Titelthema Kinder August 2012

Kindelsolbad Bad Frierichshall: »Unser Konzept hat sich bewährt«

Kinder brauchen Zuwendung. So lautet das Motto des Kindersolbades in Bad Friedrichshall. Seit nun 150 Jahren bekommen Kinder und Jugendliche in der Einrichtung die Zuwendung, die ihnen zuhause leider nicht gegeben werden konnte. In der Einrichtung des Vereins »Jugendhilfe Bad Friedrichshall« arbeitet ein multiprofessionelles Team von sozial- und heilpädagogischen, psychologischen und medizinischen Fachkräften um sozial benachteiligte junge Menschen und deren Familien zu unterstützen.

Der elf jährige Chris führt stolz zu seinem Zimmer. Es ist ein Kinderzimmer, wie es viele in Deutschland gibt. Poster von Autos und Stars hängen an den Wänden, es steht ein Bett zum Schlafen und ein Schreibtisch zum Erledigen der Schulaufgaben darin und natürlich ein Schrank für Chris´ Klamotten. Der Unterschied zwischen dem Kinderzimmer des kleinen Chris und den Kinderzimmern der meisten Kinder in Deutschland ist, dass sich das Zimmer von Chris nicht in der elterlichen Wohnung befindet. Chris wohnt im Bad Friedrichshaller Kindersolbad, das vor kurzem 150 jähriges Jubiläum feiern konnte. Neben Chris haben noch sieben weitere Kinder und Jugendliche ihr Zimmer in der Wohngruppe »Hasen« des Kindersolbades. Das Kindersolbad hat neun stationäre Wohngruppen, in denen Mädchen und Jungen gemischtgeschlechtlich betreut werden. Vier dieser Wohngruppen befinden sich im Stammhaus („rotes Bauklötzle“), wovon es sich wiederum bei drei Gruppen um klassische Innenwohngruppen handelt. Die vierte Gruppe im Stammhaus ist dagegen eine sogenannte „Dauerinnenwohngruppe“. Die fünf Außenwohngruppen verteilen sich auf Bad Friedrichshall und Bad Wimpfen. Die größten Unterschiede zwischen Innen- und Außenwohngruppen liegen im Alter der Kinder und Jugendlichen sowie in der Betreuungsdauer. Insgesamt können im Kindersolbad 66 Kinder und Jugendliche stationär betreut werden.

Benjamin Kaufmann, einer von zwei Hauptamtlichen Geschäftsführern des Kindersolbades, betont aber, dass sich die Angebote seiner Einrichtung nicht nur auf die Wohngruppen beschränken. »Unser Angebotspektrum umfasst auch diverse ambulante Angebote. Vor allem der Bedarf an Sozialarbeit hat in den letzten Jahren stark zugenommen«, weiß Kaufmann. »Und unsere Küche liefert jetzt auch nach außen, diese Entwicklung wäre vor fünf Jahren noch nicht vorstellbar gewesen«, ergänzt der Geschäftsführer der Jugendeinrichtung. Immer wieder in seiner langen Geschichte musste sich das Kindersolbad neu erfinden oder die Gebäude wurden, wie beispielsweise nach beiden Weltkriegen, zweckentfremdet. Obwohl in den Gemäuern meistens Sole-Kuren und Intensivbetreuung für Jugendliche angeboten wurde, beherbergten sie teilweise auch Lazarette, eine Gastwirtschaft oder ein Frauenhaus. Seit 2002 werden nach einem Rechtsträgerwechsel im Kindersolbad allerdings keine Kuren mehr angeboten und das Angebot ist komplett auf Jugendhilfe mit interdisziplinärem Konzept ausgerichtet. Dazu gehört auch Sozialarbeit an Schulen. Katja Ehemann, die vor dieser Tätigkeit eine Wohngruppe des Kindersolbades im Schichtdienst betreut hat, erzählt: »Ich arbeite an einer Schule in Offenau als Sozialarbeiterin und unser Angebot wird sowohl von Lehrern und Schülern aber auch Eltern sehr gut angenommen. Früher hat der Vertrauenslehrer meine Aufgaben inne gehabt. Aber das ist für einen Lehrer heutzutage nicht mehr qualifiziert leistbar. Die Anforderungen haben sich nach vielen gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren gewandelt. Viele Eltern haben zum Beispiel jeweils zwei Jobs, um sich über Wasser halten zu können und dann bleibt oft das Kind auf der Strecke .« Katja Ehemann fungiert inzwischen zweimal in der Woche für jeweils fünf Stunden als Ansprechpartnerin vor Ort in Offenau.

Doch der Fokus der Arbeit des Kindersolbades liegt sicherlich bei den Wohngruppen. Bevor Kinder oder Jugendliche eine Wohngruppe beziehen, wird vorab alles versucht, um einen Auszug aus dem Elternhaus zu vermeiden. »Zunächst arbeiten wir mit ambulanten Programmen. Das die Kids beispielsweise nur an bestimmten Tagen nachmittags zu uns kommen. Sollte allerdings das Wohl des Kindes in Gefahr sein, werden die Kinder auf Weisung des Jugendamtes umgehend aus den Familien geholt«, erläutert Benjamin Kaufmann den Ablauf. Hinweise auf Kinder, die möglicherweise Hilfe benötigen, kommen von verschiedenen Seiten. »Das Jugendamt bekommt von Lehrern, Ärzten, Nachbarn oder Vereinstrainern Hinweise auf auffällige Kinder. Das Jugendamt geht diesen Verdachtsmomenten nach und gegebenenfalls werden wir dann kontaktiert«, so der Geschäftsführer des Kindersolbades weiter. Katja Ehemann ergänzt: »In den ersten zehn Tagen versuchen wir es unseren neuen Bewohnern dann auch schön und einfach zu machen. Wir dekorieren ihre neuen Zimmer, lassen ihnen Zeit anzukommen. Die anderen Kinder und Jugendlichen helfen dabei, da sie die selbe Erfahrung bei ihrem Einzug gemacht haben.« Der nächste Schritt ist, dass gemeinsam mit dem Jugendamt, Lehrern, Psychologen, teilweise den Eltern und dem Betreuungspersonal ein Hilfeplan ausgearbeitet wird. Darin wird auch festgehalten, ob es um Beheimatung im Wohnheim, Rückkehr in die Familie oder um eine Vermittlung an eine Pflegefamilie geht. Alle sechs Monate wird der Hilfeplan dann überprüft. Wurden gesteckte Ziele, wie zum Beispiel eine Stärkung der Selbständigkeit, erreicht. Der Hilfeplan wird dabei natürlich auch kontinuierlich auf den Entwicklungsstand und die Bedürfnisse des jungen Bewohners angepasst. »Oft kommen auch traumatisierte Kinder zu uns. Hierbei ist natürlich eine große Sensibilität unsererseits gefragt«, weiß Benjamin Kaufmann. »Das interdisziplinäre Konzept des Kindersolbades, dass unter anderem mit Psychologinnen, Ergotehrapeuten und Partnerärzten zusammen arbeitet, hat sich dabei bewährt«, ist Kaufmann überzeugt.

Zurück in der Wohngruppe der Hasen. Die acht Bewohner und Bewohnerinnen freuen sich auf einen Ausflug ins örtliche Freibad und packen ihre Badesachen zusammen. Während dessen erzählt die betreuende Erzieherin der Hasen, Meli Pfauser, die seit 15 Jahren im Kindersolbad arbeitet, dass sich die Kinder und Jugendlichen aber auch deren psychischen Krankheitsbilder in den letzten zehn Jahren stark verändert haben: »Wir haben nicht nur, wie die meisten vielleicht denken mögen, Kinder aus den Unterschichten hier. Auch Kinder von Ärzten und Anwälten sind inzwischen unsere Bewohner. Das ist neu.« Doch in diesem Moment scheint den blonden Chris, der sein anderthalb Jahren im Kindersolbad wohnt, nichts zu bedrücken.

Während er stolz sein Zimmer zeigt und nebenher seine Badehose sucht, erzählt er mit einem breiten Grinsen von seinem Zukunftswunsch: »Ich will im Motorenwerk von Mercedes arbeiten. Das wäre cool.« Als alle acht Bewohner der Hasen-Gruppe nach ein paar Minuten ihre Badesachen beisammen haben, lotst Meli Pfauser die heiteren Kids in den VW-Neunsitzer. Es geht ab ins Freibad.

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