demokratie aufweisen.

Natürlich wird in dem kommenden Tagen in den Stadien von Polen und vor allem auch in der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft angepfiffen. Das wäre ja noch schöner, wenn sich die UEFA, die europäische Fußball-Union, als drittgrößte Sportorganisation auf der Welt, von einigen deutschen »Provinzpolitikern« sagen lässt, was sie soll und was sie zu lassen hat. Lachhaft zu denken, die UEFA lässt sich auf das »Blubbern« einiger profilierungsbedürftiger Landtagskandidaten im Wahlkampf von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen beeinflussen. Nur ein gequältes Lächeln hatte man in der schweizerischen UEFA-Zentrale für das Angebot übrig, ob es nicht besser wäre, die in der Ukraine vorgesehen EM-Spiele nach Deutschland zu verlegen. Ausser, dass sich Deutschland viel verscherzte, versandete die grandiose Ideen schnell.

Während die UEFA als EM-Ausrichter letztes Jahr hauptsächlich die Rückstände bei der Fertigstellung verschiedener Infrastrukturmaßnahmen anmahnte, waren politische »Rückstände« kein Thema – Verletzung der Menschenrechte, Unterdrückung von Regimekritikern und der Regierungsopposition. Die UEFA mischt sich nicht in die Politik eines Mitgliedslandes ein, lautet das Credo hier und in den anderen Sportverbänden. Mit dieser Einstellung lässt sich auch leichter Geld verdienen. Ein Gebot das mehrfach schon die Vernunft besiegte. So kursierte auch der Witz, das IOC würde selbst an die Golfstaaten Winterspiele vergeben, wenn das höchste Angebot vorgelegt wird. Die Fußball-WM 2022 wird auf jeden Fall im Öl- und Wüstenstaat Katar ausgetragen.

So sperren das Euro- und Dollar-Zeichen erst Recht den Blick auf Menschenrechtsverletzungen, die Unterdrückung demokratischer Regeln und Gerechtigkeit. So dürfen auch Staaten Olympische Spiele, Fußball-Welt- und Kontinentalmeisterschaften ausrichten, die Diktatur in Reinkultur pflegen. Beispiele reichen weit zurück in der Geschichte der olympischen Spiele der Neuzeit sowie der Fußball-WM und -EM.

Das erste markante Beispiel gab es 1936 mit den Olympischen Winter- und Sommerspielen in Nazi-Deutschland. Bis in die frühen 50er Jahre hinein war Kriegsverlierer Deutschland von den großen Meisterschaften ausgesperrt. Weiter ging es 1980, als viele westliche Staaten den Olympischen Spielen in Moskau fern blieben; vier Jahre später revanchierte sich der Ostblock und kehrte Los Angeles den Rücken. 1992 sperrte die UEFA Jugoslawien wegen dem Krieg am Balkan kurzfristig von der EM aus.

Und letzte markante, sportpolitische Entscheidung des IOC war die Vergabe der Olympiade an China 2010. Es gab sogar Aussagen aus dem IOC, die Spiele könnten zum Demokratisierungsprozess in China beitragen. Mit steinerner Mine hörten die Mitglieder der kommunistischen Partei, Politbüro und Regierung diese Worte. Nicht ausgeschossen, dass, als sie unter sich waren, schallendes Gelächter zu hören war.

Schließlich folgen 2018 die Olympischen Spiele in Russland. Auch nicht gerade ein Land mit beispielhafter, demokratischer Staatsführung. Will Deutschland als leuchtendes Beispiel voran gehen und nicht mehr an Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften in einem diktatorischen Staat teilnehmen, muss gut und gerne jede zweite Großveranstaltung gemieden werden. Dann müssten sich aber auch die Exportabhängige deutsche Wirtschaft als bekanntlich spendabler Sponsor ebenso zurück ziehen. Aber die lässt sich gewiss nicht vorschreiben, wo sie ihr Geld einsetzt.

Es ist zu bezweifeln, ob die Probleme mit Menschenrechten und Demokratie in der Ukraine für die Masse der deutschen Fans am späten Sonntagabend des 1. Juli noch ein Thema sind. Sollte die deutsche Elf wirklich in Kiew den Titel gewinnen, worauf gesetzt wird, lassen die mit Adrenalin und Bier vollgesogenen Köpfe nur noch Grölen, Jubel, Trubel, Heiterkeit zu. Und wetten, dass die Ehrenloge beim Finale gut mit deutschen Spitzenpolitikern gefüllt sein wird. Ein Traumtänzer, der da glaubt die deutschen Ehrengäste werden vor, beim und nach dem Spiel bei den Gastgebern Menschenrechte und Demokratie anmahnen?

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