Titelthema Fußball Juni 2012

Maurizio Gaudino: »Ich bin ein Außendienstler, der ständig unterwegs ist«

 

Maurizio Gaudino war als Spieler ein der schillerndsten Figuren in der Bundesliga. Nach Lehrjahrenim Management bei Waldhof Mannheim und Gesellenjahren in der Spielerberatungsagentur von Uli Ferber, hat sich Gaudino dieses Jahr selbständig gemacht. Wir unterhielten uns mit den ehemaligen Nationalspieler über den Unterschied zwischen Stadt- und Landkindern, die Fehler des FC Bayern und den maroden Calcio.

HANIX — Maurizio Gaudino, den meisten werden Sie als Ex-Profi in Erinnerung sein. Sie sind auch weiterhin im Fußball-Geschäft tätig. Was treiben Sie von ihrem Büro in Winnenden aus genau?

Maurizio Gaudino — Mit meiner Firma MG Marketing betreue und berate ich junge Fußballspieler, hauptsächlich 15- und 16-jährige, und versuche gemeinsam mit deren Familien die Fußballkarriere zu planen und zu begleiten.

HANIX — Kommen ihre jungen Talente ausschließlich aus der Region, sprich Baden-Württemberg?

Maurizio Gaudino — Das kann ich nur mit einem Jein beantworten. Ich habe neun Jahre, bis Januar diesen Jahres, mit Fair-Sport, der Agentur von Uli Ferber, partnerschaftlich zusammengearbeitet. Nach wie vor haben wir natürlich enge Kontakte, da wir auch noch Spieler haben die wir gemeinsam betreuen. Deshalb betreue ich auch noch Spieler, die bereits im Seniorenbereich spielen, wie zum Beispiel die Herren Molinaro und Tasci vom VfB Stuttgart. Zum Thema Regionalität kann ich sagen, dass ich jemand bin, der in Frage kommende Spieler natürlich immer sehen möchte. Das geht hier in Baden-Württemberg für mich am besten. Ich muss nicht auf jedem Juniorenländerspiel in ganz Deutschland gewesen sein. Das mache ich eigentlich auch gr nicht so gerne. Aufgrund meiner jahrelangen Tätigkeit und des damit verbundenen Bekanntheitsgrades in diesem Bereich, passiert es natürlich automatisch, dass auch Eltern bei mir anfragen die nicht in Baden Württemberg wohnen.

HANIX — Wieso fahren Sie nicht so gerne zu den Juniorenländerspielen? Dort tummeln sich doch die Toptalente, möchte man meinen.

Maurizio Gaudino — Weil ich von meiner Arbeit, von meiner Philosophie und von meinem eigenen Auge überzeugt bin. Außerdem glaube ich, dass es auch viele Spieler gibt, die nicht in Auswahlmannschaften stehen aber trotzdem das Potential haben in der Zukunft in der Bundesliga zu spielen. Wie schon erwähnt bilde ich mir gern selbst ein Urteil. Bin ich dann der Meinung, der Spieler hat das erforderliche Potential, nehme ich Kontakt zu den Familien auf und versuche ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um dem Spieler dann den Weg zu ebnen für höhere Aufgaben. Da dies eine sehr intensive und zeitaufwendige Vorgehensweise ist, habe ich auch nicht, wie manch andere Spielerberater 60 oder mehr Spieler unter Vertrag sondern, wie momentan, 15 Spieler.

HANIX — Haben Sie nur Talente von den großen Vereinen unter Vertrag? Oder haben auch Spieler von ländlichen Vereinen eine Chance bei ihnen?

Maurizio Gaudino — Die Spieler müssen nicht zwingend von großen Vereinen kommen, ich kann aber sagen, dass die Spieler schon mindestens in der Oberliga spielen sollten. Es kann natürlich auch mal ein Bezirksligaspieler dabei sein, der dann aber schon sehr jung sein muss, um ihn noch entwickeln zu können. Ein großen Unterschied bemerke ich zwischen ländlichen und städtischen Regionen. Auf dem Land gibt es noch diese sogenannten Straßenfußballer. Hierbei bemerke ich einen klaren Unterschied. Kinder die in ländlichen Gegenden aufwachsen, gehen einfach raus. Sie klettern auf Bäume, spielen Fangen und sind einfach viel draußen. Die Stadtkids dagegen haben teilweise einfach keinen Auslauf, da es in Städten, im Gegensatz zu früher, keine große Anzahl an Bolzplätzen mehr gibt.

HANIX — Wie sieht ihr Tagesablauf aus?

Maurizio Gaudino — Sehr unterschiedlich und somit auch abwechslungsreich. Oft denke ich, dass mir ein ruhiger Tag bevor steht und dann telefoniert man doch von morgens bis abends und organisiert spontan Dinge für Spieler. Bei meinen Job ist es wichtig, dass man spontan auf neue Situationen reagiert und man für seine Spieler immer erreichbar ist. Es hört ja nicht beim Spieler auf, ich pflege dann noch Kontakt zur Familie des Spielers, zum Manager des Vereins, zum Trainer und so weiter. Der Vorteil an diesem Job ist, dass es einem nie langweilig werden kann. Grundsätzlich macht mir die Organisation und Koordination sehr viel Spaß, ich habe aber auch einen Angestellten der mir sehr viel Arbeit abnimmt. Ich persönlich vergleiche mich eher mit einem Außendienstler, der ständig unterwegs ist, sich mit allen Beteiligten trifft, Spiele besucht.

HANIX — Das ist eine Tätigkeit, die sich zweifelsfrei stark von der des Fußballprofis, der Sie lange waren, unterscheidet. Haben Sie sich bei der Umstellung schwer getan?

Maurizio Gaudino — In meiner dreijährigen Tätigkeit im Management von Waldhof Mannheim, habe ich, um dem Verein zu helfen, praktisch alles gemacht. Vom reinen Helfer über den sportlichen Leiter bis hin zur Sponsorensuche, was mir natürlich für die jetzige Zeit viel gebracht hat, da ich ein gewisses Gefühl für viele Dinge entwickeln konnte. Danach begann dann die Partnerschaft mit Fair Sports, wo ich mich hauptsächlich um den sportlichen Bereich gekümmert und auch wieder viel dazugelernt habe.

HANIX — Wieso sind Sie eigentlich nicht Trainer geworden?

Maurizio Gaudino — Es war eigentlich nie so, dass ich gesagt habe ich möchte mal Trainer werden. Das hängt wahrscheinlich mit meinen Erfahrungen, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, die ich in 20 Jahren Profikarriere gemacht habe, zusammen. Ich hatte immer schon mehr Interesse und mehr Spaß an Management- und Beratungstätigkeiten, so auch in meiner Zeit bei Großaspach, die mit der Tätigkeit für Fair Sports einher ging. Grundsätzlich macht mir die Arbeit in meinem jetzigen Betätigungsfeld sehr viel Spaß und ich habe die Entscheidung nicht bereut. Wobei man auch sagen muss, dass es eher ein Zufall war und mit Herrn Ferber, den ich in meiner Zeit bei Waldhof kennengelernt habe, zusammenhing, dass ich in diesen Berufszweig eingestiegen bin. Eigentlich wollte ich Herrn Ferber damals im Bereich Marketing für mich gewinnen, dann ist es aber so gelaufen, dass er mich für den Bereich Spielerberatung gewonnen und überzeugt hat.

HANIX — Welche Ziele verfolgen Sie in der Zukunft mit ihrer und für ihre Firma?

Maurizio Gaudino — Natürlich wird der ein oder andere Mitarbeiter in Zukunft dazukommen, das hängt dann auch immer am Arbeitsvolumen und entwickelt sich ständig weiter. Es hängt auch stark an den zu betreuenden Spielern. Generell kann man sagen, dass, je höher ein Spieler eingesetzt wird auch mehr Arbeit anfällt, da dann auch Dinge wie Werbung, Pressearbeit, Onlinepräsenz und Vermarktung der jeweiligen Spieler anfangen. Nichts desto trotz habe ich gewisse Erfahrungen in der alten Firma gesammelt, die ich in meiner eigenen Firma wahrscheinlich anders machen würde, gerade im Bereich der persönlichen Kommunikation mit den Spielern, was immer schwieriger wird, je mehr Angestellte man hat. Zusammenfassend kann ich sagen, dass es Ziel ist, die Firma etwas wachsen zu lassen, gute qualitative Spieler zu haben und nicht einfach aus der Masse zu schöpfen.

HANIX — Der abgelaufene Saisonendspurt war wahnwitzig. Gerade Borussia Dortmund hat überzeugt. Eine Überraschung?

Maurizio Gaudino — Ich denke gerade was in den letzten Monaten in Dortmund geschehen ist, hängt nicht nur mit vorhandener Qualität sondern mit dem unglaublich guten Auftritt als Mannschaft zusammen. Jürgen Klopp hat es einfach geschafft eine Mannschaft zu formen und immer wieder junge, begabte Spieler ins Gefüge zu integrieren. Wobei nicht alle Spieler hochtalentiert sein müssen, aber jeder muss wissen was seine Aufgabe in der Mannschaft ist und dies funktioniert in Dortmund hervorragend.

HANIX — Dieses Jahr hatte der Fußball-Gott in jedem Fall kein Bayern-Trikot an.

Maurizio Gaudino — Ich persönlich denke, der Grund für die bittere Champions-League-Niederlage ist, dass Bayern eben nicht alles richtig gemacht hat. Natürlich war Bayern optisch überlegen und hatte mehr Chancen als Chelsea, nur die muss man dann eben auch nutzen. Chelsea hat nach seinen Möglichkeiten gespielt und so wurde übrigens auch Barcelona bezwungen. Der FC Bayern wusste, dass Chelsea aus der Defensive heraus und mit nur mit einer Spitze spielt und auf die eine Chance wartet. Mit dieser Taktik ist London erfolgreich bis ins Finale gekommen. Es gab also keinen Anlass diesmal anders zu spielen. Man muss sagen, dass Bayern im letzten und auch in diesem Jahr einfach nicht in der Lage war, sich gegen ein Bollwerk durchzusetzen. Irgendwann geht es dann eben zu wie beim Handball. Man schiebt sich die Bälle zu, hat 75 Prozent Ballbesitz, kommt aber einfach nicht zu klaren Chancen. Hinzu kommt das Bayern in der Abwehr, aufgrund fehlender Schnelligkeit extrem anfällig und immer für ein Gegentor gut ist.

HANIX —Die abgelaufene Spielzeit war die Saison der Rekorde und der besonderen Spiele: Dortmund hat gleich mehrere Bundesligarekorde aufgestellt, Messi erzielte 50 Saisontore, Düsseldorf feiert eine Minute zu früh den Aufstieg und Man City, ihr Ex-Klub, wurde nach einer halben Ewigkeit durch zwei Tore in der Nachspielzeit englischer Meister.

Maurizio Gaudino: Ich habe das natürlich alles wahrgenommen. Das Messi 50 Tore schießt oder Man City erst in der Nachspielzeit Meister wird, ist außergewöhnlich. Allerdings ist die Entwicklung im Fußball und der Hype um diesen Sport enorm und man muss ein wenig aufpassen dass das Ganze nicht ins Negative überschwappt, insbesondere in Bezug auf die Fans. Es ist okay dass die Fans integriert sind und jedes Wochenende eine große Party im Stadion ist, aber man muss auch versuchen, die paar Chaoten, die das Ganze kaputt machen, herauszufiltern.

HANIX — In Düsseldorf waren es aber gar nicht die Chaoten, die Fortuna beinahe den Aufstieg gekostet hätten…?

Maurizio Gaudino — Das stimmt! In diesem Spiel kam einfach alles zusammen. Wenn man 15 Jahre auf die Bundesligazugehörigkeit wartet ist klar, dass so ein vorzeitiger Platzsturm, vor allen Dingen in einem Stadion ohne Zäune, passieren kann. Vielleicht hätte man schon im Vorfeld nicht nur die Ordner sondern auch die Polizeikräfte dementsprechend platzieren müssen. Leider ist dies nun mal passiert und meiner Meinung nach hätte das Spiel in Düsseldorf wiederholt werden müssen, da es für Berlin einfach nicht mehr fair war. Man sieht ja oft was in zwei Minuten noch passieren kann. Nur durch die lange Unterbrechung ist Berlin natürlich dieser Überraschungseffekt verloren gegangen und Düsseldorf hatte in der Zeit die Chance, sich nochmals zu sammeln und zu sortieren, was man dann beim Wiederanpfiff auch gesehen hat.

HANIX — Viele sogenannte Experten befürchten einen psychologischen Knacks bei den Bayern-Spielern und sehen deshalb eine erfolgreiche Europameisterschaft gefährdet.

Maurizio Gaudino — Der Unterschied zum Finale gegen Inter Mailand ist, dass Bayern natürlich auch vor zwei Jahren gewinnen wollte, aber der Gegner in der Phase einfach ein anderes Kaliber hatte. Gegen Chelsea war Bayern nun mal absoluter Favorit und das Finale fand eben auch im heimischen Stadion statt. Dadurch war das Spiel in den Köpfen der Spieler vielleicht schon irgendwie abgehakt. Dies alles hat natürlich dazu beigetragen dass die Spieler jetzt mehr mental belastet sind als nach der Finalniederlage vor zwei Jahren. Aber die Spieler sind Profis und ich denke, dass spätestens bei Ankunft im EM-Quartier die Spieler voll auf die EM fokussiert sind, zumal jeder Spieler noch einen wichtigen Titel in dieser Saison holen kann. Und das ist dieses mal für einen deutschen Nationalspieler nicht gerade unrealistisch. Hinzukommt noch, dass der EM-Titel mit Sicherheit noch größer ist als der Champions-League-Gewinn und die Spieler wissen, dass sie diese Chance nicht so oft haben werden.

HANIX — Werden die Spanier dieses Jahr bei der Europameisterschaft abgelöst?

Maurizio Gaudino — Ich denke schon, weil ich glaube dass die spanischen Spieler jetzt alles geholt haben und auch ein wenig titelmüde sind.

HANIX — Wir machen uns Sorgen um den italienischen Fußball. Was ist los mit dem Calcio?

Maurizio Gaudino — Um den italienischen Fußball steht es momentan einfach schlecht. Durch das neue Fair Play der Fifa ist natürlich die Vorgehensweise in Italien, dass mächtige und reiche Präsidenten Geld investieren, dass sie in der Regel nicht zurückbekommen, auch nicht mehr in dem Umfang möglich. Die Einnahmen in Italien sind nicht so vorhanden wie in Deutschland, die Vereine leben also überwiegend von den Geldern der Präsidenten und die Gehälter in Italien sind nach wie vor sehr hoch. Außerdem sind die Stadien größtenteils marode, daher gehen die Zuschauer nicht gern ins Stadion, vor allen Dingen keine Familien. Des weiteren werden die Stadien, außer bei Juve, nicht von den Kommunen freigegeben, obwohl viele Vereine wie Mailand oder Neapel gern Stadien, die ihren Ansprüchen genügen, bauen würden. Sollte hier nicht politisch eingegriffen werden, wird Juve in den nächsten Jahren einen Riesenvorteil gegenüber allen anderen Vereinen haben. Das große Problem sind wie gesagt die Stadien, die einfach nicht mehr tauglich sind und ich spreche hier von traditionellen Arenen wie dem San Siro. Das Aberwitzige ist, das es von der FIFA aus ein sogenanntes Fair Play geben wird, das aber in Italien gar nicht möglich ist, da den Vereinen einfach die Möglichkeit genommen ist, eigene Stadien zu bauen und dann dementsprechend Einnahmen zu generieren.

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