Titelthema Schaffe, Schaffe, Häusle baue Oktober 2012

Wilfried Hajek: »Eines kann ich ihnen versprechen: Die Allee wird eine Prachtstraße«

Heilbronn scheint dieser Tage die Bundeshauptstadt der Baustellen zu sein. Täglich neue Verkehrsführungen, Baulärm in fast jeder Ecke und das große Thema Buga 2019. Federführend für die Stadt ist Baubürgermeister Wilfried Hajek zuständig für die vielen Baumaßnahmen. Wir trafen den ehemaligen Nürtinger im Technischen Rathaus. Ein Gespräch über hübsche Fachwerkstädte, qualitätsvolles Facelifting in der Stadt und Baulärm der Wilfried Hajek selbst stört. 

HANIX — Herr Hajek, Sie sind als Bürgermeister fürs Bauen und Städteplanen in Heilbronn zuständig. Wie sieht ihr Alltag aus.

Wilfried Hajek — In erster Linie beschäftigt mich natürlich das Thema Bauen und Planen ein Stück weit zu organisieren. Meine Bandbreite vom Schmerz des kleinen Bauherren, sei es eine Streitigkeit mit dem Nachbarn oder auch mit Behörden, bis hoch zum Thema Stadtentwicklung, wie beispielsweise die großen Linien Bundesgartenschau oder Neckarbogen.

HANIX — Wie viele Mitarbeiter sind in ihrem Dezernat beschäftigt?

Wilfried Hajek — Im Baudezernat sind insgesamt 860 Mitarbeiter beschäftigt was einem mittelständischen Unternehmen entspricht. Das Ganze gliedert sich in drei Blöcke. Dies ist einmal das Betriebsamt, der sogenannte handelnde Arm, mit circa 460 Mitarbeitern, der auch die Gebäudereinigung beinhaltet. Dann gibt es unser Großklärwerk und die Deponie mit ungefähr 100 Mitarbeitern und die restlichen 300 Mitarbeiter die direkt im technischen Rathaus ansässig sind.

HANIX — Wie viele Jahre im Vorfeld von baumaßnahmlichen Großprojekten muss solch ein Vorhaben angegangen werden?

Wilfried Hajek — Mit der Bundesgartenschau war schon mein Vorgänger beschäftigt und die sechs Jahre, in denen ich das Amt bisher bekleide waren und sind alle angefüllt mit diesem Thema. Auch das Thema Stadtbahn ist unser ständiger und jahrelanger Begleiter. Ich weiß, dass eine meiner ersten Tätigkeiten eine Einschätzung für den Oberbürgermeister zu diesem Thema war. Mit der Saarlandstraße habe ich mich ebenfalls jahrelang beschäftigt und ehrlich gesagt wären wir jetzt soweit dort tätig zu werden. Allerdings können wir das Thema aufgrund mangelnder Fördermittel momentan nicht umsetzen. Generell kann man sagen, dass solche Projekte einen Vorlauf von mindesten sieben bis zehn Jahren haben.

HANIX — Apropos Saarlandstraße. Es gibt  also Projekte die durchgeplant sind und trotzdem nicht umgesetzt werden können?

Wilfried Hajek — Ja, die gibt es durchaus und hier ist die Saarlandstraße das typische Beispiel. Hier haben wir ja sogar mit dem Bau begonnen, der erste Abschnitt mit dem Saarlandkreisel, immerhin ein 8,2 Millionen Euro Projekt, wurde ja umgesetzt. Damals wurden wir auch von der alten Landesregierung gebeten das Vorhaben in drei Abschnitte zu unterteilen, damit es auch von der Förderung entsprechend abgewickelt werden kann. Leider hat sich die jetzt als Nachteil erwiesen, da uns der zweite Abschnitt zwar schon in Aussicht gestellt, aber nicht endgültig beschieden wurde. Durch den Regierungswechsel in Stuttgart ist das ganze Projekt ins Stocken geraten, da die neue Regierung keine Straßenneubauten sondern nur Instandhaltung machen möchte. Ich gebe offen zu, dass mich dies etwas ärgert weil wir und vor allen Dingen die Mitarbeiter enorm viel Arbeit und Herzblut hineingesteckt haben zumal das Vorhaben schon sehr lange in der Pipeline ist. Die ältesten Pläne die ich gesehen habe stammen aus den 50er Jahren.

HANIX — Sie sind also Befürworter eines Regierungswechsels…

Wilfired Hajek — Auch wenn ich als CDU-Mann nichts gegen einen baldigen Regierungswechsel hätte, so würde ich natürlich auch gern mit der jetzigen Regierung das Projekt durchziehen – damit es schnell verwirklicht wird, weil ich die absolute Notwendigkeit sehe. 

HANIX — Die Bewohner im Böckinger Kreuzgrund sind im Gegensatz zu ihnen vielleicht froh über den Stopp des Projektes »Saarlandstraße«.

Wilfried Hajek — Einige Bewohner im Kreuzgrund sehen dies natürlich anders, aber wenn man Verkehrsentlastungen für eine Stadt möchte geht dies nur über Bündelungen des Verkehrs. Das Schwierige ist, den Anwohnern zu erklären, dass es zwar ein größeres Verkehrsaufkommen gibt, aber die Gesamtsituation trotzdem besser wird, da man in einem neuen Projekt natürlich auch an den Lärm- und Emissionsschutz denkt, die beide momentan überhaupt nicht vorhanden sind.

HANIX — Herr Hajek, kommen Sie bei so viel Arbeit überhaupt noch zum Schlafen?

Wilfried Hajek — Mein Arbeitstag fängt sehr früh an. Oft hören die Arbeitstage nicht vor 22 Uhr auf. Aber ich komme schon jede Nacht zu meinem Schlaf.

HANIX — Sie müssen der meist beschäftigte Stadtangestellte sein, bei den unzähligen Baustellen.

Wilfried Hajek — Sagen wir es mal so: Jetzt werden die ganzen Projekte, auch bei der Bevölkerung, sichtbarer, da viele Projekte von der Umsetzung auf dem Papier zur tatsächlichen Baustelle übergehen. Auch wenn es von der einen oder anderen Seite Kritik gibt, spüren die Menschen doch dass sich etwas in Heilbronn tut. Dies ist auch der Grund warum wir so sehr an den Projekten Neckarbogen und Bundesgartenschau hängen. 

HANIX — Wieso braucht Heilbronn diese unzähligen baulichen Großprojekte?

Wilfried Hajek — Man muss ganz klar sagen, dass die Stadt zur Zeit des Wiederaufbaus nach der Zerstörung während des 2. Weltkrieges einen begrenzten Charme aufgebaut hat und mit Instrumenten wie den eben erwähnten Projekten, gelingt es einfach die Entwicklung der Stadt konsequent voran zu treiben. Das Zerstörungstrauma aus dem zweiten Weltkrieg ist nie wirklich überwunden worden, man spürt dies vor allen Dingen in den Gesprächen mit den älteren Bewohnern aber auch wenn man einfach mal mit offenen Augen durch die Stadt geht. Dinge wie das ECE oder der Klosterhof sind alle erst in den letzten sechs Jahren entstanden und das vergessen die Leute manchmal. Heilbronn hat all diese Projekte quasi verdient, da die Stadt viele Qualitäten besitzt, die größtenteils erst auf den zweiten Blick sichtbar sind. Unser Ziel muss es sein von diesem Image wegzukommen und unsere Qualitäten auf den ersten Blick sichtbar zu machen, wofür alle Voraussetzungen vorhanden sind. Wir haben eine tolle Landschaft, einen Fluss, ein gutes Klima und vieles mehr.

HANIX — Ernten Sie von ihren Bürgermeisterkollegen eher neidvolle oder mitleidige Blicke bei so viel Arbeit?

Wilfried Hajek — Letztendlich halten sich beide Dinge die Waage wobei ich glaube, dass die Kollegen das schon gut einschätzen können. Im Heilbronner Rathaus selbst sind auch die Bauprojekte oft dezernatsübergreifend angelegt und das Ergebnis von Teamarbeit.

HANIX — Gibt es aus ihrer Sicht  im Bereich Stadtentwicklung eine ähnlich reizvolle Stadt wie Heilbronn?

Wilfried Hajek — Es wäre vermessen zu sagen, dass ich alle Städte Deutschlands kenne, aber ich kann sagen, dass zumindest ich nichts Vergleichbares im Bereich kleine Großstadt in Baden-Württemberg kenne. Hierzu eine kleine persönliche Anekdote: Als ich das erste Mal mit meiner Frau in Heilbronn war, nachdem ich gefragt wurde ob ich mich für den Posten des Baubürgermeisters interessiere, hat meine Frau kurz inne gehalten und wortwörtlich gesagt »Willst du dir das antun?« Ich konnte dann nur antworten »Genau das will ich!« Ich sage ihnen auch warum. Hier habe ich genau die Gestaltungsmöglichkeiten, die man sich in meiner Position wünschen sollte. Hier lohnt es sich auch wenn man mal eine Nacht nicht schläft, weil einem viele Ideen durch den Kopf gehen, die es dann gilt umzusetzen. Mein Ding wäre es nicht eine kleine, schöne Stadt mit schmucken Fachwerkhäusern zu verwalten und maximal zu entscheiden ob die Fassade gelb oder weiß werden soll.

HANIX — Werden sie von Baubürgermeistern anderer Städte angesprochen?

Wilfried Hajek — Ich habe sehr guten Austausch mit meinen Kollegen aus anderen Städten und es gibt hier durchaus Bürgermeister die mich ansprechen und Heilbronn als gewisses Vorbild im Bereich Stadtentwicklung sehen. Andererseits ist für mich die Stadt Ulm, in der ich als junger Soldat war, eine gewisse Referenz, weil sich diese Stadt in den letzten Jahrzehnten unglaublich entwickelt hat.

HANIX — Wenn man momentan durch die Stadt fährt, muss man zu dem Schluss kommen, dass Heilbronn die Bundeshauptstadt der Baustellen ist. Überfordern Sie damit die Bürger nicht? Man sieht die Stadt ja vor lauter Schilderwäldern kaum.

Wilfried Hajek — Mir ist natürlich schon bewusst, dass die momentane Situation für viele Bürger nicht ganz einfach ist. Speziell für die Händler, die insbesondere von der Stadtbahnbaustelle stark betroffen sind. Wir versuchen besonders bei der Stadtbahn so schonend wie möglich zu bauen aber es lässt sich trotzdem nicht vermeiden, dass an der einen oder anderen Stelle eine gewisse Unzufriedenheit aufkommt. Allerdings habe ich bei allen Bürgerversammlungen und Diskussionen gesagt, dass es durchaus auch schmerzhafte Phasen geben kann.

HANIX — Ist das Verständnis für die angesprochenen Schmerzen aufgrund der »Schaffe-schaffe-Häusle-baue«-Mentalität im Schwäbischen größer?

Wilfried Hajek — Der Baulärm stört hier natürlich auch. Ich wohne am Gesundbrunnen-Krankenhaus und auf dem Gelände wird gerade neu gebaut. Wenn morgens um sieben die Steinsäge angeworfen wird, kann ich nicht behaupten, dass ich nicht davon gestört werde. Aber wenn man immer wieder an das Ergebnis denkt, kann man sich auch darauf einstellen.

HANIX — Zahlreiche parallel verlaufende Großprojekte sind im Gange. Kann eine Stadt der Größe Heilbronns das überhaupt stemmen?

Wilfried Hajek — Dieses Thema habe ich auch anderenorts schon mal erlebt. Man muss hier auch sagen, dass dies nicht nur städtische Baumaßnahmen sind. So ist beispielsweise die Volksbankbaustelle auf der Allee keine städtische Baustelle. Ich sehe immer wieder, dass das Ganze Thema Stadtentwicklung  erst einmal ins Fahrwasser kommen muss. Dann hängen sich viele private Bauträger natürlich an die städtischen Baumaßnahmen ran und setzen ihre Projekte um, was gut für die Stadt ist. Der Bürger empfindet dies dann natürlich als gesamtheitliches Thema.

HANIX — Der Zukunftspark im Wohlgelegen, die SLK-Kliniken, die Stadtbahn Nord, natürlich die Buga, Audi baut in den Böllinger Höfen, in der Südstadt steht auch ein größeres Bauprojekt an – wird man in ein paar Jahren Heilbronn wieder erkennen können oder wird es ein komplett neues Stadtbild geben?

Wilfried Hajek — Die Stadt wird natürlich nicht komplett anders aussehen aber ich bin davon überzeugt, dass die Heilbronner die Veränderungen der Stadt sehr wohl als positiv empfinden werden. Nehmen wir als Beispiel den Südbahnhof, der momentan nicht unbedingt ein Vorzeigegelände ist. Wenn es soweit ist, dass aus diesem Viertel ein Wohnviertel mit Grünanlagen entsteht, wird die gesamte Stadt dadurch aufgewertet. Dasselbe gilt für die anderen von ihnen erwähnten Bauprojekte. Alle Projekte ergeben Verbesserungen der Infrastruktur und kommen allen Bürgern zu Gute. Ich bin mir auch sicher, dass wir mit dem Ausbau der Stadtbahn-Nordtrasse einen ähnlichen Effekt auslösen können wie damals mit der Ost-West-Trasse im Bahnhofsviertel. Ein klassisches Beispiel gab es auch beim damaligen Bau des ECE-Centers. Mein damaliger Baurechtsamtsleiter hat mir erklärt, dass es in den letzten 15 Jahren kaum neue Ladenbauten in der Fleiner Straße und der Sülmer Straße gab. Als die Stadtgalerie dann aber im Bau war hatten wir auf einmal 14 Bauanträge für neue Ladenbauten auf dem Tisch liegen. Das heißt einfach dass die Händler sich auf das Neue eingestellt haben und selbst versuchten daran mitzuwirken. Ich bin mir auch sicher dass die Gebäudeeigentümer an der Allee, sobald das Bauvorhaben dem Ende entgegen geht, merken werden, dass sie auch was tun müssen, weil der öffentliche Raum auch saniert wird. Eines kann ich ihnen versprechen, die Allee wird eine Prachtstraße.

HANIX — Ist das ein Effekt den jede Stadtentwicklung mit sich bringt?

Wilfried Hajek — Das kann man schon so sagen.

HANIX — Wann ist es vorbei mit den vielen Baustellen in der Stadt. Oder anders gefragt: In wie vielen Jahren wird man nicht wöchentlich mit neuen, provisorischen Verkehrsführungen maltretiert?

Wilfried Hajek — Die Marke wird schon das Jahr 2019 sein. Dies ist nun mal die Grenzmarke und der Zeitpunkt an dem auf gut deutsch gesagt alle Wasserhähne poliert sein müssen. Ich glaube auch, dass diejenigen, die private Investitionen tätigen, sich an dieses Datum orientieren. Auch danach wird es natürlich weitere Baumaßnahmen und eine städtische Weiterentwicklung geben aber logischerweise nicht mehr in dieser Dimension und in diesem unglaublichen Tempo. Auf der anderen Seite kann es aber auch sein, dass die Attraktivität der Stadt so stark steigt, dass bauliche Investitionen von außen immer mehr getätigt werden. Daran haben wir selbstverständlich großes Interesse.

HANIX — Bei ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, dass Heilbronn eine familienfreundliche Stadt zum Leben und Wohlfühlen werden soll. Was verstehen Sie darunter?

Wilfried Hajek — Ich denke was das Thema Familienfreundlichkeit angeht sind wir auf einem sehr guten Weg, wobei ich hier auch gern auf den Gemeinderat, den Oberbürgermeister und den Bürgermeisterkollegen Mergel verweisen möchte. Ich denke dabei nur mal an die Beispiele »gebührenfreie Kindergärten« oder den Bau neuer Tagesstätten. Auch unsere Schulen werden  momentan sukzessive saniert. Dies ist aber nicht nur ein städtisches Anliegen, auch die Experimenta oder der Bildungscampus, beides zum Teil oder ganz privat finanziert, sind Beispiele eines hervorragenden Bildungsangebots. Aber auch die Lebensqualität verbessert sich: Wenn sie sich nur mal das Umfeld um das Neckarufer herum anschauen mit dem Hagenbucher Biergarten, der Fontäne und den neuen Gastronomieeinrichtungen, ist auch hier schon sehr viel passiert. Dies darf aber noch lange nicht das Ende sein, denn gerade in diesem Bereich gilt es noch mehr zu aktivieren.

HANIX — Sie sprachen auch von qualitätsvollem Facelifting. Was meinten Sie damit?

Wilfried Hajek — Ganz klar das Thema mit den 50-er-Jahre-Bauten. Es bringt nichts diese Gebäude einfach mal zu weißen. Diese Gebäude bedürfen eines grundlegenden Faceliftings. Dieser Mix aus Umbau und Neubau ist entscheidend und es gibt in der Innenstadt auch schon einige gelungene Beispiele.

HANIX — Welche Vision haben sie von Heilbronn für 2020?

Wilfried Hajek — Ich denke es bleibt auch nach 2020 einiges an Arbeit übrig. Ich wünsche mir, dass Heilbronn sich als Wirtschaftsstandort und als Lebensqualitätsstandort klar profilieren kann. Heilbronn soll eine schöne, erfolgreiche, schwäbische, kleine Großstadt sein und hier sind wir schon jetzt auf einem guten Weg. Da wir zwischen drei Metropolregionen, Stuttgart, Mannheim aber auch Nürnberg liegen, müssen wir es selbst schaffen uns hier ganz klar zu positionieren und zu behaupten.

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