Titelthema Fußball Juni 2012

Der Stolz von Heilbronn

 

Ein glücklicher Zufall brachte HANIX-Chefredakteur Robert Mucha zum Fußball. In seiner Klasse war nämlich auch Peter Wagner, der Toptorjäger der F-Jugend des VfR Heilbronn. Das alles mündete dann im DFB-Pokalsieg mit den A-Junioren, zusammen mit Peter.

Peter machte recht schnell die Runde. Es muss noch in der aller ersten Schulwoche überhaupt gewesen sein, als der, wie sich später noch herausstellen sollte, beste Torjäger, den die F-Jugend des VfR Heilbronn je hatte, jeden Jungen der gerade neu ins Leben gerufenen Klasse 1b der Dammgrundschule im Stadtzentrum fragte, ob man nicht mal mit ins Training kommen möchte. Seine Mannschaft suchte noch nach Spielern. Ich meldete mich freiwillig. Und ich hatte Glück: Denn wie ich vor meinem ersten Training erfahren hatte, war der VfR der größte und ruhmreichste Verein der Stadt – natürlich auch mit der besten Jugendabteilung. Und so waren Fortschritte auch schon nach der ersten Trainingseinheit zu erkennen. Ich hatte schnell gelernt, dass man den Ball nicht stumpf mit der Picke schießt, sondern mit dem Voll- oder Innenspann. Peter bugsierte den Ball auch schon mal mit dem Außenrist zu seinen Mitspielern oder ins gegnerische Tor.

Beim Rückwärtslaufen mit den Stollen auf den Fuß

Mit fortschreitender Zeit lernte auch ich den Außenriststoß, dazu Kopfball am Pendel, Positionsspiel, Dribbelvarianten, ein wenig Viererkette und dass man dem offensiven Gegenspieler bei einem Eckball »aus Versehen« beim Rückwärtslaufen mit den Stollen auf den Fuß tritt. Er wird garantiert kein Tor machen. Eine unumstößliche Wahrheit im Fußball: Trittst Du deinem Gegenspieler unmittelbar vor dem Eckball auf den Fuß, dann wird er in dieser Situation kein Tor machen. Ja, in der F-Jugend haben sie uns das mit dem Tritt auf den Fuß beigebracht. Ich fand diese Tricks immer legitim und habe sie auch bis zum Ende meiner Karriere beherzigt. Wie auch die mahnenden Worte eines Trainers: »Beim Kopfballduell immer mit dem Ellenbogen voraus in den Zweikampf. Erwischt Du deinen Gegner, war es natürlich keine Absicht und beim nächsten Luftzweikampf wird der Gegner schon nicht mehr ganz so hoch springen. Es könnte ihm schließlich weh tun.«

Nach dem aktuellen Sportstudio ins Bett

Die fußballerischen Fortschritte machten mir Spaß, denn sie brachten nicht nur Nominierungen in diverse Auswahlmannschaften, Erfolge in Bezirksmeisterschaften oder kostenfreie Reisen nach Frankreich mit sich. Mit am schönsten war die Achtung, die Peter und mir im täglichen Schulalltag auf der zweitschlimmsten Schule der Stadt entgegengebracht wurde. Wir waren die einzigen, die als Schüler der 5. Klasse schon in der Fußball AG der Oberstufe mitspielen durften. Gute Fußballer wurden hier respektiert und waren beliebt. Bei den Mädels, weil Fußballspieler so schön sportlich waren und meist etwas frecher als die langweiligen Bücherleser. Bei den Schlägerjungs, weil man ihnen in der Fußball AG oder bei kurzen Kicks in der großen Pause Erfolge schenken konnte. Schöner Nebeneffekt dieser Turniersiege in der Fußball AG und der 15-Minuten-Pause war, dass die »schweren Jungs« Peter und mich vor Prügel und Provokation verschonten. Und schließlich wurden wir auch von den Lehrern geachtet, die hofften, dass wir die Schulmannschaft ins Finale von »Jugend trainiert für Olympia« nach Berlin schießen.

Aus dem Hobbysport wurde irgendwann Leistungssport und der Traum, es als Profi zu schaffen, war zumindest nicht ganz unrealistisch. Dafür waren aber auch Opfer nötig. An Samstagen ging es für mich nach dem »aktuellen Sportstudio« ins Bett, während die Kumpels auf der Piste eine »Sex, Drugs & Rock´n´Roll«-Geschichte nach der anderen erlebten. In den Sommerferien wurde von meiner Seite auf lange Urlaubsfahrten verzichtet, denn wer in der Vorbereitung fehlte, dem drohte die Ersatzbank. Mir doch egal, ob meine Kumpels schon Erfahrungen in Sexpraktiken gesammelt hatten, die ich nur aus Pornos kannte. Schließlich war mein Ziel Fußballprofi – und dann würden die Frauen sowieso auf ein kurzes Fingerschnippen reagieren und Gewehr bei Fuß stehen, da war ich mir sicher.

In meinem letzten A-Jugend-Jahr, der Saison 1995/96, wollten wir es dann alle ganz genau wissen. Wir, das war die A-Jugend des VfR Heilbronn. Alle samt Vollblutfußballer, die es in den Profibereich schaffen wollten. Beim Training fehlte wirklich nur, wer sich die Bänder gerissen oder das Bein gebrochen hatte. Der Konkurrenzkampf war enorm, da fast jede Position doppelt besetzt war. Dennoch: Die Saison startete für unsere Verhältnisse durchwachsen. Erst nach einer knappen und idiotischen Niederlage (mit Mucha-Tor gegen Timo Hildebrand) beim VfB Stuttgart im Oktober fingen wir uns. Danach sollten wir kein weiteres Spiel mehr verlieren und nur noch ein einziges Mal unentschieden spielen.

Dass wir als A-Jugend schon sehr weit waren, bewiesen Begegnungen gegen Bezirksligamannschaften aus dem Seniorenbereich. Diese fertigten wir teilweise zweistellig ab, und selbst gegen unsere erste Mannschaft des VfR Heilbronn, damals immerhin ambitionierter Verbandsligist, konnten wir in einem Trainingsspiel gewinnen. Wie weit wir tatsächlich waren und wohin das alles noch führen sollte, zeigte dann die Rückrunde.

Im Rückspiel gegen den VfB Stuttgart, konnten wir dem mehrmaligen deutschen A-Jugendmeister nach zehn Jahren die erste Niederlage in einem württembergischen Verbandsspiel überhaupt zufügen. Nach 0:2-Rückstand. Die Elitejugend der Stuttgarter Kickers schickten wir mit einer 1:4-Packung auf die Heimreise, im Endspiel um den Württembergischen Pokal besiegten wir den SSV Ulm, der den heutigen Bundesligaprofi Sascha Rösler in seinen Reihen hatte, mit 4:0. Wir waren somit für den DFB-Pokal qualifiziert. Und die Mannschaft wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass sie auch diesen DFB-Pokal gewinnen würde. Und so kam es dann auch: Gegen Pfullendorf gab es ein 3:2, gegen den KSC ein 1:0 (mit Mucha-Tor), Jena wurde 9:0 abgefertigt. Wir standen im Halbfinale gegen 1860 München.

Das Spiel konnte aber nicht in unserem heimischen Frankenstadion durchgeführt werden, weil dort eine Woche zuvor ein Kelly-Family-Konzert gegeben worden war und der Rasen noch arg mitgenommen aussah. Wir mussten beim Lokalrivalen antreten. Dem »Stadion am See« von der Union Böckingen, der ewigen Nummer zwei in Heilbronn. Die Mannschaft traf sich dennoch im Frankenstadion zur Besprechung und spazierte danach die zwei Kilometer am Neckar entlang zur Union, wo schon eine Stunde vor Anpfiff reger Betrieb herrschte. Das Spiel musste dann auch 15 Minuten später angepfiffen werden, da nicht alle der 3000 Zuschauer rechtzeitig im Stadion waren. Nach der ersten Halbzeit führten wir 3:0. In dieser Halbzeit gegen die A-Jugend von 1860 München spielten wir, wie uns immer wieder bestätigt wurde, den besten Fußball, der je von einer Heilbronner Mannschaft gespielt wurde. Und das erzählten uns auch 70-jährige, die es ja wissen mussten.

Wieso sollten also keine Angebote kommen?

Inzwischen waren wir Helden der Stadt, obwohl der letzte Schritt noch gemacht werden musste. Einige Spieler von uns durften beim Bäcker oder Metzger nicht mehr bezahlen, wir wurden wöchentlich ins Radio eingeladen, und die Lokalzeitung berichtete täglich von unserer Mannschaft. So konnte die Zukunft gerne weitergehen – diese Gedanken gingen jedem Mannschaftsmitglied durch den Kopf. Und unrealistisch war das gar nicht mal. Wir wussten, dass bei jedem weiteren Spiel noch mehr Talentscouts im Stadion sein würden. Wieso sollten also keine Angebote kommen? Zwei Spieler unserer Truppe hatten ja auch schon Verträge beim KSC unterschrieben.

Dann endlich: Finale! 8000 Zuschauer im Heilbronner Frankenstadion. Gegner war Energie Cottbus. Wir wussten, dass die Lausitzer nicht den Hauch einer Chance gegen uns haben würden. Schließlich genossen wir Heimrecht. Außerdem wussten wir, dass wir zum letzten Mal in dieser Zusammensetzung spielen würden, dass es bei einem Sieg per Cabriocorso zum Rathaus gehen würde, wo wir uns dann ins Goldene Buch der Stadt eintragen sollten. Das klang einfach zu gut, um sich diese Erlebnisse durch eine Niederlage entgehen zu lassen. Wir wollten die A-Jugend von Cottbus demütigen, zerstören und geknickt auf die 700 Kilometer lange Heimfahrt schicken. Und so kam es dann auch.

Die Geschichte des Finals und der Feierlichkeiten danach ist schnell erzählt: Halbzeitstand 4:0, Endstand 6:1, la Ola im Frankenstadion, Gatorade-Shower für unseren Coach, Pokalübergabe durch Rainer Holzschuh. Danach Vodka-Red-Bull aus dem Pokal. Deshalb haben wir auch besoffen den Cabriocorso genossen und uns mit wackeliger Schrift ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Danach gab es noch mehr Alkohol, Stripshows der Mannschaftsmitglieder auf Theken diverser Kneipen – und für mich persönlich eine Nacht im Bett mit dem Pokal!

»Und wenn Sie mal Probleme haben, Herr Mucha…«

Eine Woche später rief mich mein Schulleiter zu sich. Zuerst gratulierte er freundlich, ehe er Folgendes von sich gab: »Und wenn Sie mal Probleme haben Herr Mucha, dann kommen Sie bitte direkt zu mir. Wir finden sicherlich Lösungen für jedes Problem.« So lässt sich das Abi bauen, dachte ich mir im Stillen.

Doch trotz aller nebensächlichen Annehmlichkeiten, das Spielen selbst blieb immer an erster Stelle. Ob in jeder freien Minute nach der Schule, während der Ferien, als wir jeweils die kommende Bundesligasaison vorspielten, im Training, wo wir alles für das Endziel Profi taten, bei Pflichtspielen oder heute beim hölzernen Hobbykick auf irgend einer Wiese – Fußball ist für mich immer noch das beste Spiel der Welt! 

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