Titelthema Nacht November 2012

»Graffitisprüher sind keine kleinen, dummen Kinder oder Jugendliche, die unbewusst die Stadt zuschmieren«

Heilbronn hat eine aktive Graffiti-Szene. Wir trafen zwei Mitglieder der STP-Crew um über ihre nächtlichen Aktivitäten, ihre Mütter und ihr »Second Life« zu sprechen.

HANIX — Hallo! Wir sitzen hier bei Bier, Kaffee und Kaba im Sonnenuntergang in den Weinbergen von Heilbronn. Ihr beiden seid »Writer« und gern nachts in Heilbronn unterwegs. Wollt Ihr kurz erzählen wer ihr seid und was ihr genau treibt, wenn es dunkel wird draußen? 

Max — Wir sind Max und Moritz von der STP-Crew. Wir repräsentieren hier heute unsere Crew, zu der natürlich noch weitere Mitglieder zählen. Wir sprühen nachts, meistens Bilder, an Stellen, für die uns niemand eine Genehmigung erteilt hat. Wir malen Buchstaben, Characters oder taggen an Wände, Züge, Brücken, Häuser, Mauern und was es noch so gibt. Es nennt sich auch Graffiti was wir machen. 

HANIX — Wie viele Mitglieder hat eure Crew?

Max — Dazu werden wir schweigen…

HANIX — Kommen alle Mitglieder aus Heilbronn und Umgebung? Oder ist das auch ein Geheimnis?

Moritz — Jeder hat hier in irgendeiner Form Wurzeln.

HANIX — Was ist eigentlich Graffiti nach eurem Verständnis beziehungsweise welche Art von Graffiti macht ihr? 

Moritz — Wir machen Graffiti im eigentlichen Sinn. Ich will keine Botschaft mit meinen Bildern vermitteln und möchte auch nicht, dass Menschen über die Aussage hinter meinen Bildern nachdenken. Mir geht es um die Vervielfältigung meines »Alter Egos«. Oft »tagge« ich meinen Namen nur. Oder »bombe« ihn dann in einer Zwei-Minuten-Aktion an die von mir gewählte Stelle. Gerne an einer Hauptstraße oder einer Stelle, die gut frequentiert ist. Ein »Tag« (gesprochen »Täg«) ist ein gut leserlicher, einfacher Schriftzug der mit einem Edding oder einer Dose schnell und simpel angebracht wird. Ein »Bombing« ist ein schnell gesprühtes, zweifarbiges Bild. Meist einfarbig gefüllt mit schwarzer Outline. Ein »Tag« oder »Bombing« funktioniert nach dem Motto »Schnell da, schnell wieder weg.« Aber wir lassen uns auch mal mehr Zeit, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Sei es, wenn wir einen Zug malen oder ein sauberes Bild an einer Bahnlinie fabrizieren. Je nach Lust, Laune und Zeitfenster.

HANIX — Werdet ihr nachts bei eurer »Arbeit« oft gestört?

Moritz — Das kommt darauf an, wo wir malen. Die Wahrscheinlichkeit an einer Hauptstraße gestört zu werden ist viel größer als an einer Bahnlinie beispielsweise. Wer viel an der Straße malt wird eher mit Dritten in Kontakt kommen.

HANIX — Mit Dritten in Kontakt kommen – meint aber eher normale Passanten als die Polizei. Hattet ihr schon Kontakt mit der Polizei?

Max — Staatsgewalt ist des Staats Gewalt und der Bürger ruft die Staatsgewalt. 

Moritz — Klar, mit der Staatsgewalt hatten wir auch schon zu tun. Ob aus der Ferne oder Nähe ist schon wieder was anderes. Über kurz oder lang kommt es einfach bei fast allen Writern dazu. Wer viel unterwegs ist und dazu in vielleicht nicht ganz zurechnungsfähigem Zustand, kommt wahrscheinlicher mit der Polizei in Kontakt. Überleben wird der Writer, der sich in Zurückhaltung übt und auch mal ohne gemaltes Bild ins Bett geht.

HANIX — Welchem Style würdet ihr euch zuordnen?

Max — Ich würde behaupten, wir vertreten die New School. 

Moritz — Was ist New? Graffiti entwickelt sich genau so weiter wie Musik. Es kommen neue Möglichkeiten auf, technische Weiterentwicklungen. Geschmäcker differenzieren sich, wie in jeder Kunstform. Jeder soll machen worauf er bock hat. Am Ende macht jeder, dass er da war.

HANIX — Wir unterstellen mal, dass aktives Writing eine kreative, coole Tätigkeit ist. Welchen Einfluss habt ihr auf Jugendliche. Stellt ihr fest, dass ihr Vorbildcharakter habt?

Moritz — Es kennt ja keiner das Gesicht zum Name. Also kann ich das auch nicht direkt feststellen. Ich glaube aber eher nicht, dass wir Vorbildfunktionen inne haben. Früher nahm ich auch eine Art Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Jugend bei mir wahr. Das ist nicht mehr so. Bei mir zumindest weniger ausgeprägt. Wir malen für uns, die Szene und für das Foto, das wir am Ende machen. Natürlich sollen Menschen unsere Bilder sehen, sonst könnten wir auch auf irgend einen Acker gehen und dort den Brückenpfeiler weghauen. Das was wir tun hat keine vorbildliche Funktion im sozialen, deutschen System. Deshalb verstehen wir uns auch nicht als Vorbilder für die Jugend.  Das dürfen Jogi und seine Jungs übernehmen. Auch wenn ich persönlich gerne einen anderen Umgang der Jugend mit der Subkultur Graffiti hätte. Aber ich kann es nicht ändern, deshalb versuche ich es auch nicht.

Hier in Heilbronn haben wir das Glück, dass eine, in meinen Augen gute, neue Generation ranwächst.

HANIX — Graffiti entstehen meist in der Nacht. Wir haben 18 Uhr. Wann seid ihr heute aufgewacht?

Max — Vor ungefähr zwei Stunden habe ich meine Augen aufgemacht. 

HANIX — Seid ihr letzte Nacht zum Malen unterwegs gewesen?

Max — Vorletzte Nacht habe ich gemalt.

Moritz — Meine letzte Malnacht liegt sicher schon zwei Monate zurück.

HANIX — Hat die Nacht eine besondere Ausstrahlung und Atmosphäre für dich?

Max — Auf jeden Fall. Nächte haben ihren ganz eigenen Flavour. Je nachdem wo man malt ist dementsprechend auch die Atmosphäre. 

Moritz — Im Dunkeln ist gut munkeln. Für mich ist mein nächtliches Tun eine Art »Second Life«. Es hat nichts mit meiner sozialen Identität, meiner Arbeit oder meinem Studium zu tun. Ich nehme einen anderen Namen an, bin ein anderes, viel unabhängigeres „Ich“. 

HANIX — Ist dein »Second Life« eine vom sozialen Druck befreite Zone oder versucht man zwangsläufig, ähnlich den normalen sozialen Normen, jemand zu sein und etwas darzustellen?

Moritz — Das ist zu Beginn sicherlich so. Man will gesehen werden. Man wird demnach also viel sprühen um seine eigene Eitelkeit zu befriedigen. Aber auch das legt sich mit der Zeit. Irgendwann ist »Fame« nicht mehr das Wichtigste. Für mich jedenfalls ist es das nicht.

Max — Am Anfang dachte ich auch, dass ich rausgehen und malen muss. Pro Abend in Hochzeiten bis zu fünf Bilder. Heute gehe ich raus, wenn ich Lust dazu habe. Das ist ein wichtiger Unterschied. 

HANIX — Wisst ihr, wie viele Bilder und Tags ihr insgesamt fabriziert habt?

Max: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht 200 bis 300 Bilder…

Moritz — Man überschätzt sich dabei aber auch gerne. Eine Zahl will ich deshalb nicht nennen aber es ist schon einiges zusammen gekommen.

HANIX — Könnt ihr euch noch an eure erste künstlerische Tätigkeit als Kind erinnern? Vielleicht habt ihr ja die Wohnzimmerwand bekritzelt und schon als Hosenscheißer Graffiti betrieben ohne es gewusst zu haben?

Moritz —Ich habe das Muster der neuen Esszimmertapete meiner Oma super clean ausgemalt. Das Malbuch auf dem Tisch blieben schwarz/weiß. Da war ich ca. 4 Jahre alt.

HANIX — Wie kommt man zum Sprühen und wann hat das angefangen? Könnt ihr Eltern Tips geben von welchen Plätzen sie ihre Kinder fern halten sollen, damit diese keinen Unfug mit Sprühdosen veranstalten?

Max — Mit 14 Jahren habe ich das erste Mal zur Dose gegriffen. Freunde von mir malten und ich bin einfach mitgegangen. So hat das angefangen. Danach gab es eine Pause und irgendwann bin ich wieder eingestiegen.

Moritz — Im frühen Teenie-Alter habe ich mich schon dafür interessiert. Damals als eine große Hip-Hop-Welle über Deutschland schwappte. Aber es blieb zunächst bei ein paar »Tags« auf dem Schulklo. Dann hat es mich eine ganze Zeit lang gar nicht interessiert, obwohl in meinem Umfeld Leute waren, die aktiv waren und auch schon Züge gemalt haben. So richtig gepackt hat es mich durch Max, als er wieder angefangen hatte. Freunde von uns waren ja eh aktiv und so bin ich auf Graffiti hängen geblieben.

HANIX — Wo sind die außergewöhnlichsten Graffitis von euch zu sehen und welche Motive zeigen sie?

Max — Meistens finde ich meine Bilder scheiße, deshalb kann ich gar kein spezifisches Bild nennen. Die eigene Messlatte liegt zu oft höher als das was man erreicht.

Moritz — Unser erstes STP-Crew-Bild, das wir 2008 gemalt haben und das immer noch steht, ist schon ein besonderes Bild für mich. Es ist ein super-häßlicher Humpen und steht an der Bahnlinie Richtung Stuttgart. Für mich ein Stück persönliche Geschichte.

HANIX — Wofür steht STP eigentlich?

Moritz — Wenn wir vom Ursprungsgedanken ausgehen, stammt es von »Stupids« ab, dem englischen Wort für die Bescheuerten. 

Max — Mit der Zeit entwickeln sich mehrere Namen heraus. Zum Beispiel »Sturm-Trupp-Panne«, Super-Tighte-Pisser« oder »Super-Toy-Power«. Man sollte auch über sich selbst lachen können.

HANIX — Zeichnet beziehungsweise sketcht ihr noch viel auf Papier oder ist der PC und Photoshop mittlerweile auch für euch und eure Arbeiten unverzichtbar?

Max — Ich zeichne ganz klassisch auf Papier. Man zeichnet immer auf Papier wenn man sich weiterentwickeln will. In letzter Zeit zeichne ich aber weniger. Ich bin viel beschäftigt… (lacht). Heute musste ich zum Beispiel bis 16 Uhr schlafen.

Moritz — Ich zeichne extrem wenig, zum Leidwesen der Gesellschaft. Denn die wenige Übung spiegelt sich in meinen Bildern wieder (lacht). Ich versuche nicht wirklich mich weiter zu entwickeln, weshalb mir auch oft Bilder rausrutschen bei deren Anblick ich denke, dass ich besser mal zuhause geblieben wäre.  Da gibt es legendäre Bilder. Ich bin einfach zu faul, mein Anspruch an mich selbst ist zu niedrig.

HANIX — Wenn ihr die Möglichkeit hättet in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann eine Nacht lang euer Unwesen zu treiben um dem kunstinteressierten Publikum eure Kunstform näher zu bringen…

Moritz — … wir haben auch schon in Galerien gemalt. Legales Malen ist ganz nett, man kann ein tolles Konzept verwirklichen und sich dafür Zeit lassen. Ich habe mir im Vorfeld des Interviews Gedanken dazu gemacht.

Meine Freundin brachte dazu einen passenden Vergleich.

Spaghetti mit Ketschup essen – kann man machen, wenn keine Tomatensauce da ist aber richtig geil ist anders. 

Max — Ich kann beim legalen Malen mit Grill und Kasten Bier wunderbar entspannen. Ich mach das ab und an ganz gerne.

HANIX — Woher holt ihr euch Ideen und Anregungen für eure Motive?

Moritz — Wenn man ehrlich ist, ist Graffiti heutzutage im Kommerz angekommen. Es gibt kaum einen Werbeblock, der nicht auch Elemente von Graffiti beinhaltet. Das ABC ist allgegenwärtig. Auf irgendwelchen verkackten T-Shirts von H&M werden Bubble-Styles gedruckt. Den Eltern gefällt so ein T-Shirt und sie ziehen es ihren Kindern an. Einen Bubble-Style auf einem Zug finden diese Leute dann aber bullshit. Graffiti ist jedenfalls definitiv im Mainstream angekommen. Inspiration kann man sich überall im öffentlichen Raum holen. Die Welt ist voll von Werbung, Logos und Buchstaben. Mal ganz abgesehen vom Internet.

HANIX — Fragt doch mal bei der Bahn nach ob ihr einen Zug legal bemalen könnt? Oder gab es das schon und wäre nur kopiert?

Moritz — Was wäre daran eine Kopie? Alles hat schon mal jemand irgendwo gemacht. Es gibt hier einen bekannten Fassadenkünstler, der mal für einen Fernsehbeitrag eine S-Bahn besprüht hat. Eine Rizzi-Stadt-Bahn, vom New Yorker Pop-Art Künstler James Rizzi, ist ja auch in der Gegend unterwegs. Potthäßlich, wenn man mich fragt. Sollte definitiv übersprüht werden. Oder für den Kinofilm »Wholetrain« wurden in Polen legal Züge besprüht, die dann auch gefahren sind. Legales Zugmalen ist also nichts neues, und ich habe da kein Interesse dran.

Max — Für Geld würde ich es machen.

Moritz — Es ist also eine ganz persönliche Sache. Ich habe keine Lust etwas für zu malen, bei dem mir jemand vorgibt wie es auszusehen hat.

Max sieht das entspannter.

HANIX — Wenn man die Bilder und Farben sieht, ist man fasziniert und trotzdem muss Graffiti bis heute um Ansehen kämpfen und hat bis heute dieses Krähenimage. Woran liegt das? 

Moritz — Es liegt vermutlich daran, dass Graffiti aus dem Illegalen kommt und das wird auch so bleiben. Da tut jemand etwas ohne zu fragen und auf einem Objekt, das nicht dessen Eigentum ist. Jedem der sprühen geht, ist das bewusst. Da hat auch jeder Sprüher seine eigene Ansicht. Manche malen beispielsweise ein 6-Familienhaus im Heilbronner Osten nicht an, weil für sie der Sinn des Graffiti, nämlich, dass das Bild von möglichst vielen Menschen gesehen werden soll, verloren geht. Anderen wiederum ist das egal. 

Max — Ich würde auch nie Kirchen besprühen.

HANIX — Würdest Du keine Gotteshäuser bemalen, weil es Gotteshäuser sind oder weil es schöne, alte Gebäude sind?

Max — Da spielt beides mit rein. 

HANIX — Würdet ihr alte Sandsteingebäude besprühen?

Moritz — In mancher Gegend schon. Stuttgart West – dort gibt es nur alte Sandsteingebäude. Oder nehmen wir Freiburg. Freiburg ist voll von Graffitis und dort interessiert es keinen, ob er auf ein altes Gebäude von 1890 sprüht oder auf einen Neubau. Es ist einfach Stadtabhängig (pfurzt laut und lange, die Gruppe lacht).

HANIX — Hattet ihr ein Vorbild, an dem ihr euch orientiert habt?

Max — Ja schon. Ich war stark beeinflusst von »Kurt«???  von der VLT-Crew. Man schnappt aber von vielen Leuten etwas auf. Oslo, Camo, Cribs… all diese Leute hatten Einfluss auf mich als Writer.

HANIX — Hat Heilbronn für die Größe der Stadt eurer Meinung nach eine große, aktive Graffiti-Szene?

Max — Größe ist ja immer relativ. Als sehr aktiv würde ich die Szene hier in jedem Fall bezeichnen wollen.

Moritz — Trotz der aktiven Szene haben wir hier in der Stadt aber kein Graffiti-Problem, wie man von offizieller Stelle immer wieder hören muss. Andere Städte wären froh, wenn sie nur mit dem Graffiti-Aufkommen Heilbronns zu tun hätten. Nehmen wir doch Freiburg und Berlin als Beispiel – diese Städte werden zugebombt ohne Ende. 

Max — Viel passiert hier in der Region auch auf den Schienen.

Moritz — Genau. Und das wird vom Passanten in der Fußgängerzone ja gar nicht wahrgenommen. Die Leute nehmen Graffiti zum Teil auf den Zügen noch nicht einmal wahr, wenn sie davor stehen.

HANIX — Wissen eure Familien von eurem »Second Life«?

Moritz — Unsere Mütter wissen Bescheid und stehen komplett unterschiedlich zu Graffiti. Unseren Vätern ist das relativ egal. Meine Mutter, zu der ich ein sehr offenes Verhältnis habe, fragte irgendwann, was ich eigentlich unter der Woche nachts zwischen Mitternacht und 4 Uhr draußen mache und wie ich es schaffe um 7 Uhr zur Arbeit zu gehen. Dann habe ich es ihr erklärt und sie fand es überhaupt nicht cool und fragte, ob ich mir überhaupt bewusst sei, was ich da treibe und welche Geldstrafen da auf mich zukommen können. Mir war das natürlich bewusst. Meine Mutter ist auch heute noch sehr negativ gegenüber Graffiti eingestellt und bekommt den Hass, wenn sie weiß, dass ich auf Tour gehe.

Max — Meine Mutter wusste immer Bescheid, es war auch nicht zu übersehen, wenn man mein Zimmer betreten hat. Ich habe ihr auch immer meine Bilder gezeigt. Aber klar hatte sie Angst, dass ich mir meine Zukunft verbaue. Gerade als die ersten Anzeigen ins Haus flatterten. Zunächst half sie mir auch mit Geld aus der Patsche. Heute bräuchte ich aber nicht mehr bei ihr ankommen, wenn ich wegen Graffiti eine Strafe bezahlen müsste. Aber sie findet Graffiti im Prinzip immer noch gut, nur die Strafen sind ihr zu hart. Mutti hat ja recht mit ihren Einwänden, denn ich hab durch Graffiti auch vieles verbockt. Jobs sind mir flöten gegangen, Freundinnen, die ich geliebt habe, verließen mich wegen meiner Graffiti-Aktivität. Letztendlich male ich aber immer noch. 

HANIX — Um Graffiti hat sich ja auch eine richtige Industrie entwickelt.

Moritz — Und die hat die Dose merklich weiterentwickelt. Ob es um bessere Deckkraft geht, größere Ergiebigkeit oder die Lautstärke, die eine Dose verursacht. Diese Dinge werden immer weiter verbessert. Einer der Marktführer ist Montana aus Heidelberg, dann gibt es noch Belton oder Kobra und einige andere Dosen-Hersteller. Graffiti wird auch bis zum geht nicht mehr vermarktet. Man kann sich alles kaufen um zum Sprühen bestens ausgerüstet zu sein. Ob es Ganzkörpereinweganzüge sind, Rollkragenpullover mit integrierter Sturmmaske, Dosen-Silencer oder Spezial-Stoffbeutel für den Transport der Dosen und vieles mehr. Verrücktes Zeug gibt es da, das die Welt nicht braucht. Im Gegenzug gibt es auch eine Anti-Graffiti-Industrie. Man kann sich zum Säubern von Häusern und Wänden Graffitireinigungs-Flatrates buchen. Firmen garantieren die Entfernung von Graffitis innerhalb von 48 Stunden nach Anbringung. 

HANIX — Wo werden in Heilbronn Graffitis am schnellsten entfernt?

Moritz — Seit diesem Jahr ist die Neckartalstraße auf Platz Eins. Es ist brutal. Ich habe dort Bilder früher über Monate oder sogar Jahre stehen sehen. Heute werden die Wände auf der Neckartalstraße von den Graffitis ratzfatz gesäubert. Die Fahrradunterführung in Böckingen wird gerade, zumindest gefühlt, einmal im Monat gereinigt. Früher wurde dort drei Jahre lang nicht geputzt. Keine Ahnung, wer das bezahlt. Aber da sind fleißige Leute gegen Graffiti am Werk. Wäre das Geld nicht besser für unsere Obdachlosen in der Fußgängerzone angebracht, statt für eine saubere, dunkel Fahrradunterführung zu sorgen?

HANIX — Wie wird sonst noch gegen Graffiti vorgegangen?

Max — Es kommt darauf an, wo es ist. Die Bahn bewacht natürlich ihre Depots. Es gibt riesige Reinigungsanlagen für die Züge und die Waggons sind inzwischen mit einem chemischen Mittel, tutoProm®, beschichtet, um sie besser reinigen zu können. Man merkt das auch beim Sprühen: Die Deckkraft ist weitaus weniger stark als bei unbeschichteten Oberflächen. Hier findet inzwischen tatsächlich ein Wettrüsten der beiden Industrien statt

HANIX — Seid ihr nur in Heilbronn aktiv oder bereist ihr auch andere Städte und Länder? 

Moritz — Wir bereisen durchaus auch andere Städte und Länder. 

Max — Wir sammeln neue Waggonmodelle. Mir ist es für mein Foto wichtig unterschiedliche Bahnwaggons abzulichten – natürlich mit meinem Bild darauf. 

Moritz — Der Mensch strebt doch immer nach dem was er nicht hat oder nicht haben kann. Größere Autos, einen besseren Job, mehr Geld, mehr Zoll bei der LED-Glotze. Wir eben nach anderen Zugmodellen.

Max — Durch Graffiti bereise ich auch Länder oder lerne Leute kennen, die ich ohne mein Hobby nie besucht hätte. Man bekommt eine Telefonnummer eines unbekannten aus einer unbekannten Stadt und los kann es gehen.

Moritz — Graffiti-Tourismus boomt würde ich behaupten. Die Reisenden sind ja auch mit Lowbudget zufrieden. Ich lag schon zwei Tage in Belgien im Schlafsack auf einem Acker und wurde vom Bauer auf seinem Traktor geweckt. Oder mit vier Leuten in einem elf-Quadratmeter-Zimmer. Alles kein Problem.

HANIX — Wo in Europa finden sich derzeit die attraktivsten Graffitis? 

Moritz — Die Frage müsste lauten, wo sich die aktivsten und besten Sprüher aufhalten. Die besten Spots variieren. Osteuropa geht viel, Italien ein all time classic. Berlin natürlich ganz groß.

HANIX — Was haltet ihr von Stickern, Postern oder Stencils?

Max — Das ist nicht meine Welt aber es ist ok. 

Moritz — Das ist für mich ein komplett anderes Gleis. Aber ich respektiere es. Für mich hat diese Art von urbaner Kunst nichts mit Graffiti zu tun. Ich übermale Street Art nicht habe aber auch keinen Bock auf irgendwelche Stencils oder Poster in meinen Bildern.

HANIX — Wie wichtig ist der Raum »Stadt« für »Street Art«. Gibt es so etwas auch auf dem Land?

Moritz — Wir machen Graffiti, kein Street Art und wohnen auch nicht in Massenbachhausen.

HANIX — Bevor es an den Abschiedsgruß geht, habt ihr noch etwas zu sagen?

Moritz — Ich möchte noch erklären, wieso ich dieses Interview gemacht habe. Mir ging es darum, dass ich damit nicht nur Leute aus der Szene erreiche sondern auch ein anderes Klientel, das nichts mit Graffiti am Hut hat. Ich bin kein fünfzehnjähriger, der gegen das System rebellieren möchte. Ich mache das was ich tue sehr gerne und habe eine Menge Zeit und Geld in diese Leidenschaft investiert. Ich beschäftige und setze mich täglich mit Graffiti auseinander. Dabei geht es nicht nur um das aktive Malen und dessen Vorbereitung. Ich lese Bücher, Magazine, betrachte einfach Graffitis, die ich im Straßenbild zu sehen bekomme. Denke über Schriften und Farbzusammenspiel nach, habe mit meiner Crew eine zweite Familie, mit der ich einmalige Extremerlebnisse teile.

Meiner Meinung nach müssen die Leute davon weg kommen, zu denken, dass Graffitisprüher kleine, dumme Kinder oder Jugendliche sind, die die Stadt zuschmieren. Oftmals sind es erwachsene Menschen die Malen und denen total bewusst ist, was sie da tun. Es ist nichts schlimmes einen Zug der Deutschen Bahn zu bemalen. Der wird danach ohnehin mit heißem Hochdruckdampf gereinigt. Halb so wild, wie ich finde. Zudem verdienen viele Menschen ihr Geld mit oder gegen Graffiti. Ich animiere zumindest niemand zum KAUFEN KAUFEN KAUFEN und mülle ihn mit Werbung auf S-Bahnen und Plakatwänden voll.

HANIX — Für euch ist Graffiti also kein Vandalismus?

Moritz — Das Gesetz sagt, dass Graffiti Vandalismus ist. Aber meiner Ansicht nach ist es etwas anderes, ob man von einer Haltestelle die Scheiben einwirft oder irgendwo ein Bild malt. So definiere ich das jedenfalls für mich.

HANIX — Noch paar Leute grüßen?

Max und Moritz — Klar. Schöne Grüße gehen raus an: incredible Fies, KurtKool, K-Bool Klappstuhl, Camo Camelion, liquid News, public Enemy, suicide Silo, mighty Myer, Oslo da Snake, Obus around the Globus, Prinzessin Elke, Lucky Lawless, erection Edel, many More, Caris Corvette, Kerl R. S. One, Playboy52, Bambi, flying Dirt, Daktari Pitch, personal Bonnie, Biber, OH-Crew, SBS, JNR, A?S-Crew, Funky Waldo, Dr. Dexter, Pinky and Brain, Celo & Abdi, Notorious B.I.G., Ufo361, 2 PAC, Haftbefehl und unsere kleinen Schwestern, die uns stets ein Vorbild waren (lautes Lachen).

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