Titelthema Nacht November 2012

Willy Reidies: Vom Filmproduzent zum Taxifahrer

Heilbronn hat viele Gesichter. Eines davon ist Willy Reidies. Er fährt seit über zwölf Jahren die Schönen und Reichen in seinem Blues-Taxi durch die Stadt. Der 62-Jährige erzählt, warum Heilbronn so besonders ist, wie er zu seinem Meisterbrief kam und was das Wichtigste in seinem Leben ist.

Langsam verschwindet die glühend rote Abendsonne hinter dem Horizont. Reidies Schicht hat begonnen. „Morgen ist Feiertag“, sagt er, „dann wird heut einiges los sein.“ Und so ist es auch. Nach einem Anruf von Fahrgast Malte, düst Willy Reidies zum Hip Island, der angesagtesten Strandbar Heilbronns. Knapp 2000 Partylustige tummeln sich dort. Laute, dumpfe House- und Elektro-Klänge schallen auf die Straßen. Viele Gäste stehen am Eingang und kommen nicht mehr rein, weil es so voll ist. Dann steht Malte da. „Danke, dass du gekommen bist“, sagt er und steigt ins Taxi. Während andere den Abend gemütlich vor dem Fernseher ausklingen lassen, macht Willy Reidies seinen Job. Er ist Taxifahrer und fährt nachts nur Stammgäste umher. Willy Reidies ist 1950 in Heilbronn geboren und im Südwestviertel aufgewachsen. Er bezeichnet sich selbst als „Heilbronner Urgestein“. Nach seinem Realschulabschluss hört er auf seinen Vater und macht eine Ausbildung beim Staat. Eigentlich wollte Reidies Elektriker werden. Mit Technik und Elektrizität kann er gut umgehen und hatte schon als Jugendlicher seinen eigenen Musikverstärker gebaut. Doch sein Vater empfiehlt ihm: „Junge, mach‘ was Sicheres.“ Willy gehorcht und absolviert eine zweijährige Ausbildung zum Bundesbahn-Assistenten bei der damaligen Deutschen Bundesbahn. Ein paar Jahre später wechselt er das Unternehmen und ist als Operator und Datenverarbeiter beschäftigt. Wirklich glücklich ist er in seinem Beruf nicht. Zu viele Talente schlummern in der Seele des 33-Jährigen. Privat sieht es da schon anders aus. Reidies heiratet seine langjährige Lebensgefährtin Ulrike. Immer wieder ist er neben seiner eintönigen Arbeit als Datenverarbeiter, auch als Fotograf und Filmeproduzent unterwegs. Er dreht Image- und Schulungsfilme und produziert nebenbei noch Hochzeitsvideos. Das Geschäft läuft gut. Nach 13 Jahren hat er das triste Dasein eines Datenverarbeiters satt, und schmeißt seinen Job hin. Zuerst macht er sich mit einem Freund selbstständig und gründet eine Videothek. Fünf Jahre später folgt sein eigenes Foto- und Filmstudio. Alles läuft hervorragend. Sogar zwei bis drei Urlaube im Jahr springen dabei raus. Willy Reidies ist 39 Jahre und am Höhepunkt seiner Karriere angelangt, als sein Glück noch von der Geburt seiner Kinder gekrönt wird.

Jetzt ist er wieder in seinem Blues-Taxi unterwegs. Das hintere Fenster ist ein Spalt offen und die warme Sommerluft strömt hinein. Der CD-Player spielt den nächsten Blues-Song: „Riding with the king“ von B. B. King schallt aus den Boxen. Es ist wie zu Bluesbrothers Zeiten. Ein bisschen melancholisch, ein bisschen schwer und doch beflügelt das Lebensgefühl, im Blues-Taxi. Blues-Taxi deswegen, weil er nur Blues hört. Die Musikrichtung hat ihn vor über 40 Jahren gefesselt und nicht mehr losgelassen. Die schwarze Musik passt zu ihm. „Bring, bring“, schellt sein Telefon auf einmal. Stammgast Peter ist am Apparat und fragt Willy, ob er ihn schnell abholen könnte. „In 15 Minuten bin ich da“, sagt er und legt den Rückwärtsgang ein. Wenig später steigt Peter Belgardt leicht betütert ins Blues-Taxi ein. „Willy ist der beste Taxifahrer der Stadt“, sagt der 48-Jährige, „ihm kann man vertrauen.“ Manche Taxi-Fahrer lassen ihre trunkenen Fahrgäste auch ein zweites Mal ins Portemonnaie greifen. Nämlich dann, wenn sie nicht mehr wissen, ob sie bereits gezahlt haben, oder nicht. Erfreut schaut Willy ihn an, als wolle er sagen: „Danke für deine Anerkennung.“ Willy Reidies ist ein zurückhaltender Mensch, er drängt sich niemandem auf. „Ich bin froh, dass ich ihn in meinem Team habe“, sagt Taxi-Unternehmerin Karin Baumann (45). „Er ist absolut zuverlässig und fair.“ Doch über manche Macken wundere sie sich schon: „Morgens um sechs Blues zu hören, ist nicht jedermanns Sache.“ Was man ihm lassen muss: Willy Reidies hat Biss. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es auch durch. So auch seinen Meister in der Fotografie, den er mit 35 Jahren erfolgreich absolviert abgeschlossen hat. Damit er nämlich sein Foto- und Filmstudio eröffnen konnte, musste er einen Meisterbrief in der Fotografie vorweisen. „Das war schwierig“, sagt Reidies, „ich hatte ja nicht einmal eine Ausbildung darin.“ Doch es war sein Traum und er war bereit dafür zu kämpfen. Nachdem er ein Jahr lang gegen die schwäbische Bürokratie vorgegangen war, wurde er zur schriftlichen Meisterprüfung zugelassen. Monatelang hat er sich darauf vorbereitet. Aber woher hat er sein Wissen? „Das habe ich mir selbst beigebracht“, sagt er. Das scheint wohl eines seiner Talente zu sein. Und wie kommt es, dass er heute Taxi fährt? Die Ehe zwischen ihm und seiner Frau ging in die Brüche und mit ihr auch das Foto- und Filmgeschäft. Sein Glück bekam Risse. Die Eheleute haben sich auseinandergelebt. „Das war die schwerste Zeit für mich“, gibt der Taxifahrer zu. Hinzu kommt der Sorgerechtsstreit um die Kinder. Der Familienvater sitzt auf zwei Stühlen. Einerseits will er bei seinen Kindern sein, andererseits muss er auch Geld verdienen. Mit Anfang 50 noch eine Arbeit zu finden, macht die Sache auch nicht leichter. „Da blieb mir nur nachts Taxi zu fahren“, so der 62-Jährige.

Wieder wird Reidies vom schrillen Klingelton seines Mobiltelefons unterbrochen. „Willys Taxi, Hallo“, sagt er mit freundlicher Stimme und hört, wer am anderen Ende spricht. „Können Sie jetzt in die Charlottenstraße kommen?“, fragt ein junger Mann unruhig, „es ist dringend.“ Willys Miene wird ernst. „Ja, in zehn Minuten bin ich da“, antwortet er und biegt gleich in die nächste Straße ab, um zu wenden. Als er in der Straße angekommen ist, schleppt sich eine ältere Frau ins sein Fahrzeug. Ihr Sohn steigt hinten ein. „Zum Gesundbrunnen bitte“, sagt sie und stöhnt leise. Mund und Augenbrauen verziehen sich. Es geht ihr nicht gut. Willy Reidies schaut sie mitfühlend an und fährt so schnell er kann ins Krankenhaus.

Willy Reidies lebt von seiner Stammkundschaft. Das Funkgerät hat er ausgeschaltet. Der Mann mit graumeliertem Haar und weißem Oberlippenbart bevorzugt es, lieber mit bekannten Gesichtern zu arbeiten. „Da bist du vor Überraschungen sicher.“ Jede Nacht fährt er Gutbetuchte aus dem Ostviertel durch die Stadt. Sie rufen ihn an, und er kommt. Dann schnappt er sich die Zigarettenschachtel vom Armaturenbrett und zieht eine Zigarette heraus. „Im Taxi ist rauchen verboten“, sagt er und grinst, „aber das gilt nur für Fahrgäste.“ Er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Dafür, dass er so viel raucht, riecht es verwunderlich wenig nach Rauch. Was er am aller liebsten macht? „Menschen beobachten“, gesteht er. „Es ist viel spannender darauf zu achten, was Menschen nicht sagen wollen“, so der Taxi-Philosoph. Wenn er sich mit jemandem unterhält, schaut er der Person zuerst auf den Mund. Je nach dem wie sich die Lippen und Mundwinkel verziehen, liest Willy Reidies die Befindlichkeit seiner Fahrgäste. „Man sieht sofort, ob jemand ehrlich ist.“ Gerade ist es ruhig, niemand ruft an. Daher macht Willy Reidies einen Zwischenstopp bei seinem Lieblingsbistro, um sich einen Kaffee zu holen. Schwarz und mit Zucker, so mag er ihn am liebsten. Gastronomin Edith Mögle aus Weinsberg kennt den Junggebliebenen seit Jahren. „Ich bewundere immer seine ausgeglichene Art“, sagt die 44-Jährige. „Nichts kann ihn aus der Bahn werfen.“ Reidies zahlt, nimmt seinen Kaffee und grüßt herzlich. Willy Reidies steht kurz vor der Rente. Aber wenn man in seine Augen schaut, glaubt man, in die eines 20-Jährigen zu blicken. Sie erzählen sein halbes Leben. Charmant und offen sind sie. Und immer wieder kommt das Gespräch auf seine Kinder, Felix (23) und Roxanne (21). „Sie sind mir das Wichtigste, was ich habe.“

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: Server configuration issue